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Wie Fake News wirklich wirken - und was dagegen hilft

19.01.2017 Mit einfachen Verboten und Rezepten lässt sich gegen Fake News nichts ausrichten. Fake News wirken perfide. Und Fake News sind nicht Ursache, sondern Symptom einer polarisierten, gespaltenen und radikalisierten Gesellschaft. Wer Fake News bekämpfen will, muss tiefer schürfen.

 (Bild: Geralt/ Pixabay.com)
Bild: Geralt/ Pixabay.com

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TL;DR
Fake News sind kein isoliertes Phänomen, sondern das Produkt aus einer n-faktischen, gespaltenen Gesellschaft und der Disruption in der Medienlandschaft.
Über Lügen im Netz und das sogenannte postfaktische Zeitalter wird seit dem Wahlsieg Donald Trumps viel geredet. Dabei gibt es dieses Phänomen auch in Deutschland schon länger. Vor allem seit dem Sommer 2015 wird mit Gerüchten über Geflüchtete Stimmung gemacht.

Auf der Website hoaxmap.org   wurden allein seit Februar 2016 über 400 solcher Gerüchte gesammelt und ebenso viele Zeitungsartikel verlinkt, in denen diese Gerüchte widerlegt werden. Die Falschmeldungen verbreiten sich dabei massiv im Internet - oft über Seiten sogenannter Bürgerwehren und "Nein zum Heim"-Initiativen, haben die Betreiber beobachtet. Nichts ist zu absurd, um nicht behauptet zu werden: Berichtet wird von Flüchtlingen, die Schwäne essen oder das Mobiliar ihrer Unterkunft verkaufen. Die Gruppen erstellen Meme, fälschen Screenshots und sind untereinander bestens vernetzt.

Nach der Debatte um Hate-Speech hat die Hetze mit gefälschten Nachrichten inzwischen eine Dimension erreicht, die sogar die Politik aufhorchen lässt. Noch vor Weihnachten hat SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann angekündigt, eine Gesetzesinitiative auf den Weg zu bringen, um Fake-News zu stoppen. Und selbst das Netzwerk Facebook ist erstaunlich schnell aktiv geworden und will die Verbreitung von unwahren Nachrichten mittels einer Kooperation mit dem Recherche-Netzwerk Correctiv   stoppen.

Doch können diese Initiativen das Phänomen tatsächlich eindämmen? Lassen sich Fake News einfach verbieten? Und wie funktionieren sie überhaupt?

450 erwiesene 'Fake News' sind auf der Website Hoaxmap.org in Deutschland und Österreich dokumentiert. (Bild: hoaxmap.org / Sreenshot: iBusiness)
Bild: hoaxmap.org / Sreenshot: iBusiness
450 erwiesene 'Fake News' sind auf der Website Hoaxmap.org in Deutschland und Österreich dokumentiert.

Es gibt ganz unterschiedliche Typen von unwahren Geschichten:

  • Urban Legends und Mythen, die nie belegt werden müssen, aber einfach zu schön, lustig oder gruselig sind, um sie nicht weiterzuerzählen. Sie beziehen ihre Überzeugungskraft aus dem irrsinnigen Witz der Geschichte. Meist gepaart mit der Tatsache, dass sie jedem jederzeit passieren könnten. Deswegen verunsichern sie zutiefst und berühren den Zuhörer emotional. Je mehr Urängste sie ansprechen, desto emotionaler wirken sie. Und je emotionaler sie wirken, desto hartnäckiger halten sie sich.

  • Schlecht recherchierte Nachrichten. Ausschließlich journalistische Standards schützen vor solchen Fehlleistungen. Allerdings geraten diese Regeln selbst unter Journalisten im Wettbewerb um Klicks, Auflage und Aufmerksamkeit gelegentlich unter Druck. Unter Nicht-Journalisten gilt: Es gibt diese Filter gar nicht. Verbreitet wird, was gefällt und ins eigene Weltbild passt. Der "Bekannte eines Freundes" gilt dann bereits als glaubwürdige Quelle. Höchstens das eigene Umfeld oder eine individuelle Hemmschwelle wirken dagegen.

  • Kampagnen und Dramatisierung. Kein neues Phänomen. Kampagnen-Journalismus ist seit Jahrzehnten ein feststehender Begriff. Gemeint sind Artikel(-serien), die im Kern wahr sind, aber eine Thematik einseitig beleuchten und übertrieben darstellen. Sie dienen der Stimmungsmache und können eine besondere Überzeugungskraft entfalten. Denn beim Betrachter entsteht nicht der Eindruck, eine vorgefertigte Meinung zu übernehmen. Im Gegenteil: Er bildet sie sich selbst.

  • Eindeutige Fake News - wie hier eine erfundene Facebook-Geschichte - sind nur die Spitze des Eisbergs. (Bild: Polizei Oberbayern Süd / Screenshot: iBusiness.de)
    Bild: Polizei Oberbayern Süd / Screenshot: iBusiness.de
    Eindeutige Fake News - wie hier eine erfundene Facebook-Geschichte - sind nur die Spitze des Eisbergs.

  • Deutungshoheit kapern. Eine besondere Form des Kampagnen-Journalismus besteht darin, die Deutungshoheit über die Nachrichtenlage zu übernehmen. Die einseitige Selektion der Nachrichten und deren Bewertung sowie Kommentierung erzeugt die erwünschte Stimmung. Richtige Tatsachen werden in einen falschen Zusammenhang gestellt. Auch hier gilt: Je subtiler, desto besser. Je echter die ausgewählten Nachrichten und Zitate sind, desto größer die Überzeugungskraft. Steigern lässt sie sich noch, wenn der politische Gegner wohldosiert selbst zu Wort kommt. Merke: Menschen übernehmen nur ungern die Meinung anderer. Sie wollen sich ihre Meinung selbst bilden. Oder zumindest das Gefühl haben.

  • Absichtlich lancierte Falschmeldungen. Nur dabei handelt es sich im strengen Sinne um "Fake News": Falsche Fakten, Gerüchte, unwahre Darstellungen und erfundene Nachrichten, die dem Ziel folgen, einem Gegner zu schaden. In der Regel sind sie leicht zu entlarven. Sie sind gesellschaftlich geächtet und es gibt einen Straftatbestand dafür (Verleumdung). Trotzdem wirken sie nachhaltig. Ein bisschen was bleibt immer hängen. Und auch hier gilt: Je emotionaler die Ansprache, desto hartnäckiger haftet das Gerücht. Kinderschändung, Vergewaltigung und Verschwörungen ziehen besonders gut - die sachliche Gegendarstellung dagegen verfängt weit weniger. Emotion schlägt Verstand.

Springer-Boss Mathias Döpfner: 'Fake News gibt es, seit es Journalismus gibt.'

Die Auflistung zeigt: Der Begriff "Fake News" ist schwer zu fassen. Je nachdem welcher Maßstab angelegt wird, kann Donald Trump den Nachrichtensender CNN   ebenso damit belegen wie das Clinton-Lager den umstrittenen Newsdienst Breitbart.com  . Im weiten Sinne sind die meisten "Fake News" nicht verboten, sondern lediglich eine unliebsame Interpretation von Tatsachen. Im engen Sinne sind "Fake News" Verleumdungen und schon heute verboten. Mit Gesetzen und Regulierung lässt sich daher das Problem kaum lösen. Gerüchte, Propaganda, Desinformation und Verschwörungstheorien gab es schon immer. Und Verleumdungen waren noch nie erlaubt.

Insofern hat Mathias Döpfner nicht ganz unrecht, wenn er auf der DLD-Conference   die Debatte zu relativieren versuchte: "Seit es Journalismus gibt, gibt es Fake News, und davor wurden auf dem Marktplatz oder in Kneipen Gerüchte ausgetauscht", erklärte der Springer  -Boss und BDZV  -Präsident in einer Debatte mit Burda  -CEO Paul-Bernhard Kallen .

Werbepsychologie erklärt, wie "Fake News" funktionieren

Aber kann man das Phänomen deshalb vernachlässigen? Und: Wenn es Fake News schon immer gab - warum wirken sie dann gerade jetzt so intensiv? Am ehesten erklärt das noch die Werbepsychologie. Werbung ist letztlich auch nur eine Form von Propaganda und Meinungsmache:
  • Emotionale Aufladung. Emotionen sind stärker als der Verstand. Das erste Ziel in der Markenführung ist daher, eine Marke emotional aufzuladen. Coca-Cola   steht für Erfrischung und Freude, Red Bull   für Action und Abenteuer, Nivea   für natürliche Sanftheit. Selbst Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, können emotional verbunden werden. Verstandesmäßig lässt sich diese Verknüpfung nur noch schwer durchbrechen.
  • Kontakthäufigkeit. Schnee ist kalt. Durch ständige Wiederholung eines gleichbleibenden Sachverhalts lernt der Mensch auf eine ganz emotionale Weise. Weil der Anblick von Schnee immer mit dem Gefühl von Kälte verbunden ist, muss der Verstand keine Arbeit mehr leisten. Diese Erfahrung gibt uns eine innere Gewissheit und das gute Gefühl, richtig zu empfinden. Die ständige Penetration mit der emotional immer gleich aufgeladenen Paarung führt zu einem konsistenten Markenbild. Schnee ist kalt. Und Jever   ist herb.
  • Reichweite. Menschen neigen dazu, Mehrheitsmeinungen zu übernehmen. Natürlich geht es nicht um eine objektive Mehrheitsmeinung, sondern um eine wahrgenommene. Überwiegt im eigenen Bezugssystem (scheinbar) eine bestimmte Meinung, ist dies die gefühlte Mehrheit. Deswegen funktionieren auch Außenseitermeinungen, Sekten oder Verschwörungstheorien. Das eigene Bezugssystem wird als eine Art privilegierte Elite wahrgenommen, die mehr weiß als andere. Deren Mehrheitsmeinung wirkt daher auch dann noch attraktiv, wenn jedem bewusst ist, dass sie vom "Mainstream" abweicht (also gar keine Mehrheitsmeinung ist). Reichweite und Kontakthäufigkeit sind daher im Marketing eine wichtige Größe. Je häufiger eine Botschaft unwidersprochen auftaucht, desto eher wird sie als Mehrheitsmeinung erlebt.
  • Markenbindung. Menschen mögen keine Veränderungen. Nur so lassen sich im täglichen Leben Entscheidungen leicht treffen. Rationale Überlegungen sind anstrengend, aus dem Bauch heraus lassen sich Entscheidungen viel leichter treffen. Dafür ist der Mensch auf ein funktionierendes Koordinatensystem angewiesen. Gerät es ins Wanken, bedeutet das Anstrengung. Menschen neigen daher dazu, einmal getroffene Entscheidungen zu verteidigen. Sie suchen Bestätigung, nicht Diskurs. Dieser Mechanismus macht Branding so wertvoll: Ist eine Marke einmal im Relevant Set des Verbrauchers angekommen, kann sie lange davon zehren.
Marketing, PR und jede Form von Beeinflussung leben von der ständigen Wiederholung eines Sachverhalts, von Schauergeschichten, scheinbaren Gewissheiten und in sich stimmigen, geschlossenen Weltbildern. Auf diese Weise kann die von den eigenen Anhängern verbreitete Interpretation "Trump hat Clinton im Rededuell geschlagen" auf Dauer über die Meinung unabhängiger Kommentatoren gewinnen.

Dem Affen Zucker geben: Einseitige, manipulative und tendenziöse Bereichterstattung auf Breitbart.com verstärkt Stimmungen - ohne wirklich zu lügen. (Bild: Breitbart.com / Screenshot: iBusiness)
Bild: Breitbart.com / Screenshot: iBusiness
Dem Affen Zucker geben: Einseitige, manipulative und tendenziöse Bereichterstattung auf Breitbart.com verstärkt Stimmungen - ohne wirklich zu lügen.

Das Internet fügt etwas Neues hinzu

Dieser Mechanismus kann in Social Media besonders gut gedeihen. Denn in den selbst gestalteten Bezugssystemen entsteht eine besondere Eigendynamik, die Fake News und jeder Form von Radikalisierung einen fruchtbaren Boden bereitet.

  • Selbstselektion. Nutzer selektieren selbst, welche Nachrichten sie weiterverbreiten. Dabei treibt sie nicht der Anspruch um, objektiv zu informieren. Sie wollen ihr Weltbild bestätigen. Es gibt keinen Filter, der journalistischen Ansprüchen genügt. Geteilt wird, was gefällt. Je besser sich eine Nachricht in das eigene Weltbild fügt, desto weniger kritisch wird die Quelle geprüft. Halbwahrheit? Ach, was! Ich finde das stimmt!
  • Selbstverstärkung. Dadurch wirkt ein fataler Filter: Darüber, wie oft eine Nachricht geteilt wird, entscheidet allein die Tatsache, wie gut sie ins Weltbild einer Bezugsgruppe passt. Und wie sehr sie diese emotional anspricht. Motto: Je krasser, desto geteilter. Deswegen geht es in vielen Fake News längst nicht mehr unter Mord, Totschlag, Vergewaltigung, dem Ende des Abendlandes oder einer internationalen Verschwörung. Ein Mythos oder eine Legende, die mit einer menschlichen Urangst spielt, hat per se schon eine hohe Anziehungskraft. Objektive, journalistische Normen spielen dagegen überhaupt keine Rolle.
  • Fremdselektion. Zudem lassen sich Instrumente aus der Marketing-Automation verwenden: Social Bots verstärken das Gefühl, einer Mehrheitsmeinung anzugehören, indem sie abertausendfache Likes und Retweets vergeben. Und auch die Automatisierung und Personalisierung von Meldung gehört zum Repertoire - ganz wie in der Werbewelt lässt sich so ein geschlossenes, vermeintlich mehrheitsfähiges Weltbild vorgaukeln. Eine starke Marke entsteht.
  • Fremdverstärkung. Dem Affen kann man gezielt Zucker geben. Dabei lässt sich das gesamte Propaganda-Repertoire nutzen (siehe oben). Ob Twitter-Account, Youtube-Kanal, Nachrichten-Portal, Blog oder geschlossene Facebook-Gruppe: Es stehen zahlreiche Instrumente mit niedrigsten Einstiegshürden zur Verfügung, um die Deutungshoheit über die Nachrichtenlage zu übernehmen . Wirklich gefälschte Nachrichten, echte Fake News und justiziable Verleumdungen sind dabei gar nicht unbedingt nötig. Sie sind nur die Spitze des Eisbergs

Emotion schlägt Verstand, Populismus schlägt rationales Handeln: Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat Maßstäbe verschoben. (Bild: Twitter.com / Screenshot: iBusiness.de)
Bild: Twitter.com / Screenshot: iBusiness.de
Emotion schlägt Verstand, Populismus schlägt rationales Handeln: Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat Maßstäbe verschoben.

Wir befinden uns in einer n-faktischen Gesellschaft

In den entstandenen geschlossenen Resonanzräumen fehlt ein Korrektiv, die Teilnehmer bestätigen sich im Wesentlichen selbst. Übertreibungen bestimmen das Weltbild. Es fehlt die Katharsis - die Verbesserung oder Veränderung einer schlimmen Entwicklung. Die einseitigen Nachrichten nehmen kein Ende und führen zu einer Radikalisierung. Nach außen grenzen sich die Gruppen ab, indem sie eine Verschwörung konstruieren oder ihrer Umwelt zumindest Leichtgläubigkeit vorwerfen - interessanterweise, ohne zu merken, dass innerhalb der eigenen Gruppe Nachrichten, Einschätzung und Meinungen völlig ungeprüft und unkritisch übernommen werden.

Es entsteht die vielzitierte postfaktische Gesellschaft. In dieser Welt werden Emotionen zum staatstragenden Prinzip. Rationales, von Fakten getriebenes Handeln verliert an Bedeutung. Entscheidend ist es, Emotionen zu bedienen - populistisches Handeln gewinnt. Schlimmer noch: Die postfaktische Gesellschaft ist längst zu einer n-faktischen geworden: Jede Meinung, jede Weltsicht, jede Deutung kann heute eine überzeugte Anhängerschar finden. Die Gesellschaft zersplittert.

Wo bislang in der Politik ein möglichst breiter gesellschaftlicher Konsens gesucht wurde, entscheidet nun die größtmögliche Polarisierung. Das größere Lager gewinnt. Überlegen ist, wer eine Mehrheit gegen die anderen zusammenbringt. Aus der Suche nach Gemeinsamkeiten und einem Konsens ist ein Kampf gegeneinander geworden. Gesellschaftliche Narrative fehlen. Es gibt keinen gemeinsamen Nenner mehr. Die Wahrnehmungen driften radikal auseinander. Und einer radikalisierten Gruppe erscheint es wichtiger, sich endlich durchzusetzen, als einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Fake News sind nicht die Ursache - sie sind das Ergebnis einer Entwicklung

Eine wesentliche Erklärung für diese Entwicklung liefert die Veränderung in der Medienlandschaft. Bis Anfang des Jahrtausends gaben zwei Hände voll Leitmedien einen gesellschaftlichen Grundkonsens vor: Meinungsfreiheit, Demokratie, Minderheitenschutz, Freiheit und Selbstbestimmung ... egal ob ein Medium eher rechts, links oder liberal angesiedelt war - ein gemeinsamer Kanon an Grundwerten hielt die Gesellschaft zusammen.

Eine der wichtigsten Grundlagen dafür: Nachrichten werden nicht von Personen gemacht, die eigene Interessen verfolgen. Stattdessen werden Nachrichten in Redaktionen gemacht, die journalistischen Standards folgten. Die Aufgabe der Presse besteht darin, das Informationsbedürfnis mit objektiven Nachrichten zu befriedigen. Und nicht darin, eine bestimmte Meinung durchzubringen. Das ist in Social-Networks grundsätzlich anders.

Fake News sind nicht Ursache eines Problems. Fake News sind das Ergebnis. Wenn redaktionelle Unabhängigkeit verloren geht, wenn Vertreter einer Interessengruppe Massenmedien bedienen können, wenn jeder Filter fehlt - dann entstehen Fake News.

Natürlich gab und gibt es schon immer Versuche, die öffentliche Meinung gezielt zu beeinflussen. Aber eine Meldung musste immer erst einen redaktionellen Filter durchbrechen, der - in jeder einzelnen Redaktion und gesamtgesellschaftlich - dafür sorgte, dass allzu einseitige Berichte, Zuspitzungen oder gar Unwahrheiten keine relevante Verbreitung fanden.

Es geht um billige Stimmungsmache und unabhängige Medien

Fake News sind vom Social-Media-Phänomen zum gesamtgesellschaftlichen Problem geworden. Auf breiter Front versuchen sich Politiker dagegen zu wehren. Selbst das Netzwerk Facebook  , das in der Hate-Speech-Diskussion noch wegen seiner trägen Reaktion in die Kritik geriet, will nun schnell reagieren. Verschiedene Lösungsansätze gibt es:

Fake-News-Opfer Renate Künast: Mit einer Anzeige wegen Verleumdung in die Offensive gegangen.

Forderung 1: Anprangern, verbieten und Bestrafung

Im Vorfeld der kommenden Bundestagswahl gibt es selbst innerhalb der Großen Koalition die Forderung, streng und entschieden gegen Fake News vorzugehen. Wer Hetze verbreitet und absichtlich falsche Nachrichten streut, soll die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen.

Die Forderung ist richtig und nachvollziehbar - aber auch begrenzt. Denn tatsächlich justitiable Fake News machen nur einen kleinen Teil der Gesamt-Klaviatur aus. Es handelt sich eher um die Spitze des Eisbergs. Außerdem ist es nicht praktikabel, jeden Teilnehmer zur Rechenschaft zu ziehen, der an der Verbreitung der Fake News beteiligt ist. So werden eher einige wenige Urheber von besonders drastischen Verleumdungen zur Rechenschaft gezogen. Dafür allerdings muss auch keine neue Rechtsgrundlage geschaffen werden. Das Gesamtphänomen mitsamt seiner Wirkungskette wird kaum tangiert.

Wirkung: Es handelt sich um eine Maßnahme mit Leuchtturm-Effekt. Und ist deswegen wichtig. Entsprechende Beispiele werden prominent genannt und sorgen für eine gesellschaftliche Wahrnehmung. Auch die psychologische Wirkungskette der Fake News wird zumindest gestört, indem sie demontiert werden.

Zugleich wird daran erinnert, dass jeder Einzelne eine Verantwortung beim Teilen von Nachrichten trägt und dass Polizei und Staatsanwaltschaft aufmerksam sind.

Eingefleischte Verschwörungstheoretiker werden sich davon jedoch nicht schrecken lassen. Im Gegenteil: Sie werden sich darin ergehen, dass sie jetzt keine Details mehr nennen dürfen, weil sie sonst bestraft werden.

Thomas Oppermann (SPD) schwebt ein Gesetz mit konkreten Löschfristen vor.

Forderung 2: Umgehende Löschpflicht

Konkret wurde SPD-Politiker Oppermann mit der Forderung, Falschmeldungen sollen in einer kurzen Frist (etwa 24 Stunden) von den Netzwerken gelöscht werden, damit sie sich nicht weiter verbreiten können. Allerdings sind viele Details ungeklärt. Wer soll innerhalb einer so kurzen Frist eine Nachricht rechtsverbindlich auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen können? Wie soll mit Nachrichten umgegangen werden, die im Kern wahr, aber tendenziös, zugespitzt oder übertrieben sind? Was passiert, wenn nur einzelne Fakten unwahr oder schlecht recherchiert sind?

Wirkung: Eine umgehende Löschpflicht ist kaum praktikabel. Eine rechtsverbindliche Prüfung ist in der Kürze der Zeit nicht möglich, eine unangemessene Einschränkung der Meinungsfreiheit wäre die unvermeidliche Folge. Der Schaden wäre größer als der Nutzen. Verschwörungstheoretiker erhielten zudem Wasser auf ihre Mühlen. Zuletzt käme es für halbwahre, tendenziöse und übertriebene Nachrichten einem Gütesiegel gleich, dass sie geprüft wurden und die Veröffentlichung erlaubt ist.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg will Fake News mit einem unabhängigen Faktencheck begegnen.

Forderung 3: Kennzeichnung, Gegendarstellung und Korrektur

Deutlich praktikabler ist die Idee, die Facebook mit dem Recherche-Netzwerk Correctiv selbst umsetzen will. Beiträge, die von Nutzern gemeldet werden und sich schnell verbreiten, werden von dem Recherche-Team überprüft. Enthält das Posting tatsächlich falsche Behauptungen, wird es nicht gelöscht, aber mit der Warnung versehen, dass die Nachricht von unabhängiger Seite angezweifelt wird. Ein Link soll außerdem auf eine Seite führen, der dem Beitrag die Fakten gegenüberstellt.

Wirkung: Die Kennzeichnung dürfte die wirkungsvollste Methode sein. Sie ist plakativ und beschränkt die Meinungsfreiheit nicht. Stattdessen wird ein sachlicher Beitrag geleistet, der mit weit verbreiteten Irrmeinungen aufräumen kann. Außerdem können auch tendenziöse und meinungslastige Beiträge objektiviert werden.

Forderung 4: Netzwerk in die Pflicht nehmen

Eine andere Forderung lautet, das Netzwerk selbst stärker in die Pflicht zu nehmen. Denn nicht immer geht es um schwierig zu prüfende Sachverhalte. Bislang ist es für einen Einzelnen kaum möglich, sich effektiv gegen persönliche Diffamierungen zur Wehr zu setzen. Schon allein, weil es keine Anlaufstelle im Unternehmen gibt, die in solchen Fällen rund um die Uhr erreichbar wäre. Außerdem fehlen eindeutige Regeln, nach denen eine Beschwerdestelle reagieren könnte. Die Bundesregierung plant ein entsprechendes Gesetz, das Bußgelder in Höhe von 500.000 Euro verhängen soll, wenn eine marktbeherrschende Plattform wie Facebook nicht eine auf deutschem Boden rund um die Uhr erreichbare Rechtsschutzstelle einrichtet und offensichtlich illegale Inhalte binnen 24 Stunden löscht sowie dem Betroffenen eine Gelegenheit zur Richtigstellung mit der gleichen Reichweite gibt.

Wirkung: Plakativ - aber für das Phänomen Fake News unwirksam. Noch mehr als bei anderen Forderungen würde nur die absolute Spitze des Eisbergs gekappt. Lediglich auf den ersten Blick justitiable Beiträge - also Beleidigung, Schmähungen oder Verleumdungen - wären betroffen. In allen anderen Fällen würden mehr rechtliche Probleme als Lösungen geschaffen. Allerdings ist die Lösung für einzelne Betroffene (Cybermobbing) ein wichtiger Ansatz.

Verbote helfen wenig, Medienkompetenz ist gefordert

Der Katalog der derzeit diskutierten Maßnahmen zeigt: Die meisten kratzen an der Oberfläche. Bestenfalls kappen sie die Spitze des Eisbergs, schlechtestensfalls verschlimmern sie die Situation noch. Wirkungsvoll sind dagegen Maßnahmen, die eine gesellschaftliche Filtermöglichkeit wieder herstellen. Beispielsweise durch eine Kennzeichnung falscher Tatsachen und öffentliches Ächten offensichtlicher Fakes.

Letztlich handelt es sich aber eine gesellschaftliche Lernaufgabe. Es geht um Medienkompetenz und die Erkenntnis, wie wichtig unabhängige Medien für eine freie Gesellschaft sind. Vor allem aber: Medien werden nicht unabhängig, wenn sie jeder bespielen kann. Im Gegenteil. Das macht sie anfällig für Manipulation.
Thema: Wie Fake News wirklich wirken - und was dagegen hilft

Kommentar von Dominik Grollmann

In Wahrheit geht es um Pressefreiheit

Die Diskussion über Fake News lenkt die Debatte in eine richtige Richtung, reduziert sie aber auf die Spitze des Eisbergs. In Wahrheit geht es darum, wie sich eine unabhängige Presse schützen lässt.

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Dominik Grollmann, Analyst iBusiness (Dominik Grollmann)
Bild: Dominik Grollmann
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Zu: Wie Fake News wirklich wirken - und was dagegen hilft

Danke für die übersichtliche Darstellung des Themas. Wäre nicht auch noch eine mögliche Massnahme, dass die Medien gezwungen werden, den Autor (oder Erstersteller einer Meldung) immer auch beim Teilen weiterzugegeben. Damit liesse sich einfach die Quelle einer Nachricht zumindest innerhalb eines Mediums überprüfen.
Von:  Dominik Grollmann ,  HighText Verlag OHG
Am: 19.01.2017

Zu: Wie Fake News wirklich wirken - und was dagegen hilft

Quellenangaben wären sicher absolut hilfreich. Der Ursprung einer Nachricht ließe sich schneller erkennen und der Wahrheitsgehalt leichter überprüfen. Nicht zuletzt wäre auch der Versender wenigstens für einen kurzen Moment gezwungen, sich mit dem Ursprung seiner Nachricht auseinander zu setzen ... .

Aber ob's viel hilft? Wer für Fake News empfänglich ist, ist ja schon jetzt kaum daran interessiert, die Echtheit einer Nachricht zu prüfen. Wenn sie gefällt, wird sie übernommen und zementiert das Weltbild.

Davon abgesehen - klar. Eine Hilfe wären auch Quellenangaben.
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