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Google allmächtig
02.04.2012 Die Abschaffung der Suche ist Googles großes Ziel. Der Plan, mittels Semantik zur Antwortenmaschine zu werden, erscheint daher nur konsequent. Wenn Google das packt, wird es mehr verschwinden lassen als nur Geschäftsmodelle.
Und wie obskur. Neben dem Einfluss auf eine Vielzahl von Geschäftsmodellen würde Google die große Informationsschaltzentrale. Schön und gut, wenn wir hier die Information abholen, welches die zehn größten Städte der Welt sind. So etwas ist weitgehend objektiv nachprüfbar. Genau so wie Goethes Geburtstag oder der größte See der Welt. Hier gibt es eine große Faktensicherheit bei gleichzeitiger Abwesenheit von manipulativem Interesse: Das Interesse daran, uns in bezug auf die Einwohnerzahl von Tokyo zu desinformieren, hält sich zunächst einmal in Grenzen. Doch schon die Einwohnerzahlen von Slums und Favelas sind je nach Sichtweise politisch und damit Manipulationsobjekte.
Und was ist mit Informationen zu kontroversen Marken, zum Geschäftsgebaren von Unternehmen, die Kooperationspartner von Google sind? Horrorvisionen von der Monopolisierung des Wissens und bösen Supermaschinen gibt es genug - von der stets auf aktuelle Partei-Ideologien angepassten Vergangenheit in 1984 bis zum Supercomputer HAL in 2001, der auch Menschen mittels Delete-Taste bearbeitet, wenn sie seine Wissenshoheit bedrohen. Kann ein semantisches Google der große, sinistere Wächter über den Wissensbestand der Welt werden? Na ja. Realistisch betrachtet, gibt es dafür noch ein paar ernsthafte Hindernisse. Aber Nutzerwahrnehmung (und auch die der Datenschützer) hat nicht zwingend mit Realismus zu tun.
Denn Google muss achtgeben, sich nicht ins eigene Fleisch zu schneiden. Der Erfolg der Suchmaschine beruht darauf, dass sie für die Mehrheit der Nutzer funktioniert. Ein Semantik-Google würde vollkommen anderen Gesichtspunkten gehorchen als der große Algorithmus-Automat, der Google heute ist. Semantik ist das Instrument, Maschinen menschlich zu machen, sie Menschen verstehen zu lassen. Und Menschen kann Google nicht. Zumindest noch nicht so richtig.
Google wird daher acht geben, sich nicht seine große Stärke zu zerschießen. Der Rollout semantischer Features soll bald beginnen, aber Google wird mit Augenmaß vorgehen. Dennoch ist das Semantikweb ein Megatrend, an dem langfristig kein Weg vorbeiführt. Relevante Ergebnisse, die zu langen Verweildauern führen, sind der Schlüssel zu noch höheren Werbepreisen. Ein angenehmer Nebeneffekt - aber verlockend wird das Projekt für Google erst so richtig, weil es mit der eigenen DNA harmoniert: Google will alles durchsuchbar machen, vom Warenbestand des Ladens nebenan bis zum Amazonas. Die einsichtige Semantik-Maschine kann das leisten.
Am: 02.04.2012
Zu: Google allmächtig
Mich würde interessieren, wie von den Lesern hier und aus der Redaktion der Aspekt der wirtschaftlichen Verwertung von Informationen bei der semantischen Suche bewertet wird. Was bedeutet das für Informationsangebote, die Medien im Internet? Das Informationsverhalten der Nutzer? Ich sehe da mit semantischen Suchergebnissen auch eine Monopolisierung des Wissenszugangs - oder eine Chance für andere Anbieter, sprich: Informationsvermittler. Aber wer wäre auf diesem Feld heutzutage ähnlich potent wie Google, Microsoft oder Apple?
Zu: Google allmächtig
Danke für ihren einsichtigen Kommentar: Die Konsequenzen, die Sie hier entwickeln sind absolut spannend - was wird aus Wissen, wenn es schöpferisch entwickelt wird? Das hat viele Aspekte, die mich begeistern: Vielleicht gibt es Antworten auf Fragen, die wir so niemals erfahren hätten oder mehr noch: Antworten auf Fragen, die wir nie gestellt hätten.
Und natürlich ist es auch unheimlich, wenn Maschinen wissen extrapolieren. Heute sind die Fehler wegen ihrer Unbeholfenheit so krass, dass der Mensch sofort durchschaut, wenn eine Künstliche Intelligenz Nonsense ausspuckt. Aber was, wenn das Wissen so komplex wird, dass wir es nicht mehr blicken können (muss immer an den HAL-Computer aus "2001" denken, der eine Störung voraussagt, die überhaupt nicht eintrifft und dann durchdreht).
Es ist interessant, diese Implikationen weiterzudenken - vielleicht sollte man mal einen Folgeartikel ins Auge fassen.
Lieben Gruß
Sebastian Halm
