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Nagelprobe für Shopware: Neue Fair Usage Policy verärgert Community

04.04.2025 Shopware gibt sich gern als zugängliche, transparente Plattform mit Open-Source-DNA. Doch mit der Einführung einer Fair Usage Policy für die Community Edition stellt das Unternehmen diese Philosophie auf die Probe. Händler, die einen bestimmten Mindestumsatz erzielen, sollen künftig auf kostenpflichtige Tarife umsteigen - sonst droht der Verlust zentraler Funktionen. Die Kritik aus der Community lässt nicht lange auf sich warten.

 (Bild: Dall-E / Grollmann)
Bild: Dall-E / Grollmann
Shopware ist nicht nur der erfolgreichste Anbieter von ECommerce-Software unter Deutschlands Top-1.000-Händlern - das Unternehmen aus dem Münsterland achtet auch darauf, die Einstiegshürden niedrig zu halten. "Beginne deine Reise mit Shopware, indem du unsere kostenlose Open Source Community Edition herunterlädst und installierst [...]", heißt es auf der Homepage. Doch seit einigen Tagen ist das Image angekratzt. Der Grund: Seit Ende März enthalten die AGB eine "Fair Usage Policy", die den freien Umgang mit der kostenlosen Software einschränkt. Wer mit der Plattform einen Bruttowarenumsatz (GMV) von mehr als einer Million Euro pro Jahr erzielt, wird quasi gezwungen, auf eines der kostenpflichtigen Angebote auszuweichen. Andernfalls wird der Zugriff auf den Shopware-Account und den Shopware Store eingeschränkt. Dass die Community Edition selbst als Open Source Software unter MIT-Lizenz verfügbar bleibt, dürfte für die meisten betroffenen Shopbetreiber wenig tröstlich sein.

Shopware will damit "für ein faires Gleichgewicht" zwischen "Unternehmen jeder Größe" sorgen. Krechting: "Für uns funktioniert das Open Source System nur, wenn Händler, die kommerziellen Erfolg haben, auch bereit sind, einen Teil zurückzugeben. Da wir nicht unser Open Source Produkt beschneiden wollen, können die Händler, mit denen wir diesbezüglich keine gemeinsame Lösung finden, dann nicht mehr diese zusätzlichen Services nutzen."

In der Community stieß das Unternehmen damit allerdings nicht nur auf Gegenliebe: "Man kann nicht Open-Source-Software mit einer freien Lizenz anbieten und gleichzeitig Bedingungen schaffen, die Nutzer dazu zwingen, auf ein kostenpflichtiges Modell umzusteigen", kritisiert ein Nutzer mit dem Pseudonym "aggrosoft" im Shopware-Forum. "Gerade im Open-Source-Bereich ist Vertrauen in die Strategie des Anbieters essentiell."

Offene oder freie Software?

An der Open-Source-Strategie will Shopware auch in Zukunft festhalten, beteuert Unternehmenssprecher Wiljo Krechting : "Wir geben die Community Edition als Open Source raus, weil wir der Meinung sind, dass sie Entwicklern sowie kleineren Händlern und Startern auch schon am Anfang ihres Wegs zur Verfügung stehen sollte. Wir investieren 40 Prozent unseres gesamten Entwicklungs-Budgets in die Weiterentwicklung des Open Source Teils unseres Produkts, dies ist ein hoher Betrag der jährlich in dieses Produkt fließt."

Der Hinweis ist wichtig, weil die Open-Source-Gemeinde generell sehr heikel auf kommerzielle Vorstöße reagiert - obwohl streng genommen zwischen "freier Software" (die kostenlos genutzt werden kann) und "offener Software" (deren Quellcode offen zugänglich ist) unterschieden werden muss. Letztere ist nicht automatisch für jedermann kostenlos nutzbar. Gerade professionelle OS-Entwickler sind sich dieses Unterschieds bewusst - nicht zuletzt, weil sie selbst mit dem Einsatz von Open-Source-Software ihr Geld verdienen.

Trotzdem muss man der OS-Community ihre kritische Sicht wohl zugestehen. Denn an anderer Stelle profitiert der Softwareanbieter schließlich genau von diesem scharfen Blick: Wenn die Entwickler mit dem Quellcode arbeiten, ist Kritik geradezu erwünscht. Sie sichert dem Anbieter eine hohe Qualität der Software. Insofern muss man der Community wohl zugestehen, dass sie sich als Teil des Projekts versteht und auch strategische Entscheidungen kritisch hinterfragt.

Genau um Letzteres geht es auch bei der "Fair Usage Policy" von Shopware. Die Kritik entzündet sich weniger daran, dass das Unternehmen große Händler aus der kostenlosen Community Edition in einen der kostenpflichtigen Tarife "Rise", "Evolve" oder "Beyond" locken will. Es geht vielmehr um das Wie.

Unfaire Berechnung des GMV

Da ist zum einen die Berechnungsgröße. Der Gross Merchandise Value (GMV) - zu Deutsch Bruttohandelswert - beschreibt den Gesamtwert aller verkauften Waren in einem bestimmten Zeitraum. Er errechnet sich aus der Anzahl der verkauften Artikel multipliziert mit dem jeweiligen Verkaufspreis. Der GMV vereinfacht die Betrachtung, da Retouren, Steuern oder Stornierungen nicht berücksichtigt werden. Der GMV ist daher nicht direkt mit dem Umsatz des Shops gleichzusetzen und dient in erster Linie als Indikator für das Verkaufsvolumen des Unternehmens.

Allerdings: Bei der von Shopware favorisierten GMV-Ermittlungsmethode wird eine selbstentwickelte Softwareerweiterung eingesetzt, die alle notwendigen Daten sammelt. Diese kann aber auch Umsätze erfassen, die über einen externen Marktplatz oder sogar am POS - also im eigenen Shop - getätigt werden. Unter Umständen fließen also auch Umsätze in die GMV ein, die mit dem System von Shopware gar nichts zu tun haben.

Auch das PlugIn namens "Shopware GMV Reporting" selbst steht in der Kritik. Es ermöglicht die automatische Berechnung und Meldung des Bruttowarenwertes, was die Abgabe der GMV-Meldung sehr komfortabel macht. Shopware verspricht zudem, keine Kunden- oder Transaktionsdaten zu sammeln, sondern nur den aggregierten Bruttowarenumsatz. Außerdem würden die Daten verschlüsselt übertragen und keinesfalls an Dritte weitergegeben.

Dennoch: Nicht alle Entwickler und Shopbetreiber wollen sich so tief in die Karten schauen lassen. Schließlich lassen sich allein aus den Warenumsätzen interessante Rückschlüsse auf das Geschäft der Partner ziehen. Gerade in der Open-Source-Community geht man mit solchen Informationen sehr sorgsam um. Datenhunger wird nicht gerne gesehen.

Wohl um genau diese Kritik zu entschärfen, hat Shopware aber auch die Möglichkeit geschaffen, den GMV manuell zu berechnen und zum Stichtag (30.6.) an das Unternehmen zu übermitteln. Bei dieser Art der Berechnung sollten auch falsch zugeordnete Umsätze leicht zu korrigieren sein.

Zuletzt geht es um die Preise. Die günstigste Lizenz "Rise" kostet laut Liste 600 Euro pro Monat, "Evolve" und "Beyond" sind mit 2.400 Euro beziehungsweise 6.500 Euro pro Monat noch deutlich teurer. Für kleine Shops, die bisher mit der kostenlosen Community Edition auskamen, ist das ein gewaltiger Sprung. "Grundsätzlich sehe ich das Problem weniger in der GMV selbst", schreibt daher auch User "enerSpace" im Shopware-Forum, "sondern eher in der Lizenzpolitik und den UVP-Preisen."

Alles eine Frage der Kommunikation

Shopware ist sich der Problematik bewusst, will aber zunächst auf flexible Individuallösungen setzen. "Wir möchten unseren Community Edition Nutzern individuelle Lösungen und attraktive Wechselrabatte anbieten", heißt es auf der Website. Betroffene Kunden sollten sich daher direkt an das Unternehmen wenden. Man werde nach einer Lösung suchen.

Das Gleiche gelte für Shopbetreiber, die mit besonders niedrigen Margen arbeiten und deshalb den Bruttowarenwert von einer Million Euro überschreiten, ohne viel Geld zu verdienen. "Wir wissen, dass es sehr unterschiedliche Cases gibt. Daher setzen wir auf Dialog und individuelle Case-to-Case-Betrachtungen und sich auch bereit, fallabhängig attraktive Discounts auf unsere Listenpreise zu geben und keinen One-fits-all-Rabatt einzuführen", beteuert Krechting auf Anfrage.

Und auch wer den Stichtag 30.6.2025 verpasst, wird nicht sofort abgeschaltet, verspricht das Unternehmen. In einer entsprechenden FAQ heißt es: "Es gibt kein automatisiertes System, das den Zugang zum Shopware-Account oder Shopware-Store zu einem festen Datum einschränkt." Nur wenn innerhalb eines angemessenen Zeitraums keine geeignete Lösung gefunden werden kann, behält sich Shopware das Recht vor, den Zugang einzuschränken. In erster Linie will das Unternehmen jedoch auf den Dialog mit den betroffenen Kunden setzen.

Und überhaupt: "Die Zahl der betroffenen Shops ist relativ gering. Da die Policy erst ab einem GMV von einer Million Euro greift, sprechen wir bereits von professionellen Shobetreibern, und nicht von Kleinsthändlern", erklärt Krechting. "95 Prozent der Community Edition Händler sind nach unseren Berechnungen nicht von der Schwelle zur Fair Usage Policy betroffen und können diese sowie unseren Store und Account weiterhin ohne Einschränkungen nutzen." Insofern könnte sich die Aufregung um die Fair Usage Policy auch einfach als Sturm im Wasserglas erweisen.
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