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Massenentlassungen bei den Tech-Giganten: Was dahinter steckt

17.11.2022 Amazon, Apple, Meta, Twitter: Die Liste der Digital-Dickschiffe, die auf breiter Front Mitarbeitende entlassen, wird immer länger. Was dahinter steckt.

Wenn viele tausend Menschen gefeuert werden - dann steckt Geld dahinter (Bild: McKarri)
Bild: McKarri
Bild: McKarri unter Creative Commons Lizenz by
Wenn viele tausend Menschen gefeuert werden - dann steckt Geld dahinter
Was aktuell passiert: In den vergangenen Monaten und Jahren ging es in der Digitalwelt immer nur in eine Richtung: Nach oben. Jetzt auf einmal wird auf breiter Front entlassen:
  • Amazon   hat einen Einstellungsstopp verkündet und will nach mehrmonatigem Review Stellen abbauen in "unprofitablen" Bereichen. Vor allem Retail und Robotik sind betroffen - hier sollen aber Mitarbeitende in profitablere Bereiche umgesiedelt werden. Von 10.000 Stellen ist insgesamt die Rede. Betroffen sind den Berichten zufolge insbesondere defizitäre Geschäftsbereiche, etwa bei der Entwicklung der Echo-Smartspeaker mit dem Sprachassistenten Alexa. Zuvor hatte das Unternehmen bereits vor einem schwachen vierten Quartal gewarnt.
  • Apple   hat weltweit einen Einstellungsstopp für fast überall abgekündigt. Dieser soll bis weit ins Jahr 2023 gelten.
  • Google   hatte im dritten Quartal noch weltweit über 12.000 Menschen eingestellt, jetzt jammern die Großaktionäre und wollen, dass die Geschäftsleitung ebenfalls den Personal-Rotstift ansetzt. Bei Google-Angestellten geht nun die Angst um. Auch ein strengeres System zur Leistungsbeurteilung verunsichert die Googler hinsichtlich ihrer Arbeitsplatzsicherheit.
  • Lyft   hat 700 Mitarbeitende entlassen.
  • Meta  , der facebook  -Mutterkonzern entlässt 11.000 Beschäftigte - die größte Streichorgie in der Geschichte des Konzerns.
  • Microsoft   hat 1.000 Stellen gestrichen.
  • Der Online-Zahlungsdienstleister Stripe   entlässt mit 1.100 Mitarbeitenden rund 14 Prozent seiner Belegschaft.
  • Twitter   hat die Hälfte seiner 7.500 Mitarbeitenden in einer Klick-und-EMail-Aktion vor die Tür gesetzt, hat die Jobs fast aller Freelancer und Projektpartner gestrichen und will auch seine verbleibenden Angestellten mit harten Bandagen zu unbezahlten Überstunden zwingen.
Weitere Digital-Startups und große Techunternehmen werden wohl die Gunst der Stunde nutzen und folgen.

Was dahinter steckt

Die Gründe der Entlassungswellen sind vielfältig. Bei Amazon schlägt die Konsumzurückhaltung wegen Energiepreisen und Inflation durch. Twitter wiederum ächzt unter den zusätzlichen Schulden, die Elon Musk dem Social Network nach seiner Testosteron-getriebenen Übernahme aufgebürdet hat - und durch den Rückgang der Werbeeinnahmen (Inflation, noch mehr Testosteron). Meta wiederum hat sich im Metaverse verlaufen und verbrennt dort Milliarden, ohne dass ein Geschäftsmodell zu sehen ist.

Doch neben der allgemeinen Werbezurückhaltung in der Folge der globalen Rezession ist es die Inflation, die die gesamte Techbranche in die Knie zwingt. Bislang war das Geschäftsmodell wie folgt:
  1. Weil Geld billig ist, suchen reiche Leute immer noch risikoreichere Anlageformen.
  2. In der Folge strömt Geld in die Wagniskapitalfonds, die in immer mehr Startups und Digital-Bluechips investieren.
  3. Die Unternehmen wiederum spielen 'New Economy' und heizen durch Neueinstellungen und Marktexpansionen die Spirale immer weiter an.
  4. So lange das Pilotenspiel gut geht - also immer weitere Investoren immer neue Finanzierungsrunden bezahlen - wachsen die Digitalunternehmen und können mit noch ausgeflippteren Börsenstories immer neue Investoren begeistern.
  5. Am Schluss diverserer Finanzierungsrunden steht die ultimative: Der Börsengang. Jetzt können alle Early Investoren aussteigen und das Risiko verteilt sich auf die Tausenden von Aktionären. Solange an den Börsen die Kurse steigen, ist alles gut.

Manchmal verdienen die Startups irgendwann auch wirklich Geld. Aber vor allem in den USA - weniger in Deutschland - wurde darauf in den vergangenen Jahren weniger geachtet.

Was nun kommt

Die jahrzehntelange Niedrigzinsphase ist vorbei. Damit wurde Geld in diesem Jahr sehr schnell sehr viel teurer. In der Folge stottert der Startup-Motor zunächst und die Wachstumsspirale kommt sehr schnell zum Erliegen. Das Modell bricht zusammen.

Nun wird zweierlei passieren: Einerseits passt sich das US-amerikanische Startup-Konzept dem zurückhaltenderen europäischen an: Während im Silicon Valley alles finanziert wurde, was eine gute Story bot, achtet man hierzulande sehr stark auf den Proof-of-Concept: Nur was bewiesen hat, dass es Geld verdienen kann, wird auch finanziert. Das bedeutet, dass sich der US-nahe Digitalmarkt gesundschrumpfen wird.

Wir werden in den kommenden Monaten eine Reihe von Übernahmen, Insolvenzen und Zusammenschlüssen sehen. Vor allem im Martech-Segment mit seinen aktuellen 10.000 Toolanbietern werden nur die überleben, die wahlweise über eine langfristige Finanzierung und/oder eine ausreichende Kundenbasis verfügen.

Andererseits werden die werbefinanzierten Unternehmen sich bis zum Ende der Rezession gesundschrumpfen und konsolidieren. Bis die nächste Aufschwungwelle wieder mehr Geld in die Werbeindustrie blasen wird. Eine einfachere Übung für die Reichweiten-Must-haves, schwierig für Adtech- und Plattformanbieter, die nur ein Nice-to-have sind. Die werden es 2023 schwer haben.
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