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Warum Agenturen und Programmierer am Trumpism schuld sind

22.11.2024 Der Erfolg von Trump, AfD und anderen Populisten zeigt vor allem: Die Fortschrittserzählung der vergangenen Jahrzehnte ist gescheitert. Das ist ein Desaster für die Demokratie - aber auch für die Digitalbranche.

 (Bild: johnhain / Pixabay)
Bild: johnhain / Pixabay
Seit den 90er Jahren hieß das in der westlichen Welt erzählte Narrativ: "Globalisierung, Liberalisierung und Digitalisierung sind gut, weil eine globale, offene, digitale Gesellschaft schneller wächst. Und Wachstum für Dich ein besseres Leben bedeutet."

Für uns Fortschrittsfreunde gilt der Satz: "Fortschritt ist etwas Positives. Die Zukunft ist etwas Positives." Technik-Nerds unter uns werden sagen: "Neue Technologien sind eine Chance."

In den USA genauso wie in den östlichen Bundesländern, in den Ländern des globalen Südens wie auch in weiten Teilen Europa glauben immer weniger Menschen an diese Narrative. Für sie ist Globalisierung vor allem ein Mittel ihrer Verarmung. Digitalisierung und neue Technologien sind eine Bedrohung. Fortschritt ein anderes Wort für Rationalisierung und Arbeitsplatzabbau. Und Liberalismus die ideologische Verbrämung der Umschichtung des Reichtums von unten zu den (Tech-)Milliardären.

Immer mehr Menschen wählen in der Folge diejenigen, die eine Abkehr von dem offenen, globalen und digitalen Gesellschaftsmodell versprechen. Die eine Rückkehr in eine heile Welt versprechen, in der es weder eine Klimadiskussion gab noch den Herd verlassende Frauen oder bröckelnde Wirtschaftsmodelle. Eine heile Welt, die vor allem eines war: einfacher, verständlicher und mit dem Aufstiegsversprechen, dass harte Arbeit zu mehr Wohlstand führt.

Wenn die Zukunft nicht mehr die Quelle dessen ist, was der Philosoph Ernst Bloch als "utopischen Wärmestrom" bezeichnete - sondern zur Bedrohung mutiert, dann ist Zukunft als die Vision des besseren Lebens nur eine Marketingfloskel. Nicht länger die Zukunft gibt dann dem Leben in der Gegenwart Sinn - sondern die Vergangenheit. Nicht Optimismus ist die treibende Kraft, sondern Defätismus, Pessimismus, Hoffnungslosigkeit.

Statt Wohlstandsversprechen gibt es Schuldzuweisungen

Das Aufstiegsversprechen der vergangenen Jahrzehnte ist passé. Die Hoffnung, dass es wenigstens den Kindern besser gehen wird als einem selber? Vorbei. Reich werden kann man längst nicht mehr mit normaler Arbeit, sondern (bevorzugt) mit erben. Alternative: Man kann programmieren und Investoren bezirzen. Aber beides ist nichts für "die hart arbeitende Mitte", von der gerade alle sprechen.

Aber was ist mit denen, die nach eigener Definition für den Optimismus stehen - die Fortschrittlichen, die Liberalen, die Technikbegeisterten? Die haben für den Rest der Gesellschaft nur einen Tritt übrig. Denn für die Mehrheit der Normalen bleiben die Schuldzuweisungen, die der gewinnende Teil der Gesellschaft (also: die globalisierungsbefürwortenden, liberalen, technik- und mediennahen Besserverdienenden) in Talkshows und Social-Media-Posts unters Volk streut.

Man hat als Normalo nicht nur die ökonomische Arschkarte gezogen, sondern darf noch nicht einmal sein Normalo-Leben leben. Es gibt kein richtiges Leben im falschen? Nachdem alles falsch ist, darf man seinen Gebrauchten nicht fahren, der mühsam gesparte Urlaub auf eine Sonneninsel macht einen verantwortlich für alles CO2-Unbill der Welt, man ist verantwortlich für Flucht und Vertreibung ("Wo Europa versagt", heißt so etwas), man ist verantwortlich für alles Unbill der Welt, weil man nichts oder nicht genug tut für jedes Stückchen Leid, das durch die Medienkanäle getragen wird.

Die aktuelle Erzählung der liberal-technischen Gesellschaft: "Du darfst nicht. Dir ging es bisher noch viel zu gut. Das muss sich ändern." Und die aktuelle Erzählung der Digitalen: "Wenn Du zu dumm bist für die KI-Jobs der Zukunft, wirst Du ausgesondert. Aber keine Sorge: Wir kümmern uns darum, dass wir schneller entwickeln, als Du jemals hinterherkommst."

Kein Wunder also, dass immer mehr Menschen lieber den Erzählungen folgen, die sagen: "Komm mit mir zurück in die Vergangenheit und alles wird gut." Sie glauben zwar nicht, dass das stimmt. Aber sie werden wenigstens nicht mit Schuldzuweisungen zugeschmissen.

Was droht?

In den USA (Republikaner vs. Tech-Konzerne) wie auch in Europa (EU vs. KI) und speziell in Deutschland ("Datenschutz") wird Technologie von Politikern zunehmend als Bedrohung, statt als Chance gesehen. Ausnahme sind da die libertären Tech-Investoren (Musk, Thiel etc.), die sich jedoch immer schon stärker über Geld als über Technologie definiert haben - und mittlerweile Teil des rechten Populistenflügels der Republikaner geworden sind.

Politiker mit populistischer Agenda (und das schliesst Menschen wie Musk ausdrücklich ein) sehen liberale, inklusive, globale Tech-Unternehmen ohnehin längst als Teil des linksgrün versifften Feindes, den sie bekämpfen wollen. Für die Mehrheit der Menschen wird KI als Bedrohung immer greifbarer, sei es als Überwachungsapparat, sei es als Jobkiller. Es droht eine wachsende Tech-Verdrossenheit, KI-Ablehnung, Digital-Verweigerung.

Was ist zu tun?

Ohne eine positive Vision für jeden Einzelnen wird Demokratie ebenso scheitern wie der technische Fortschritt. Ich höre viele Präsentationen, in denen Digitalverantwortliche zwar erzählen, dass man die Mitarbeitenden in dem Projekt "mitnehmen" müsse. Dass man eben diejenigen, die "noch nicht verstanden" hätten, was man erreichen wolle, ebenso lange beschallen müsse, bis sie es "verstanden" haben: Das Ziel ist gesetzt, der Rest ist PR. Allerdings, wo KI zur Rationalisierung eingesetzt wird, kann man zwar noch so viele PR-Girlanden häkeln: Es bleibt eine Aktion zur Gewinnoptimierung, von der die Mitarbeitenden nur mehr Arbeit, mehr Stress und mehr Angst ernten.

Ohne eine positive Vision für Technologie - für Zukunft - wird die Technologie ebenso scheitern wie die Zukunft. Wenn wir so von oben herunter weitermachen, sind Agenturen und Mediale und Programmierer mit schuld am Trumpism - wie er auch immer heißt.

Ihr
Joachim Graf
Herausgeber
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