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Fünf Szenarien zur Zukunft des Echtzeit-Internets

24.03.2010 Das Echtzeit-Web verspricht höhere Bedeutung des Einzelnen gegenüber Leitmedien. Jenseits von Bedrohungen durch Überforderung sind andere Szenarien denkbar. Es locken neue Geschäftsmodelle.

 (Bild: SXC.hu)
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 (Bild: SXC.hu)
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Die Geschichte der Massenkommunikation war schon immer von einem Beschleunigungsdrang beseelt. Vom Buchdruck führte die Linie über regelmäßig erscheinende Periodika hin zu Tageszeitungen. In der Blütezeit der gedruckten Tageszeitung erschienen Abend- und Morgenzeitungen. Insofern kann es nicht verwundern, dass auch das Medium Internet in Richtung Echtzeit drängt.

Das ist das besondere und bemerkenswerte an dieser Entwicklung: Trend und Begriff des 'Real-Time-Web' schwappen seit geraumer Zeit aus einem Bereich heraus, der vor kurzem noch als Nischenbewegung missverstanden wurde: Es sind die Mitteilungen und Äußerungen aus den Netzwerken des Social Media.

Ob die Proteste im Iran gegen vermutete Wahlmanipulation oder die Notwasserung eines Passagierflugzeugs im Hudson River in New York: Fast immer sind es Blogger oder Twitteratis, die schneller und umfassender berichteten als die klassischen Medien. Den Redakteuren blieb jeweils nur, die Informationsschnipsel einzusammeln, zu bewerten, soweit möglich auf Echtheit zu prüfen und dann über ihre (alten) Kanäle erneut in die Welt zu entlassen.

Dieser Entwicklung und zunehmenden Bedeutung von sozialen Netzwerken wie Twitter   und Facebook   hat Suchmaschinen-Gigant Google   Rechnung getragen: Diese Mitteilungen werden nun von Google indexiert und bei relevanten Suchergebnissen immer öfter gleichberechtigt angezeigt.

Seitdem ist ein Traum in Netzwelt und Blogosphäre: Diese Entwicklung werde das gesamte Netz innerhalb einer kurzen Zeitspanne in Richtung Echtzeit-Internet treiben - mit umwälzenden Folgen für die gesamtgesellschaftliche Kommunikation.

Insbesondere die Werbewirtschaft sieht diesem Trend mit den Erwartungen an eine Heilserweckung entgegen: Die Kommunikation zwischen Nutzern und Unternehmen, ihren Marken und Produktbotschaften wird sich demnach nicht nur beschleunigen. Diese Beschleunigung werde zugleich mit einer Bedeutungszunahme einhergehen. Werbung und PR-Kommunikation werden sich demnach zunehmend in diese sozialen Netzwerke verlagern, und die dort agierenden Marktteilnehmer zugleich einem fundamentalen Wandel unterziehen.

Szenario eins: Das Echtzeit-Web erobert die Welt


Dieses Szenario geht von zwei Voraussetzungen aus:
  • der zunehmenden Bedeutung privater Äußerungen im Netz durch die sozialen Netzwerke zum einen
  • sowie der Bedeutungserhöhung durch das potenzielle Finden dieser Äußerungen über die großen Suchmaschinen im Netz zum anderen.
Zugleich führt der technische Fortschritt per se zu einer Beschleunigung übertragener Informationen. Beispiele: Die Weiterentwicklung der Bandbreite führt dazu, dass Nutzer sowohl schneller an die Daten kommen, sie können auch mehr Daten (Video in HD-Qualität) auf dem heimischen Rechner verarbeiten. Smartere Kompressionswerkzeuge begleiten die Entwicklung, schließen noch vorhandene Lücken in der Bandbreite und machen große Datenmengen schneller nutzbar. Mehrkernprozessor-Technik setzt sich durch und beschleunigt die Vorgänge für den Nutzer daheim erneut.

Diese Beschleunigung übertragener Daten führt zu mehr Qualität bei Anwendern: Wetterprognosen erreichen uns nicht nur schneller, sondern die Prognosen dürften auch zuverlässiger werden. Die Bildqualität von Videos erhöht sich, das Ruckeln wird Vergangenheit.

Schattenseiten von Szenario eins: Ein Strom des Beliebigen überfordert die Nutzer
Die Bedeutungszunahme von privaten Äußerungen wird auch als Bedrohung empfunden: Zunächst für die klassischen Leitmedien sowohl in der analogen wie in der digitalen Welt; die Meinungsführerschaft dieser Leitmedien wird zugunsten der vielen Meinungsverbreiter in den sozialen Netzwerken abnehmen. Die Ideologie der Schwarmintelligenz hat abgedankt, Platz greift die Angst vor massenhafter Beliebigkeit. Die Informationsflut wird nach diesem Modell so zunehmen, dass relevante Information für den Nutzer immer schwieriger zu finden sein wird.

Die Antagonisten der analogen Welt waren die Gebildeten und die Bildungsfernen. Morgen wird es demnach eine Kluft zwischen 'digital natives' und 'digital immigrants' geben. Eine Schere in der digitalen Informationsgesellschaft, die immer weiter auseinanderklafft. Gemeint ist folgende Zweiteilung der Öffentlichkeit: Die Aufteilung in die Souveränen des Web einerseits und in die große Zahl der bloß Getriebenen andererseits. Dabei werden den Souveränen die Eigenschaften zugeschrieben, die sie befähigen, den Strom der Informationen zu bewältigen und das für sie Relevante daraus zu filtern. Die nur Getriebenen glauben sich zwar ebenfalls souverän im Informationsstrom zu bewegen, werden aber doch nur dieser Flut ausgesetzt, reagieren entweder durch partielle Wahrnehmung (nimmt nur wahr, was eigene Meinung ohnehin bestätigt), Herdentrieb (folgt dem gefühlten Mainstream) oder Ablehnung nicht übereinstimmender Äußerungen. Diese pessimistische Weltsicht glaubt nicht an eine automatische Demokratisierung moderner Öffentlichkeit durch die Faktoren Beschleunigung und Bedeutungswandel privater Äußerungen im Netz.

Wahrscheinlichkeit des Szenarios: Sowohl in der positiven Begrüßung wie in der negativen Bedrohung liegen Übertreibungen. Derzeit etwa konzentriert sich Googles Echtzeitsuche bei Facebook auf Äußerungen von Prominenten mit mindestens 5.000 Freunden. Relevanz ist damit nicht gesichert. Die Suche nach Perlen andererseits war zu allen Zeiten mit Mühe verbunden. Zudem ignoriert die Kritik andere technische Fortschritte: Die Entwicklung von Agenten und Filtersoftware für Nutzer, die individueller funktionieren werden als Suchmaschinen für Jedermann.

Szenario zwei: Echtzeit-Web als Wellenbewegung

Klassische Medien haben eine spezifische Wirkungsmacht. Das Fernsehen beispielsweise erlangt höchste Bedeutung dann, wenn es in einem Event-Ereignis Aufmerksamkeit von vielen zugleich erreicht - gerne bei Live-Übertragungen. Ähnlich erhalten auch die sozialen Netzwerke derzeit dann höchste Aufmerksamkeit, wenn sie eine aktuelle Gegenöffentlichkeit zu limitierten Informationen schaffen: Etwa bei Großereignissen, zu denen staatliche Stellen Informationen künstlich verknappen durch Zensur oder den Versuch von Steuerung. Die Proteste im Iran gegen die Wahl und deren Veröffentlichung via Mobile und Twitter waren sinnfälligster Ausdruck davon.

Diese Situation ist allerdings für moderne Zivilgesellschaften eher untypisch. Noch immer existieren eine Vielzahl von Medientiteln, die um Aufmerksamkeit buhlen. Diese Medien produzieren bereits von sich aus eine Vielzahl von Themen und Meinungen. Meinungsmonopole und informelle Unterversorgung sind daher keine Kennzeichen der digitalen Öffentlichkeit.

Unabhängig davon ist bereits eine wachsende Zahl von 'digital Natives' dazu übergegangen, Nachrichten vor allem bis ausschließlich über soziale Netzwerke zu beziehen. Sie sind dort so vernetzt, dass sie relevante Themen auf jeden Fall über ihre 'Freunde' erreichen. Ob dieser Trend zu einem Massenphänomen wird, bleibt abzuwarten.

Die Vorstellung, eine von herkömmlicher Werbung ermüdete Öffentlichkeit werde sich massenhaft zu sozialer Kommunikation in entsprechenden Netzwerken über Unternehmen und ihre Marken sowie Produkte animieren lassen, scheint eher dem Wunsch nach Bedeutungserhalt entsprungen denn eine realistische Betrachtung. Dass die Werbewirtschaft möchte, dass vor allem über sie und ihr Wirken diskutiert wird, ist verständlich, aber auch von Größenwahn geprägt. Enttäuschung ist programmiert. Die Schwierigkeit an dieser Stelle wird eine andere sein.

Natürlich werden sich in sozialen Netzwerken Nutzer auch über Marken und Produkte äußern. Mit diesen Nutzern in Kommunikation zu treten, sollte keine Probleme bereiten. Allerdings ist dabei davon auszugehen, dass diese Nutzergruppe den jeweiligen Unternehmen und ihren Erzeugnissen ohnehin aufgeschlossen gegenübersteht. Marketing trägt also Eulen nach Athen. Wie aber die Gruppe der Noch-nicht-Interessierten oder gar Ablehnenden zur Kommunikation via Social Media gebracht werden soll, ist noch völlig offen.

Eine einseitige Medienpräferenz zu Lasten anderer pauschal zu prophezeien, scheint vor diesem Hintergrund trügerisch. Realistischer ist die Annahme, dass Themen künftig über weitere Kanäle Chancen erhalten, ihre Karriere durch die Institutionen an eine breite Öffentlichkeit zu schaffen. Die Kanäle der sozialen Netzwerke werden dabei wichtige Potenziale darstellen. Eine Garantie für eine Themenkarriere wird es darüber aber genauso wenig geben wie zuvor.

Den sozialen Netzwerken wird im Medienkonzert die Rolle einer Ausweichstation zukommen: Themen, Meinungen oder Äußerungen, die in den anderen Kanälen nicht genügend Berücksichtigung finden, können hier versuchen, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Wächst hier dann durch entsprechende Zustimmung der Druck, können Themen und Meinungen den Karrieresprung in weitere Medien und den Mainstream schaffen.

Wahrscheinlichkeit des Szenarios: Zu erwarten ist eine Entwicklung, die in Wellen verläuft: Mitteilungen aus sozialen Netzwerken werden durch Beschleunigung bei der Präsenz in Suchergebnissen immer wieder einen Aufschwung an Bedeutung erfahren. Je schneller die Suchmaschinen die Problematik der Relevanz in den Griff bekommen, um so nachhaltiger wird diese Bedeutung erhalten bleiben.

Szenario drei: Filter und Agenten werden wichtig

Von einer zunehmenden Informationsflut bei zugleich erhöhter Taktrate wird aber ein anderer Wirtschaftszweig profitieren: Jene Softwareschmieden, die Filter und Agenten für das digitale Individuum der Zukunft schaffen. Tools werden das sein, die von unserem Verhalten selbstständig lernen und uns immer besser mit den Informationen versorgen, die für uns tatsächlich relevant sind. Themenkategorien und Schlüsselbegriffe werden nur den ersten Einstieg in die ständig verbesserten Ergebnisse darstellen. Lieferanten der intelligentesten Systeme könnten die Schwergewichte von morgen sein.

Wahrscheinlichkeit des Szenarios: Dieses Szenario hat eine hohe Wahrscheinlichkeit. Am Ende der Entwicklung könnten solche Systeme sogar die heutigen Suchmaschinen-Fastmonopole ablösen.

Szenario vier: 'Relevanz' wird Keyword

Die Beschleunigung des Echtzeit-Web und die wachsende Bedeutung der Äußerungen, Kommentare und Kurzmitteilungen aus den sozialen Netzwerken stellt vor allem die Suche vor gewaltige Herausforderungen: Mit der Aufnahme in den Suchindex allein ist es nicht getan. Einer Relevanzzuschreibung einzig durch häufige Klicks wird vor allem bei neuesten Beiträgen die Luft ausgehen: Sie haben ja kaum Chancen, viele Nutzer zu finden. Andererseits kämpft auf einer langen Zeitachse Relevantes gegen Aktualität. Diese Problematik aufzulösen, wird eine der wichtigsten Aufgaben für Suchmaschinen sein, wenn sie ihre Markt(vorrang)stellung halten wollen. Ansonsten werden ihnen die Filter und persönlichen Agenten den Rang ebenso ablaufen wie die direkte Anbindung via PubSubHubbub (siehe iBusiness-Bericht).

Szenario fünf: Soziale Netzwerke etablieren eine Gegenöffentlichkeit


Ganz im Sinne von Jürgen Habermas könnten Echtzeit-Web und Social Media eine Gegenöffentlichkeit etablieren, die Verlagen und großen Portalen weit mehr zusetzen werden als alle bisherigen Entwicklungen zusammen. Die meisten Journalisten nutzen zwar inzwischen auch die sozialen Netzwerke, doch gleichberechtigte Diskussionen auf Augenhöhe zwischen Titel und Nutzer finden kaum statt. In Deutschland zumindest fällt die Wochenzeitung 'Freitag'   mit ihrer Community und offenen Diskussionskultur sowie abgedruckten Beiträgen von Lesern deutlich aus dem üblichen Rahmen.

Während Nutzer in sozialen Netzwerken eine deutliche Bedeutungserhöhung erfahren, werden sie von den meisten etablierten Medien nicht wirklich ernst genommen. Das wird sich rächen. Die Nutzer werden sich von diesen Medien abwenden, und in den sozialen Netzwerken wird sich im Laufe der Zeit eine vielstimmige Gegenöffentlichkeit bilden, die jene offenen Strukturen nutzt. Neue Themen werden so auf die Agenda öffentlicher Meinungsbildung rücken, während der Hang von Leitmedien zu selbstreferentiellen Debatten in den Hintergrund geraten wird. Diese Entwicklung wäre nicht die schlechteste.

Wahrscheinlichkeit des Szenarios: Die Gegenöffentlichkeit wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit die neuen technischen Mittel zu eigen machen. Das wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Steigerung der Geschwindigkeit des Diskurses beitragen. Die Größe des Impact dieser Gegenöffenlichkeit auf den Mainstream ist allerdings nicht von seiner Geschwindigkeit abhängig - eher schon davon, welche Relevanz die Etablierten - Medien wie Politiker - dieser Gegenöffentlichkeit zumessen und inwieweit es die Gegenöffentlichkeit schafft, Transmissionsriemen in die Massengesellschaft zu etablieren.
Thema: Fünf Szenarien zur Zukunft des Echtzeit-Internets

Kommentar von Frederik Birghan

Der Traum von Teilnahme und Teilhabe

Es ist die Faszination der Gleichzeitigkeit, die Phantasien rund um das Echtzeit-Web beflügeln. Es ist die Faszination 'Live': Wir sind dabei, wenn Obama gewählt und Schumacher zum Sieger gekürt wird. Unmittelbar.

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 (Privat)
Bild: Privat
2. Teil: Echtzeit-Web: Kritik der reinen Überhöhung
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