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Datenjournalismus in Deutschland auf Wachstumskurs

29.01.2015 Eine deutschlandweite Studie belegt, dass das Segment des Datenjournalismus in Deutschland noch sehr klein ist, aber erhebliches Wachstumspotenzial hat. Unterschiede zum traditionellen Journalismus liegen in der Bedeutung von Visualisierung, der Offenlegung von Recherche-Ergebnissen und dem beruflichen Selbstverständnis als gesellschaftliche Kontrollinstanz.

Stärken und Schwächen von partizipativem und technischem Journalismus (Bild: HighText Verlag)
Bild: HighText Verlag
Stärken und Schwächen von partizipativem und technischem Journalismus
Die Wissenschaftler Ralf Spiller von der Fachhochschule Macromedia   und Stefan Weinacht von der Westfälischen Hochschule   haben diesen neuen Typ von Journalismus in Experten-Interviews mit professionellen Akteuren im Datenjournalismus untersucht.

Nach den Autoren der Studie liegt der Kern des Datenjournalismus in der Sammlung, Analyse und Aufbereitung von digitalisierten Informationen mit dem Ziel einer journalistischen Veröffentlichung. Daher handelt es sich
  1. um eine spezielle Form der Recherche, die Geschichten aus Datensätzen lesen will;
  2. eine spezielle Form der Interpretation von Recherche-Ergebnissen, die sich an statistischen Maßzahlen orientiert; und allzu häufig auch
  3. um eine spezielle Darstellungsform, die Kernbotschaften grafisch und insbesondere als interaktive Webanwendung anschaulich machen will.
  4. Vereinzelt wird zusätzlich die Veröffentlichung von Datenherkunft und Rohdatensatz im Sinne des Open Data Ansatzes zum elementaren Bestandteil des Datenjournalismus gezählt.
Wesentliche Unterschiede zum traditionellen Journalismus liegen beim Datenjournalismus in der Bedeutung der Visualisierung, dem geringeren Maß an journalistischer Selektion sowie der höheren Transparenz von Recherche-Ergebnissen. Im Falle interaktiv aufbereiteter Recherche-Ergebnisse wird häufig die Selektion sowie die Interpretation der Daten dem Rezipienten überlassen. Der Nutzer kann selbst die interaktiven Angebote anwenden bzw. selbst gestalten, zum Beispiel indem er auf einer Landkarte auf seine nähere Umgebung klickt. Der Datenjournalist ist somit weniger Gatekeeper als der normale Journalist. Schließlich unterscheidet sich der Datenjournalismus vom normalen Journalismus in der Offenlegung der Recherche-Ergebnisse (häufig: Originaldatensätze). Datenjournalisten benötigen zudem ein ausgeprägtes Zahlenverständnis, besser noch Kenntnisse von sozialwissenschaftlichen Methoden sowie der Statistik.

Den Datenjournalisten ist die Kontrolle von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ein wesentlich zentraleres Anliegen als der Gesamtheit deutscher Journalisten. Zusammengefasst sehen sich Datenjournalisten überdurchschnittlich stark in der Rolle des Kritikers und Kontrolleurs. Am wenigsten sehen sie ihre Aufgabe darin, Unterhaltung und Entspannung zu bieten.

Die im Sample befragten Datenjournalisten arbeiten nur in Ausnahmefällen einzeln. In der Regel wird Datenjournalismus im Team organisiert. Dieses umfasst meist zwei bis drei Personen. Es konnten drei klar voneinander zu trennende Tätigkeits- und damit verbundene Qualifikationsfelder identifiziert werden: die des Journalisten, des Programmierers und des Grafikers/Designers.

Die befragten Experten beschreiben den Datenjournalismus in der Summe aller Interviews als eine Dienstleistung, die überwiegend von überregionalen Printmedien nachgefragt (vor allem Stern  , Spiegel  , SZ  , TAZ  , Zeit  ) oder in den Blogs der Autoren veröffentlicht wird. Von Radio- und TV-Sendern wird Datenjournalismus nur in Ausnahmefällen nachgefragt.

Nahezu alle Befragten rechnen mit einer deutlichen Zunahme datenjournalistischer Projekte in den nächsten fünf Jahren. Dies liege zum einen daran, dass durch die Open Data Bewegung immer mehr Daten zur Verfügung stünden. Aus Sicht der Datenjournalisten würden zudem die Werkzeuge für das Datensammeln, -auswerten und -aufbereiten immer besser, der Umgang mit ihnen immer einfacher. Zum anderen wird die datenjournalistische Arbeit derzeit in zahlreichen Seminaren und Studiengängen gelehrt, so dass die Anwendung wahrscheinlicher wird. Schließlich bieten datenjournalistische Kompetenzen Berufsanfängern und freien Journalisten eine Nische, weshalb das Angebot datenjournalistischer Projekte zunehmen dürfte.

Die Expertenbefragung wurde mit 35 namentlich identifizierten "Datenjournalisten" - gemäß Selbsteinschätzung - durchgeführt. Dies waren zum Zeitpunkt der Erhebung (14.01.2013 bis 01.03.2013) nach der Definition der Wissenschaftler nahezu die Gesamtheit der in Deutschland arbeitenden Datenjournalisten.
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