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Was die Digitalbranche von der neuen Bundesregierung erwartet
10.11.2021 Ist jetzt endlich Schluss mit #Neuland und einer Digitalpleite nach der anderen? Kommt der versprochene "digitale Aufbruch"? iBusiness hat Digitalverantwortliche gefragt, was sie von der neuen Regierung erwarten.
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Sogar an erster Stelle des Sondierungspapiers hatten die Verhandlungspartner als Ziel einen "modernen Staat und digitalen Aufbruch" gesetzt. Im ersten Jahr der Regierung sollen alle notwendigen Entscheidungen getroffen und durchgesetzt werden, um private wie staatliche Investitionen schnell, effizient und zielsicher umsetzen zu können. Die Verfahrensdauer sollte dabei mindestens halbiert werden - ohne zügige flächendeckende Digitalisierung unmöglich und in Anbetracht des Digitalisierungstempos der letzten 16 Jahre ein ohnehin sehr ambitioniertes Ziel. iBusiness hat Agenturverantwortliche gefragt, was sie sich von der neuen Bundesregierung erhoffen - und was sie von ihr realistisch erwarten.
Tatsächlich herrscht bei Digitalagenturen allgemein die Hoffnung, dass die neue Bundesregierung die Digitalisierung nach vorne bringen wird, damit Deutschland als Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähig bleibt. Was wiederum positive Auswirkungen auf Digitalagenturen hätte.
Bei der Digitalisierung hinkt Deutschland im internationalen Vergleich bekanntermaßen massiv hinterher. Die Digitale Transformation ist für Anke Herbener , CEO TWT Digital Group & CEO Greven Group , eine "gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die ohne politisches Commitment, klare Strategien und gesetzliche Rahmenbedingungen nicht zu stemmen ist". Deshalb wünscht sie sich "in einem ersten Schritt mindestens ein handlungsfähiges Digitalministerium, das längst überfällige Herausforderungen wie die Digitalisierung der gesamten Verwaltung, die Förderung der digitalen Bildung sowie insbesondere der gesamten Wirtschaft mit oberster Priorität vorantreibt".
Wenn Deutschland als Wirtschaftsstandort international wettbewerbsfähig bleiben wolle, müsse sich die Bundesregierung dringend stärker für die digitale Innovationsförderung einsetzen und nicht nur punktuell nachbessern, fordert sie: "Es ist zwingend erforderlich, die Digitalisierung zu fördern und gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die zu echtem Wachstum führen statt dieses durch Reglementierungen zu blockieren." Dabei erwartet sie, dass die neue Bundesregierung aktiver die Unterstützung von ExpertInnen und Verbänden, wie zum Beispiel dem BVDW, sowie Unternehmen der deutschen Digitalwirtschaft sucht.
Heinz Kierchhoff, Geschäftsführer Team Neusta GmbH , hofft, dass die neue Bundesregierung schneller und agiler handelt, insbesondere bei den Themen Digitalisierung und Bildung. Damit Deutschland langfristig wettbewerbsfähig bleibt, brauche es kluge Köpfe. "Mit einer Ampelkoalition wird Deutschland insgesamt grüner und digitaler werden", hofft er. Zu beiden Themen erwartet er wirksame Maßnahmen: "Nur wenn wir unser Klima schützen, werden wir weiterhin einen lebenswerten Ort für nachfolgende Generationen erhalten. Zudem sind digitale Lösungen wichtig, um den Alltag und die Arbeit für viele Menschen zu erleichtern."
"Erhoffen jede Menge"
"Bei Digitalisierungsfragen, die unmittelbar auch unser Geschäft als Digitalagentur und das unserer Muttergesellschaft NTT DATA Business Solutions betreffen, erhoffen wir uns jede Menge", sagt Thomas Regele , CEO Sybit GmbH . Die Unternehmensgruppe ist global tätig, Sybit im DACH-Raum. "Bei gemeinsamen Projekten sind wir häufig damit konfrontiert, dass wir in Deutschland hinter den internationalen Einheiten hinterherhinken, was digitale Infrastruktur angeht", klagt er.Im internationalen Vergleich sieht er viele Defizite, die einen Wettbewerbsnachteil bedeuten. Hier erhofft er von der neuen Regierung "ein verständliches Digitalisierungskonzept mit klaren Zielsetzungen und kurzfristigen Umsetzungszeiten". Konkreter reicht die Bandbreite von der Schaffung neuer Anreize für die Digitalisierung der Wirtschaft über den schnelleren Ausbau des Glasfasernetzes bis hin zum Aufbau eines europäischen Big Player im Cloud-Hosting.
Gerade höhere Mobilität ist in einem Geschäftsfeld, wie der Digitalisierung von Kundenprozessen, ein immens wichtiger Faktor. Regele: "Unsere Kunden möchten verständlicherweise auch unterwegs immer vollen Zugriff auf Daten, sei es auf ein CRM-System oder eine Marketing-Lösung. Ein Service-Techniker ist deutlich effizienter, wenn er über eine App Einsätze planen, Protokolle führen und Checklisten abarbeiten kann."
Aber was nutzt schon die beste Lösung, wenn das entsprechende Netz löchrig ist? Dass 5G jetzt schnell und flächendeckend ausgebaut wird, ist für Regele ein Muss. Auch in der internen Kommunikation sei das Thema immens wichtig.
Bildung an erster Stelle
Kai Ebert , Chief Strategy Officer Fork Unstable Media , erhofft sich "einen klareren Weg in die Digitalisierung mit allem, was dazugehört". Ein eigenes Digitalministerium ist aus seiner Sicht aber der falsche Weg. Das Thema müsse tief in jedes einzelne Ministerium integriert werden, um ganzheitlich und nachhaltig wirken zu können.
Realistischerweise erwartet er keine Wunder, zumindest aber "eine gewisse Beschleunigung" des Ganzen. Ebert: "Ja, die Mühlen mahlen langsam, aber gerade dieser Punkt sollte durch 'Digital Efficiency'-Initiativen zunächst angegangen werden, um von dort aus die größeren Aspekte, wie beispielsweise Bildung, in Angriff zu nehmen."
"Mut!" - das erhofft sich Jens-Christian Jensen , Chief Strategy Officer bei Digitas Pixelpark . "Unsere Gesellschaft ist schon lange in der Digitalität angekommen. Die Politik der letzten Jahre macht leider nicht diesen Eindruck. Wir wünschen uns deshalb Mut anzupacken, zu fördern und zu entwickeln. Die neue Bundesregierung muss eine digitale DNA in der Regierung selbst und den Behörden und Verwaltungen prägen und vorleben", fordert er.
Allzu viel Hoffnung macht er sich allerdings nicht: "Wenn ich lese, dass wir (nachträgliche) Digitalisierungs-Checks machen wollen, erwarte ich realistischer Weise wenig. Wir brauchen ein neues Gefühl und Verständnis, was digital für uns als Gesellschaft, Gemeinschaft, Wirtschaftssystem und globaler Player bedeutet." Digitale Transformation meine kulturelle Transformation. Also Menschen ausbilden und fördern - digital denken und in unser Leben einweben. Es gehe nicht um neue, weitere Regulierungen oder darum, auch mal "Beamer in Klassenräumen aufzuhängen".
Alle Agentur- und Digitalverantwortlichen betonen den Stellenwert der Digitalisierung in Deutschlands Schulen - so auch Martin Schnaack , Gründer und CEO der Avantgarde Gruppe . Dabei gehe es nicht nur um die Ausstattung mit zeitgemäßer Hardware und Infrastruktur, sondern auch um die digitale Aufbereitung und Vermittlung von Lerninhalten. "Hier liegen große Chancen für die Bildung, die wir bisher nicht mal im Ansatz nutzen", so Schnaack. Außerdem hat er die Hoffnung, dass die neue Regierung dafür sorgt, dass die Deutsche Bahn endlich flächendeckend stabiles WLAN bieten kann. Wenn wir aus Klimagründen unsere Dienstreisen mit der Bahn machen, sollte die Produktivität nicht darunter leiden müssen.
Seine Erwartungshaltung: "Dass die neue Regierung die Ziele, die sie formuliert auch wirklich in die Tat umsetzt. Dass sie keine Pläne für Luftschlösser entwirft, sondern konkrete, realisierbare Projekte, die mit einem klaren politischen Willen angegangen werden."
Technologische Innovationen werden der Schlüssel bei der Bewältigung der Klimakrise sein, ist Uwe Tüben , Managing Director Valtech GmbH , überzeugt. "Keine der benötigten Innovation ist ohne massiven Einsatz von IT und Engineering auch nur vorstellbar. Wir erwarten von der neuen Bundesregierung, unsere Energie, unsere Ressourcen und unser Handeln entsprechend zu lenken." Außerdem erwartet er "eine dramatische Beschleunigung" von Planungs- und Genehmigungsverfahren, die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für Startups und einen "sinnvollen und unverkrampften Ansatz" bei der Digitalisierung der Verwaltung: "Es darf nicht mehr sein, dass die Bürger dem Staat ständig Informationen zur Verfügung stellen müssen, mit denen sie derselbe Staat ursprünglich ausgestattet hat. Die neue Bundesregierung ist jünger und vielfältiger als alle vor ihr - die Erwartungen sind deshalb groß."
Die Erwartungen der Agentur- und Digitalverantwortlichen für das eigene Geschäft sind durchwachsen. Tüben: "Wir begleiten viele Konzerne dabei, sich erfolgreich in einem Marktumfeld zu behaupten, das nie ungewisser war. Wir glauben, dass diese Erfahrungen bei der Digitalisierung der Verwaltung ungemein hilfreich sind. So haben wir beispielsweise für das Bundeskanzleramt bereits das Servicehandbuch für die Umsetzung des Online-Zugangsgesetzes erstellt. Insofern: Ja, wir erwarten positive Impulse für unser Geschäft." Auch Kai Ebert ist optimistisch: "Je mehr Initiativen, Erleichterungen, Förderungen und Programme auf den Weg gebracht werden, um so leichter wird es unseren KundInnen fallen zu investieren. Gleichzeitig wird dies auch unsere eigenen Workflows und Prozesse entsprechend auf den Prüfstand stellen und transformieren lassen."
Einfluss aufs eigene Geschäft ambivalent
Anke Herbener ist da zurückhaltender: "Als digitale Agenturgruppe setzen wir darauf, dass die gesamtgesellschaftliche und wirtschaftliche Relevanz der Digitalen Transformation sichtbarer wird. Abgesehen davon gehe ich davon aus, dass die Arbeit der neuen Bundesregierung eher wenig Einfluss auf das Tagesgeschäft der TWT haben wird." Die KundInnen hätten schon längst erkannt, welchen hohen Stellenwert Innovation und Transformation für die Geschäftsmodelle der Zukunft haben und fragen diese Leistungen seit Jahren aktiv an. Hier hinke die Politik der Zeit massiv hinterher. "Jedoch: Die neue Bundesregierung hat es in der Hand, nun endlich optimale Rahmenbedingungen für uns als digitale Agenturgruppe zu schaffen, damit wir als Enabler der Digitalisierung den Wirtschaftsstandort Deutschland sichern können", hofft Herbener. Auch Martin Schnaack erwartet zwar keinen direkten Einfluss auf die eigene Geschäftsentwicklung, verspricht sich allerdings eine "generelle Aufbruchstimmung im Land, die sich in einem positiven Geschäftsklima niederschlägt. Und das wird sich mit Sicherheit auch positiv auf das Agenturgeschäft insgesamt auswirken."Aktuell steigenden Bedarf an digitalen Lösungen in der privaten und öffentlichen Wirtschaft sieht Heinz Kierchhoff: "Wir spüren an unseren Auftragseingängen einen massiven Impuls für Digitalisierungsthemen. Wenn die neue Bundesregierung das Thema Digitalisierung pusht, werden wir noch mehr von der Entwicklung profitieren."
Thomas Regele fordert eine echte verbindliche Strategie: "Es kann nicht sein, dass Deutschland ein digitales Entwicklungsland bleibt. Die Hoffnung ist groß, die tatsächliche Perspektive ist aber ausbaufähig. Auch zum Thema Covid gäbe es Potenzial, unser Geschäft positiv zu beeinflussen. Der Wirrwarr und das oft spekulative Vorgehen sind hier Gift." Ähnliches gelte für den rechtlichen Rahmen in Bezug auf flexiblere Arbeitsmodelle. "Wir befinden uns bei Sybit mitten in der Umsetzung völlig neuer Strukturen. Home Office hat sich erfolgreich etabliert und dennoch bestehen rechtliche Grauzonen. Wir brauchen hier mehr Planungssicherheit", so Regele. Ein weiterer, wichtiger Aspekt, in dem die neue Regierung positive Veränderung schaffen könne, ist der Fachkräftemangel, den Sybit stark spürt: "Für uns eine der zentralen Zukunftsfragen."
Für Jens-Christian Jensen hat Deutschland Chancen im 2. Anlauf: "Die erste Welle der Digitalisierung haben wir verpasst - das Silicon Valley hat diese geprägt. Deutschland, als Land der Industrialisierung und Innovationen, hat allerdings die besten Voraussetzungen, die aktuelle zweite Welle der Digitalisierung, also die Digitalisierung der Unternehmen, ihrer Lösungen und Produkte, zu prägen." Wolle man hier aber wirklich gewinnen, brauche es eine Bundesregierung, die Bedingungen schafft, die etablierte und neue Unternehmen/Gründungen fördert, zum Beispiel auch durch Finanzierungen aus Deutschland heraus.
