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Wer von der Tablet-Revolution wirklich profitiert
13.01.2010 Sie spielen das Lied vom PC-Tod: Eine neue Gerätegeneration verändert das digitale Heim. Multimediale Tablet-PCs und digitale Bilderrahmen mit Touchscreen und Zusatzfunktionen läuten den Anfang vom Ende des privaten Desktops ein. Und schaffen neue Anwendungsfelder.
2010 wird das Jahr der großen Touch-Pads, auch Slates (Schiefertafeln) genannt. Zunächst für den kleinen Mediengenuss zwischendurch: Nicht mehr nur Bücher und Zeitungen werden Nutzer darauf via mobiler Anbindung empfangen und lesen können, sondern die ganze Breite des Multimedialen, von Videos bis zu Musik.
Der Trend bietet aber auch noch eine Menge Platz für Unterkategorien in vielerlei Spielarten. So zeigten etliche Hersteller auf der CES digitale Bilderrahmen, die deutlich erwachsener daherkommen und mit zusätzlichen Funktionen versehen sind: So stellte etwa Pandigital einen neuen digitalen Bilderrahmen vor, der Fotos per Mobilfunkanbindung - hier durch AT&T - auf den kleinen Schirm holen kann. Bis zu 300 Bilderdownloads sind im Gerätepreis von 150 Dollar enthalten. Das Unternehmen eStarling setzt bei seinem Bilderrahmen auf Vernetzung: Per WLAN wird das Gerät mit dem heimischen Computer verbunden, eine EMail-Adresse bei Google Mail wird mitgeliefert. Fotos können hier zudem von Sharing-Portalen wie Flickr oder Facebook heruntergeladen und angezeigt werden. Die Bedienung erfolgt über das standesgemäße Touchscreen-Display.
Panasonic wiederum hat in Japan Geräte vorgestellt, die vor allem eine Docking-Station für iPods sind - mit großem Display. Sony dagegen hat einen digitalen Bilderrahmen präsentiert, der die gezeigten Fotos durch einen eingebauten Drucker auch als Print-Version erzeugen kann. Eine Bildbearbeitungssoftware ist im Gerät ebenfalls enthalten. Das Unternehmen Jobo setzt bei seinem ScanViewer auf die Scan-Funktion: Der Bilderrahmen kann Papierfotos einlesen und anzeigen.
Der Erfolg des iPhone hat es vorgemacht: Vorhandene Technik wird zu Neuem so zusammengemischt, dass möglichst ein Kult-Gadget daraus wird, das den Markt entscheidend bewegt. Genau diese Geschichte wird sich mit den Tablet-PCs wiederholen. Denn die Technik ist bereits in weiten Teilen vorhanden. Gerade der Multimedia-Touchscreen hat seit dem Erscheinen des iPhones einen Siegeszug hinter sich und etliche noch vor sich.
Tastaturen braucht der Nutzer so nicht mehr, tippen kann er ab sofort auch auf dem Bildschirm. Für Rechnerleistung ist heute Platz im kleinsten bzw. schmalsten Gehäuse. Für Hersteller ein Geschenk des Himmels: Eine neue Gerätegattung trifft auf einen in westlichen Industrieländern weitgehend gesättigten Markt für Desktop-PCs.
Internet via UMTS ist erst richtig mobil
Je besser die Anbindung der Tablets an die mobilen Netze - UMTS/3G als moderner Standard, demnächst wird LTE/4G Pflicht plus WLAN selbstverständlich - desto besser die Versorgung mit dem Futter, den Inhalten. Einige Hersteller werden wohl auch Geräte für den Hausgebrauch mit Internet-Festnetzanschluss ausliefern. Doch die Gattung selbst weist den Weg eher in Richtung mobile Nutzung.
Das freut die Mobilfunkprovider, denen die neue Smartphone-Generation bereits den Einstieg in Erlösstrukturen geebnet hat; denn nun erst beginnen sich die teuren UMTS-Lizenzen zu rechnen. Mobile Slates oder Tablets aber werden dieser Entwicklung einen weiteren Schub verleihen. Provider vom Schlage T-Mobile werden sie daher mehr als freundlich begleiten. Gerätesubventionierung könnte als Thema hier ebenso wieder auf die Agenda rücken wie Flatrates oder Abo-Modelle.
Auch für Inhalteanbieter dürfte mit den multimedialen Schiefertafeln eine neue Zeitrechnung anbrechen: Aus der Kreidezeit des kostenlosen Internets hin zu kostenpflichtigen Mautstellen. Vorreiter iPhone hat es schon exerziert: Neues Gerät mit neuen Anwendungen (Apps) schafft Chancen für Paid Content.
Neue Chance für digitale Verlagsinhalte
Verleger, die Gedrucktes als E-Paper zum Umblättern auf dem PC-Bildschirm ausprobierten und seitdem eher lustlos verfolgen, bekommen voller Vorfreude schon glänzende Augen. Investitionen in dieser Richtung könnten sich jetzt doch noch rechnen: als Recycling auf den neuen Geräten. Und für Nutzer bleibt das Umblättern nicht nur eine nette Animation aus analogen Zeiten, sondern wird durch entsprechende Fingerbewegung zur sinnlich-intuitiven Steuerung.
Auch die mobile Video- und Fernsehnutzung wird neue Chancen erhalten: Wem bislang König Fußball auf einem 3 bis 5 Zentimeter großen Handy-Bildschirm nur bedingt königlich erschien, gibt Handy-TV auf wesentlich größeren Diagonalen eher eine Spielzeit lang die Ehre. Schon weil der Ball wieder sichtbar wird.
Kein Licht ohne Schatten: Was die einen freut, dürfte anderen Schreckensschauer über den Rücken jagen. So wie Handys auf längere Sicht das Festnetztelefon obsolet machen für Privatanwender, so werden die neuen Tablet-PCs herkömmliche Desktop-Maschinen auf Dauer ins Abseits stellen. Für das begrenzte Feld privater Anwendungen werden Slates oder andere, spezialisierte Geräte vollauf genügen. Selten benötigte Dienste werden Nutzer via Cloud Computing ebenfalls über ihre persönlichen Devices erledigen können. Klobige Anwender-Rechner werden dahin zurückkehren, wo sie hingehören: Auf die Schreibtische von Firmen und denjenigen Freiberuflern, die sicher mit größeren Datenmengen umgehen müssen.
Weitere Raketenstufe für Apps und Widgets
Für die kleinen Spezialanwendungen von Desktop und Smartphones, den Widgets und Apps, werden die multimedialen Alleskönner das Zünden einer weiteren Raketenstufe bedeuten. Über 100.000 Apps für das iPhone gibt es inzwischen auf iTunes, über drei Milliarden Mal haben Nutzer Anwendungen heruntergeladen.
Das Apple-Vorbild macht Schule, andere Hersteller ziehen nach. Die Slates könnten diesen Boom wie ein laues Lüftchen erscheinen lassen. Die größer gewachsenen Geräte bieten auch ein Vielfaches an Potenzial für kleine praktische Helfer. Wer wüsste nicht schon gerne im Büro, dass zu Hause der Strom ausgefallen ist? Dann könnte er nämlich schon im Vorfeld erste Hilfsmaßnahmen einleiten, bevor er abends in eine ebenso kalte wie dunkle Bude kommt.
Mit dem Einzug großer Touchscreens wird sich die Nutzung fraglos verändern - tippen statt klicken, wischen statt scrollen. Wichtiger noch: Bewegungen von Daumen und Zeigefinger ersetzen umständliche Tastenkombinationen mit 'Alt' + 'Strg'. Einzelne Mediengattungen wie Text, Bild, Ton und Video wachsen viel stärker zusammen, durchdringen sich, ergänzen sich und kombinieren sich völlig neu. Längerfristig ist damit zu rechnen, dass sich auch die Medienproduktion durch diese Gerätegeneration und den Umgang damit rasant verändern wird.
Nach Informationen der iBusiness-Redaktion arbeitet auch in Deutschland ein Industriekonsortium an einer Massenanwendung auf Basis eines digitalen Bilderrahmens mit Internetanschluss - Content-Services inklusive, die von der Wetterprognose bis zu Sonderangeboten im örtlichen Supermarkt reichen. Die nächsten Monate, so viel ist sicher, werden so spannend wie schon lange nicht mehr in der PC-Geschichte. Für Multimedia-Publisher brechen neue Zeiten an.
