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Bitcoins: Wie sie das Bezahl-Web retten und Onlinewerbung beenden könnten
07.12.2017 Statt Werbung anzusehen, könnten Nutzer ihre CPU für Bitcoin-Mining freigeben. Es wäre das Ende der Onlinewerbung und für Paid-Content-Geschäftsmodelle die Lösung ihrer Probleme. Kann das klappen? Vier Szenarien.
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Wer im Herbst die Datei-Tauschbörse besuchte, dem knabberte The Pirate Bay ungefragt CPU-Kapazitäten weg, um die Kryptowährung Monero zu schürfen, berichtete Chip . Doch mal von dem Schönheitsfehler der fehlenden Einwilligung abgesehen - hat die Piraterieseite hier das Monetarisierungsmodell der Zukunft entdeckt, wie manche Experten glauben: CPU-Benutzung gegen Content - ein Weg für die Verlagsbranche, die Content-Industrie? Der Blog SemperVideo etwa testete die Funktion und sah darin einen möglichen Ausweg aus dem Adblocker-Dilemma.
CPU-Sharing: Die Zukunft des Paid Contents?
"Technisch betrachtet ist das überhaupt kein Problem", sagt IT-Consultant Simon Brüchner. "Die Frage ist eher, ob ein solches System effizient ist: Man braucht eine Community aus tausenden und zehntausenden von Rechnern, damit es sich lohnt." Und selbst dann wird es eng, glaubt Marc Henklein, Technical Lead bei der Comwrap GmbH : "Da bei Währungen wie dem Bitcoin ständig der Schwierigkeitsfaktor steigt, steigt auch die erforderliche Gesamtrechenpower und die Menge an benötigtem Strom. Da ist absehbar, wann das Ganze ein unrentables Level bekommt." (Um neue Bitcoins zu generieren, muss ein ständig nach oben steigender Difficulty-Faktor bei der Berechnung bewältigt werden - er dient als Instrument zu Werterhalt und künstlicher Verknappung.) Das erklärt, weswegen eine 'illegale' oder 'Blackhat'-Ausnutzung der Idee wahrscheinlicher ist: Eine 'ehrlich generierte' Community aus hunderttausenden von Nutzern ist schwer aufzubauen, doch mal eben Millionen unwissenden Nutzern einen CPU-Vampir unterzumogeln ist mach- und skalierbar.
Hinzu kommt, dass ein einzelner Rechner niemals mit 'Vollgas' für Bitcoin-Mining zur Verfügung stehen würde. Dafür bräuchte es schon spezialisierte Hardware: "Eine Seite, die die CPU anzapft, operiert im Browser oder in Java und damit zu viele Layer oberhalb der CPU. Da müsste man hinaus aus dem System, etwa ein Plugin nutzen", sagt Simon Brüchner.
Ganz aus der Luft gegriffen sei das Geschäftsmodell jedoch nicht. Man müsse es gestalten, erklärt Simon Brüchner: "Beispielsweise nebenher einen Film zu streamen, während man seine CPU zur Verfügung stellt, würde wegen der Belastung schwierig."
- Die CPU könnte beispielsweise nachts 'verliehen' werden, wenn man den Rechner nicht benötigt.
- Dafür erhält man etwa eine Punkte-Gutschrift, die man gegen Content-Konsum eintauschen kann.
- Seiten könnten die CPU-Belastung intelligent aussteuern und je nachdem, wie sehr der Rechner ächzt oder flüssig läuft, intelligent hoch- und runterfahren. Einige Seiten tun dies bereits, bei denen Nutzer ihre CPU quasi ehrenamtlich Wetter- und medizinische Berechnungen unterstützen lassen. Beim Projekt Seti@home berechnen Nutzer-PCs für die Universität Berkeley kleine Datenpakete und schicken sie an die Universität zurück. Die Mission dahinter: Suche nach außerirdischem Leben.
Eine mögliche Alternative zum Bitcoin-Mining, die die Grundidee der geteilten CPU variiert, sieht Marc Henklein: "Es wäre denkbar, mit geteilten Rechenkapazitäten eine Art alternatives Web aufzuspannen, ein eigenes Netzwerk, das unter den Aspekten Privatsphäre und Anonymität funktioniert." Rechenpower würde hier nicht zum virtuellen Goldgraben genutzt, sondern altruistischer zum Betrieb eines Internets im Internet.
Vor diesem Hintergrund bieten sich verschiedene Szenarien für Geschäftsmodelle an, die auf geteilten Hardware-Kapazitäten basieren.
Vier Szenarien für die Zukunft des CPU-Sharings
Der Nebenjob für's Rechenzentrum
Große Konzerne verwenden ihre nachts unausgelasteten Rechenzentren in den Nachtstunden zum Bitcoin-Mining. Nur sie haben die Kapazitäten und durchoptimierten ökonomischen Rahmenbedingungen, mit denen sich wirklich effektives Mining betreiben ließe. Eine Option, die Firmen individuell durchrechnen müssten und auf die Hintergrundfolie von Bitcoin-Wert/Strompreis projizieren müssten, um die Kosten-Nutzen-Relation zu errechnen.
Ein Blackhat-Job
Eine Art Shareconomy-Szenario, bei dem die CPUs der Nutzercommunity Bitcoins minen, lässt sich nur unter Blackhat-Vorzeichen denken: Nur indem man Rechenpower und Strom stiehlt, rechnet es sich ökonomisch, nur indem man möglichst viele Unwissende anzapft, lässt sich eine ausreichend große Community auf die Beine stellen. Doch selbst diesem Szenario dürfte die Luft ausgehen, wenn der Hype anhält und der Schwierigkeitsfaktor weiter steigt: Dafür arbeiten heimlich implementierte CPU-Vampire zu weit über CPU-Level und lasten die CPU zu wenig aus.
Ein Job für Altruisten
Kommerziell wird nichts aus dem CPU-Sharing - es sind aber altruistische Szenarien jenseits des Bitcoin-Minings denkbar: Man stellt seinen Rechner altruistischen Zwecken zur Verfügung und hilft der Wissenschaft beim Decodieren von DNS-Sequenzen oder sucht in Signaldatenbergen nach Lebenszeichen von Aliens. Auch ein autonomes, von Nutzern betriebenes Alternativ-Web wäre zwar komplex, aber denkbar. Solche Anwendungen werden aber immer Nischenszenarien bleiben.
Ein alternatives Amazon Web Services
Nutzer verkaufen Rechnerkapazitäten an Shops, die beispielsweise beim Kundenansturm zu Weihnachten nicht unter Hochlastszenarien in die Knie gehen wollen oder stellen ihre Rechenkraft eher zeitunkritischen Tasks zur Verfügung (etwa für Passwortentschlüsselungen auf Firmenfestplatten). So entstünde eine Art alternativer Cloud-Anbieter, ein Konkurrent zu Amazon Web Services . Dieses Szenario bleibt auch eher unwahrscheinlich - der Konkurrent ist zu übermächtig.
