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Newsgames: Wie Onlinespiele den Journalismus neu erfinden
07.03.2014 Sie sind ein neuer Trend im Onlinepublishing: Newsgames - journalistische Spiele - informieren, wecken Interesse und emotionalisieren den Onlineleser. Und das oftmals besser als die meisten Artikel es können. Diese neue Form des Journalismus hat das Potenzial, Medien Zusatzreichweite zu bescheren und bietet Interaktivagenturen ein neues, lukratives Geschäftsfeld.
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Newsgame nennt sich eine neue Form des Journalismus, die all diese Kriterien erfüllt. Diese journalistischen Spiele bieten enormes Potenzial für Nachrichtenportale - sind aber bisher, zumindest in Deutschland, kaum verbreitet. Wie Newsgames funktionieren, warum sie der neue Rettungsanker für Verlage werden könnten und wieso Interaktivagenturen sich schon heute auf den Trend vorbereiten sollten.
Das Newsgame ist die neue Form des Serious Game mit der Besonderheit, dass die Inhalte des Spiels einen journalistischen und aktuellen Hintergrund haben, der gut recherchiert sein muss. Sie werden die klassischen Artikel zwar nicht ersetzen, aber sie ergänzen sie um eine persönliche und interaktive Note. Und vor allem unterhalten sie den Leser oder Spieler, was bei vielen Nachrichtenportalen in Deutschland zu kurz kommt: Die Menschen begeisterten sich nicht nur für die "harten Fakten der klassischen Nachrichtenformate", argumentiert David Eicher von den Webguerillas . "Auch auf emotionaler Ebene muss man den Konsumenten etwas bieten", ist er überzeugt. Hier knüpfen Newsgames an.
Ernste Inhalte werden spielerisch verpackt
Newsgames können einiges sehr gut, was der klassische Artikel auf einem Onlineportal nicht oder nicht ganz so gut kann:
- Sie können die Einstiegshürde in ein (komplexes, weniger spannendes) Thema senken und Interesse wecken.
- Sie können in vielen Fällen einen komplexen Sachverhalt besser veranschaulichen, als es die lineare Berichterstattung vermag.
- Sie können den Leser durch seine interaktive Beteiligung an der Handlung besser emotional ansprechen und ihn in den Bann ziehen.
- Sie können die Reichweite erhöhen, indem sie neue Zielgruppen ansprechen.
- Sie können durch die Interaktivität die Verweildauer auf dem Webauftritt erhöhen.
- Sie haben hohes virales Potenzial.
- Sie werden nicht so schnell alt wie ein Artikel (oder die Zeitung von gestern).
Der erfolgreichste Artikel 2013 ist ein Spiel
Etliche ausländische Medien, vor allem in Nord- und Südamerika, haben das Potenzial von Newsgames bereits erkannt. So war der Beitrag, der auf der Website der New York Times 2013 am häufigsten angeklickt wurde, das interaktive Quiz How Y'all, Youse and You Guys Talk über amerikanische Dialekte. Und das, obwohl es erst am 21. Dezember online ging. Wired veröffentlichte bereits 2009 Cutthroat Capitalism: The Game , bei dem man einen somalischen Piraten spielt und mit seiner Crew im Golf von Aden Schiffe kapern muss. Inside The Haiti Earthquake vom Nachrichtenportal Inside Desaster der kanadischen Produktionsfirma PTV Productions führt den Spieler durch das vom Erdbeben zerstörte Haiti. Die Szenerie basiert auf dokumentarischem Filmmaterial des Inselstaats. Das Spiel O Jogo da Máfia vom brasilianischen Newsportal Super Interessante zeigt, wie ein globales Mafianetzwerk funktioniert.Nicht nur Verlage veröffentlichen auf ihren Nachrichtenportalen Newsgames, zum Teil erhält man sie direkt bei den Entwicklern. Zum Beispiel das Entwicklungsstudio Gamethenews veröffentlichte vor Kurzem Narco Guerra , das den mexikanischen Drogenkrieg thematisiert, und Endgame Syria über den Syrienkrieg. Das Spiel Bacteria Salad stammt von Addicting Games und befasst sich mit einem Hygiene-Skandal bei Spinat.
In Deutschland dagegen sind Newsgames bisher noch kaum ein Thema. Marcus Bösch , Gründer des ersten deutschen Newsgames-Entwicklungsstudios The Good Evil , beschreibt den Stand der Dinge hierzulande so: "Von einer deutschen Newsgame-Branche kann man noch gar nicht sprechen. Das Genre wird seit rund drei bis vier Jahren thematisiert und ganz langsam auch ausprobiert. Unser Unternehmen ist meines Wissens das erste in Deutschland, das sich auf die Konzeption und Umsetzung von Newsgames spezialisiert hat." Er und seine Partnerin Linda Kruse haben im Sommer vergangenen Jahres ihr erstes Newsgame veröffentlicht. Bei Prism - The Game spielt man ein Mitglied des US-Geheimdienstes und hat das Ziel, so viele private Fotos wie möglich auszuspionieren.
Für deutsche Medien noch Neuland
Viele große deutsche Medien hätten zwar schon über journalistische Spiele berichtet, erzählt er, aber die Skepsis bei deutschen Redaktionen sei noch recht groß. Das zeigt auch die Umfrage von iBusiness unter einigen großen deutschen Medienhäusern. Der Focus hat bisher noch kein Newsgame entwickeln lassen und plane dies vorerst auch nicht. Gleiches teilte die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit. Der Spiegel hat zwar bereits ein Spiel zu einem Print-Titel mit dem Thema Gaming entwickelt. Aber "derzeit ist keine Entwicklung eines weiteren Newsgames geplant", sagt der Sprecher Michael Grabowski . Auch die IT-affine Chip und die Heise Medien Gruppe erteilen Newsgames eine Absage; es sei bisher für sie kein Thema.Laut Marcus Bösch liegt es daran, dass "viele Medienunternehmen und Verlage immer noch dabei sind, die Auswirkungen von Social Media, Daten-, Prozess- und Crossmedia-Journalismus zu verarbeiten." An die nächste Stufe, Journalismus als Videospiel, sei noch nicht zu denken. "Zudem herrscht in vielen deutschen Redaktionsstuben nicht gerade eine kreativ-inspirierende Aufbruchstimmung, die Experimente und Versuche befeuert. Das ist in anderen Ländern anders", fügt der Gaming-Experte hinzu.
Der Preis schreckt ab
Doch ein mindestens genauso wichtiger Grund für die Zurückhaltung der Verlage ist sicherlich der Preis. 15.000 Euro müsste man für ein gut gemachtes Newsgame schon hinblättern, sagt der Entwickler. Eine finanzielle Obergrenze gibt es nicht. Damit schließt sich das Genre bereits für die meisten kleinen Verlage aus. Und die großen werden sich gut überlegen, zu welchem Anlass und zu welchen Themen sie so viel Geld in die Hand nehmen.Ähnliche Genres, mit denen Verlage seit Kurzem versuchen, ihre Onlinepublikationen aufzupeppen, sind Datenjournalismus und digitale Infografiken. Unter anderem die Zeit und die Süddeutsche haben dazu Projekte gestartet (siehe iBusiness: Zeitungen: Die Zukunft der Paywall). Aber auch diese Veröffentlichungen sind bereits ein finanzieller und zeitlicher Aufwand, wie die SZ in ihrer Kolumne bestätigt: "Die neuen Möglichkeiten zu nutzen, ist aufwändiger als oft gedacht." Denn die Datenmengen müssten gespeichert, aufbereitet und visualisiert werden, und zwar so simpel, dass das Spielen mit der Karte Spaß macht.
Newsgames gehen in Bezug auf Aufwand und Preis in den meisten Fällen weit darüber hinaus. Deshalb werden sie nie Mainstream sein, sondern in erster Linie Leuchtturmprojekte zu besonderen Themen, die auf breites Interesse stoßen. Zum Beispiel zur Fußball-WM, der Bundestagswahl, einer Naturkatastrophe oder politischen Krisen. Sie werden ausschließlich Themen bedienen, die längerfristig planbar sind, denn die Entwicklung dauert um einiges länger als die Recherche zu einem Artikel.
In der Bildung haben Games bereits einen festen Platz
Tatsächlich ist die Verknüpfung von Nachrichten und Spielen alles andere als neu. Schließlich gibt es in jedem Magazin und jeder Zeitung schon seit Jahrzehnten Kreuzworträtsel, Sudokus und Gewinnspiele. Die Zeit Online hat diesen Klassiker schon seit Längerem digital adaptiert und bietet nicht nur ein tägliches Quiz zum aktuellen Geschehen, sondern alle möglichen Spiele von Sudoku bis Begriffe-Raten .Unter anderem deshalb ist Marcus Bösch davon überzeugt, dass es in Zukunft in Deutschland mehr Newsgames geben wird. "Wir spüren ein aufkeimendes Interesse", sagt der Entwickler. Zum Beispiel habe er auf der Gamescom zahlreiche Gespräche mit verschiedensten Medienanbietern geführt. Hinzu kommt: "Digitale Spiele erobern gerade Schritt für Schritt zahllose Bereiche in der Bildung, Wirtschaft, im Militär und der Medizin." Und Recruiting, Werbung und Croudsourcing. "Da wäre es doch sehr komisch, wenn sie ausgerechnet um den Journalismus des 21. Jahrhunderts einen Bogen schlagen."
Wie gut digitale Spiele Informationen vermitteln können, beweisen Anwendungen aus anderen Branchen: "Genauso wie ein großer Teil von Schülern Englisch durch das Hören von Musik außerhalb der Schule lernt, genauso lernen viele Schüler bereits heute mehr über Geschichte in klassischen Gamestiteln", weiß der Entwickler. Zudem sei seit Jahren unter anderem in Militärschulen und bei der Ausbildung von Piloten üblich, mit Serious Games Wissen zu vermitteln. Allerdings ist hier das Budget höher und die Spiele können etliche Generationen von Schülern begleiten.
Doch davon lässt sich die (noch nicht vorhandene) Newsgames-Branche nicht abschrecken. Einen ersten Meilenstein will sie am 6. und 7. Mai setzen. Denn dann findet in Köln der erste deutsche Newsgame Hackathon statt, den The Good Evil mit dem Cologne Game Lab der Fachhochschule Köln veranstaltet. Mit Interesse auch von klassischen Medien - immerhin unterstützen die Deutsche Welle und das Mediencluster NRW das Entwicklertreffen. Und auch die Bewerbungen auf die 30 verfügbaren Plätze der Veranstaltung kommen zum Teil von klassischen Medien: "Beworben haben sich bereits unter anderem die Neue Züricher Zeitung , die Süddeutsche Zeitung , der Guardian und der Telegraph aus Großbritannien", erzählt Marcus Bösch.
Journalismus für Interaktiv-Experten
Newsgames-Erstellungs-Tipps vom Profi sind für jedes Medium und jeden Publisher, die in den Bereich einsteigen wollen, unerlässlich. Schließlich sind an einem Spiel normalerweise mehr Personen beteiligt als an einem Artikel: Zum einen braucht man einen Journalisten, der die Fakten rund um das Thema recherchiert und darauf achtet, dass die klassischen journalistischen Standards wie die Sorgfaltspflicht eingehalten werden. Außerdem ist ein Game Designer notwendig, der sich das Spiel ausdenkt. Ein Programmierer verantwortet die Programmierung, ein Grafiker ist für den letzten visuellen Schliff zuständig. Im Idealfall kennen sich alle der vier Beteiligten auch ein wenig in den anderen Bereichen aus, unter anderem ist es gut, wenn der Journalist über Grundkenntnisse im Bereich Game Design verfügt.Interaktivagenturen sind also prädestiniert für die Newsgame-Entwicklung. Schließlich können sie normalerweise auf die Expertise aus allen diesen Bereichen zugreifen und arbeiten auch für andere Projekte kanal- und disziplinübergreifend.
News mit langer Haltbarkeit
Bei der Entwicklung solcher Spiele ist eine Besonderheit zu beachten. Weil ihre Entwicklung ihre Zeit dauert, eignen sie sich vor allem für langlebige Themen, nicht aber für Breaking News. Und deshalb wiederum haben sie eine wesentlich höhere Haltbarkeit als gewöhnliche Nachrichten. Sie kann durchaus mehrere Monate oder Jahre lang sein. Zum Beispiel Arte hat mit Steuerflucht für Anfänger im September 2013 eines der wenigen deutschen Newsgames veröffentlicht. Obwohl es im Februar dieses Jahres bereits fünf Monate alt war, war es dennoch aktueller denn je: den Enthüllungen über Alice Schwarzers Steueraffäre sei Dank. Und mit jedem neuen Prominenten, der seinen Steuerbetrug öffentlich zugibt, hat es erneut einen Platz auf der Startseite verdient.Genügend Potenzial und Argumente für die Entwicklung von journalistischen Spielen gibt es also. Da ist sich auch Marcus Bösch sicher. Sein Totschlagargument für jeden Zweifler formuliert er selbstverständlich als Quiz: "Wenn Sie nachher mit der U-Bahn fahren, schauen Sie sich bitte einmal um. Wie viele Leute sehen Sie, die
a) eine Zeitung lesen oder
b) auf ihrem Smartphone ein Spiel spielen?"
Jedoch spielen sie nicht jeden Tag mehrere neue Spiele - so wie andere Online-Artikel lesen.
Vier Szenarien zu Newsgames
Sie machen den Unterschied
Es dauert noch eine Weile, aber dann werden Newsgames als Leuchtturmprojekte richtig populär. Schließlich haben vor allem die klassischen Newsportale Probleme, sich von der Konkurrenz zu unterscheiden. Einige steigern mit Newsgames und anderen innovativen journalistischen Formen sogar die Akzeptanz der Bezahlmodelle. Wichtig ist, dass sie für Nachrichtenapps und mobile Seiten angepasst werden, denn auf mobilen Endgeräten werden sie besonders häufig gespielt.
Newsgames für Nerds
Das Angebot an Casual Games ist riesig. Aufgrund der Konkurrenz und der Entwicklerkosten lohnt sich dieser Bereich für die meisten Medien nicht. Nur die IT-Presse springt auf den Zug auf, weil ihre Zielgruppe besonders affin dafür ist und ihre Leser dies erwarten, und bringt ein- bis zweimal pro Jahr ein solches Spiel raus.
Special-Interest-Games
Bei den klassischen Medien sind Newsgames eine Randerscheinung - wenn überhaut. Populär werden sie dagegen in Special-Interest-Magazinen für den Endkonsumenten. Vor allem in der Wissenschafts-, Technik- und IT-Presse kommen sie gut an. Auch einige Unternehmensblogs und Corporate-Publishing-Seiten setzen hin und wieder darauf.
Sie verschwinden sang- und klanglos
Der Hype um Newsgames ist genauso schnell vergangen wie er gekommen ist. Der Preis und der Aufwand schreckt die meisten Medien ab, weshalb sich die Branche nie wirklich entwickeln wird.
