Google und Verleger: Taliban. Idioten. Gierschlünde.
von Joachim Graf
10.12.12 Ich kann es nicht mehr hören, dieses Gejammer von Verlegern und Journalisten. Und egal, ob das jetzt politisch korrekt ist oder nicht: Es ist gut und richtig, dass Verlage pleite gehen und Medien zumachen. Sie sind ja selber schuld. Ein Rant von Joachim Graf.
"Angela, rette uns vor der bösen Globalisierung"
Erinnern Sie sich an Schlecker
- Schlecker verdient keine Staatshilfe
(...)Deutschland hat einen funktionierenden Sozialstaat. Wie will man begründen, dass einige Menschen arbeitslos werden, wenn man sie entlässt, andere aber noch eine Zeit auf Kosten der Arbeitslosenkasse und des Steuerzahlers in einer Auffanggesellschaft weiterbeschäftigt werden?"
Das galt zumindest so lange, bis der Markt damit drohte, die Damen und Herren Journalisten auf einmal selbst arbeitslos zu machen. Nun geht bei den Meinungsführern, die sich bislang so gerne auf Augenhöhe mit den Millionenverdienern aus den Chefetagen sahen, die Angst um. Schon fordert man im Spiegel - ebenfalls von Stellenabbau bedroht - ein Fair-Trade für Schreiberlinge
Journalisten sind überbezahlt
Wenn eine Gruppe von Menschen für ihre Arbeit mehr bekommt als eine andere für die identische Arbeit, dann muss man entweder die Gehälter der Billigerarbeiter anheben, die der Teurerarbeiter senken oder weniger Teurerarbeiter beschäftigen. Die Print-Verlage tun seit Jahren vor allem letzteres. Die Online-Unternehmen stellen gleich keine Teurerarbeiter ein, sondern holen sich Billigerarbeiter. Oder gleich Maschinen. Zum Beispiel zum Suchen. Preisfrage: Wozu brauche ich noch einen Journalisten,- wenn ein Algorithmus, beispielsweise Sportnachrichten, vollautomatisch erzeugt werden kann?
- wenn sich deutlich mehr Nutzer viel mehr dafür interessieren, was andere Nutzer sagen, meinen, toben, kreischen - als was ein Teuerarbeiter meint, analysiert, recherchiert, schreibt (und ich per Werbung als Verleger gerade deswegen mein Auskommen habe)
- wenn es genügend Leute gibt, die Content verschenken, weil sie ein kommunikatives, persönliches oder anderes wirtschaftliches Interesse haben?
Es gibt in Deutschland
- rund 50 TV-Sender
- rund 100 Tageszeitungen,
- rund 10.000 Fachzeitschriften und Magazine
- aber über 15.000.000 deutschsprachige Web-Domains
- und immer noch nur 24 Stunden, das entspricht 1.440 Minuten, die zur Mediennutzung zur Verfügung stehen. Und das gilt selbst dann, wenn man die Nacht dazu nimmt.
Genau, was haben denn 15.000.000 Kleine auch mit den 333 Grossenwichtigenundrelevanten zu tun? Schließlich schauen wir noch immer Kuhlenkampff
in der ARD und haben unsere regionale Tageszeitung im Abonnement. Und das Smartphone dient als Lesezeichen für den Auswahlband beim Buchclub Bertelsmann, während wir ein Pfeifchen rauchen und die Hausfrau den Abwasch macht und in der Küche der Rede von Bundeskanzler Adenauer im öffentlich-rechtlichen Radio lauscht. Es gibt wenige Medien, es gibt viel Zeit, es gibt ein hohes Medien-Involvement.
Und wer ist schuld? Der Taliban!
Und wer ist schuld, dass alles heute schwieriger ist? Der Taliban. Sagt der, der es wissen muss: Der Springer-Cheflobbyist Christoph Keese
Springer-Chef Mathias Döpfner
hat den Taliban durchschaut. Bei den leistungsschutzrechtlichen Abweichlern der Zeit enthüllte er die wahren Interessen des erzkapitalistischen Taliban: "In Wirklichkeit will Google nur erzkapitalistische Interessen durchsetzen und sein Geschäftsmodell optimieren. Das ist so, als würde eine Hehlerbande bei Amnesty International eine Menschenrechtspetition zur Verteidigung der freien Bürgerrechte beim Ladendiebstahl einreichen."
Er ist auch eine wahre Plage, der Taliban. Nicht nur dass er Geld verdienen will (was bitte den Verlegern vorbehalten sein sollte). Er hat auch ein Geschäftsmodell (ein Verbrechen an der geschäftsmodellosen Mehrheit von Unternehmen - zum Beispiel an Verlegern.) Und er ist die Verlockung, die Sünde an sich. Er ist der eigentliche Antichrist, weil er harmlose geschäftsmodelllose Verlagsangestellte in seine Arme drängt. Zum Beispiel, indem er sie verführt als Praktikanten (m/w) im Bereich SEO / Online Marketing am Standort Hamburg zur SEO-Optimierung der Portale autobild.de und computerbild.de
zu arbeiten.
Ich möchte mich nicht noch einmal über die unsägliche Verleger-Initiative zum sogenannten Leistungsschutzrecht auslassen. Das haben wir bei iBusiness in den vergangenen zwei Jahren bereits nach Strich und Faden auseinandergenommen. Wir haben analysiert
- dass es betriebswirtschaftlich Unsinn ist ('Vier Szenarien: Verlage, Internet und Leistungsschutzrecht', Oktober 2010)
- dass es ordnungspolitisch Blödsinn ist ('Leistungsschutzrecht: Ein Fremdkörper in der Marktwirtschaft', Juni 2010)
- dass es juristisch Unfug ist ('Leistungsschutzrecht - ein Gesetz aus Schilda', Juni 2012)
- dass es politisch Bullshit ist ('Leistungsschutzrecht: Verleger-Hybris reicht nicht', Juli 2012)
Was mich allerdings auf die Palme bringt, ist folgendes: Da finden es die Großverleger gemein, dass jemand anderes als sie selber die Suchmaschine als Geschäftsmodell erfunden hat (und als man sie dann mit 'Paperball' hatte, aus Angst vor einer Selbstkannibalisierung hat wieder in der Schublade verschwinden lassen). Und sie und ihre nützlichen Idioten in Zeitungsredaktionen und Verbänden weinen, wehklagen und jammern, dass die Welt des 21. Jahrhunderts nicht mehr die des 19. Jahrhunderts ist - und prügeln Google, weil das der Repräsentant des bösen Internets ist.
Und nehmen in Kauf, dass innovative Geschäftsmodelle zu dutzenden abgeschlachtet werden. Ich mache mir keine Sorgen, dass Google durch die deutschen Verleger ernsthaft Schaden nimmt. Die Suchmaschine steckt das weg und zahlt selbst Lizenzen aus der Portokasse. Aber die tausenden von deutschen Online-Start-ups mit ihren zehntausenden von Unternehmern und Unternehmen werden von der großbäckigen Hybris gieriger Großverleger an den Rand gedrängt.
Hallo, liebe Verlegerkollegen: Was wir gekonnt haben, hättet ihr auch gekonnt
Es ist ja nicht so, dass das Internet plötzlich gekommen ist. Es ist ja nicht so, dass die Zeitungsauflagen nicht schon seit Jahren sinken und sinken. Schaut in die Charts der IVWIhr hättet es also erkennen können. Habt ihr aber nicht. Weil ihr mit Geld zählen beschäftigt wart. Weil ihr Euch auf eurem Geschäftsmodell aus dem 19. Jahrhundert ausgeruht habt. Weil ihr euch nicht vorstellen konntet, dass euch das passieren könnte, was in euren Wirtschaftsressorts schon immer gutgeheißen wurde: Dass Unternehmen vom Markt verschwinden, wenn sie obsolet werden.
Wir von iBusiness verdienen seit bald zwanzig Jahren Geld im Internet. Und hatten keine willfährigen Politiker, die uns Konkurrenten oder Marktveränderer vom Hals schaffen wollten, als unser Geschäftsmodell sich Mitte der 90er Jahre geändert hat. Was wir vor 15 Jahren geschafft haben, das könnt ihr auch, wenn ihr endlich eure Ärsche aus der bequemen Sesselkuhle hochwuchtet und anfangt darüber nachzudenken, ob nicht vielleicht doch noch ein drittes Geschäftsmodell neben Contentverkauf und Anzeigen existiert (Geschäftsmodelle gibt es, versprochen. Ich verrate sie sogar. Aber nur gegen Geld, ihr versteht, Paid Service und so ....)
Ändert Euch. Oder geht unter.
Ändert euch. Oder geht unter. Aber hört endlich auf zu jammern und eine ganze Gesellschaft mit euren Problemen zu nerven. Denn genau das ist es: Euer Problem.- 1. Teil: Google und Verleger: Taliban. Idioten. Gierschlünde.
- 2. Teil: Joachim Graf: Sind wir nicht alle ein bisschen Taliban?
Marktzahlen zu diesem Artikel
Zahl und Auflage deutscher Tageszeitungen
(10.12.12)
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