Jetzt zum Webinar anmelden
Agenturwert berechnen
November 2026 · Unser Geburtstagsgeschenk
35 Jahre iBusiness.
Im November alles frei lesen.
Zum Jubiläum öffnen wir alle iBusiness-Inhalte: vom 1. bis 30. November, für alle, ohne Anmeldung und ohne Bezahlschranke.
Alle Inhalte im November kostenlosRegistrieren Sie sich kostenlos und abonnieren Sie anschließend den iBusiness-Newsletter. So bleiben Sie bei den Themen auf dem Laufenden, die für Sie zählen.
Die Affäre N26. Oder: Warum die Digitalen endlich erwachsen werden müssen
17.08.2020 Das Fintech N26 und sein Betriebsrat-Boykott beweisen es wieder einmal: Teile der Digitalen Wirtschaft führen sich wie eine Parallelgesellschaft auf. So wird unsere Gesellschaft nicht digitaler.
Weil es gerade um verzogene Teenager geht: Lassen Sie uns kurz über die Digitalwirtschaft sprechen. Dabei geht es nicht nur um die bereits älteren Abkömmlinge wie Amazon (Geburtstag: 5. Juli 1994 - also 26 Jahre alt), die nicht nur während des Corona-Lockdowns Milliarden und Abermilliarden verdienen und nicht einmal daran denken, dafür auch Steuern zu zahlen und ansonsten den Tönnies geben (also die Scheiß-Jobs an mies bezahlte Angestellte von Subunternehmern auslagern und Mitarbeiter rausschmeißen, die sich über fehlende Corona-Schutzmaßnahmen beschweren). Da geht es auch um den deutschen Shootingstar der Fintech-Branche, N26.
Ein Betriebsrat passe nicht zu den N26-"Werten"
"Zusammen arbeiten wir an unserer Vision, Banking von Grund auf zu verändern", heißt es mit schönen Hochglanzbildern von coolen Hipster-Mitarbeitern auf der N26-Website . Dazu passt natürlich nicht, dass eine ganze Reihe von diesen jetzt so etwas Uncooles gründen wollen wie einen Betriebsrat - mit der Intention, ihren Teil zum Veränderungswillen beizutragen.Anstatt dieses Engagement zu fördern, versucht die Führungsriege die Gründung eines Betriebsrates gerichtlich zu unterbinden und schickte den Initiatoren gleich eine einstweilige Verfügung ins Haus. In einer Rund-Mail an alle Mitarbeiter - rund 1.500 sind es weltweit - heißt es laut einem Bericht des Fachmagazins 'Finance Forward': "Wir denken zuvorderst, dass ein deutscher Betriebsrat gegen fast alle Werte steht, an die wir bei N26 glauben." Weiter heißt es, die Zusammenarbeit werde dadurch komplexer, die Kultur des Vertrauens untergraben - und hört, hört - außerdem verschlechtere sich die jeweilige Karriereentwicklung. Laut Medienberichten bat die Smartphone-Bank ihre Mitarbeiter stattdessen, die Idee eines Betriebsrates zugunsten einer anderen Art der Interessen-Vertretung abzulehnen.
Das Untergraben von gesetzlich verankerten Arbeitnehmerrechten lässt bereits tief blicken. Und es wird noch abstruser: Die zur Vorwahl eines Betriebsrates nötige Mitarbeiterversammlung versuchten die Eigner mit dem Argument zu verhindern, die Initiatoren hätten dafür in Corona-Zeiten kein geeignetes Hygiene-Konzept vorgelegt. Die N26-Mitarbeiter behalfen sich laut der Süddeutschen Zeitung mit einem Trick: Demnach lud die Gewerkschaft Verdi offiziell zu der Veranstaltung ein - und nicht die N26-Mitarbeiter. Am Donnerstag wurde demnach ein Wahlvorstand gewählt und der Weg für eine Betriebsratsgründung freigemacht. Doch am Freitag grätschte die N26-Unternehmensführung dazwischen und erwirkte erneut eine einstweilige Verfügung - diesmal gegen die Gewerkschaft Verdi . Die Bank pocht weiterhin auf das Hygienekonzept und verweist auf die noch ausstehende Entscheidung des Arbeitsgerichtes. Auch Verdi behalf sich mit einem Trick - und ließ heute Vormittag die IG Metall (Münzgeld?) die Veranstaltung abhalten. Sogar die Polizei kam zum Hygiene-Check und hatte nichts zu bemängeln.
Durch einen Betriebsrat "werden Rechte an eine kleine Zahl von Leuten für eine lange Zeit vergeben", klagen die Eigner von N26. Damit haben sie sich für mich die Schublade "rückständige Patriarchen im Demokratieverständnis des 19. Jahrhunderts" ehrlich verdient (oder wie funktioniert unser Bundestag noch gleich?). Kein Einzelfall. Die digitale Parallelgesellschaft zeigt sich von Oliver Samwers Aussage in der Jamba-Hochzeit "Wir können keine Azubis einstellen, wir müssen wachsen" über die Startups, deren Geschäftsmodell es ist, die Lohnkosten an die Allgemeinheit via Aufstockung outzusourcen, indem sie Vollzeitmitarbeitern Minijob-Vergütungen zahlen bis zu den Onlineshops, die sich bitter darüber beschweren, dass Ökologiegesetze bei Verpackung und Retouren nicht nur für den Präsenzhandel, sondern auch für sie gelten. Auch der Chefredakteur von Deutsche Startups , Alexander Hüsing , sieht hier ein wachsendes Problem: "Die Startup-Szene kann von der Politik nicht immer Dinge fordern, wenn es gerade ins Konzept passt. Gleichzeitig aber normale Dinge ablehnen, wenn es nicht ins Konzept passt. So verspielt ihr alles..." Ein Betriebsrat sei "einfach ein ganz normaler Vorgang in größeren Unternehmen."
In der digitalen Parallelgesellschaft verknüpft sich auf unangenehme Weise der neoliberale Turbokapitalismus der Venture Capitalists mit dem Sendungsbewusstsein einer sich als digitale Elite verstehenden Blase von Wohlstandsbürgern. Mindestlohnbezieher kommen hier maximal als Klickvieh oder zu rationalisierende Zustellkosten vor, das politische und gesellschaftliche Gemeinwesen als Ansammlung von Ungläubigen und Ahnungslosen. Doch nicht nur das Beispiel N26 zeigt: Die Gesellschaft wehrt sich gegen die Auswüchse - weil nur so bringt man digitales und physisches Leben zusammen, für eine zukunftssichere Gesellschaft für alle. Die Digitalen müssen begreifen, dass sie Teil dieser Gesellschaft sind.
Bringt den Müll runter. Räumt Euren Dreck weg. Übernehmt Verantwortung. Werdet endlich erwachsen!
