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Facebook-Credits: Die virtuelle Weltwährungsreform
11.08.2010 Mit seinen Facebook-Credits führt das soziale Netzwerk eine eigene Währung für 500 Millionen Mitglieder ein. Damit wird Facebook noch mehr ein Parallel-Universum zur realen Welt und potenzielle Konkurrenten ein weiteres Stück auf Abstand gehalten. Diese Payment-Offensive schafft an vielen Stellen Probleme und kann eine ganze Reihe von Märkten durcheinander wirbeln.
Die neue Währung ist innerhalb des Social Netwerks handel- und tauschbar. Teuer deswegen, weil sich nicht nur digitale Dienstleistungen und Angebote damit kaufen lassen - wie etwa virtuelle Güter für Spiele innerhalb des Netzwerks. Sondern auch reale Güter und Dienstleistungen der realen Welt - wie etwa ein echter Blumengruß an eine Freundin. Und mindestens diese realen Güter muss Facebook ja selbst im Rahmen seines Payment-Systems abrechnen. Die Aktion kostete also Mark Zuckerberg richtiges eigenes Geld.
Das Phänomen 'virtuelles Geld' ist an sich nicht ganz neu: Bereits um einige Massively Multiplayer Online Role-Playing Games (MMORPGs) wie "World of Warcraft" haben sich Parallel-Wirtschaften gebildet, in denen virtuelle Güter wie Zusatzwaffen, Zauberkräfte, Figuren und Levels des Spiels gegen echtes Geld gehandelt werden. Am bekanntesten sind die Linden-Dollar der 3D-Welt Second Life , für die es seit Jahren reale Wechselstuben gibt.
Mit Linden-Dollars können Nutzer Grundstücke in Second Life erwerben und diese dann bebauen, ausbauen und verschönern. Im Rahmen eines Forschungsprojekts konnte sogar eine Unternehmensgründung innerhalb von Second Life nur mit Linden-Dollars als Gründungskapital realisiert werden, das anschließend auch in der realen Wirtschaft Erfolg hatte. Doch das Gründungsfieber in Second Life ist mit dem Ende des Booms dramatisch abgeflaut. Doch auch ohne befeuernden Hype läuft das virtuelle Wirtschaftsleben nach wie vor rund.
Doch mit seinen 50 Millionen Mitgliedern ist Second Life deutlich kleiner als Facebook, wenn auch größer als WoW mit 11 Millionen Mitgliedern. Doch was für einen Impact bekommt eine virtuelle Währung, wenn sie von einer halben Milliarde Nutzer verwendet werden kann - was immerhin deutlich mehr ist, als es Nutzer des Euros gibt.
Regeln gelten auch für virtuelle Währungen
Facebook seinerseits führt nun ebenfalls eine eigene Währung ein. Doch bei 500 Millionen Mitgliedern weltweit hat diese Währungsreform eine ganz andere Schlagkraft als die vorangegangenen virtuellen Währungen. Bereits die Marketingmaßnahme kostet Facebook richtiges Geld: Das Ausreichen der Gutscheine in Credit-Währung muss nämlich, so schreiben es internationale Bankenregularien vor, für solche 'Electronic Money Institutions (ELMIs)', durch echte Geldwerte unterfüttert werden. In der Praxis heißt das, in der Bilanz von Facebook muss nun eine 'Exposure' auftauchen, die die Deckung von 500 Millionen Credit-Gutscheinen durch echte Dollars ausweist.Die gleichen Bankregularien schreiben übrigens eine Lizenz bei einer der europäischen Zentralbanken vor. Auch eine Aufsicht zur Verhinderung von Geldwäsche ist vorgesehen. In Deutschland war bislang die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) als Aufsichtsorgan zuständig.
Warum wirft Facebook 500 Millionen Dollar als Geschenk für seine Mitgliedern raus? Unter den Gesichtspunkten des Marketings sind die Facebook-Credits natürlich eine feine Sache: Die Bindung an die Facebook-Welt wird gestärkt. Wer sich auf die Credit-Währung unter den Nutzern einlässt, ist dem sozialen Netzwerk künftig noch stärker verhaftet als bislang schon. Damit wird der Lock-in-Faktor des Netzwerks gestärkt. Wer hier ein gewisses Vermögen in Credits ansammelt, wechselt das Netzwerk womöglich noch weniger gern als bislang schon. Nennen wir diesen Faktor den der Binnenverstärkung innerhalb des Netzwerks für seine Mitglieder.
Angenehmer Nebeneffekt für das soziale Netzwerk: Das Gefühl der Nutzer für eine virtuelle Währung muss sich erst einstellen. Nicht wenige Facebook-Mitglieder werden zu Beginn etwas großzügiger in Credits als in realer Währung zuvor einkaufen.
Ohne die Zentralbank 'Facebook' läuft künftig kaum etwas für Unternehmen
Aber der Effekt dieser Komplementärwährung reicht darüber hinaus. Ein weiterer wichtiger Faktor ist der des Kontrolleffekts gegenüber Partnern: Künftig wird es wesentlich schwieriger für Unternehmen, unabhängig von Facebook innerhalb ihres Netzwerks eigenständige Geschäftsmodelle zu etablieren. Wenn sich die Facebook-Credits durchsetzen, werden auch andere Unternehmen gegenüber Nutzern in Credits abrechnen müssen. Damit unterwerfen sich diese dritten Partner innerhalb des Netzwerks aber auch automatisch der Zentralbank, die hier Facebook heißt.
Sollte sich die neue Währung etablieren, eröffnen sich den Machern von Facebook natürlich Erlösmodelle: Sie reichen von Provisionen für den Währungsumtausch bis hin zu Provisionen für die Zulassung von Drittanbietern. Die Potenziale mögen bereits vorhanden gewesen sein, aber mit der eigenen Währung verfügt das Netzwerk über ein wesentlich wirksameres Instrument.
Erste Unternehmen steigen in das Geschäft mit Facebook-Credits ein
Zumindest in den USA hat die virtuelle Währung der Facebook-Credits bereits die Realwirtschaft erreicht: Die Ladenkette 7-Eleven hat für den Anschub als Partner eine Art von Bonusprogramm aufgelegt. Wer bei 7-Eleven1 Credits erwirbt, bekommt Bonus-Credits. Das Angebot wird zusammen mit dem Bezahldienst PayNearMe des Unternehmens Kwedit in den Markt gebracht, wie Techtorial berichtet.
Zur Erinnerung: 7-Eleven verkauft nicht nur bis 23 Uhr abends an sieben Tagen (daher der Name) Getränke und sonstige Dinge des täglichen Bedarfs, sondern bietet parallel einfache Bezahlsysteme über Karten sowohl in den USA und Kanada, als auch im ganzen asiatischen Raum an. So können etwa Nutzer der Nahverkehrsverbund-Karte "Octopus" in Hongkong damit auch in jedem Laden der 7-Eleven-Kette bargeldlos bezahlen.
Das heißt: Mit diesem Deal erschließt sich Facebook den Markt der Bezahlsysteme für einen Millionenmarkt. Zugleich wird diesem riesigen Markt (Nordamerika und Asien) der Zugang zu Facebook und seinem Bezahlsystem mitsamt seiner eigenen Währung ungeheuer erleichtert.
Strategisch sind die Facebook-Credits eine wesentliche Entscheidung. Bevor etwaige Konkurrenten (Google , Diaspora ) ernsthaft den Markt erobern könnten, sichert Facebook sein noch zu bildendes Kerngeschäft ab. Insbesondere die zusätzliche Bindung der Mitglieder durch neue Werte an das Unternehmen sind nicht zu unterschätzen.
Folgende Szenarien sind von einer Durchdringung des Marktes durch Facebook-Credits zu erwarten:
- Weltweiter Einkauf wird durch eine Abrechnungseinheit erleichtert.
- Facebook wandelt sich vom sozialen Netzwerk zum Finanzdienstleister.
- Neue Erlösmodelle werden möglich: Von Provisionen für den Währungsumtausch bis hin zu Provisionen für Drittanbieter innerhalb des Netzwerks.
- Zusammen mit Partnern wie 7-Eleven kann Facebook auch Bezahlsysteme in der Realwirtschaft etablieren.
- Mit dem Gewicht von 500 Millionen Mitgliedern ist eine virtuelle Währung von Facebook eine finanzpolitische Größe. Sollte es dort zu Erschütterungen kommen, hätte das Auswirkungen in die Realwirtschaft hinein bis hin zu Pleiten und Insolvenzen. Zügig könnte eine Größenordnung "Too big to fail" erreicht werden. Im Fall von Zahlungsunfähigkeit wären Staaten oder andere Banken zur Rettung gezwungen.
