Jetzt zum Webinar anmelden
November 2026 · Unser Geburtstagsgeschenk
35 Jahre iBusiness.
Im November alles frei lesen.
Zum Jubiläum öffnen wir alle iBusiness-Inhalte: vom 1. bis 30. November, für alle, ohne Anmeldung und ohne Bezahlschranke.
Alle Inhalte im November kostenlosRegistrieren Sie sich kostenlos und abonnieren Sie anschließend den iBusiness-Newsletter. So bleiben Sie bei den Themen auf dem Laufenden, die für Sie zählen.
Management-Märchenwald Internet (11): Gottes Werk und Teufels Internet
23.11.2012 Eigentlich sollten alle Internetadressen verpflichtend mit "http://666." statt mit "http://www." beginnen. Außerdem sollte "Sympathy For The Devil" der einzige erlaubte Handy-Klingelton sein. Doch weil die Internet-Welt voller Sünder ist, braucht die arme Seele Teufelsaustreiber und Exorzisten. Die gibt es in Deutschland zum Glück zuhauf.
Und heute? Heute müssen wir uns mit 13 Milliarden Jahren herumärgern, mit schwarzen Löchern, Antimaterie, Anti-Atomkraft und Top-Level-Domains aus Antigua (.ag). Das hat man nun von diesem ganzen überschätzten "Fortschritt". Wie schön war doch die Zeit, als es nur ein "Anti" gab, nämlich den Antichristen. Demgegenüber standen nur
- Gott
- Mensch
- und der ganze Rest.
O.K., natürlich, dann gibt es eine Vielzahl menschengemachter Dinge, deren Abschaffung aber sicher nicht gottgewollt war. Warum bitte, so frage ich, müssen wir auf Polaroid-Kameras und Tonbandgeräte verzichten, sind Audiokassetten und Telexgeräte auf den Müll geflogen, gibt es fast nirgends mehr mechanische Schreibmaschinen und Datasetten, werken kaum noch Bleigießermeister, Fassner und Pferdedroschkenführer?
Letztere vielleicht in Berlin-Friedrichshain, aber das zählt nicht. Und warum sind diese ganzen bewährten Produkte in den unverdienten Orkus (!) der Geschichte gewandert? Weil es angeblich "bessere" Produkte, gibt, "leistungsfähigere" Techniken, "schlauere" Kunden und nicht zuletzt: Sachen, die "moderner" sind, besser "funktionieren" und angeblich weitaus mehr "Leistung" bei gleichen Preisen bieten. Ich frage Sie: Wer will das schon? Kurzum: All diese Technologien und Branchen wurden Opfer von gottlosem Teufelszeug!
Das allerdings möchten manche zum Glück nicht wahrhaben - ob es sich nun um Journalisten, Manager oder Betriebsräte handelt. Jede dieser drei Gruppen pflegt dabei ein eigenes hoffnungsvolles Exorzismus-Ritual:
"Männer, die auf Parkplätze starren" als E-Book
Noch mehr aus dem Management-Märchenwald Internet liefert das E-Book: "Männer, die auf Parkplätze starren" von Dirk Plos und Joachim Graf . Es kostet 3,99 Euro - also deutlich weniger als jeder Consultant pro Stunde verlangt.1. Der Journalisten-Exorzismus:
"Weiche aus dieser Welt, Du schmarotzende, schäbige Kostenloskultur"
Ines Pohl , die Chefredakteurin der TAZ, hat in einem bemerkenswerten Kommentar gemeint, der 13. November 2012 sei "kein guter Tag für unsere Demokratie" in Deutschland gewesen. Und, nein, damit meinte sie nicht die Abschiebung von Flüchtlingen durch eine grüne Landesregierung, sondern die Insolvenz der Frankfurter Rundschau. Denn diese unsere Demokratie lebe" davon, durch kritischen Journalismus geschützt zu werden". Die dahinter stehende Logik ist: Durch die Kostenloskultur des Internets kaufen die Menschen keine Tageszeitung (stimmt). Tageszeitungen machen kritischen Journalismus (naja) und, ganz wichtig: Je mehr es davon gibt, desto Demokratie (hä?).Marktsättigung, Produktlebenszyklus, Struktur- und Technologiewandel, verändertes Mediennutzungsverhalten, alles Kokolores: Wer Demokratie will, braucht nicht nur ein paar unabhängige Presseerzeugnisse, sondern möglichst viele davon! Nach der gleichen Logik ist das Datum der Schlecker-Insolvenz ein rabenschwarzer Tag für die Sauberkeit deutscher Haushalte gewesen (Reinigerverkauf!). Und die Neckermann- oder Quelle-Pleite eine Katastrophe allerheftigsten Ausmaßes für das bundesdeutsche Straßenverkehrswesen (Paketautos!).
Schuld ist - wie immer, wenn man sich in deutschen Unternehmen die eigene Unfähigkeit nicht eingestehen möchte - na? Genau: Dieses doofe Internet! Dieses doofe Internet, das bitteschön immer in einem Satz mit den Begriffen "Kostenloskultur", "Filesharing", "ADHS" oder "Bedrohung" zu gebrauchen ist. Und in klarem Gegensatz zu "Nachhaltigkeit", "Verantwortung", "Qua-li-täts-jour-na-lis-mus" und Solidarität steht.
Halten wir also fest: Das Internet ist böse! Google der Leibhaftige und das Leistungsschutzrecht beschützt die wahren Gläubigen. Amen.
2. Der Manager-Exorzismus:
"Weiche aus dieser Welt, Du preisfixierte, ungeduldige Schnäppchenkultur"
Manager sind ja per se die Hohepriester der Stillstandsanbetung. Gebetsmühlenartig wiederholen sie ihre Lieblings-Psalme:- "Das haben wir schon immer so gemacht"
- "Das haben wir noch nie so gemacht"
- "Die sollen erstmal beweisen, dass sie Geld verdienen können"
- "Das haben wir noch nie so gemacht"
Und wenn dann (ADNABU) tatsächlich mal einer Geld verdient (und man selbst zunehmend weniger), dann ist das nichts anderes als Hexerei. Und was macht man mit Hexen? Eben: verstecken, verbieten, verbrennen.
Da Manager (deutsch für: "Männer, die auf Parkplätze starren") im Bewahren des Alten allerdings die mit Abstand größte Erfahrung besitzen, haben sie mittlerweile auch Muster-Gebete entwickelt. Da muss man nur noch ein paar Lücken ausfüllen - und Zack! Hat man den perfekten Exorzismus gegen die digitale Hölle gefunden. Die Blaupause dieses Gebets geht so:
- "Wichtigstes Ziel ist es, das Wachstum der __________sparte gemeinsam mit dem Management beschleunigt voranzutreiben.
Im Vordergrund stehen dabei eine größere Marktpräsenz im In- und Ausland sowie die rasche innovative Integration der kanalübergreifenden Vertriebskonzepte.
Die Restrukturierung und strategische Neuausrichtung des ________geschäfts werden wir mit Nachdruck fortsetzen, um die Sparte zukunftsfähig zu machen.
Zudem soll die derzeitige Ausrichtung der Geschäftsbereiche _______________ ertragsorientiert fortgesetzt werden."
Halten wir also fest: Das Internet ist richtig böse! (Und Amazon und Zalando die Leibhaftigen).
3. Der Gewerkschafts-Exorzismus:
"Weiche aus dieser Welt, Du unsichere, asoziale und ausbeuterische Selbstständigenkultur!"
Seit kurzem habe ich ja "RTZUFGH" in Spiegelschrift auf meiner Stirn stehen. Das kommt daher, dass ich nach der Lektüre eines bestimmten Dokumentes unbedingt ganz heftig meinen Kopf auf meinen Tisch hauen wollte - und leider vergaß, die Tastatur rechtzeitig wegzuschieben. Es handelt sich um das Papier ' Crowdsourcing und Cloudworking: Gefahren für Gesellschaft und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer'. Es ist das Ergebnis einer Sitzung von Betriebsräten und Gewerkschafts-Aufsichtsräten großer deutscher IT-Unternehmen, die alle bei ver.di sind. Wer, die? Werden Sie sich jetzt vielleicht auch fragen. Ja, die… Nun ja, auf jeden Fall lautet das Ergebnis des Papers in Kurzform:
- "Coworking und Crowdsourcing sind doof."
Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder dahergelaufene Arbeitnehmer plötzlich selbstständig würde? In die Hölle kämen wir, jawohl! Keiner würde mehr für unsere Renten und Pensionen bezahlen (Selbstständige lösen sich nämlich nach ihrem aktiven Arbeitsleben selbstverständlich in Luft auf, deshalb haben sie auch keine Altersvorsorge)! Die Qualität von Arbeit würde plötzlich messbar und transparent (ich suche immer noch, was daran schlecht sein soll, aber bitte…). Und vor allem: Es würden ja gar keine Angestelltenverträge, also sicheren (wie in Schlecker, Neckermann, Frankfurter Rundschau, FTD, Quelle etc.) mehr abgeschlossen - und damit entzöge man den Betriebsräten ihre Existenzberechtigung.
Halten wir also fest: Das Internet ist superböse! (Und Freelancer.com der Leibhaftige). Weswegen man " Instrumente installieren muss, die es Auftraggebern unmöglich machen, sich durch die Einführung neuer Arbeitsmodelle der Verantwortung der Finanzierung des Gemeinwohls zu entziehen.". Sie ahnen es schon: Es ist ein "Oh mein Gott, wer denkt sich so etwas aus"-Ton.
"DU SOLLST NICHT NACH VORNE SCHAUEN!" (MGR II/2012)
Interessanterweise leiden unfassbar viele Branchen in Deutschland am WISSOW-Syndrom (Wir-Sind-So-Wichtig-Syndrom). Nehmen Sie Druckereien, Musikverlage, Verlagshäuser, Versandhändler, Werbeagenturen, PR-Berater oder Gewerkschaften: Sie alle haben ein massives Problem damit, einfach anzuerkennen, dass ihre bisherigen Geschäftsmodelle überholt, veraltet und nur noch mithilfe staatlicher Zwangsmaßnahmen wirksam sind.Aber warum ist das so? Nun, ganz einfach: Wegen der Man-Ager. Hören wir doch einfach mal rein in eine typische deutsche Vereins…, Quatsch, Vorstandssitzung:
- Chief Executive Officer: "Meine Herren, die Zahlen sind schlecht!"
Vice President Finances: "Nicht so schlecht wie im letzten Quartal!"
Chief Marketing Officer: "Natürlich nicht, unser Branding ist nach wie vor hervorragend! Ich habe gerade ein paar spannende Facts aus der letzten Mafo-Review bekommen, nach denen unsere Value Proposition im Relevant Set der Customer um 2 Prozentpunkte besser gescored wird!"
Kulturbeauftragter: "Hihi… hä?"
Chief Executive Officer: "Ja, Peter, ich weiß… aber sollten wir uns nicht doch mal Gedanken über eine Zukunftsstrategie machen?"
Chief Strategy Officer: "Strategien sind immer in die Zukunft gerichtet. Und ich möchte mal sagen, dass unsere, die nun schon bald dreißig Jahre alt wird, bisher ja auch ganz gut funktioniert hat!"
Chief Sales Officer: "Ich hab ja schon in der letzten Vorstandssitzung gefordert, dass meine Mannschaft aufgestockt werden muss. Und dass wir endlich wieder vernünftige Reisekosten- und Spesenregelungen haben müssen. Wie soll man denn noch was verkaufen, wenn man seinen Kunden nicht mal mehr nach Budapest…"
Chief Sustainability Officer: "O nein, bitte nicht schon wieder! Es gibt keinen Puff auf Firmenkosten, und damit basta! Weißt du überhaupt, was mich eure letzte Budapest-Eskapade gekostet hat? Nach Nassau musste ich den Flunker von der Brummkreisel Allgemeinen einladen, damit sein Artikel einen positiven Spin bekommt!"
Second Executive Vice President for International Business Development (in Vertretung für den Chief International Business Development Officer, der gerade mit dem International Head of Zero Relevance Market Development auf Geschäftsreise in Budapest weilt): "Würde die PR mal richtig arbeiten, stünden wir in einem besseren Licht da."
Chief Communications Officer: "Wie bitte?!"
Kulturbeauftragter: "Haaalt, Stopp, kein böses Blut hier, hihi! Eine gesunde Konfliktkultur gehört zu unseren Core Asset Values, erinnert ihr euch? Hm? Also… habt euch lieb, ja? Hihi!"
Chief Executive Officer: "So kommen wir nicht voran. Dieter, du hattest doch diese Beratung da…"
Chief Change Coordination Officer: "Du meinst PoPo - Power of Performance Optimization? Ja, die sitzen gerade an ihrem Abschlussbericht… ich musste da noch mal drübergehen, die können ja auch nicht alles, aber die ersten 174 Folien sehen schon ganz gut aus!"
Chief Executive Officer: "Prima, Frau Schneider-Hasenfuss, setzen Sie das bitte auf die Agenda für die nächste Tagung. So, nächster Tagesordnungspunkt…"
Denn schließlich: AGABU, sie wissen schon.
Übrigens, falls Sie jetzt glauben sollten, dieses Internet sei nur in den Chefetagen, Redaktionen und Gewerkschaftsbüros so unbeliebt, dann täuschen Sie sich gewaltig. Fakt ist: Niemand mag das Internet:
- Die Kulturwissenschaftler mögen das Internet nicht, weil es uns alle dumm, fahrig und asozial macht.
- Die Sprachwissenschaftler mögen das Internet nicht, weil es so niveaulos ist.
- Die Journalisten mögen das Internet nicht, weil sie
- a) plötzlich direkt von ihrem verachteten Publikum angesprochen werden und
b) weil sie sich mit einem Mal so beobachtet fühlen. - Die Kirchen mögen es nicht, weil es uns vom Beten abhält.
- Die Finanzämter mögen das Internet nicht, weil es selbstständig macht - und damit wird bei viel zu vielen viel zu viel steuerlich absetzbar.
- Die Politiker mögen das Internet nicht, weil zu viel Transparenz den Handlungsspielraum einengt und direkte Demokratie einfach nicht funktionieren kann. Außerdem ist die Sache mit den Doktorarbeiten irgendwie doof gelaufen.
- Die Parteifunktionäre mögen das Internet nicht, weil direkte Demokratie sie überflüssig machen würde.
- Die Piraten mögen das Internet nicht, weil es jedem einzelnen von ihnen ganz alleine gehört, und alle anderen draußen bleiben müssen, will man sich als Elite fühlen.
- Die Justiz mag es nicht, weil Facebook-Partys! Filesharing! Kinderpornographie! Killerspiele spielende Amokläufer! (Nichtzutreffendes bitte auf keinen Fall streichen).
Kommen wir also zur spannenden Frage: Was kann denn überhaupt einen in die Jahre gekommenen Konzern mit einem veralteten Geschäftsmodell noch retten? Ganz einfach: Ein neues Geschäftsmodell. Da Ihnen - als Internetnutzer und damit Quasi-Satanisten - leider die Konzentrationsfähigkeit sowie die Geduld für eine ausführliche Andacht, ich meinte, Erläuterung fehlt, hier meine Extrem-Kurz-Checkliste zum Ausdrucken, Einrahmen und Ignorieren:
- Sichtweise: Betrachten Sie das Internet als Chance, nicht als Bedrohung
iBusiness-Autor Dirk Ploss war bis Mai 2012 gläubiger Bereichsleiter Markenführung und Marketingkommunikation bei Otto und ist nun vom rechten Glauben abgefallen mit seiner Ploss Consulting im Bereich Onlinemarketing und Management. Als agnostischer iBusiness-Kommentator analysiert Dirk Ploss regelmäßig und sündhaft die wunderbare Welt von Unternehmen im nahen oder fernen Orbit rund um Interaktivmärkte aus der Innensicht.
Sein Buch über den Management-Märchenwald Internet zusammen mit dem Sünder Joachim Graf erscheint - wenn höhere Mächte es nicht verhindern können - im Sommer 2013.
