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Vorläufer-Lüge: Wieso Deutschland US-Erfolge nicht nachbauen kann
07.07.2014 Was heute im Internet in den USA und in England erfolgreich ist, kommt zwei Jahre später in Deutschland an? Die Legende von den Vorläufermärkten ist ebenso hartnäckig wie falsch. Wie man Zukunftstrends für das eigene Geschäft tatsächlich erkennt.
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Sinn und Zweck dieser These ist häufig, Investoren und Kunden für die deutschen Varianten amerikanischer Erfolgskonzepte zu gewinnen. So argumentierten beispielsweise die Verfechter des (bis heute nicht in Deutschland angekommenen) Couponing-Booms.
Doch die These von den Vorläufermärkten hat einen großen Fehler: Sie ist falsch. USA, UK und BRD sind drei Märkte mit eigenen Charakteristika und eigenen Gesetzen. Vor allem ist es Unfug zu behaupten, Deutschland hinke - wo auch immer - hinterher.
Die Zerstörung einer These voller Irrtümer
Der deutsche Markt hinkt eben nicht immer dem US-Markt hinterher. Manchmal ist er ihm sogar voraus, manchmal läuft er in komplett andere Richtungen. Das zeigt sich etwa, betrachtet man den falschen Freund Entwicklung des EBook-Marktanteils.
| Die EBook-Märkte in USA und Deutschland | |
|---|---|
Immerhin zeigt der Marktvergleich: E-Books funktionieren grundsätzlich marktübergreifend. Was mehr über die E-Books als über die Märkte verrät. Aber ebenso gibt es Produkte und Phänomene, die rein US-amerikanisch sind. Wie etwa das Couponing.
| Nutzung von Coupons in den USA und Deutschland | |
|---|---|
Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen mobilem und nicht-mobilem Couponing, doch ist die Lücke zwischen beiden Zahlen zu groß, um nicht daraus Schlüsse zu ziehen:
- Couponing kommt als Phänomen nicht bei den deutschen Mobilnutzern an; offenbar ist es bereits bei den Onlinenutzern per se nicht überzeugungskräftig genug, um auf die Mobilnutzer abzustrahlen.
- Couponing zeigt in den USA eine relativ konstante Verbreitung, Tendenz leicht steigend: Couponing liegt in der amerikanischen DNA, nicht in der deutschen.
- Offenbar sind die Amerikaner mit Coupons aufgewachsen, die Deutschen haben unter dem Schirm des Rabattgesetzes jedoch kaum Bekanntschaft mit dem Feilschen und Vergünstigen gemacht. Hinzu kommt, dass der deutsche Markt so preisgetrieben ist, dass Anbieter oft von vornherein am Minimalstpreis operieren.
Ebenfalls keinen Zwei-Jahres-Vorsprung gibt es bei den Marketinginvestitionen.
| Die Deutschen und die Investitionen ins Marketing | |
|---|---|
Auch eine weitere Zahl ist in diesem Zusammenhang interessant: Die Entwicklung der Anteile von in Echtzeit gehandelten Displayanzeigen - also der Anteil von Real Time Bidding am Displaymarkt.
In den USA sehen diese Zahlen wie folgt aus:
- 2011: 11 Prozent
- 2012: 19 Prozent
- 2013: 28 Prozent
In Deutschland:
- 2011: 2 Prozent
- 2012: 7 Prozent
- 2013: 14 Prozent
Mit einer Zweijahresverzögerung eingerechnet sieht dies zunächst vergleichsweise analog aus: 11 und 19 Prozent in den USA in 2011 und 2012 stehen 14 und 17 Prozent in Deutschland zwei Jahre später gegenüber. Damit wäre eine ungefähre Vorläuferrolle des US-Marktes für Deutschland gegeben. Dumm nur: Bei den US-Zahlen geht es um Geld (Marktanteil in Dollar und Cent der Displayausgaben). Bei den deutschen Zahlen geht es um Ad Impressions (also Anteile an bunten Bildchen). Da die deutschen Publisher auf ihrem vermeintlichen Premiuminventar (den teuren Displayflächen) hocken und sie vor dem Zugriff durch Echtzeitbörsen schützen, darf man davon ausgehen: Die Prozentwerte oben sehen zwar ähnlich aus, die deutschen Anteile an den Investitionen dürften aber nur einem Bruchteil der US-Umsätze entsprechen. Weil in Deutschland nur billiges Inventar per RTB gehandelt wird - denn hierzulande ist das Mediageschäft nicht technik- sondern menschen- und traditionsgetrieben. Bis also teures Inventar und damit hohe Umsatzanteile am Displaygeschäft erschlossen werden, wird es noch lange dauern. Länger als in den USA. Die sind auch hier wieder kein Vorläufermarkt. (Entsprechendes hatte iBusiness bereits in seiner Analyse des RTB-Marktes Deutschland festgestellt).
Manchmal ist der deutsche Markt auch schneller als der US-Markt.
| Die bevorzugten mobilen Betriebssysteme in Deutschland, UK und USA | ||
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Neben dem Irrtum von einem Zweijahresvorsprung gibt es den anderen, fundamentaleren Irrtum, die Märkte seien in mancher Hinsicht überhaupt vergleichbar. Das zeigt sich etwa in einer vollkommen anderen Bedeutung des sozialen Netzwerkens in Deutschland.
| Die Deutschen und das Web vs. die Deutschen und das Social Web | |
|---|---|
- Im Flächenland USA haben soziale Medien eine höhere Bedeutung, weil die Distanzen zwischen den Menschen größer sind - Social Media egalisiert die Defizite im menschlichen Kontakt.
- In den USA ist die Angst weniger verbreitet, in Social Media ausspioniert oder beraubt zu werden.
- Die meisten sozialen Medien sind amerikanische Produkte - ihre Nutzung ist also offenbar sowohl näher an der amerikanischen Mentalität angesiedelt als auch weniger patriotischen Hemmschwellen ausgesetzt (man denke an die Diskussion, deutsche Daten sollten in Deutschland beheimatet sein).
Ebenfalls unüberbrückbar: Die Differenzen beim Onlinemarketing.
| Der deutsche Werbemarkt und die Rolle des Onlinemarketings | |
|---|---|
Eine weitere Ursache scheint auch die Attitüde der deutschen Verbraucher gegenüber Werbung zu sein.
| Die Deutschen und das Vertrauen ins Marketing | ||
|---|---|---|
- Allgemeine Technologieskepsis
- Höheres Datenschutzbewusstsein
- Anti-digitale Berichterstattung in den analogen Medien
| Die Deutschen, Engländer und Amerikaner und der E-Commerce |
|---|
Die iBusiness-Analyse zeigt:
- Nicht jeder US-Trend landet automatisch erst in UK und dann in Deutschland
- Nicht alles, was in den USA oder in England funktioniert, funktioniert auch in Deutschland
- Die Entwicklung von Trends in den USA und Deutschland läuft oft sogar parallel, manche Techniken, Anbieter und Systeme funktionieren in Deutschland sogar besser als in den USA (Google, zum Beispiel)
Daraus folgt zur Einschätzung von Zukunftstrends, dass man nicht nur die technische Entwicklung, sondern auch die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Besonderheiten der drei Märkte vergleichen muss, bevor man einschätzen kann, ob sich ein US-System/-Technik/-Anbieter in Deutschland durchsetzen kann - und wann. Manchmal muss man einfach den Pinterest machen: Einen Superdupermegatrend einfach ignorieren, weil er hierzulande keiner wird.

