Jetzt zum Webinar anmelden
Agenturwert berechnen
November 2026 · Unser Geburtstagsgeschenk
35 Jahre iBusiness.
Im November alles frei lesen.
Zum Jubiläum öffnen wir alle iBusiness-Inhalte: vom 1. bis 30. November, für alle, ohne Anmeldung und ohne Bezahlschranke.
Alle Inhalte im November kostenlosRegistrieren Sie sich kostenlos und abonnieren Sie anschließend den iBusiness-Newsletter. So bleiben Sie bei den Themen auf dem Laufenden, die für Sie zählen.
Brexit-Umfrage: Das kommt auf die Digitalbranche zu
30.01.2019 Nur für einen Teil der Interaktiv- und ECommerce-Branche hat der Brexit im März Auswirkungen. Diese werden aber zum Teil heftig, wie unsere Branchenumfrage zeigt. Wir zeigen, was kommt, wer verantwortlich ist und wie Geschäftsführer jetzt auf den dräuenden No-Deal-Brexit reagieren müssen, der nach der gestrigen Abstimmung im Unterhaus wahrscheinlicher geworden ist.
HANDLUNGSRELEVANZ
|
|
Operativ |
Strategisch |
Visionär |
|
Technik |
|
|
|
|
Medien |
|
|
|
|
Wirtschaft |
|
|
|
|
|
heute |
morgen |
übermorgen |
Ein weiteres Viertel der Befragten erwartet entweder überhaupt keine Änderung im Geschäft oder sie halten die Auswirkungen für minimal, wie beispielsweise Fabian Kraffczyk , Geschäftsführer von Merchandising-Händler Impericon : "Da wir den Handel mit der Schweiz als Drittland bereits prozessual und steuerrechtlich abgebildet haben, können wir sicher verkaufsseitig recht schnell umstellen", ist er überzeugt.
Vor allem diejenigen, die kein physisches Warengeschäft betreiben, sondern digitale Services und Dienstleistungen anbieten, sehen den bevorstehenden Brexit entspannt. Oder sogar tiefenentspannt. "Vermutlich etwas mehr Aufwand in Verwaltung und Abrechnung, aber sonst? Es gab auch ein Leben vor der EU", argumentiert beispielsweise Ömer Atiker , der Geschäftsführer der B2B-Marketingagentur Click Effect . Auch Wilfried Beeck Geschäftsführer des Shopsoftware-Herstellers Epages sieht "keine gravierenden Änderungen" auf sich zukommen: "UK ist nach wie vor unser zweitgrößter Absatzmarkt nach Deutschland und wir erwarten nicht, dass sich daran etwas ändert, egal ob mit einem harten Brexit oder einer wie auch immer zu erwartenden anderen Lösung." Denn sein Business mit UK-Providern und Onlinehändlern, die Epages einsetzen, laufe auch nach dem März-Stichtag "ganz genauso weiter wie immer", davon ist er überzeugt.
Auch Thomas Rebmann , der Chef des Onlinehandels Lampenwelt , ist sich sicher: "In Summe sollten die Auswirkungen für das Geschäft mittelfristig aber überschaubar und kontrollierbar sein. " Auch wenn er davon ausgeht, dass sich ein harter Brexit kurzfristig sehr negativ auf das Konsumklima auswirken" wird.
Jeder Vierte erwartet konkrete Änderungen in seinem Geschäft
Noch nicht jeder ist in Bezug auf den Termin am 29. März so sorgenfrei. Mehr als jeder vierte Befragte (27 Prozent) berichtet uns von konkreten Änderungen, die ihn betreffen. Für viele sind es vor allem organisatorische Änderungen: "Als Onlinehändler haben wir in UK eine Steuernummer beantragt und uns für die steuerliche Anmeldung freigeschaltet. Außerdem wird ein UK Geschäftskonto in Pfund geführt und wir stellen Lieferanten von Euro- auf Pfund-Abrechnung um. Außerdem lagern wir bereits Ware im Land", erzählt Benjamin Göbel, Geschäftsführer des Ebay-Händlers Telefonino.de von seinen Vorbereitungen.
Jeder zehnte spricht von Umsatzrückgängen in der Folge des Brexit. Wie Geschäftsführer Martin Stolzenberger beim Onlineshop Bergzeit : "Wir rechnen mit einem deutlichen Rückgang der Aufträge. " Albert Wolfmayr , Eigner des Holzbrillengestell-Versandhändlers Wola wird da sogar konkreter: "Im Wesentlichen gehe ich von einem Umsatzrückgang in Höhe von drei Prozent aus, was mein gesamtes indirektes UK-Geschäft ist." Wegen des bevorstehenden Brexit hat er seinen Markteintritt ins Vereinigte Königreich auf die Zeit nach dem Brexit verschoben, erzählt er.
Deutlich weniger - insgesamt sechs Prozent der Befragten - können dem Brexit durchaus positive Seiten abgewinnen. Entweder, weil eine schwächer werdende Wirtschaft ihr eigenes Geschäft beflügelt: "Die Wirtschaft wird den Brexit negativ zu spüren bekommen. Das kann wiederum die Performance-Etats nach oben treiben", sagt zum Beispiel Karl Ott , CEO von Performance-Dienstleister ReachAd . Oder, weil die Konkurrenz von der Insel wegfällt oder zusätzliche Probleme bekommt, wie Stefan Mädl erzählt, der Geschäftsführer des Onlinehändlers für Helme, Helme Mädl : "In UK sind Helme von der Mehrwertsteuer befreit. Dadurch sind wir gegenüber englischen Händlern nicht konkurrenzfähig. Dafür drücken die englischen Händler aber massiv über Plattformen wie Amazon und Ebay in den deutschen Markt. Die Steuer wird von ihnen in den meisten Fällen nicht abgeführt." Weil sich das ändert, sieht er "dem harten Brexit positiv entgegen." "Möglicherweise sogar eine positive Auswirkung," sieht auch Daniel Herrmann , Geschäftsführer von Versandhändler Schrank & Stuhl , "da Mitbewerber aus England auf unserem deutschen Markt tätig sind", die es künftig seiner Ansicht nach schwerer haben werden.
Noch deutlicher formuliert es Erkan Kilicaslan , Managing-Partner und Investor bei Wagniskapitalist Iris Capital : "Der Brexit ist daher eine sehr positive Nachricht für uns, da sich Investitionen langsam von London nach Berlin sowie andere wichtige deutsche Städte bewegen werden."
Doch generell herrscht in der Branche die Meinung vor, wie sie Marcus Kerth , Geschäftsführer des auf PIM und E-Commerce spezialisierten Beraters Vision IT ausspricht - selbst, wenn er für sein Unternehmen durch den Brexit auch neue Kunden erwartet, die Beratungsleistungen für grenzüberschreitende E-Commerce-Projekte suchen: "Der Brexit bedeutet auch für die europäisch vernetzte E-Commerce-Branche eine weitreichende Zäsur und ganz klar auch einen Rückschritt.". Großunternehmen könnten die Brexit-Folgen "bestimmt meistern. Mittelständler und Gründer auf Dienstleister-, Shop- und Unternehmensseite haben es da schon weniger leicht."
Oliver Ueberholz , Geschäftsführer des Collaboration-Software-Anbieters Mixxt weist in diesem Zusammenhang auf die datenschutzrechliche Herausforderung des Brexit für Anbieter mit Cloud-Lösungen hin: "Nach einem potenziellen Hard-Brexit werden die Daten in ein Drittland exportiert, mit dem es höchstwahrscheinlich keinerlei Abkommen (rechtzeitig) geben wird". Mixxt hat daher jegliche eingekaufte Software hinsichtlich der Datenstandorte geprüft, ob sie immer noch DSGVO-konform ist.
Eine ganze Reihe der von uns Befragten berichteten, dass sie auf den Brexit reagieren, indem sie entweder das Produktportfolio ändern, den Lieferanten wechseln oder mit dem Unternehmen umziehen. Auch der Rückzug aus dem UK-Markt ist für den einen oder anderen eine Alternative. Manchen Freelancer und Kleinunternehmer der digitalen Wirtschaft trifft der Brexit besonders hart. Nämlich diejenigen, die in einer in England ansässigen Limited organisiert sind.
"Die Auswirkungen sind haftungs- und steuerrechtlich fatal", klagt beispielsweise die Powerpoint-Artistin Marion Koppitz , Geschäftsführerin des Grafik-Dienstleisters i-pointing Ltd. . Aus einer Limited werde eine Personengesellschaft, mit allen Konsequenzen: "Sollte es keine Übergangsregelung geben, wird das erst einmal sehr teuer, es fallen unter anderem hohe Steuern an", befürchtet sie. Sie bereitet eine Umfirmierung vor. Und fällt prompt in das Brexit-Chaos: "Leider werden wir es zeitlich, vor allem wegen der britischen Behörden, nicht mehr bis zum Austritt schaffen."
Die Mehrheit der digitalen Unternehmen ist nach eigener Ansicht vorbereitet
"Sind Sie vorbereitet auf den Brexit?", wollten wir von Deutschlands Digitalunternehmen wissen. Zwei Fünftel sind es gar nicht, warten ab oder haben noch nicht die richtige Strategie ausgewählt. "Nein" hat uns beispielsweise Silvan Dolezalek geantwortet. Der Geschäftsführer von CosmoShop ist der Überzeugung, eine Brexit-Vorbereitung ist so gut wie unmöglich, denn: Dies dürfte schwer möglich sein, da keiner genau weiß, was einen erwartet."
Vor allem die großen Unternehmen und Dienstleister der Digitalwirtschaft versuchen mehr oder weniger erfolgreich, sich auf eine Situation vorzubereiten, die weder vorhersehbar ist, noch in ihren Auswirkungen abzuschätzen: "Wir arbeiten seit mehr als 12 Monaten an verschiedenen Notfallplänen - trotz des herausfordernden politischen Umfelds", berichtet Sabine Hartmann , Verantwortliche für Corporate Communications and Responsibility bei der Deutsche Post DHL Group . Wie alle Logistik-Dienstleister müssen sie das Unmögliche möglich machen: Das Chaos nach einem möglicherweise unkontrollierten Austritt in den Griff zu bekommen. Eines ist ja klar: "Die Paketabwicklung ändert sich durch die notwendige Zolldeklaration der Waren. Für den Versand der Waren nach UK müssen zollrelevante Informationen vom Kunden bereitgestellt werden", wie Anne Putz , Head of Communication & Marketing bei DHL-Mitbewerber GLS , die Herausforderung für die gesamte ECommerce- und Versandhandelsbranche formuliert. Nur wenn diese Informationen vollständig und korrekt bereitgestellt seien, können KEP-Dienstleister eine reibungslose Import- und Exportabwicklung innerhalb der bestehenden Laufzeiten sicherstellen. Anne Putz hat noch einen Trumpf im Ärmel: "Das GLS-Netzwerk umfasst bereits mehrere Nicht-EU-Länder, sodass wir auf bestehende Lösungen zurückgreifen können und wir bieten zusätzliche Sonderlösungen an. Zudem profitieren wir davon, dass die GLS-Gruppe eine Tochtergesellschaft der Britischen Post ist."
Viele andere Dienstleister und Agenturen sind da eher vorsichtig und bereiten sich auf Einbußen vor: "Wir haben unseren Umsatz-Forecast dahingehend angepasst, als dass wir noch konservativer als in den Vorjahren planen", so Markus Keller , Geschäftsführer der Agentur Valtech.com . Tatsächlich ist nur ein Fünftel der Befragten der Überzeugung, dass sie ihr Unternehmen generell Brexit-fit gemacht haben. Den Wechsel von Hauptsitz oder Niederlassungen in den EU-Raum ist dabei die häufigste Einzelmaßnahme, gefolgt von Lieferantenwechsel sowie rechtlichen und finanziellen Anpassungen.
Wie schwierig das vor allem für die Unternehmen auf der Insel ist, zeigt ein Beispiel des Social-Shopping-Konzerns Spreadshirt. "Wir haben uns begrenzt auf den Brexit vorbereitet, was zumindest mehr ist als das, was die britische Regierung vorweisen kann", formuliert es uns gegenüber Spreadshirt -CEO Philip Rooke . Doch er ist davon überzeugt, dass alle Vorbereitung nichts nützt: "Allerdings werden wir, aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen eines harten Brexits, unsere Erwartungen an den britischen Markt herabstufen. "
Die Brexit-Vorbereitung, das wird nach Auswertung der mehreren hundert Antworten deutlich, die in der Redaktion eingingen, ist ganz oben angesiedelt bei den Unternehmen der Digitalwirtschaft. Mehr als die Hälfte derer, die eine Brexit-Vorbereitung als nötig erachten (53 Prozent), gaben an, dass die Geschäftsleitung dafür zuständig ist. Rechnet man diejenigen hinzu, die die Entwicklung "im Auge behalten" oder "dann reagieren, wenn es nötig ist", ist der CEO-Anteil bei den Brexit-Vorbereitungsverantwortlichen deutlich höher. Finanz- und Rechtsverantwortliche planen bei einem Viertel der Unternehmen die Maßnahmen. Eigene Brexit-Teams haben nur die wenigsten. Das sind vor allem die ganz großen Unternehmen.
