Jetzt zum Webinar anmelden
November 2026 · Unser Geburtstagsgeschenk
35 Jahre iBusiness.
Im November alles frei lesen.
Zum Jubiläum öffnen wir alle iBusiness-Inhalte: vom 1. bis 30. November, für alle, ohne Anmeldung und ohne Bezahlschranke.
Alle Inhalte im November kostenlosRegistrieren Sie sich kostenlos und abonnieren Sie anschließend den iBusiness-Newsletter. So bleiben Sie bei den Themen auf dem Laufenden, die für Sie zählen.
Zerfall der Agenturstruktur: Der Triumph des deutschen Steuersystems
02.12.2021 90 Prozent aller UnternehmerInnen haben hierzulande eine Firmenstruktur, die sie behindert. Wie Agenturen das deutsche Steuersystem besser für sich nutzen können:
HANDLUNGSRELEVANZ
|
|
Operativ |
Strategisch |
Visionär |
|
Technik |
|
|
|
|
Medien |
|
|
|
|
Wirtschaft |
|
|
|
|
|
heute |
morgen |
übermorgen |
Hier zwei Cases aus unserer Arbeit bei Müllers Garage, die typisch für die UnternehmerInnensituation in Deutschland sind. Zwei für diesen Artikel abgewandelte Fälle zeigen, welche Möglichkeiten UnternehmerInnen haben, sich selbst etwas Last von den Schultern zu nehmen: für ihre Unternehmen, für die eigenen MitarbeiterInnen und ganz wichtig - denn das vergessen viele engagierte UnternehmerInnen - für sich selbst.
Beispiel 1
Sandra meldet sich bei uns, und sofort spüren wir die Energie, mit der sie bei der Sache ist. Sie ist 42, hat vor knapp fünf Jahren ihre eigene Agentur gegründet. Jetzt beschäftigt sie zwölf MitarbeiterInnen und ist auf Wachstumskurs. Das ist auch der Grund ihres Anrufs. Sie möchte sich vergrößern, vielleicht eine andere Agentur übernehmen. Und fragt, ob wir ihr dabei helfen können. Klar, können wir. In der Analyse fragen wir wichtige Kennzahlen und Unternehmensdaten ab:
- Unternehmensform: e.K. (Einzelunternehmen)
- Gesellschafter: 100% Sandra
- Rohertrag 2020: 900 TEUR
- Jahresgewinn 2020: 200 TEUR (inkl. UnternehmerInnenlohn!)
- Rohertrag 2021: 1.200 TEUR
- Jahresgewinn 2021: ca. 280 TEUR (inkl. UnternehmerInnenlohn)
- Umsatzanteil größter Kunde: 30%
- Abhängigkeit von einzelnen MitarbeiterInnen: Ja
Auch wenn diese Kennzahlen auf den ersten Blick gut aussehen, legen sie mehrere typische Probleme von vielen Agenturen offen.
1. Die zwei Steuersysteme
In Deutschland gibt es grob gesagt zwei Steuersysteme. Eines für den privaten und eines für den Unternehmenssektor. Im privaten liegt die Steuer zwischen 0 und 45 Prozent und wird als Einkommensteuer vom Finanzamt einbehalten. Wichtig hierbei ist, dass es (fast) keine Rolle spielt, wofür das Geld verwendet wird. Der Staat fordert seine Steuern pauschal auf das gesamte Einkommen und im Voraus. Zusätzlich kommen meist noch Sozialabgaben hinzu - das kann man als Unternehmer vermeiden.Auf der anderen Seite gibt es auch Steuern für Unternehmen. Wichtigster Unterschied ist, dass Unternehmen im Gegensatz zu Privatpersonen Steuern nur auf Gewinn und nicht auf das gesamte Einkommen entrichten. Außerdem liegt der Steuersatz von Unternehmen bei 15 Prozent Körperschaftsteuer und in der Regel zwischen sieben und 17,5 Prozent Gewerbesteuer - abhängig vom Hebesatz der Gemeinde. In den meisten Fällen beträgt die Gewerbesteuer ebenfalls rund 15 Prozent.
Privatpersonen haben Einkommen, wie es in Klammern steht. Und das müssen sie versteuern. Privatpersonen dürfen nur ganz begrenzt "Kosten" von ihrem zu versteuernden Einkommen abziehen. Damit wird quasi das ganze Einkommen (=Umsatz) einer Privatperson versteuert.
Sandra profitiert als Unternehmerin erst einmal davon, dass nur der Gewinn zu versteuern ist. Allerdings besteht bei ihr keine Grenze zwischen ihrem Unternehmen und ihr selbst. Damit muss sie den gesamten Gewinn mit ihrem privaten Steuersatz statt mit den viel günstigeren Steuersätzen eines Unternehmens versteuern. Das ist akzeptabel, wenn sie wirklich den gesamten Gewinn für privaten Konsum benötigt. Im Fall von Sandra hat sie aber einen Großteil der Gewinne für spätere Investitionen, wie beispielsweise in den Kauf einer anderen Agentur, zurückgelegt. Durch die Wahl der Unternehmensform Einzelunternehmen (das gilt für alle Personengesellschaften) hat sie hier aber leider keine Möglichkeit, das nicht für privaten Konsum benötigte Geld "steuergünstig zu parken". Wie sich dies im Vergleich zu einer GmbH auswirkt, zeigt nachfolgende Tabelle:
| Im Einzelunternehmen | ||
|---|---|---|
| Kategorie | 2020 | 2021 |
| Gewinn | 200 TEUR | 280 TEUR |
| Lohnsteuer inkl. Soli | 80 TEUR | 116 TEUR |
| Netto-Lohn | 120 TEUR | 164 TEUR |
| Private Konsumausgaben | 60 TEUR | 60 TEUR |
| Investitionsrücklage | 60 TEUR | 104 TEUR |
| Gesamt: 164 TEUR Investitionsrücklage | ||
| Vergleich GmbH | ||
|---|---|---|
| Kategorie | 2020 | 2021 |
| Gewinn | 200 TEUR 90 TEUR Gehalt für GF (=60 TEUR netto) | 280 TEUR 90 TEUR Gehalt für GF (=60 TEUR netto) |
| Gewinn vor Steuern | 110 TEUR-33 TEUR KSt. + GewSt. =87 TEUR Investitionsrücklage (=45% mehr!) | 190 TEUR-57 TEUR KSt. + GewSt. =133 TEUR Investitionsrücklage (=28% mehr!) |
| Gesamt: 220 TEUR Investitionsrücklage (=+34%) | ||
Sandra hätte alleine durch eine andere Unternehmensform 34 Prozent mehr Kapital zur Verfügung für ihr Vorhaben, sich an einer anderen Agentur zu beteiligen, die engagierte Agenturchefin hat damit 56.000 Euro zu viel Steuern innerhalb von zwei Jahren bezahlt. Außerdem hätte sie durch die GmbH noch weitere Möglichkeiten, ihre Steuerlast zu senken.
2. Das private Haftungsrisiko
UnternehmerInnen gehen bewusst Risiken ein. Sie haben gegründet und damit bewusst einen vermeintlich sicheren Weg im Angestelltendasein verlassen. Trotz allen Mutes sollten aber auch sie Vorkehrungen treffen, um sich und ihr Privatvermögen zu schützen. Denn anders als bei Angestellten haben UnternehmerInnen meist keine pfändungssichere Altersvorsorge.Auch bei Sandra drohen Risiken durch ihre Selbstständigkeit. Der größte Kunde könnte kündigen, wichtige MitarbeiterInnen das Unternehmen verlassen, weltweite Krisen, oder eine Bestandskunden-Klage, die sich über Jahre hinzieht, auf die Stimmung drücken. Problematisch sind auch - egal ob unbegründet - eventuell stattfindende Ermittlungsverfahren gegen die Unternehmensleitung. Diese müssen bei fast allen Ausschreibungen angezeigt werden und führen i.d.R. zur Disqualifikation des Unternehmens bei der Ausschreibung. Es gibt also eine Reihe von Risiken, die UnternehmerInnen nicht selbst in der Hand haben.
Sandra kann in solchen Fällen ihr Privatvermögen nicht vor dem Durchgriff der Gläubiger schützen, muss also Löhne und Gehälter im Zweifel von ihren Ersparnissen weiterbezahlen. Auch hier schafft eine GmbH einen ersten Schutzmantel und für die Unternehmerin.
Beispiel 2
Bernhard meldete sich bei uns ebenfalls mit einer erfolgreichen Agentur. Er ist Anfang 60 und möchte in den nächsten zwei bis fünf Jahren sein Unternehmen an einen Nachfolger übergeben. Seine Agentur hat stabile Gewinne erwirtschaftet und auch die Krise konnte keine Schäden anrichten. Sein Unternehmen hat er als GmbH gegründet. In der Analyse haben wir erfahren:
- Unternehmensform: GmbH
- Gesellschafter: 100% Bernhard
- Rohertrag 2020: 3.200 TEUR
- Jahresgewinn 2020: 300 TEUR
- Rohertrag 2021: 3.500 TEUR
- Jahresgewinn 2021: 450 TEU
- Cash-Reserven in der GmbH: 950 TEUR
Auch hier sehen die Zahlen gut aus, und Bernhard hat es verstanden, in den vergangenen Jahren seine Agentur erfolgreich zu führen. Der Gedanke, sich nun mit einer Nachfolge oder einem Exit zu beschäftigen, ist absolut richtig. Bernhard hat kaum private Altersvorsorge und braucht das Geld aus dem Verkauf für seine verdiente Rentenzeit. Nun zeigen sich aber auch in diesem Fall zwei Probleme:
Problem 1: 950 TEUR Cash auf dem Konto der Agentur
Wie bereits bei Sandras Beispiel gesehen, gibt es für Unternehmen erhebliche Risiken, die aus dem operativen Geschäft resultieren. Um sein Privatvermögen zu schützen, hat Bernhard eine GmbH gegründet und sogar nicht benötigte Gewinne in der GmbH gelassen - auf dem ersten Blick perfekt. Allerdings sind diese 950 TEUR nun allen Risiken der operativen Gesellschaft ausgesetzt. Ein unangemessen hohes Risiko, schließlich dient das Kapital zumindest teilweise auch Bernhards Altersvorsorge.Die Lösung hierfür ist hier einfach. Durch die Gründung einer Holding-GmbH und die Einbringung seiner Agentur als 100% Tochter der Holding GmbH kann Bernhard nun seine Cash-Rücklagen fast steuerfrei an die neue Holding ausschütten und somit vor den operativen Risiken des Agenturgeschäfts schützen. Das könnte er beispielsweise mit 650 TEUR machen und 300 TEUR als Kapital in der operativen GmbH belassen. Für die Ausschüttung der 650 TEUR an die Holding zahlt Bernhard dann lediglich ca. 1,5 Prozent Steuern - also 9,75 TEUR. 640 TEUR kommen netto in seiner Holding an und können dort von ihm für Gehaltszahlungen im Rentenalter oder Investitionen verwendet werden.
Achtung: Wichtig ist, dass Bernhard unter keinen Umständen einen Ergebnisabführungsvertrag zwischen der operativen GmbH und der Holding abschließt (meist auch als Gewinnabführungsvertrag bezeichnet). Denn hierdurch baut sich Bernhard eine Haftungs-Brücke und zerstört so das Konstrukt.
Problem 2: Hohe Steuern beim EXIT
Will Bernhard seine Agentur verkaufen und erzielt einen Kaufpreis von 4x 450 TEUR = 1.800 TEUR, dann muss er dafür in seiner aktuellen Situation ca. 500 TEUR Steuern bezahlen. Denn die Verkaufserlöse werden nach dem Teileinkünfteverfahren versteuert. 60 Prozent des Verkaufsgewinnes werden hierbei mit dem individuellen Einkommensteuersatz versteuert. Und bei einer so großen Einmalzahlung liegt man dabei unmittelbar bei 45 Prozent Spitzensteuersatz.Auch hier wäre die Holding wieder die geeignete Lösung. Denn auch die Verkaufserlöse in Höhe von 1.8 Millionen Euro müssen in einer Holding nur mit ca. 1,5 Prozent versteuert werden. Statt 500 TEUR würde sich die Steuerlast damit auf 27 TEUR reduzieren. Das Geld liegt dann in der Holding und kann hier u.a. für Gehaltszahlungen/Renten an Bernhard im Rentenalter verwendet werden. Außerdem kann sich Bernhard das Geld auch leihen, um damit im Privaten Vermögenswerte wie Immobilien zu kaufen. Falls Bernhard bereits privat eine Immobilie seit mehr als zehn Jahren besitzt, bietet es sich oft an, diese an die Holding zu verkaufen und so den Kaufpreis steuerfrei ins Privatvermögen zu überführen.
Einen Haken gibt es hierbei allerdings. Bringt Bernhard seine Agentur in eine Holding ein, profitiert er erst nach sieben Jahren von der vollständigen Steuerersparnis beim Verkauf. Früh anfangen lohnt sich also! Da Bernhard bis zum Verkauf noch zwei bis fünf Jahre Zeit hat, wird er von einer solchen Umsetzung noch zu einem großen Teil profitieren können. Diese Beschränkung gilt übrigens für die Gewinnausschüttung unter Punkt 1 nicht. Hier kann sofort die günstige 1,5%-Versteuerung genutzt werden.
Epilog
Beide Fälle zeigen nur die Spitze des Eisberges, aber auch wie wichtig es ist, sich mit dem Thema Steuern oder Steuerstrategien als Unternehmer zu beschäftigen. Setzt man seine Steuerstrategie richtig um, kann man so Risiken reduzieren, die finanziellen Möglichkeiten stark erweitern, eine tolle Absicherung für das eigene Alter erreichen und seinen MitarbeiterInnen einen sicheren und zukunftssicheren Arbeitsplatz gewährleisten.Hinweis: Alle Informationen wurden vereinfacht dargestellt und sind ohne Gewähr. Ich bin kein Steuerberater. Jeder sollte seine persönliche Situation mit einem wirklich kundigen Steuerberater besprechen.
Im Rahmen dieser Artikelreihe werden verschiedene Aspekte der richtigen Agenturführung, Agenturoptimierung, des Agenturkaufs und der Integration einer Agentur beleuchtet. Bereits erschienen sind: Agenturen: Blau machen für die richtige Positionierung, Insolvenz-Diagnose für Agenturen: So bleiben Sie gesund und Agenturgeschäft: There's no business like new business.
iBusiness-Autor Claus Weibrecht ist geschäftsführender Gesellschafter von Müllers Garage , Deutschlands Business-Beratung von Agenturchefs für Agenturchefs und CMOs. Gemeinsam mit seinen beiden Mitgründern David Eicher und Frank Müller hilft er diesen, schwierige Zeiten zu überwinden, neue Perspektiven zu finden oder den ersehnten Exit zu schaffen. Er selbst gründete eine Reihe von erfolgreichen Unternehmen u.a. mit 16 Jahren, als jüngster Unternehmer Thüringens, die heute 35 Experten umfassende Digital Agentur IronShark GmbH und teilt sein Wissen regelmäßig in Vorträgen und Veröffentlichungen.
