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Der geheime Burnout: Warum Interaktiv-Gründer besonders gefährdet sind - und was hilft
12.08.2016 Der Druck ist hoch, die Zeit knapp und die Arbeit ambitioniert. Unternehmensgründer gehören zu den Hochrisiko-Gruppen für Burnout-Erkrankungen. Dabei ist die Diagnose für sie extrem existenzbedrohend. Denn Burnout ist in acht Prozent aller Fälle für das Scheitern eines Start-ups verantwortlich. Wie erschöpfte Gründer die Vorzeichen erkennen, die Handbremse ziehen, richtig mit Kapitalgebern kommunizieren - und wie sie von Beginn an eine stressfreiere Firmenkultur aufbauen.
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Auch heute glaubt sie, den Erfolg eines Start-ups anhand des Härtegrads der Arbeit seiner Gründer voraussagen zu können. Ihr Mann, der VC-Investor Zachary Bogue, betreibt einen Co-Working-Space in San Francisco. "Wenn Sie an einem Samstagnachmittag dort vorbeigehen, kann ich Ihnen sagen, welche Start-ups erfolgreich sein werden, ohne genau zu wissen, was sie tun. Am Wochenende zu arbeiten, ist ein wichtiger Indikator für den Erfolg. Denn Start-ups werden nur durch harte Arbeit erfolgreich."
Doch die Grenzen zwischen harter Arbeit und zu harter Arbeit sind fließend. Das erfahren immer wieder Gründer, Interaktivarbeiter und überhaupt immer mehr Angestellte und Selbstständige in Deutschland, die sich über zu lange Zeit zu viel zumuten. Das hat auch Don Dahlmann, Journalist, Autor und PR-Berater, der unter anderem für Gründerszene schreibt und den Racingblog betreibt, erkannt. Auf Facebook bekannte er sich offiziell zu einem "chronischen Erschöpfungssyndrom". Ganz offen schreibt er, dass er aufgrund seiner Krankheit fast zwei Monate kaum arbeiten konnte, obwohl er sich körperlich nicht krank fühlte.
Aber eben psychisch: "Überarbeitung und Erschöpfung sind in unserer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft etwas, das man ignoriert", schreibt er. "Habe ich ja auch. Geht schon wieder weg. Mal ausschlafen. Oder ein Wochenende im Bett bleiben." Aber er habe festgestellt: "Nein, das geht so nicht weg. Das wird schlimmer, je länger man es ignoriert."
Fehltage: Psychische Krankheiten übertreffen Krebserkrankungen
So wie ihm geht es vielen - nur die meisten sprechen nicht darüber. "Weil Erschöpfung in unserer Gesellschaft ja immer ein Stigma ist", begründet Dahlmann die Verschwiegenheit. Dabei nimmt die Zahl der psychisch Kranken in Deutschland zu. Laut einer aktuellen Auswertung der DAK-Gesundheit stieg im ersten Halbjahr 2016 nicht nur die Zahl der Krankschreibungen allgemein, sondern auch die der Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen. Bei ihnen wuchs die Zahl der Fehltage um 13 Prozent. Der Anteil der Ausfalltage aufgrund von psychischen Erkrankungen liegt demnach bei 16 Prozent (1. Halbjahr 2015: 15 Prozent). Frauen fehlten mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen fast doppelt so häufig wie Männer. Die Betroffenen fielen besonders lange aus: Im Schnitt waren es 35 Tage. Die durchschnittliche Erkrankungsdauer von psychischen Erkrankungen übertraf somit sogar die von Krebserkrankungen, die bei nur 32 Tagen liegt.Besonders hart trifft es Gründer von Internetunternehmen. In einer Branche, in der nach außen immer Friede, Freude, Eierkuchen herrscht und der persönliche Erfolg auch anhand von Social-Media-Kontakten und -Interaktionen gemessen wird, kann man sich die wohlverdiente Auszeit scheinbar noch seltener gönnen als in anderen Berufen. Das Geschäftshandy bleibt schließlich immer an, über Twitter-Interaktionen wird man per Push-Mitteilung informiert und da Privates und Geschäftliches komplett verschwimmen, sind Geschäftspartner, Kollegen und Mitarbeiter gleich Freunde und umgekehrt. Dem Thema Arbeit kann man sich kaum noch entziehen.
Mehr Gründer stehen vor einem Burnout, als sie sich bewusst sind
Die Arbeit - die den meisten Interaktiven angeblich so viel Spaß bereitet, in der sie aufgehen, und die ihr Leben ist - wird schnell zur unbemerkten Belastung. Aber man will sich den chronischen Stress als Gründer, Unternehmer oder Interaktivarbeiter nicht eingestehen. Die anderen machen das ja auch und sind scheinbar glücklich damit. Doch wenn alle sich gegenseitig pushen und anstacheln und sich niemand traut, einen Gang zurückzuschalten, kann das schon mal zum kollektiven Burnout führen.Der wird aber garantiert unter Verschluss gehalten. Schließlich will der Erschöpfte irgendwann wieder zurück ins normale Arbeitsleben, aber nicht mit dem Burnout-Stempel auf der Stirn herumlaufen. Dieses Dilemma kennt Marcel Kaffenberger nur zu gut. Mit Gründerpilot coacht er Start-up-Unternehmer und hatte auch schon einige Gründer mit Burnout in der Beratung - nebenbei ist er selbst Gründer. "Meiner persönlichen Erfahrung nach stehen mehr Gründer vor einem Burnout, als sie sich bewusst sind." Die Stressbelastung unter Gründern sei schließlich beachtlich hoch und die Grenze zum Burnout fließend. "Das liegt unter anderem daran, dass viele Gründer trotz hochgradiger Erschöpfung und Stressbelastung einfach weitermachen, zum einen, weil sie aus existenziellen Gründen müssen, zum anderen, weil sie glauben, einfach immer funktionieren zu müssen." Seiner Erfahrung nach treffen bei Start-up-Gründern gleich mehrere Faktoren zusammen, die die Burnout-Gefahr steigern:
Warum besonders Gründer durch Burnout gefährdet sind
- Bei einer Gründung steht fast immer die eigene Existenz auf dem Spiel, manchmal sogar noch die der eigenen Familie oder von Gründungspartnern. Das per se verursacht bei vielen Persönlichkeitstypen Stress.
- In der Gründungsphase sind einige entscheidende Ressourcen chronisch unterrepräsentiert. Zum Beispiel Zeit, Mitarbeiter und Geld.
- Der Anspruch an die eigene Arbeit und die eigene Person ist bei vielen Gründerpersönlichkeiten sehr hoch.
- Anders als in den USA gibt die Gründungskultur in Deutschland vor, dass Scheitern als Versagen gilt, was den Druck weiter verstärkt.
- Das eigene Umfeld wie Freunde, Familie, Partner tragen das hohe Arbeitspensum oftmals nicht mit und setzen die Gründer zusätzlich unter Druck.
- Ein weiterer wichtiger Stressfaktor sind Konflikte unter den Gründungspartnern, die durch das stressige und anstrengende Umfeld noch befeuert werden.
- Im Gegensatz zu anderen Unternehmen und Managern bewegen sich Gründer in einem besonders volatilen Umfeld, in dem kaum Sicherheiten und weniger gewachsene, erprobte Strukturen vorherrschen.
- Viele Gründer sind sehr jung und wissen noch nicht genau, welche Belastungen sie ihrem Körper und Geist zumuten können, und welche eben nicht.
- Die digitalen Medien verschärfen den Trend, dass die Work-Life-Balance obsolet wird: Ständige Erreichbarkeit, nochmals kurz vor dem Schlafengehen die E-Mails checken und ständig auf dem Smartphone Nachrichten abrufen, verkürzt die Erholungszeit zwischen den ohnehin langen Bürozeiten zusätzlich.
Fast immer wäre Burnout kurzfristig vermeidbar
Offizielle Zahlen zum Burnout in der Start-up- oder Interaktivbranche gibt es allerdings nicht, genauso wenig wie konkrete Beispiel in der Presse. "Das Thema wird halt totgeschwiegen", beobachtet auch Alexander Hüsing, Gründer von Deutsche-startups.de . Guido Hegener, Managing Partner bei Digital Health Ventures (DHV) , einem auf Digital Health spezialisierten Venture Capital Fonds in Berlin, hat einen ähnlichen Eindruck: "Es ist schwierig, sich dazu ein umfassendes Bild zu machen, da die betroffenen Personen damit unterschiedlich offen umgehen. Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch, und ich habe den Eindruck, dass Burnout weit verbreitet ist." Einen Eindruck über die Dimension gibt eine Untersuchung von CBS Insights aus den USA: Sie zeigte 2014, dass Burnout in acht Prozent aller Fälle für das Scheitern eines Start-ups verantwortlich ist.
Da Burnout eine Krankheit ist, die schleichend kommt und sich mit deutlichen Vorzeichen ankündigt, ist sie theoretisch in vielen Fällen vermeidbar. "In unseren Coachings selbst merken wir nach erschreckend kurzer Zeit, wie viel Spielraum und Veränderungspotenzial fast jeder Gründer hat", berichtet Marcel Kaffenberger. Leider holten sich viele erst professionelle Hilfe, wenn die Erschöpfung schon sehr weit fortgeschritten und Liquidität und Motivation fast am Ende sind.
Das liegt vor allem an der Mentalität in der Branche. Denn Erschöpfung und Schwäche haben mit der Start-up-Szene oberflächlich betrachtet nichts gemeinsam. Frei nach dem Motto "Work hard, play hard" wird schillernden Gründerfiguren und deren Erfolge nachgeeifert - ohne dass man die wahre Geschichte hinter den Menschen kennt. Wer nicht einwandfrei funktioniert, passt nicht ins Raster. Aus Angst durchzufallen werden persönliche Probleme so lange verschwiegen, bis es zur totalen Erschöpfung kommt. Dabei funktionieren auch die Besten nicht immer perfekt, weiß Kaffenberger: "Wenn ich die Namen meiner Kunden anderen Gründern nennen würde, was ich aus Gründen hundertprozentiger Verschwiegenheit natürlich nicht tue, wären viele beruhigt und fühlten sich in bester Gesellschaft."
Voraussetzung: Unternehmenskultur an die Gründer anpassen - nicht umgekehrt
Dabei ist Gründung und Unternehmensführung auch immer Persönlichkeitssache. Weder jedes Unternehmen noch jeder Gründer funktioniert gleich. Daher muss jede Unternehmenskultur an die Gründerpersönlichkeiten angepasst werden - und nicht umgekehrt. Der wichtigste Punkt einer erfolgreichen Gründung ist laut dem Berater, "das Start-up genau auf der eigenen Persönlichkeitsstruktur aufzubauen und sich eben nicht an vermeintlichen gesellschaftlichen Standards oder anderen Gründern zu orientieren". Wer etwas Großes aufbauen will, sollte dies mit einem möglichst hohen Anteil an Einzigartigkeit und Individualität tun. Die eigene Persönlichkeit ist dafür ein guter Richtungsweiser und Gründer sowie Unternehmer sollten sich fragen: Welche unternehmerischen Spuren möchte ich hinterlassen? Welche Unternehmenskultur soll mich und alle Mitarbeiter leiten? Wofür möchte ich als Gründer und Unternehmer stehen?, rät der Coach.Zum Beispiel die Entscheidung, ob man allein, oder im Team, und vor allem mit wem man gemeinsam gründet, beeinflusst zukünftigen Erfolg und Zufriedenheit maßgeblich:
- Wer allein gründet, trägt die komplette Verantwortung auf seinen eigenen Schultern, er muss alle Entscheidungen allein treffen, das Risiko selbst übernehmen, arbeitet ständig allein, kann sich vor Präsentationen nicht absprechen und muss sämtliche Aufgaben, vom Personal über den Verkauf bis zum Marketing selbst übernehmen. Auch über Erfolge freut er sich nur für sich.
- Ein Gründer-Team hat es einfacher, weil sowohl Risiko, Verantwortung, Arbeit als auch Erfolg geteilt werden. Es sei denn, das Gründer-Team passt nicht zusammen und es entstehen Konflikte. "Meine Beobachtung ist aber, dass es selten zu offenen Konflikten kommt, sondern mehr die Decke der Harmonie über brodelnde Unzufriedenheiten und Uneinigkeiten gelegt wird, insbesondere dann, wenn Freunde gemeinsam gründen." Doch diese Kultur ist gefährlich. Sowohl für das Stresslevel und den Teamgeist als auch für das Unternehmen selbst.
Im Team lässt sich Stress besser wegstecken
Ganz allgemein sind Team-Gründungen erfolgreicher: Statistisch gesehen besteht nur eines von zehn erfolgreichen Start-ups aus nur einem Gründer. Aber für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sind Offenheit, Vertrauen, konstruktive Auseinandersetzungen und die Übernahme von Verantwortung essenziell. Mit diesen Prinzipien wird ein zu hohes Stresslevel nicht nur vermieden. Wer gut zusammenarbeitet erkennt auch viel eher, wenn der Partner überlastet, ausgebrannt, ständig gereizt ist und über seine Verhältnisse arbeitet.Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass der Burnout eines Gründers auch auf ein problematisches Verhältnis der Unternehmenspartner hinweisen kann. Schließlich sind Burnout und die damit verbundene Depression keine Krankheit, die man vom einen Tag auf den anderen bekommt. Sondern sie entwickeln sich typischerweise über einen Zeitraum von vielen Monaten. "Vor diesem Hintergrund finde ich es sehr schade und enttäuschend, wenn es überhaupt zu einer solchen Diagnose kommt, da dies im Umkehrschluss bedeutet, dass der Betroffene sich vorher entweder an niemanden wenden konnte, oder aber noch viel schlimmer, ihm niemand helfen wollte", sagt Guido Hegener.
Investoren schnellstmöglich informieren und um Hilfe bitten
Neben den Gründern können es auch die Investoren und Inkubatoren sein, die die Gründer auf eine Überlastung hinweisen und sie unterstützen. Angst, sich gegenüber Venture-Capital-Gebern zu offenbaren, ist fehl am Platze. Doch viele Gründer haben Angst davor, weil sie befürchten, dass ihre Geldgeber kein Verständnis haben, sondern nur auf Rendite aus sind, und im Extremfall das Kapital entziehen. Dabei hat Marcel Kaffenberger in der Praxis ganz andere Erfahrungen gemacht, erzählt er. "Nicht selten sind es gerade die Investoren, die mich anrufen und sagen: 'Wir haben da einen großartigen, talentierten Gründer, der bei einer Sache Unterstützung braucht'."| Drei Tipps, um den Burnout noch abzuwenden |
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Start-up-Berater und Coach Marcel Kaffenberger von Gründerpilot gibt drei Tipps, wie Gründer kurz vor dem Burnout kurzfristig gegensteuern und den Totalausfall vermeiden können:
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Den konkreten Fall hatte er bei Digital Health Ventures aber bisher nicht. Im Fall einer Burnout-Diagnose "würden wir selbstverständlich dabei unterstützen, dem Betroffenen Hilfe in Form ärztlicher Behandlung zukommen zu lassen und zudem so schnell wie möglich darauf hinarbeiten, ihn aus der operativen Schusslinie seines Unternehmens zu bringen." Dass ein Gründer in der Extremsituation, zumindest teilweise, weiterarbeitet, hält er für unrealistisch. "Ich gehe davon aus, dass mindestens eine mehrmonatige Arbeitspause die Folge einer solchen Diagnose wäre, bis hin zu einem eventuellen Verlassen des Unternehmens."
Erkrankt der entscheidende Gründer, kann das das Aus bedeuten
Das kann schwere Folgen für ein junges Unternehmen haben. Denn in vielen Fällen hänge der Erfolg zum überwiegenden Teil genau von einer einzigen Person ab. Falls der Gründer entscheidend für den Erfolg war und aufgrund eines Burnouts ausfällt, könne dies selbstverständlich das Aus für ein Start-up bedeuten, gibt er zu bedenken.Besser ist es also, den Zenit nicht zu überschreiten, hinter dem die Erholung aus eigener Kraft nicht mehr möglich ist. Dafür ist im Team absolute Offenheit gefragt. Bei den ersten Anzeichen sollte die Unternehmens- und Arbeitskultur kritisch hinterfragt werden, rät Kaffenberger:
- Liegt es an negativen Glaubenssätzen?
- Ist der Anspruch zu hoch?
- Glaubt man, die Erwartung Dritter nicht erfüllen zu können?
- Ist die Arbeit schlecht organisiert?
- Mangelt es an Pausen und Auszeiten?
- Fehlt es an Führung und Entscheidungsfreude?
- Werden Prioritäten falsch oder gar nicht gesetzt?
Wie man eine nachhaltige Firmenkultur aufbaut
Dabei haben Gründer in der Anfangsphase noch alle Möglichkeiten, die Unternehmenskultur nach ihren Vorstellungen zu definieren. Hierzu sollte man sich fragen, was man selbst für ein gesundes, glückliches und nachhaltiges Arbeiten benötigt. Wie man mit den Teammitgliedern umgeht, auch wenn sie mal Probleme haben oder gestresst sind. Und wie man eine entspannte und positive Kultur schafft.Denn ein erfolgreiches Start-up zu gründen, ist keine kurzfristige Phase, die vorbei geht, nach dem Motto 'Augen zu und durch'. Es ist ein hoffentlich langer Weg, der nur durch Ausdauer, nachhaltiges Wirtschaften, Leidenschaft und eine positive Einstellung im ganzen Team vorangetrieben werden kann.


