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Gewerkschaften: Mit uns zieht die alte Zeit
23.11.2012 Ein wichtiges Korrektiv der sozialen Marktwirtschaft - die Gewerkschaft - verliert Zug um Zug ihre Existenzberechtigung. Denn das Ding mit dem Internet mögen die Gewerkschaftsfunktionäre fast noch weniger als ihre ärgsten Widersacher, die Bosse.
Das Papier ist vier Seiten lang. Aber man kann die Aussage auf vier Buchstaben zusammenfassen: "Nein":
- Nein zu Freelancerportalen.
- Nein zum Crowdsourcing.
- Nein zu virtuellen Teams.
- Nein zu offenen und freien Arbeitsstrukturen.
Denn Freelancertum vernichte feste Arbeitsverträge, Bewertungsfunktionen machten Freelancer zu "gläsernen Akteuren" und weil Freelancer dort in der Welt arbeiten könnten, wo sie wollen, würden sie ja auch nicht in Deutschland Steuern zahlen. Außerdem würde Preistransparenz zu Lohndumping führen.
Für Gewerkschaften ist die Alternative klar: Ein guter Arbeitnehmer arbeitet brav sozialversichert mit Urlaubsanspruch in einem Unternehmen, das sowohl in Deutschland ansässig ist als auch im Arbeitgeberverband organisiert ist - damit man als Gewerkschaft mit ihm einen Tarifvertrag abschließen kann. Das Unternehmen sollte zudem möglichst groß sein, damit es da Aufsichtsräte gibt (in die man Gewerkschaftssekretäre reinschicken kann) und die dankbaren braven Arbeitnehmer Betriebsräte wählen und als Gewerkschaftsmitglieder Vertrauensleute.
Wer mit Gewerkschaftssekretären redet, der erfährt, worüber sie sich naturgemäß Gedanken machen: Über die Probleme derjenigen Arbeitnehmer, die sie in ihrer täglichen Arbeit erleben. Und die tägliche Arbeit eines Gewerkschaftssekretärs ist es eben, zu Betriebsversammlungen zu reisen (je größer das Unternehmen, um so eher), Tarifverträge zu verhandeln (nur mit tarifgebundenen oder ganz großen Unternehmen) und auf Gewerkschaftsversammlungen aufzutauchen (nur für Gewerkschaftsmitglieder).
Kleine Unternehmen, Start-ups, Unternehmen, die in keinem Arbeitgeberverband sind sowie Freiberufler finden in der Gewerkschaftssicht schlicht nicht statt. Das führt im Internet-, im Medien- und im IT-Bereich dazu, dass der größte Teil der Arbeitnehmer längst aus der Gewerkschaftswahrnehmung verschwunden ist. Mir hat mal ein für Verlage zuständiger Gewerkschaftssekretär erzählt, dass er maximal 40 Prozent der Arbeitnehmer überhaupt noch ansprechen kann - geschweige denn erreicht. In der IT sind die Zahlen ähnlich.
Zum anderen erreicht die Gewerkschaft mit ihrem auf die Industriegesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts optimierten Arbeitnehmerbild die Internet-Generation nicht mehr. Denn die will gerade nicht fest angestellt arbeiten. Diese Generation möchte in virtuellen Teams arbeiten, mit Cloudworking irgendwo in der Welt in einem Coworking-Space. Ganz freiwillig.
Was der CDU/CSU ihre Herdprämie ist, ist der Gewerkschaft ihr Anti-Cloudworking-Manifest: Der Versuch, eine sich ändernde Lebenswirklichkeit der Kernzielgruppe zu ignorieren mit einem Griff in die Mottenkiste des Großvaters.
Beide schneiden sich damit letztlich ins eigene Fleisch.
