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Digitale Transformation erlernen: So machen sich Firmen mit Wissen disruptionssicher

24.01.2019 KI, DSGVO, Tiktok, Snapchat, ePrivacy: Unternehmen brauchen immer schneller immer komplexeres Wissen für die Digitale Transformation. So macht man seine Firma zum verzögerungsfrei lernenden Unternehmen.

Wer weiß was und wer kann was genau? Wollen Unternehmen einen stets aktuellen Wissensbestand, müssen (Bild: Pixabay / mwewering)
Bild: Pixabay / mwewering
Wer weiß was und wer kann was genau? Wollen Unternehmen einen stets aktuellen Wissensbestand, müssen

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Die iBusiness-Handlungsmatrix zeigt, wie langfristig die vorgestellten Aufgaben angegangen werden müssen.
TL;DR
Technische Lösungen sind notwendig, doch um Wissen schnellstmöglich in Unternehmen zu bringen, muss eine mitarbeiterzentrierte Lernkultur existieren
Man kann es natürlich so anpacken wie Patty McCord: Bei den Mitarbeitern, brutal. Als Ex-Personalchefin und Talentscout in Personalunion war sie mitverantwortlich, Netflix   das Unternehmen auf dem neuesten Wissenstand zu halten in einem immer stärker vernetzten Umfeld. Die Kenntnisse und Fähigkeiten, die die Belegschaft dafür benötigt, holte sie mit einem verhältnismäßig einfachen Prinzip ins Haus: Wer nicht das besaß, was das Unternehmen für die kommenden sechs Monate an Fähigkeiten benötigt, wurde entlassen. Diese Politik untermauerte McCord mit einem klaren Unterbau: Unternehmen haben Ziele, aber keine Verantwortung, das Team ist keine Familie, jeder ist für seine Karriere selbst zuständig. So ein Learning- und Change-Management-Ansatz hat Probleme, will eine Firma damit zum stets lernenden Wissensspeicher werden, der der Digitalen Transformation trotzt.

Selbst wenn man ethisch-moralische Ansätze außer Acht lässt, wie etwa die Frage, ob man sich als Firma eine solche Philosophie aneignen und leben möchte: Der große Nachteil ist, dass man sein Ziel so nicht erreichen wird - besonders nicht in Deutschland, und auf keinen Fall, wenn am Firmengebäude etwa anderes steht als Netflix, BMW oder Apple. Neben Arbeitsrecht steht einem strategischen Lehransatz über ständigen Talentaustausch die krude Realität entgegen: "Firmen müssen erst einmal für Mitarbeiter interessant gemacht werden und das geht schwerlich mit einer Hire-and-Fire-Mentalität", sagt Christian Henne, Geschäftsführender Gesellschafter bei der interdisziplinären Forschungs- und Beratungseinrichtung Munich Digital Institute  : "Die Mehrheit der Unternehmen hat eben kein hippes und modernes Image und muss erst einmal überhaupt den Eindruck erwecken, dass sie mit der Zeit geht - etwa über Arbeitszeitmodelle und die Verwendung zeitgemäßer Endgeräte."

Wie also schafft es ein Unternehmen Wissen ins Unternehmen zu holen, das sich binnen Wochenfrist schon wieder überlebt hat und ge-updatet werden muss? Wie vernetzt sich ein Unternehmen derart mit einem sich ständig transformierenden Umfeld, dass es alle Impulse erhält, um nicht abgehängt zu werden. Der Schlüssel - da war Patty McCord auf dem richtigen Weg, sind in der Tat für Experten verschiedener Disziplinen immer die Mitarbeiter - datenbasierte, technische oder institutionelle Lösungen funktionieren nur in Abhängigkeit von den arbeitenden Menschen.

Zunächst gilt es, sich als Firma die Grundprobleme klar zu machen, die eine zeitgemäße betriebliche Weiterbildung und Knowledge Management verhindern.

Wenn Firmen digitale Transformatoren suchen, dann vor allem aus IT und Colsulting, den größten Bedarf gibt es in der Fertigungsindustrie.
Wenn Firmen digitale Transformatoren suchen, dann vor allem aus IT und Colsulting, den größten Bedarf gibt es in der Fertigungsindustrie. (Grafik: Joblift)

Unsicherheit, Kleinteiligkeit, Widerstände: Was das Wissensmanagement alt aussehen lässt

"Man hat es praktisch immer mit verschiedenen Generationen in einem Unternehmen zu tun", sagt Tjalf Nienaber, Managing Director bei Business Leads  , einer Agentur, die sich auf Marketing- und Sales-Beratung für HR-Dienstleister spezialisiert hat. "Der Azubi will anders lernen als der langjährige Angestellte in seinen Fünfzigern." Zu dieser diversifizierten Mitarbeiterstruktur kommt noch ein weit verbreitetes Unwissen über das im Unternehmen vorhandene Wissen hinzu. "Neben den Lerntypen muss man den Wissensstand innerhalb der Firma kennen - und meist wissen Firmen weder wie das eine, noch wie das andere aussieht", sagt Nienaber.

Indes machen Berater immer wieder die Erfahrung, dass ausgerechnet Personaler im Unternehmen als Bremser auftreten. Zum einen hängt das mit der fachlichen Provenienz der fraglichen Personaler zusammen - meist Psychologen, hier sind die dem digitalen Werkzeugkasten entgegengesetzten Beharrungskräfte besonders stark ausgebildet. Davon unabhängig stellt natürlich jede fortschrittliche Lösung ein Stück weit die Existenzberechtigung des Personalers in Frage: Angenommen eine KI schlägt den jeweiligen Mitarbeitern maßgeschneiderte Lernnuggets vor, die sie quasi on the job konsumieren und dokumentieren können, sodass Weiterbildung und operativer Alltag verschmelzen: Was genau macht dann der für Weiterbildung zuständige HR-Experte noch?

Dabei kann er sich eine solche Aufgabe aneignen und zum Wissensverwalter der Firma werden, der sie auf aktuellem Stand hält und Überflüssiges von Essenziellem trennt: "Der Personaler kann die wertvollen Inhalte in die richtigen Lernkanäle lenken", sagt Nienaber.

So geht's operativ: Wie man Wissen ins Unternehmen holt

Wissensvermittlung heute bedeutet, dass jeder Mitarbeiter- und Lerntypus ein individuelles Format erhalten sollte, um sich betrieblich weiterzubilden. Der eine lernt am besten noch mit althergebrachter frontaler Wissens-Druckbetankung auf dem Seminar, andere indes lernen den gleichen Stoff lieber in Häppchen mittels qualitativ immer besser werdender Youtube-Videos, während wieder andere mit dem Format des Webinars ausgezeichnet zurechtkommen.

Vier von zehn Mitarbeitern gehen davon aus, dass neue Technologien ihren Job verändern werden.
Vier von zehn Mitarbeitern gehen davon aus, dass neue Technologien ihren Job verändern werden. (Grafik: Campana Schott)
Allerdings muss es von einem Unternehmen natürlich aktiv gefördert und zugelassen werden, dass Mitarbeiter ihr aktuelles Wissen etwa von Youtube beziehen. Manchmal scheitert so etwas am internen Beharrungsvermögen, manchmal stößt es sich mit dem Geschäftsmodell, Gratis-Content auf 'bösen' Konkurrenzportalen abzugreifen.

Am effektivsten ist es, Wissensträger zu identifizieren und sich zu Diensten zu machen.
  1. Welche Mitarbeiter sind oder eignen sich als Vermittler neuen Wissens? Wer kann ein Multiplikator sein oder gibt sowieso ständig Informationen innerhalb des Unternehmens/Fachbereiches weiter?
  2. Diese Mitarbeiter können dann schwerpunktmäßig, ruhig über längere Zeiträume hinweg geschult werden, bevor sie, zurückgekehrt ins Unternehmen, das Erlernte an ihre Teams weitergeben.
  3. Die Teams können sich den Wissensherausforderungen ("Sollten wir als Firma bei Tiktok präsent sein?") mittels der Deep Dive-Technik nähern, einem Arbeitsgruppen-basierten Analyse-Verfahren, in dem analytisch tief in ein Thema eingetaucht wird, Kunden und Nutzer betrachtet werden, alle Aspekte einer möglichen Lösung anhand des eigenen Unternehmens und der eigenen Zielgruppe durchgespielt werden und so fort (eine Zusammenfassung des Deep-Dive-Verfahrens gibt es hier  ).
  4. Und es ist auch legitim externe Experten heranzuziehen, die eine Fragestellung bewerten können, fehlt das Knowhow im Unternehmen selbst.

Doch ein Unternehmen zu einem lernenden und lehrenden zu machen, geht darüber hinaus: So wie der Konversionsprozess den Nutzer bei einer Customer Journey zum (wiederkehrenden) Kunden macht, sollte es im Betrieb eine Learning Journey geben, die den Angestellten ständig neue Impulse und neues Wissen liefert.

So geht's strategisch: Wie man eine Lernkultur aufbaut

Die strategische Integration von Lernprozessen, die den Anforderungen der Digitalen Transformation standhalten, findet mittels Prozessen und Tools statt.

Ein solches Tool ist beispielsweise der Corporate Influencer. Im November analysierte iBusiness, wieso immer mehr Marken auf Markenbotschafter aus dem eigenen Unternehmen setzen: Die Corporate Influencer sollen ihre eigene Expertise darstellen - etwa in eigenen Blogs. Unternehmen setzen dazu eigens Programme auf, deren Ziel es ist, die Mitarbeiter als Markenbotschafter erfolgreich zu machen. Das geschieht, indem man Ausschau hält nach Menschen, die Lust auf die Rolle haben, ihnen den Blog aufsetzt, Incentives bietet und ihnen Zeitkontingente zur Verfügung stellt, um während der Arbeitszeit zu bloggen (in der Größenordnung von fünf bis zehn Stunden die Woche). Dabei bloggen die Mitarbeiter über ihren individuellen Fachbereich: Der ITler über IT, der HR-Mitarbeiter beispielsweise über New Work. Auf diese Weise macht sich das Unternehmen jenseits eigener Homepage und Blog zu bestimmten Themen sichtbar.

Über das Content-Marketing hinaus erfüllt dies auch zugleich eine doppelte Weiterbildungsstrategie: Ein Unternehmen stellt sich als modern dar und zieht neue Talente an (Recruiting) - und der Influencer akkumuliert so viel aktuelles und Insiderwissen, dass ihn die Firma als internen Experten verwenden kann, der etwa Schulungen oder großangelegte Motivationen bestreitet: ""Sich eine Corporate Influencerin aufzubauen, wie etwa Microsoft mit Magdalena Rogl  , ergibt nur Sinn, wenn man diese Influencer auch auf die eigene Bühne im Betrieb stellt, um Wissen von außen zurück ins Unternehmen zu tragen", sagt Christian Henne.

Doch der Corporate Influencer ist nur eine Maßnahme, um eine Firma langfristig-strategisch zur lernenden Marke zu machen.

Employee Experience
Der Job als angenehme Erfahrung ist ein Tool zur Motivation des Personals und zum Recruiting neuer Mitarbeiter: Ein Sportartikelhersteller kann etwa hausinterne Fußballturniere organisieren, für die man sich auf den hauseigenen Sportplätzen vorbereiten kann: Arbeit wird angenehmes Erlebnis inklusive sozialen Austausches - ein einem solchen Klima gedeiht Wissen.

Lernen zwischen den Abteilungen ansiedeln
Weiterbildung, soll sie ein konstantes Change Management anstoßen und auch neuesten Methoden des E-Learnings gegenüber aufgeschlossen bleiben, darf nicht allein bei der HR aufgehängt sein, glaubt Christian Henne: "Personalabteilungen sind zu konservativ, um neue Wege zu gehen - deswegen muss die Weiterbildung zwischen HR, interner Kommunikation und Marketing verankert werden, in Abteilungen, wo es Mitarbeiter gibt, die über ihren Kundenkontakt öfter aus dem Betrieb rauskommen.

Lernen im Arbeitsvertrag
Dauerhafte Weiterbildung und selbstmitgestaltetes Lernen kann ein echtes Alleinstellungsmerkmal sein - es gehört im Grunde in Zielvereinbarungen und Arbeitsverträge. "Ich habe schon eine Menge erlebt, aber noch nie, dass eine Firma ihre Angestellten fragt: 'Wie und was möchtest du hier eigentlich lernen?'", sagt Tjalf Nienaber mit einem gewissen verwunderten Bedauern.

Wissenskartografie

Ein Unternehmen muss erfassen, welche Lerntypen es besitzt, was einzelne Mitarbeiter wissen und muss dann dieses Wissen ständig updaten. Ein gutes Mittel zur Beurteilung und Vermessung des vorhandenen Wissens sind Selbsteinschätzungen der Mitarbeiter im Firmenportal/-wiki. So kann etwa ein Sales-Mitarbeiter, der mit einem spanischen Kontakt kommunizieren muss, herausfinden, dass es einen spanischen Muttersprachler im Betrieb gibt, der ihm als Dolmetscher beistehen könnte.
Thema: Digitale Transformation erlernen: So machen sich Firmen mit Wissen disruptionssicher

Kommentar von Sebastian Halm

Die Wissensmaschine steht neben dem Perpetuum Mobile

Ein in Echtzeit lernendes Unternehmen wäre angesichts immer rasanterer Disruptionen das Beste? Neeee.

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iBusiness-Analyst Sebastian Halm (HighText Verlag OHG)
Bild: HighText Verlag OHG
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