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Politik der Zukunft: Über Leadership, Agora 2.0 und Sascha Lobo
23.03.2012 Die deutsche Politik justiert zurzeit ihr Verhältnis zum Internet neu. Der Megatrend der Partizipation erobert die Parlamente. Zehn Ansatzpunkte, an denen das Web die Demokratie verändert.
- Die Dimension "Leistung":
Die Konzepte der momentan verwendeten Technik des Social Web sind noch eher temporär, da dieses in der aktuellen Endkunden-Form nicht viel älter als fünf Jahre ist.
Künftige Entwicklung der Dimension Leistung am Beispiel "Informationssammlung und Transparenz":
Alle politischen Standpunkte, Themen und Argumente werden nach Art einer Wikipedia dokumentiert sein. Eine Landkarte der Politik entsteht.
- Die Dimension "Zeit":
Das Internet ist verglichen mit anderen Techniken noch lange nicht am Ende des Innovationszyklus. Kappes spricht von "Technik im Embryonenzustand".
Künftige Entwicklung der Dimension Zeit am Beispiel "Tagesnachrichten":
Tagesnachrichten werden von Google und anderen Aggregatoren direkt von Nachrichtenagenturen lizenziert und in ihren Produkten vollständig angezeigt. Dies lässt die Bedeutung nationaler Publikationen von deutschen Verlagen sinken. Zudem weitet Wikipedia das Angebot stundengenauer Themenseiten mit Links zu den Quellen aus, wie etwa bei Fukushima.
- Die Dimension "Nutzungsumfang":
Noch lange nicht alle Bundesbürger nutzen soziale Netzwerke. Daher ist es wahrscheinlich, dass sich deren Nutzung künftig noch stärker ausweitet als bisher.
Künftige Entwicklung der Dimension Nutzungsumfang am Beispiel "Bürger-Empörung":
Ein "Shitstorm" wird sich künftig etwa um den Faktor 10.000 erhöhen: Wenn er jeden zweiten Bürger erfasst, bedeutet das künftig 40 Millionen Nutzer anstatt bisher vielleicht 4.000.
- Die Dimension "Nutzungsweise":
Der Gebrauch des Social Web ist bezüglich der Werkzeuge und ihrer Funktionsweise einfach zu erlernen: Es entstehen dadurch neue Muster und Handlungsoptionen, die von Menschen aber erst ausprobiert, gefunden und erlernt werden müssen.
Künftige Entwicklung der Dimension Nutzungsweise am Beispiel "Social TV":
Bürger werden Medien künftig in hochverdichteten Social-TV-Umgebungen nutzen. Dort können Millionen Menschen dann zeitgleich zu Talkshows eines Anne-Will-Formates ihre Meinung artikulieren und vordefinierte Kleinstaktionen per Mausklick vornehmen.
- Die Dimension "Innovation":
Entwicklungen wie das Semantic Web, Internet of Things, Social TV, Social Commerce, Automatisierung und Agenten werden neue Arten der Nutzung bieten. Diese werden sich grundlegend von den heutigen unterscheiden.
Künftige Entwicklung der Dimension Innovation am Beispiel "Rückkoppelung":
Jeder Politiker wird künftig beispielsweise auf öffentliche Auftritte via Videostream Rückkoppelung erhalten. Diese Rückkoppelung wird neben den offenen General-Interest-Netzwerken auch von hunderten ihm bekannter und wohlgesonnener Menschen stammen, die geschlossene Special-Interest-Netzwerke nutzen.
Zudem existieren laut Kappes Prozesse, die Auswirkungen auf die politische Kommunikation und Partizipation der Bürger haben werden. Die wichtigsten zehn hat er für iBusiness zusammengefasst.
I. Die Schwächung der Rolle der Massenmedien bedeutet die Stärkung der Politik-Akteure
Klassische Massenmedien erfüllen soziale Zwecke. Sie befriedigen das Bedürfnis nach sozialer Realitätskonstruktion, stellen ein Minimum an kultureller Gemeinsamkeit her und versorgen alle anderen Teilsysteme der Gesellschaft mit Information. Nicht zuletzt deshalb werden die klassischen Massenmedien auch im digitalen Zeitalter weiter existieren. Jedoch verlieren sie ihre starke Torwächter-Funktion. Und dies aus gleich mehreren Gründen.So wird unter anderem die Wertschöpfungskette der klassischen Massenmedien entbündelt. Nicht zuletzt dadurch, dass neue Torwächter wie Suchmaschinen und Aggregatoren auf den Plan getreten sind. Weiterhin entstehen zunehmend neue "Mega-Hubs" wie Sascha Lobo oder Youtube-Blogger aus den Publikumsreihen selbst. Dadurch wiederum entstehen neue, losere Strukturen bezüglich der 'Inhalte'. Zudem können einzelne Journalisten zu Stars werden, da sie nicht mehr wie bisher hinter einer Medienmarke kaum sichtbar sind.
Für die politische Kommunikation bedeuten diese Entwicklungen:
- Dass sie komplexer wird. Denn es gibt mehr Ansprechpartner, wodurch ebenfalls die Wirkungsmechanismen der politischen Kommunikation komplexer werden.
- Dass die politischen Akteure immer mehr selbst mit dem Bürger kommunizieren. Sie sind nicht mehr direkt auf massenmediale Vermittlung angewiesen.
- Dass die politischen Akteure selbst immer mehr zu "Massenmedien" werden. Sie erhalten so mehr Deutungshoheit: Sie entscheiden etwa selbst über den Kontext und die dafür benötigte Zeit.
- Dass sie zunehmend mit Influencern zu tun haben werden. Diese sind zwar unabhängig und mischen sich mit hoher Reputation ein, jedoch mangelt es ihnen zum Teil an Sachkompetenz. Das lässt sie für Polit-Profis unvorhersehbar operieren. Hier kann es mehr zur Irritation als zur diskursiven Klärung kommen.
Die Folge: Politiker müssen zukünftig lernen, sozial statt medial zu kommunizieren.
II. Politisierung der Informationsströme und des Publikums
Kappes rechnet künftig mit einer Politisierung des Publikums. Zu dieser wird es aufgrund verschiedener Phänomene kommen.Beispielsweise ist die tatsächliche Vielfalt der Meinungen besser als zuvor sichtbar. Einstiegspunkte sind seltener Sackgassen. Diese Vielfalt wird durch Social Media noch weiter verstärkt. Denn die Gründe für eine Verbindung zweier Personen sind häufig andere, als die gleiche politische Orientierung. Es kommt zur Einbettung von allgemeinen politischen Nachrichten über den eigenen Bekanntenkreis via Social Graph. Der Effekt wird sich verstärken, sobald das lineare Medium "Fernsehen" ins Internet als Container-Medium konvergiert. Dies bedeutet eine Politisierung der Informationsströme.
Zusätzlich zu der Politisierung der Informationsströme kommt es zu einer Politisierung des Publikums. Und dies speziell durch zwei Phänomene:
- Informationsverdichtung durch Trending Topics und Retweets. Diese machen automatisch die Meinungstendenzen sozialer Bezugsgruppen erkennbar.
- Niedrigschwellige Ad-hoc-Mikrointeraktionen wie "+1" oder "Like" aktivieren die Nutzer untereinander und erzeugen Resonanzeffekte. Die Folge: Formen von Instant-Aktivismus wandeln diese Ad-hoc-Impulse in stärker gerichtete, ausformulierte und entscheidbare Gruppenaktivität.
So wird es Bürgern deutlich erschwert politische Informationsströme auszublenden. Nicht zuletzt dadurch, dass einige politische Themen emotional stark aufgeladen sind und zu einer Resonanz im eigenen sozialen Umfeld führen. Diese können dann nicht übersehen werden. Getreu dem Motto "Ist die Nachricht wichtig, wird sie mich finden" beziehungsweise abgewandelt: "Ist die Empörung wichtig, wird sie mich finden". Ob diese Politisierung des Publikums ein Risiko oder eine Chance darstellt, hängt sehr davon ab, ob es den politischen Akteuren und konstruktiven Bürgern gelingt, die "Empörung" in konstruktive Kommunikation umzuwandeln, findet Kappes.
Die Folge: Die Gruppe der politisch Informierten wächst. Dadurch wächst zwangsläufig ebenfalls die an Partizipation interessierte Bürger.
III. Verbesserung Kommunikation: Partizipation durch Relevanz-Filter
Einer der Gründe dafür, warum sich mitunter nur wenige Bürger einbringen, könnte sein, dass sogar Betroffene zu selten von Partizipationsoptionen erfahren. Die neueste Generation von Nachrichtenaggregatoren schafft hier Abhilfe. Insbesondere Local Services können Partizipationsangebote durch entsprechende Geofilter zusammen mit anderen Selektionskriterien künftig personalisiert zustellen.Die Folge: Betroffene Bürger können und werden schneller informiert sein und auf aktuelle Probleme reagieren. Die zuständigen Politiker müssen daher in der Lage sein, schneller zu reagieren.
IV. Social Politics Monitoring
Im Internet finden sich sehr viele Bürger-Äußerungen. Diese sind bisher noch nicht allzu gut zugänglich. Doch die Technologieanbieter arbeiten mit Hochdruck daran anhand von Semantic Web, Sentinent-Analysen oder Social Media Monitoring neue Sichten auf das Social Web zu generieren. Damit soll es bald möglich sein, umfassende Überblicke von Hot Spots von Diskussionen zu sehen.Das Wunschziel: Jedermann soll sehen können, was mit welcher Intensität diskutiert wird. Das Internet wandelt sich vom Seiten-Paradigma zu einem gigantischen, mehrdimensionalen Kommunikationsraum. Dieser kann dann auf viele Arten erschlossen und in unterschiedlicher Abstraktion betrachtet werden. Eine der Dimensionen wird eine inhaltliche sein, die sich auf Politikthemen filtern lässt. Eine zweite Dimension wird die Intensität der Diskussion sein. Eine dritte Dimension die Geografie. Und eine vierte die soziodemografischen Eigenschaften der Nutzer.
Weiterhin entstehen Hot Spots, an denen man diskutiert: Diese sind jedoch keine Einzelangebote, sondern miteinander vernetzt.
Es wird zu Konzentrationseffekten unter Bürgern zu Gunsten großer Kommunikationsräume kommen. Gleichzeitig steigt hierdurch die Attraktivität für Politikakteure, die sich an Debatten mit größerer Reichweite gern beteiligen werden, das Schmuddel-Internet der Kleingruppen-Chats bekommt die Attraktivität von TV-Talkshows, wenn sie nicht ohnehin mit ihr verschmelzen. Weiterhin können so politische Akteure und Bürger direkt kommunizieren. Es entsteht die "Agora 2.0": Ein großer, aber dezentraler Kommunikationsraum in welchen sich jedermann per Klick in die dortige Kommunikation einschalten kann.
Die Folge: Granularisierte Politik-Kommunikation wird stärker gebündelt und dadurch transparenter.
V. Transparenz als Ergebnis von Vernetzung
Derzeit werden viele Daten wie etwa Texte noch manuell in das Internet eingespeist. In einer Welt des "Internet of Things" werden es jedoch zunehmend Automaten sein, welche entweder äußere Erscheinungen in das Internet kopieren oder ihre Veränderungen als Datenstrom zugänglich machen. Dies kommt den Transparenzforderungen an das politische System entgegen. So können alle Vorgänge der öffentlichen Hand oder von öffentlicher Bedeutung auch veröffentlicht und dokumentiert werden. Beispielsweise durch das Streaming von Sitzungen, Tracking von Bearbeitungsständen durch Berechtigte oder Default-Öffnung von parlamentarischen Dokumentmanagement-Systemen.Jedoch gibt es auch Gründe dafür, an dieser Art Transparenz zu zweifeln:
- Etwaige Legitimations- und Vertrauenskrisen: Vollständige Transparenz kann nie gegeben sein, da sie nur durch vollständige und lückenlose Überwachung von Beamten und Abgeordneten erreicht werden kann und somit einen menschenrechtswidrigen Zustand herbeiführen würde. Kontrolle durch Transparenz kann also nicht funktionieren, wohl aber kann Transparenz der Nachvollziehbarkeit und somit Legitimität von Entscheidungen dienen.
- Transparenz betrifft informatorische Sachverhalte in Vergangenheit und Gegenwart. Vertrauen aber ist immer eine Erwartung an das Verhalten in der Zukunft. Vertrauen wird erlernt oder verloren, wenn Personen Handlungsfreiheit in diese oder jene Richtung nutzen. Gegenüber jemandem, der ständig beobachtet ist, kann man kein Vertrauen entwickeln. Daher steht die Forderung nach Transparenz in der Zukunft in einem Spannungsverhältnis zu Vertrauen wie Kontrolle zu Vertrauen. Das Ergebnis: Transparenz kann kein Vertrauen stiften.
- Die Anpassung der sozialen Gebilde und deren Verhalten an veränderte technische Rahmenbedingungen: Wer kein transparentes Verhalten möchte, wird sich in Räume zurückziehen, deren Wände nicht transparent sind. Schließlich braucht Wahrheit auch Schutzräume, weil Wahrheit unangenehm sein kann.
- Im Falle einer Legitimationskrise ist die Ursache ebenfalls im Verhalten der Politikakteure zu suchen. Transparenz allein hilft dem nicht ab.
VI. Die Veränderung des Politikstils
Social Media wirkt einem Politikstil entgegen, den Bürger als unnahbar, patriarchalisch oder unverbindlich empfinden.Die traditionellen Kommunikationsstile sind jedoch nicht ohne Grund entstanden. Beispielsweise kann das sachliche Agieren dazu dienen weniger zu polarisieren und breite Akzeptanz zu erreichen. Weitere legitime Gründe für das sachliche Agieren sind das Vermeiden sachfremder Argumentationen und das Bewirken emotionaler Distanz, die weniger Verhaltensfehler provoziert. Ein patriarchalischer Stil ist vermutlich eine Antwort auf den Wunsch des Publikums nach Führung und vermeidet den Eindruck eigener Unsicherheit.
Durch Social Media nehmen die Bürger Politiker als menschlicher wahr.Sie zeichnen sich, wie jeder Mensch, dadurch aus, dass sie einen potenziellen Störfaktor für die Systeme sind und dadurch ihre menschliche Seite zeigen.. Gleichzeitig muss dann Autorität stärker durch anderes als die bloße Rolle entwickelt werden, sie entsteht durch Persönlichkeit und Kenntnis. Dadurch steigen die Ansprüche an die politischen Akteure: So, wie Marken eine gewisse Substanz haben müssen, um angesichts öffentlicher Käuferkritik nicht zu kollabieren, gilt dies auch für Personen und Organisationen. Im Zusammenhang mit dem Transparenzeffekt führt Internetkommunikation dazu, dass eine übermäßige Aufladung mit einem Image entweicht. Denn eine derartig starke Aufladung von Personen oder Organisationen ist in den neuen Kommunikationsräumen schlicht nicht mehr möglich. Die Folge: Storytelling über Politiker funktioniert nicht mehr wie früher. Die Erkennbarkeit der Profanität des Handelns politischer Akteure führt zum Zusammenbruch der Erzählungen vom Staatsmann, Vorbild und Saubermann. Langfristig stehen hier auch Staatssymbole in Frage.
Eine weitere Folge der Internet-Kommunikation für die Politik ist hier, dass diese künftig weniger inszeniert werden kann, weniger durch Symbolakte geschieht und weniger durch emotionale Aufladung bewirkt werden kann. Dies alles kann dazu beitragen, dass Politik eher als Managementaufgabe wahrgenommen wird, die Ergebnisse liefern muss und dafür Methodik verwendet. Daraus entsteht wiederum die Gefahr, dass das Publikum nach einfachen Lösungen starker Männer ruft. Daher sollte man den Prozess nur so weit treiben, dass das Publikum nicht überfordert wird.
Die Folge: Die Marke "Politiker" verblasst mitsamt ihrer transportierten Werte. Politiker müssen sich davon verabschieden, lediglich ein Image zu transportieren und zu dem werden was sie gerne wären, um glaubhaft bestehen zu können.
VII. Datengetriebene Politik
Durch das Internet werden den Bürgern langfristig viele Daten zur Verfügung gestellt. Schon heute können Fragen politischer Relevanz aus Open-Data-Projekten, aus privaten Online-Publikationen oder Wikipedia gefiltert werden. Die weitere Entwicklung hin zu strukturierten Daten wie dem Semantic Web oder der semantischen Suche wie Wolfram Alpha wird dazu führen, dass jedermann auf eine umfangreiche Datenbasis von politischer Relevanz zugreifen kann. Gleichzeitig werden in großem Umfang "Big Data" über soziale Verhältnisse erzeugt. Dieser Datenpool führt zu neuen Erkenntnissen über soziale Strukturen, welche Christoph Kappes als "Data Society" betitelt.Es ist schwierig und nur einem medienkompetenten, gebildeten Anteil der Bevölkerung möglich, diese Daten richtig zu interpretieren. Der Datenjournalismus muss hier eine wichtige Aufgabe für die Demokratie leisten: Die Lücke zwischen allgemeinen politischen Thesen und der konkreten Faktenlage sowie zur Lebenswelt der Bürger muss verkleinert werden. Dies kann zu einer rationaleren Politik, genauer: rationaleren Diskursen beitragen. Dass Faktoren wie Macht, Geld, Verträge, Reputation und Interessen am Ende entscheiden, kann und wird sich auch durch das Internet nicht ändern, meint Kappes. Solange man aber an die Macht der Worte glaubt und der gesamte Meinungsbildungsprozess, das Parteiensystem und die Wahlprozesse auf dem Wettbewerb der Argumente fußen, sollte man eine mögliche Verbesserung der Rationalität nicht ganz von der Hand weisen.
Die Folge: Für eine effizientere Steuerung der Politik muss die große Menge an Daten von kompetenten, unabhängigen Instanzen wie etwa Datenjournalisten für die Masse verständlich aufbereitet werden. Die Übersetzung von Nachrichten in eigene Lebenswelten macht Politik eventuell weniger ideologisch, argumentative Endlosschleifen werden vermieden.
VIII. Partizipation und Organisation
Die Ereignisse rund um Karl-Theodor zu Guttenberg und Christian Wulff zeigen, dass es für die Bürger sehr leicht geworden ist, sich zu organisieren. Hier existieren viele Formen der Zusammenarbeit - ohne eine lebenslange Mitgliedschaft. Parteien müssen daher einerseits für sich den Prozess der "Verflüssigung" und der "Entgrenzung" durchlaufen: Das heißt sich zu Netzwerken umformen, mehr oder wenige nahe Gründungen unterstützen und sich Partner suchen, mit denen sie sich kommunikativ vernetzen können. Lose und temporäre Zusammenarbeit wird auch bei Parteien eine Rolle spielen.Im Ergebnis nimmt der Bürger nicht mehr "teil an etwas" als einem von ihm getrennten Gefüge, sondern er ist selbst Teil dessen, an dem er partizipiert. Das wäre auch die Idealvorstellung der Herrschaft des Volkes über sich selbst.
Dieser Effekt führt zu einer Revitalisierung der Parteien, die als Netzwerk quasi wiedergeboren werden, wenn sie die Kraft aufbringen, sich selbst in Frage zu stellen. Dieses jeweilige Netzwerk wäre dann leistungsstark, weil es seine Bindungen zu anderen Personen aktivieren kann, wenn es sie benötigt - beispielsweise in Bezug auf die Wahlmotivation. Würden etwa die Parteien systematisch Akquisition via Twitter machen, wäre hier ein wichtiges Diskursfeld besetzt.
Der gesamtgesellschaftliche Vorteil dieser Entwicklung ist, dass durch beide oben genannten Phänomene die politische Kommunikation in einer komplexer werdenden Gesellschaft aufrechterhalten werden kann.
Die Folge: Politiker müssen die eigene Organisation ändern, damit die Politik in einer komplexer werdenden Gesellschaft ihre Aufgabe noch erfüllen kann, die Meinungen zu Entscheidungen zu transformieren.
IX. Algorithmisierung: Zahlen und Vergleiche
Die Veränderung der Kommunikation durch das Internet bedeutet nicht nur Informationstransport, sondern auch Informationsverarbeitung. Durch Algorithmen, die Symbole verändern wird die Welt unter anderem messbar und Handeln vergleichbar. Die politischen Akteure und ihre Prozesse werden die nächsten sein, deren Handeln von Zahlen geprägt ist. Über die gesellschaftlichen Verhältnisse werden immer mehr Zahlen zur Verfügung stehen. Es wird die Wirkung des politischen Handelns (vorher vs. nachher) und das politische Handeln selbst gemessen werden. Beispielsweise ob sich die Teilnahme an einem Schützenfest lohnt. Eine der nächsten Generationen von Social Media Monitoring wird dann Dashboards mit Performance Indikatoren liefern, welche der Politik Rückmeldungen in Echtzeit über die mediale Wirkung ihres Handelns geben. Insgesamt sollte mehr Transparenz darüber entstehen, welcher politische oder mediale Akteur mit welcher Handlung welche Wirkung bei welchem Prozess erzeugt.Die Folge: Politiker werden künftig ihr Handeln und dessen Wirkung in Echtzeit überprüfen. Das führt möglicherweise zu mehr Effizienz in der Politik und schafft freie Ressourcen.
X. Liquid Law: Die Anpassung der Gesetze
Im Computerzeitalter muss man sich laut Kappes die Frage stellen, ob nicht gewisse Normen selbst flexibler gehalten werden können. Zum Beispiel indem sie als kontinuierlich zu verbessernd und konkretisierend verstanden werden. Dies könnte etwa dadurch zum Ausdruck kommen, dass Verfahrensbeteiligte aller Art die Fortschreibung der Normen auf bestimmten Gebieten, mit bestimmten Befugnissen und bestimmten Regeln machen.Bisher ist ein "Elektronischer Rechtssetzungsprozess" State-of-the-Art, der als Workflow-System das bisherige Verfahren nur in das digitale Zeitalter konvergiert. Künftige Gesetze sind aber vielleicht einem Wiki ähnlicher, das von vielen verschiedenen Gruppen in unterschiedlichen Rollen bearbeitet wird, wobei der Admin natürlich das Parlament ist. Die Grundidee würde weiterhin vom Parlament stammen. Die Ausführung wäre ein verteilter, dezentraler, gemeinsamer Prozess mehrerer Instanzen.
Die Folge: Besser angepasste Gesetze führen zu gerechter Rechtsprechung und dadurch zu weniger Widerstand seitens der Bevölkerung.
iBusiness-Autor Christoph Kappes ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Fructus GmbH und betreibt den Blog Christophkappes.de . Er arbeitet zudem als Sachverständiger bei der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft mit.
