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Zukunfts-Trends im Onlinemarketing: Wie Smart-TVs die Regeln ändern

24.09.2014 "Nach dem Musik- und Print-Geschäft kommt nun das TV-Geschäft dran": Internet-Technik beginnt, den TV-Markt umzukrempeln. Das ändert sämtliche eherne Werberegeln - und die Branche gleich mit. iBusiness analysiert, welche Folgen sich daraus für Werbetreibende ergeben.

 (Bild: Watchever)
Bild: Watchever
Fragmentierte Mediennutzung: Online-Metriken werden die TV-Werbung bestimmen (Bild: Watchever)
Bild: Watchever
Fragmentierte Mediennutzung: Online-Metriken werden die TV-Werbung bestimmen

HANDLUNGSRELEVANZ

 
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heute
morgen
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Die iBusiness-Handlungsmatrix zeigt, wie langfristig die vorgestellten Aufgaben angegangen werden müssen.
Was zu tun ist:
Heute: Marketing auf den Einsatz von Online-Metriken vorbereiten
Morgen: User-Centric-Marketing mit Customer-Journey-Analyse einführen
Übermorgen: Werbeformate an die neue Nutzungssituation anpassen
Der Fernsehmarkt steht vor dem größten Umbruch seiner Geschichte. "Nach dem Musik- und Print-Geschäft kommt nun das TV-Geschäft dran", ist Jean-Pierre Fumagalli , langjähriger Beobachter der Branche und Smartclip  -Chef überzeugt. Die Folgen werden nicht weniger drastisch sein: "Das Geschäftsmodell ändert sich komplett", meint der Bewegtbild-Entrepreneur.

Bislang blieb das Fernsehgeschäft noch weitgehend vom Internet verschont. Gut, die ersten Vorboten schickte Youtube voraus. Und viele jüngere Zuschauer haben sich ihre Lieblingsserie schon (mangels Angebot oftmals illegal) auf dem Laptop angesehen. Auch Musikvideos sind bereits komplett ins Internet gewandert. Der "Big Shift", die vollständige Änderung der Sehgewohnheiten ist bislang allerdings nicht zu beobachten.

Die Voraussetzungen dafür sind allerdings inzwischen geschaffen: In jedem vierten Haushalt stehen bereits Smart-TVs, die sich mit dem Internet vernetzen. Und die Geräte werden nicht nur angeschafft, sondern auch genutzt: Im Vergleich zu 2013 ist die Anzahl der aktiven Internet-TV-Nutzer um 23 Prozent gestiegen, hat Tomorrow-Focus in der Studie "Smart-TV Effects 2014-I  " ermittelt. Jeder vierte Smart-TV Besitzer geht heute mit seinem Gerät online. "TV war bislang der einzige Bildschirm, der noch nicht vernetzt war. Nun ist der Fernseher nichts anderes mehr als ein großer Computerbildschirm. Das ändert die Regeln komplett - zum Guten wie zum Schlechten", meint Fumagalli.

Größter Umbruch seit Erfindung des TVs

Jean-Pierre Fumagalli, Smartclip-Chef

2,5 Millionen Haushalte gehen bereits heute mit ihrem Smart-TV online. Das mag zunächst wenig klingen. Doch es kommen noch zahlreiche Settop-Boxen für T-Entertain oder Apple-TV dazu und mit Medienangeboten à la Netflix oder Watchever werden die Angebote immer attraktiver. Die nächste große Welle der Disruption rollt an - diesmal wird der Milliarden-Euro schwere Fernsehmarkt umgekrempelt. Hart wird es vor allem die etablierten Fernsehsender treffen. Sie müssen sich quasi eine komplett neue Rolle suchen. Ihre Aufgabe, Fernsehsendungen einer bestimmten "Farbe" bereitzustellen und über ein knappes Frequenzspektrum an Zuschauer zu übermitteln, wird in einem vernetzten Medienmarkt, in dem Filme, Serien und Reportagen auf Abruf zur Verfügung stehen, immer unwichtiger. Damit gehen aber auch große Veränderungen für Marketer und Werbungtreibende einher. Fernsehwerbung, wie wir sie heute kennen, befindet sich auf dem absteigenden Ast.

Um die Veränderungen der kommenden Medienwelt zu verstehen, lohnt es sich, den Medienmarkt einer genauen Betrachtung zu unterziehen. Die entscheidenden Player im Vertrieb der Medienangebote sind derzeit:

Vom Erklär-Video bis zur kompletten Serienstaffel - Videoportale wie Youtube sprengen die Kategorien (Bild: youtube.com)
Bild: youtube.com
Vom Erklär-Video bis zur kompletten Serienstaffel - Videoportale wie Youtube sprengen die Kategorien

  • Klassische Broadcaster, TV-Sender und Kabelnetzbetreiber, deren Geschäftsmodelle unter Druck geraten.
  • Videoplattformen und Streaming-Dienste wie Youtube oder Vimeo, die sich oft gar nicht mehr klar kategorisieren lassen. So finden sich auf Youtube beispielsweise neben Familienvideos, Produkttests, Musikclips und Comedychannels auch komplette Staffeln von TV-Serien.
  • OTT-Contentanbieter (Over the Top) die Filme und Serien auf Abruf im Abo oder gegen Gebühr anbieten.
  • Hardware-Anbieter, die ebenfalls Content im OTT-Modell anbieten. Dazu zählen etwa: Amazon   (Fire-TV), Apple   (Apple TV), Google   (Chromecast), oder Telekom    (T-Entertain).
  • Zuletzt: Die Hersteller von Smart-TV-Geräten. Sie werden häufig vergessen - aber auch sie übernehmen eine wichtige Rolle. Sie stemmen sich gegen die Settop-Box-Anbieter, in dem sie mit eigenen Apps TV-Angebote auf ihre Geräte lassen - und zuletzt an der zentralsten Stelle von allen sitzen: Auf ihren Bildschirmen läuft das gesamte Inhaltsangebot zusammen - egal aus welcher Quelle es ursprünglich stammte.

Trend 1: Der Zugang zum TV wird extrem granular

Schon dieser äußerst schlichte Ansatz, Ordnung in das Big-Screen-Chaos zu bringen, kann inzwischen kaum noch gelingen. Längst sind die verschiedenen Kanäle so innig miteinander verflochten, dass eine Trennung aus Nutzerperspektive kaum noch einen Sinn ergibt:

  • Die klassischen Broadcaster sind mit ihren Mediathek-Angeboten längst zu Mitspielern in der Kategorie der Videoplattformen geworden.
  • Lineares Fernsehen wird via IP verbreitet. Sowohl in den Netzen von Vodafone oder T-Entertain als IPTV als auch via Web und App in den Auftritten vieler TV-Sender oder gebündelt von Aggregatoren wie Zattoo   oder schöner-fernsehen.com  .
  • Internet-Fernsehen kommt auf den TV. Die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender stehen nicht nur im PC und Tablet, sondern via HbbTV   (Hybrid broadcast broadband TV) auch auf den Smart-TVs zur Verfügung.
  • Via DVB-T werden die Videostream-Adressen von IP-Sendern wie Putpat.tv  , Anixe  , Sonnenklar-TV   oder 1-2-3.tv   ausgestrahlt, sodass Smart-TVs diese Kanäle wie herkömmliche Sender anzeigen.
  • Via Apps stehen Videoportale wie Youtube  , Vimeo  , etc. auf dem TV zur Verfügung. Entweder via Smart-TV oder über die Settop-Box.
  • Video-on-Demand-Angebote von Amazon, Maxdome  , Apple-TV, Netflix  , Watchever  , Videoload   stehen ebenfalls auf Smart-TV, PC und mobilen Endgeräten zur Verfügung etc.

Hinzu kommt, dass auch die Nutzungssituation "Fernsehen" nicht mehr klar abgegrenzt ist. Videos werden auf Laptops, Smartphones und Tablets konsumiert; in Zügen, im Schlafzimmer und manchmal auch im Büro. Ein Live-Stream kann via Smartphone auf den Wohnzimmer-TV gebeamt werden oder im Wartezimmer landen. Die Lieblingsserie wird vielleicht auf dem Laptop im Bett betrachtet, die Tagesschau wurde zehn Minuten zuvor noch im Wohnzimmer gesehen.

Alle Geräte, alle Kanäle - die Mediengrenzen lösen sich auf (Bild: Netflix)
Bild: Netflix
Alle Geräte, alle Kanäle - die Mediengrenzen lösen sich auf

Nahezu jeder Kanal ist auf nahezu jedem Endgerät angekommen, Geräte- und Kanalgrenzen haben sich bereits komplett aufgelöst. Es besteht kaum noch eine technische Notwendigkeit, die Kanäle zu trennen. Technisch betrachtet führen so viele Wege wie noch nie "ins Fernsehen". Ihre Existenzberechtigung haben die Kanalgrenzen nur noch in den Köpfen der Mediamacher und Zuschauer: Dort ist "Fernsehen" noch immer mit einem bedeutenden Ereignis, mit Reichweite und einem gewissen Qualitätsversprechen verbunden, weil eben nicht jeder "ins Fernsehen" kommt. Doch mit neuen Unterhaltungsserien, die aus dem Internet gestreamt werden, bröckelt dieses klassische Denkmuster.

Für unzählige Haushalte macht die Definition von "Fernsehen", wie wir sie kennen, schon heute keinen Sinn mehr. Weil sie längst in der Lage sind, Bewegtbilder über ganz neue technische Kanäle auf den großen Flatscreen im Wohnzimmer zu bringen. Und jeden Tag gibt es mehr Zuschauer, die diese Möglichkeit nutzen und die "Tagesschau" aus der Mediathek abrufen, Musikvideos per Internet auf den TV streamen oder ihre Lieblingsserien mittels Abo-Diensten wie Netflix ansehen.

Die Verflechtung der Kanäle ist so komplex, dass es sich für einen Werbungtreibenden gar nicht mehr lohnen wird, einen einzelnen Zugangskanal oder -medium zu buchen. In der Vergangenheit konnte über das Medium auch ein bestimmter Nutzungskontext gebucht werden. Fernsehen bedeutet einen Moment erhöhter Aufmerksamkeit und großer Entspanntheit. In Zukunft wird es immer anspruchsvoller, diesen Nutzungskontext zu erwischen.

Wer gewinnt: Konsumenten, die auf ein wachsendes TV-Angebot zugreifen können
Wer verliert: TV-Sender verlieren Gatekeeper-Funktion

Trend 2: Die Glotze wird zum PC

Smart-TVs sind längst nichts anderes mehr als PCs mit Riesenbildschirm und TV-Tuner (Bild: Samsung Electronics GmbH)
Bild: Samsung Electronics GmbH
Smart-TVs sind längst nichts anderes mehr als PCs mit Riesenbildschirm und TV-Tuner

Jeder Computer-Bildschirm ist ein Fernseher und jeder Fernseher ein Computer-Bildschirm: Der Wandel in der Mediennutzung ist in vollem Gange und wird sich in absehbarer Zeit an die tatsächlichen technischen Gegebenheiten anpassen. Dies wird einige Veränderungen mit sich bringen.

  • Am schmerzhaftesten wird der Prozess für die etablierten Fernsehsender sein: Immer mehr Inhalte finden den Weg an den Sendern vorbei auf den Bildschirm. Ihre zentrale Rolle als Gatekeeper über den Bildschirminhalt geht komplett verloren. Sie müssen sich neu erfinden - ähnlich wie Verlage im Internet-Zeitalter.

  • Die neuen Zugangswege auf den TV-Bildschirm werden zu einer Inflation des Werbeinventars führen, wie sie bereits bei klassischen Online-Werbemitteln zu beobachten war. Die Entwicklung kommt nicht ganz überraschend, da in den vergangenen 15 Jahren bereits ein sprunghaftes Wachstum der Spartensender eingesetzt hat. Allerdings wird sich diese Entwicklung noch einmal deutlich verschärfen.

  • Aber nicht nur Inhalte können an den Fernsehsendern vorbei ausgespielt werden, auch Werbung lässt sich am Produzenten vorbei platzieren: Aggregatoren wie Zattoo oder schöner-fernsehen.com bieten ebenfalls die Option, Pre-Roll-Clips zu buchen. Mittels Tracking-Technologien kann das Publikum einer bestimmten Sendung außerdem auch noch nachträglich vermarktet und mit Werbung belegt werden.

  • Für Werbungtreibende bedeutet dies einerseits eine Erleichterung, da neue, vielfältigere und günstigere Zugangsmöglichkeiten auf den Fernseher zur Verfügung stehen. Andererseits wird die Kampagnensteuerung aber deutlich anspruchsvoller und komplizierter. Statt wie bisher auf Reichweitenbasis eine bestimmte Zielgruppe zu einem festen Minutenpreis zu kaufen, muss der Werbekunde in Zukunft selbst bewerten, welcher Inhalt zu welcher Uhrzeit auf welchem Kanal und welchem Endgerät die optimale Werbewirkung entfaltet.

Wer gewinnt: Werbungtreibende, die auf günstiges Inventar zugreifen können
Wer verliert: Mediaplaner, deren Welt viel komplizierter wird

Amazon.de Widgets

Trend 3: Adressable TV erlaubt Targeting

Programmatic Buying und Realtime Advertising sind der Schlüssel zur Fernsehwerbung 2.0 (Bild: Screenshot  / Sociomantic)
Bild: Screenshot / Sociomantic
Programmatic Buying und Realtime Advertising sind der Schlüssel zur Fernsehwerbung 2.0

Zugleich werden die Zuschauer identifizier- und messbar. Das bedeutet nicht nur, dass bestimmte Zielgruppen sehr selektiv via Targeting angesprochen werden können. Zugleich werden TV und Internet parallel messbar. Die Fernsehnutzung lässt sich demnach nahtlos in die Customer Journey des Werbungtreibenden eingliedern. Mittels Crosschannel-Kampagnen lassen sich bestimmte TV-Zielgruppen auch im Web wiederfinden. Umgekehrt kann einem Internetnutzer abends ein zu seinem User-Profil passender TV-Spot vorgespielt werden.

  • Anhand genauer Analytics-Daten bieten sich zahlreiche Optimierungsmöglichkeiten für Marketer: An welcher Stelle haben die Zuschauer den Spot übersprungen oder weggeklickt? Wie lange haben sie den Spot betrachtet? Welche Motive funktionieren besser? Da "Fernseh"-Werbung auf dem Smart-TV personalisierbar wird, greifen die selben Personalisierungs- und Optimierungsmöglichkeiten, die schon jetzt aus der Online-Welt bekannt sind. Selbst A/B-Tests lassen sich durchführen.

  • Dies wird dazu führen, dass die Media-Planer nicht mehr auf klassische Weise planen können. Die heranbrechende, komplex verflochtene TV-Welt erlaubt eine Mediaplanung nur mit entsprechenden Tools. Realtime Advertising und Programmatic Buying werden auch hier die wichtigsten Stichworte sein. Im Mittelpunkt steht dabei der Kundenkontakt, weshalb user-zentrierte Marketingmodelle noch wichtiger werden.

  • Da der TV-Bildschirm faktisch zu einem Computerbildschirm wird, werden sich über kurz oder lang die Zähl- und Messverfahren aus der Onlinewelt durchsetzen: CPC- und CPO-basierte Abrechnung sowie TKP-Formate, wenn Werbung mittels Realtime Advertising und Programmatic Buying erworben wird. Auf diese Weise wird sich die Forderung nach einer "einheitlichen Währung" in der Werbung, die einen mediengattungsübergreifenden Vergleich erlaubt, auf Dauer von selbst erledigen.

  • Die Übertragung der Onlinemetriken auf die Fernsehwelt wird außerdem dazu führen, dass Marktteilnehmer, die über Nutzerdaten verfügen, noch weiter an Bedeutung gewinnen werden. Oder andersherum betrachtet: Für den Marketer wird es von entscheidender Bedeutung sein, selbst über möglichst viele und gute Daten zu verfügen, da er passende Profile sonst teuer zukaufen muss und in eine Abhängigkeit vom Anbieter gerät.

Obwohl die klassischen Mess- und Zählverfahren, die aus der herkömmlichen Fernsehwelt stammen, weder in der Lage sind, die neuen Nutzungsgewohnheiten zu erfassen noch die daraus entstehenden Marketingerfordernisse abzubilden, werden die etablierten Fernsehsender versuchen, die bisherigen Verfahren so lange wie möglich zu erhalten. Dies ist aus ihrer Sicht folgerichtig, da ihre Geschäftsmodelle auf den alten Vermarktungsketten und Messverfahren fußen. Daher ist absehbar, dass sich ein ähnlich zähes Ringen wiederholt, wie wir es bereits aus der Versandhandels-, Musik- und Verlagswelt kennen: Die bestehenden Player werden versuchen ihr Geschäftsmodell zu zementieren. Bedeutet in diesem Fall: Die Fernsehsender werden darauf bestehen, "Premium-Inhalte" zu Premium-Preisen auf TKP-Basis anzubieten. Langfristig wird dies jedoch nicht gelingen.

Wer gewinnt: Werbungtreibende, die bereits User-centric-Marketing betreiben, mit Onlinewerbung vertraut sind und eine smarte CRM-Strategie fahren
Wer verliert: TV-Sender, deren Geschäftsmodelle sich auflösen; Werbungtreibende, die klassische Reichweitenplanung betreiben

Trend 4: Form follows Funktion - TV-Werbung wird sich ändern

Beobachter des Fernsehmarktes kennen die Interaktionsfantasien der Fernsehleute schon seit Mitte der 90er-Jahre. Einer der typischen feuchten Marketingträume funktioniert in etwa so: Der TV-Zuschauer sieht pflichtbewusst die Tagesschau an, sein Blick wandert zur Krawatte des Moderators, die ihm gut gefällt. Sofort drückt er die Interaktiv-Taste seines Smart-TVs, Zusatzinformationen über den Binder werden eingeblendet. Nach einigem hin und her und genauer Prüfung des Angebots schließt der Zuschauer den Einkauf bequem per Fernbedienung ab. Die Krawatte ist per Post auf dem Weg und der Zuschauer setzt tief befriedigt seinen Fernsehabend fort.

Natürlich hat diese Idee nie funktioniert. Wer die Tagesschau guckt, will keine Krawatten kaufen. Egal wie die Konzepte auch gedreht wurden, bislang hat sich immer noch gezeigt, dass der Zuschauer in der Regel nicht mit dem Fernseher interagieren will.

Iain Jacob, President Dynamic Markets der Starcom MediaVest Group (Bild: Starcom MediaVest)
Bild: Starcom MediaVest
Iain Jacob, President Dynamic Markets der Starcom MediaVest Group

Erfolgversprechender ist dagegen das Konzept des "Second-Screen": Millionen Menschen daddeln an ihrem Handy oder Tablet herum, während sie vorm Fernseher sitzen und vertreiben sich Zeit mit Facebook, Twitter und Co. oder surfen ziellos herum. Eine ganze Reihe von Anbietern versucht diese Situation zu nutzen, indem sie den TV-Schauern sendungsbegleitende Apps zur Verfügung stellt, ihn dort mit Werbung anspricht und zur Interaktion zu bewegen versucht. Der Nutzer interagiert also nicht mit dem Fernseher, sondern mit seinem mobilen Endgerät.

Allerdings hat sich hier gezeigt, dass dem "Second-Screen" wiederum zu wenig Beachtung geschenkt wird, als dass er die Aufmerksamkeit lenken könnte. Der Second-Screen "läuft" eben nur nebenbei mit. "Inzwischen haben wir gelernt, dass die aufmerksamkeitsstarken Interaktionsaufforderungen auf dem großen Schirm stattfinden müssen. Nur dann funktionieren sie. Die Interaktion findet dann auf dem Tablet statt," erklärte Iain Jacob , President Dynamic Markets der Starcom MediaVest Group   auf der Digitalmarketing-Messe dmexco. "Mit diesem Rezept konnten wir zweistellige Uplifts in den Interaktionsraten erzielen."
Wer gewinnt: Werbungtreibende, die eine Online-Customer-Journey verfolgen können
Wer verliert: Marketer, die diese Disziplin nicht beherrschen

Trend 5: Andere Preise, andere Werbung

Während die klassischen TV-Sender durch die bevorstehende Inflation des Werbeinventars unter Druck geraten, führt die Entwicklung zu sinkenden Kosten für die Werbungtreibenden. TV-Werbung lohnt sich auch für Unternehmen, die bislang nicht daran dachten. Auch dieser Effekt ist im Ansatz schon durch die Programmvielfalt der vergangenen Jahre bekannt. So kann man heute bereits zu Kosten ab 10.000 Euro ernsthaft mit einer Werbekampagne starten - was noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre. Vor allem ändert sich aber auch die Art der Fernsehwerbung: Klassische Spots müssen extrem schnell funktionieren. 20 Sekunden sind das Limit und reichen für emotionale Brandingbotschaften. "Response-Kampagnen funktionieren aber nur, wenn mehr Zeit zur Verfügung steht", hat Uli Weißgerber , Geschäftsführer der Getperformance GmbH   festgestellt, der auf die Vernetzung von TV- und Online-Werbung spezialisiert ist. "Um einen Menschen dazu zu bringen, eine Webadresse einzugeben, muss man mindestens 40 Sekunden Überzeugungsarbeit leisten. Für eine Telefonnummer sind sogar oft zwei Minuten und mehr nötig, weil die Hemmschwelle sehr viel höher liegt." Günstigere Zugangsmöglichkeiten zum "Big Screen" im Wohnzimmer sorgen dafür, dass mehr Geschäftsmodelle funktionieren, die auf solche Kampagnen setzen.

Wer gewinnt: Anbieter von performance-getriebenen Geschäftsmodellen
Wer verliert: -

Trend 6: Content ist King - und günstiger als Werbung

Internet-Screens sind der Traum von Marketing-Profis wie Red Bull, die ihren Content selbst produzieren (Bild: Red Bull / Screenshot: iBusiness)
Bild: Red Bull / Screenshot: iBusiness
Internet-Screens sind der Traum von Marketing-Profis wie Red Bull, die ihren Content selbst produzieren

Aber auch ein ganz anderes Geschäftsmodell, das schon aus der Printwelt bekannt ist, wird im Fernsehen Einzug halten: Content-Marketing. Schon heute macht Redbull   mit Servus.tv   und entsprechenden Apps für Smartphone und Settop-Box vor, wie man mit einem eigenen Kanal Kunden fängt. Die vielfältigen Zugangsmöglichkeiten, die die Smart-TVs der Zukunft bieten, machen Viral-Marketing für noch mehr Unternehmen attraktiv - schließlich sinken die Zugangshürden gegen null. Vor diesem Hintergrund erscheint es nur eine Frage der Zeit, bis sich ein attraktives Sportereignis, ein hippes Musikfestival oder ein spannender Episodenfilm findet, der von einer Marke erschaffen und via Youtube verbreitet zum Quotenhit wird.

Wer gewinnt: Marken, die eine eigene Content-Strategie verfolgen
Wer verliert: Vermarkter, da ihr Content weniger nachgefragt wird

Trend 7: Leuchttürme werden rar - aber nicht teuer

Insgesamt führt diese Entwicklung zu einer weiteren Fragmentierung der Medienlandschaft. Schon in der Vergangenheit haben Medienexperten argumentiert, sogenannte "Leuchtturmmarken" könnten davon profitieren. Die These lautet: Je weniger gemeinsame Erlebnisse eine Gruppe hat (weil jeder abends einen anderen Kanal sieht), desto mehr sucht die Gemeinschaft nach verbindenden Elementen. Einige wenige, besonders starke Marken profitieren davon, weil sie der Gruppe wieder Orientierung geben. Im Fernsehen ist etwa der sonntägliche Tatort eine solche identitätsstiftende Einrichtung, im Sport die Bundesliga. Im Printbereich würden etwa Bild  , FAZ   und Süddeutsche Zeitung   (Tageszeitung) bzw. Stern  , Spiegel   und Zeit   (Wochenmagazine) zu diesen Leuchttürmen gehören.

Angesichts der Entwicklung im Print-/Online-Sektor darf man allerdings bezweifeln, dass diese These tatsächlich zutrifft. Keine der genannten Magazine oder Tageszeitungen konnte bislang von der Fragmentierung der Medienlandschaft profitieren.

Wer gewinnt: -
Wer verliert: Das Publikum, weil die Anforderungen an die Werbe-Effizienz so steigen, dass sich aufwändige Produktionen kaum lohnen

Trend 8: Audience Buying wird die neue Reichweite

Vermutlich wird das inhaltliche Szenario auf dem Fernseher daher anders aussehen: Die klassischen Fernsehsender werden Marktanteile, Zuschauer und Werbeerlöse an die neu auf den Bildschirm drängenden Formate verlieren. Die klassischen Sender mit ihren aufwändigen Produktionen werden weniger, was die Fragmentierungstendenz weiter befördert. Leuchtturm-Sendungen à la "Schlag den Raab  " oder "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!  " werden (noch) weniger und geraten unter starken Kostendruck. Entsprechend verliert TV auch seine Bedeutung als unangefochtenes Reichweitenmedium. Wer in Zukunft schnell eine Markenbekanntheit aufbauen will, muss eher auf ein ausgeklügeltes Audience Buying via Adressbrokern und eigenen Datenbanken setzen.

Wer gewinnt: Anbieter hochklassiger Nutzerprofile
Wer verliert: TV-Sender, die die Hoheit verlieren "ihre" Zuschauer zu vermarkten

Trend 9: Gerätehersteller können zur neuen Macht werden

Geräteherstellern könnte in Zukunft eine entscheidende Rolle zukommen (Bild: Samsung)
Bild: Samsung
Geräteherstellern könnte in Zukunft eine entscheidende Rolle zukommen

In diesem Zusammenhang könnte den Geräteherstellern in Zukunft eine weit wichtigere Rolle zukommen, als sie heute haben. Jeder Inhalt - egal ob er über Satellit, DVB-T, IP-TV, Settop-Box oder aus einer Online-Mediathek abgerufen wird - landet schließlich an einer zentralen Stelle, dem großen Flatscreen-Display im Wohnzimmer. Längst sind die Gerätehersteller soweit, mit einer Shazam-artigen Fingerprinting-Technologie (Automated Content Recognition  , kurz ACR) die wiedergegebenen Inhalte zu erkennen. Auf diese Weise können detaillierte Nutzerprofile angelegt werden und - zumindest theoretisch - sogar Werbeeinblendungen manipuliert werden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass an dieser zentralen Stelle die immer stärker fragmentierte Mediennutzung wieder zusammengebracht wird, sodass eine übergreifende Medienplanung möglich wird. Die Gerätehersteller könnten daher eine zentrale Rolle in der Kampagnensteuerung übernehmen.

Damit könnte den TV-Sendern ein Szenario drohen, das die Telekommunikationsanbieter bereits aus der Smartphone-Welt kennen: Dort wurden die Netzbetreiber in der Wertschöpfungskette immer weiter nach hinten gedrängt. Wo Vodafone und T-Mobile anfangs mit teuren Zusatzdiensten wie SMS, MMS oder WAP eine Menge Geld verdienen konnten, wurden sie zunehmend zu einem einfachen Infrastrukturanbieter degradiert, der lediglich Datenübertragungskapazität bereitstellt. Den eigentlichen Schlüssel zu den lukrativen Mehrwertdiensten halten inzwischen hingegen Apple und Google in der Hand, die die geschlossenen Betriebssystemwelten von iOS und Android verwalten.

Ähnlich könnte die Entwicklung im TV-Markt aussehen. Auch dort sind es die Geräte- und Software-Anbieter, sowie Anbieter wie Whatsapp, Facebook, Youtube, die ihre Dienste über die Netze transportieren.

Wer gewinnt: Gerätehersteller können eine neue Gatekeeper-Funktion im Marketing übernehmen
Wer verliert: TV-Sender, weil sie eigentlich niemand mehr braucht

Thema: Zukunfts-Trends im Onlinemarketing: Wie Smart-TVs die Regeln ändern

Kommentar von Dominik Grollmann

Es ist Zeit, das Fernsehen neu zu programmieren

Echtzeitmarketing und Programmatic Buying werden die Fernsehlandschaft umkrempeln. Zeit, sich schon jetzt darauf vorzubereiten.

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Dominik Grollmann, iBusiness-Analyst (Dominik Grollmann)
Bild: Dominik Grollmann
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Zu: Zukunfts-Trends im Onlinemarketing: Wie Smart-TVs die Regeln ändern

Ich denke die Folgen werden weitreichender sein, als das Zerschreddern der Printmedien. Denn seit je her wollen Menschen nach Möglichkeit eine, oder die Wahrheit. In jedem Fall aber etwas, das sie dafür halten können.

Die Zeitungen verdrängten die Stadtschreiber oder königlichen Boten. Dann teilten sich nach und nach Print, Radio und Fernsehen die Aufgabe das jeweils andere Medium als unsichere Quelle zu entlarven. Den Rest erledigte das Internet. Wenn nun das TV noch seinen letzten Rest an Glaubwürdigkeit an das Internet verliert, haben wir einen Zustand der völlig Abwesenheit von Sicherheit an Informationsquellen.

Größen aus Literatur und Verlagen haben längst an Einfluss eingebüßt. Ehemals große Namen bei Radio-Moderatoren sind austauschbaren Event-Journalisten gewichen. Selbst TV-Ikonen stösst man heute im Nebensatz vom Sockel. Die bekanntesten unter denen, können ihre Marke gerade noch als Werbefiguren retten. Und die Glaubwürdigkeit von Politiker befindet sich schon länger im freien Fall.

Kaum absehbar an welchen Dingen sich Menschen bei dieser Art von Informations-Anarchie mal orientieren werden. Jüngere Generationen werden Verifizierungssysteme entwickeln müssen, um Informationsquellen als zuverlässig sicherstellen zu können. Vielleicht ein Journalismus-Siegel als Pondon zu den Siegeln in Onlineshops? Wer weiss? Spannend bleibt das allemal!
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