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Annotations: Twitter wird zur mächtigen Plattform

19.05.2010 Für viele Twitter-Nutzer liegt der Reiz in der Beschränkung auf 140 Zeichen, andere schreckt genau dieser enge Rahmen ab. Mit semantischen Annotationen ("Twannotations") will der Microblogging-Dienst die Quadratur des Kreises schaffen. Twitters Maschinenlesbarkeit verändert aber mehr als nur Tweets.

 (Bild: Twitter / HighText)
Bild: Twitter / HighText
Was zunächst Paradox klingt, ist in Wirklichkeit eine sehr cleverer Schachzug, der auf Twitters erster Entwicklerkonferenz Chirp   Mitte April vorgestellt wurde und das Semantic Web einen weiteren Schritt voranbringt. Darum geht es: Der sichtbare Bereich eines Tweets - die 140 Zeichen Text - wird durch einen zweiten normalerweise unsichtbaren Bereich ergänzt, der maschinenlesbare Zusatzinformationen zu dem Tweet enthält.

Der geniale Dreh dabei: Während sich für die Anwender vordergründig nichts an der Nutzung ändert, werden im Hintergrund dadurch Dutzende neuer Anwendungsszenarien möglich.

 (Bild: Raffi Kirkorian)
Bild: Raffi Kirkorian

Worum geht es genau bei Twannotations?


Twitter schafft in der Datenstruktur eines Tweets, die bereits heute viel mehr als das sichtbare Textfeld umfasst (siehe Grafik) einen neuen Bereich für die semantischen Daten. Dieses Annotations-Feld soll Zusatzinformationen zum Inhalt des Tweets enthalten wie beispielsweise:
  • Links zu weiteren Informationen, Fotos, Musik oder Videos, um die es im Text geht
  • Angaben zu Zeit und Ort oder der Person des Autors,
  • Meta-Keywords anstelle der Hashtags.
Zunächst ist die Größe dieses Feldes auf 512 Bytes (entspricht Zeichen) beschränkt, später ist eine Ausweitung auf zwei KByte oder rund 2000 Zeichen geplant. Twitters Plattform-Chef Ryan Sarver : "Entwickler können dort jegliche Art von Metadaten zu einem Tweet unterbringen."

Muss der Nutzer das von Hand eingeben?

Nein, das ist gar nicht möglich, denn zumindest am Anfang wird das Metadatenfeld nur über eine Programmierschnittstelle (API) zugänglich sein. Denn die eigentliche Idee von Twannotations ist, dem menschenlesbaren Tweet ein maschinenlesbares Pendant zur Seite zu stellen. Das heißt: In der Regel werden die Annotations automatisch von einem Twitter-Client eingefügt. Ein Beispiel zum besseren Verständnis: Eine Twitter-Applikation kann auf einem Smartphone über das eingebaute GPS den Standort des Nutzers ermitteln und dann via Web Daten zum Wetter (oder zum Verkehrsaufkommen, der Restaurantdichte, etc.) an diesem Ort ermitteln und als Metadaten in die Annotations einfügen.

Welche Form werden die Twannotations haben?

Twitter hat dazu bisher nur einen groben Rahmen vorgegeben   und schlägt ein System aus einem Namensraum (Namespace) sowie Key/Value-Kombinationen vor. Der Namespace definiert, was die Annotation beschreibt. Key und Value erläutern die Art einer Informationen und deren Wert. Zum Beispiel könnten die Metadaten zu einem Event so aussehen:
  • Namespace für den Typ Ereignis: "type:Event"
  • Key/Value für den Beginn: "startTime:2010-05-10 15:00:00 UTC"
  • Key/Value für den Ort: "locationGeo:48.135922 11.51699"
Damit ähnelt die Struktur dem bereits relativ weit verbreiteten Semantic-Web-Standard RDF   (Resource Description Framework), der in Anlehnung an die natürliche Sprache sogenannte Triples aus Subjekt-Prädikat-Objekt vorgibt.

Welche Probleme sind noch zu überwinden?

 (Bild: ISParade)
Bild: ISParade

Für viele Leute verwirrend ist allerdings die Tatsache, dass Twitter keine genauen Vorgaben in Bezug auf die semantischen Parameter machen will. Ein Beispiel: will man das Wetter annotieren, sind ganz unterschiedliche Ausdrucksweisen dafür möglich:

  • wetter:sonnig
  • wetter:schön
  • wetter:20Grad wolkenlos
Solange es keine Festlegung auf einen bestimmten Typ der Annotation, eine Taxonomie, gibt, besteht die Gefahr, dass die von einem bestimmten Twitter-Client gesetzten Metadaten im schlimmsten Fall auch nur von diesem Client wieder richtig ausgelesen und intepretiert werden.

Doch genau diese Unklarheit wird nicht nur in Kauf genommen - sie ist sogar beabsichtigt. Twitters Annotations-Experte Raffi Krikorian meint dazu lakonisch: "Die Entwickler werden schon herausfinden, wie es am besten funktioniert." Dieses Vorgehen hat durchaus Methode bei Twitter: Auch Funktionen wie Retweets oder die Hashtags wurden nicht vorgegen, sondern haben sich auf diese Weise einfach "von selbst" herausgebildet.

Eine weitere Einschränkung zumindest zu Beginn ist, dass die Annotationen nur bei der Erstellung eines Tweets geschrieben werden können. Ein späteres Hinzufügen ist offenbar nicht vorgesehen oder gewünscht.

Wozu soll das alles gut sein?

Die Anwendungsszenarien sind vielfältig: Zum einen können Twitter-Feeds in Zukunft auf sehr granulare Art und Weise gefiltert und nach ihren Inhalten ausgewertet werden - zum anderen wird Twitter zu einer Anwendungsplattform, bei der per Link eine App gestartet und im Twitter-Client ausgeführt wird, zum Beispiel ein Spiel, ein Musik- oder Videoplayer oder eine interaktive Grafik etwa zur Anzeige eines Aktienkurses. Das Thema regt jedenfalls die Phantasie der Entwickler an, hier einige der Ideen, die in Bezug auf Twannotations derzeit schon gewälzt werden.

Suche/Kategorisierung: Durch die Einbettung von Keywords in die Annotationen anstelle der heutigen Hashtags können Suchvorgänge in Twitter in Zukunft sehr viel differenzierter aussehen als heute, Beispiel: Zeige mir alle Tweets meiner Follower, die Links zu Musik enthalten und spiele mir diese Titel vor. Sowie es heute in Twitter Trending Topics - also besonders beliebte Themen - gibt, kann es künftig auch Trending Annotations geben.

Kontext: "Kontext ist alles", postuliert Twitters Raffi Krikorian. Geht es in einem Tweet etwa um ein Buch, können Hintergrundinformationen wie etwa die ISBN-Nummer oder ein Link zu einem Textauszug hinterlegt werden. Taucht in dem Tweet ein Kinofilm auf, lässt sich ein Link zur Filmdatenbank IMDb hinterlegen - ohne im eigentlichen Tweet Platz dafür aufwenden zu müssen.

Anwendung/Spiele: Hinterlegt werden können auch sogenannte Webhooks, über die im Hintergrund automatisch bestimmte Aktionen angestoßen werden, etwa der Aufruf eines Programms, das dann innerhalb des Twitter-Clients ausgeführt wird oder das Nachladen von Daten.

Marktforschung/Umfragen: Über die Einbettung der Autoren-Informationen wie Aufenthaltsort oder Alter können in Verbindung mit den Aussagen in den Tweets wichtige Erkenntnisse für die Marktforschung gewonnen werden. Für Umfragen wird in den Annotations eine Frage samt möglicher Anworten hinterlegt, die vom Client in form eines Fragebogens dargestellt werden. Die Antwort kann ebenfalls als Annotation zurückgetweetet werden.

Integration mit anderen Desktop- oder Web-Anwendungen: Die in dem oben angeführten Beispiel erwähnten Event-Informationen lassen sich zum Beispiel auch nutzen, etwa um ein Ereignis automatisch in den persönlichen Kalender eintragen zu lassen.

Preisalarm: Über hinterlegte Preisinformationen zu Produkten in Tweets kann ein Client etwa Alarm schlagen, wenn der Preis für ein bestimmtes Produkt - zum Beispiel ein Flugticket - unter eine bestimmte Grenze fällt.

Couponing/Targeting: Tweets von Unternehmen können Werbung oder Einkaufsgutscheine für Produkte in den Annotationen mitbringen, die vom Client angezeigt werden.

Mensch-Maschine-Kommunikation: Das Projekt ESME (Enterprise Social Messaging Experiment), das aus der SAP-Entwickler-Community heraus entstanden ist, arbeitet bereits an der Integration von Microblogging und Enterprise Resource Planning-Systemen. Durch die Annotation kann die Einbindung von Tweets in Backend-Systeme massiv vorangetrieben werden.


 (Bild: geek & poke)
Bild: geek & poke

Aller guten Dinge sind drei

Kurz gesagt: Twitter kann sich Dank der Metadaten zum allgemeinen Messaging-Standard im Web sowohl für Mensch wie Maschine wandeln. Doch die Bedeutung der Annotations liegt nicht allein in der Semantik selbst begründet, sondern in der Kombination mit zwei mächtigen Eigenschaften, die Twitter heute bereits auszeichnen:
  • einem super-einfachen Adressierungsschema, und
  • einem enorm skalierbaren Publisher-Subscriber-Schema
Mit der Kombination aus diesen drei Elementen lässt sich im Prinzip etwas realisieren, was Twitter mit einem Schlag in eine andere Liga katapultieren würde: ein vollständiges soziales Netzwerk. "Na, schon jemand dabei, ein Tweetbook zu programmieren?", schrieb der Social-Media-Berater Raj Dash in einem Artikel über mögliche Twannotations-Anwendungen  .

Mal sehen, wie lange es dauert, biss diese Frage von jemandem mit "Ja" beantwortet wird...
Thema: Annotations: Twitter wird zur mächtigen Plattform

Kommentar von Peter Koller

Kleine Ursache, große Wirkung

Man mag sich fragen, ob 500 Zeichen Metadaten wirklich so eine große Wirkung auf das Web haben können. Die Antwort ist ein ganz klares Ja.

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