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Fälschungssturm Sandy: Wie Fakes die Online-News unterwandern
05.11.2012 Hurrikan Sandy hat einen Sturm aus gefälschten Bildern ins Web gefegt. Das belegt: Immer öfter landen Fakes aus Social Media als "echte Dokumente" in klassischen Medien. Wieso Nachrichtenportale immer anfälliger dafür werden und vier Szenarien zu den Folgen.
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Dass es sich bei dem Video jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Fake handelt, wie Youtube-Kommentatoren mit Bezug auf technische Auffälligkeiten des Videos konstatierten - davon verliert Spiegel Online bis heute kein Wort. Hier leistet die Crowd im sozialen Netz mehr Aufklärungsarbeit als die bezahlten Redakteure des selbsternannten Qualitätsmediums Spiegel. Die Community filtert Fakes heraus und reinigt sich selbst von kursierenden Falschmeldungen. Oder - sollte das Video doch echt sein - stellt zumindest kritische Distanz her.
Es ist ein immer stärker ausgeprägtes Phänomen: Die großen Medien fungieren nur als Durchlauferhitzer, die Content aus sozialen Netzen weiterleiten und mit noch größerer Reichweite versehen. Und das weitgehend ungeprüft. Nun ist mit Hurrikan Sandy der bisher größte Fake-Sturm über eine ganze Reihe respektabler Medien hereingebrochen.
| Alle diese Bilder sind Fakes: Aus mehreren echten zusammengesetzt (eins und zwei) oder einfach aus einem Katastrophenfilm-Film als Standbild entnommen (Bild drei) | ||
Seitdem befassen sich vor allem Blogger und die sozialen Netze mit der Kultur des Fakes, ihren moralischen Implikationen und wie sich Fälschungen effektiv identifizieren lassen. The Atlantic Wire erstellte eine Anleitung zum Aufspüren von Fakes unter dem ätzenden Titel "Think before you retweet". Es zeigt sich. Das Web ist nicht so dumm, wie es ihm die Qualitätsmedien oftmals unterstellen - vielmehr funktionieren die Kontrollmechanismen hier durchaus gut. So war eine der ersten Reaktionen auf den erlogenen Börsen-Tweet eine Frage, die CNN sofort hätte stellen sollen: "What are the sources?" Allerdings hat es Gründe, dass diese Frage immer häufiger ausbleibt.
Fünf Gründe, wieso Qualitätsmedien zu Social-Media-Durchlauferhitzern degenerieren
Die Nachrichtenportale, die Onlineversionen klassischer Informationsmedien also, müssen sich gegen das Echtzeit-Prinzip der neuen, sozialen Medien behaupten. Diese Verdammung zur Beschleunigung und weitere Gründe führen dazu, dass sich Rahmenbedingungen für die Verbreitung von Fakes verbessern, während die Voraussetzungen für deren Identifizierung schwinden:- Personalnot: Die Digitalisierung des Journalismus hat zu einem konsequenten Einnahmeverlust bei Zeitschriften und Tageszeitungen geführt. Denn die Einnahmen aus Onlinewerbung und Paid Content fangen die Verluste der Print-Auflagen nicht auf, so wird mit schrumpfenden Belegschaften mehr Content produziert. Denn die Facebook-Seite und der Twitter-Feed wollen neben dem Webangebot ja auch gefüttert werden. Und Videos möchte die Verlagsleitung auch gerne als Gimmick - sofern es nicht den Mediakauf-Etat belastet.
- Allgemeine Verfügbarkeit von Fälschungstools: Video- und Bildbearbeitungssoftwares sind so erschwinglich und bedienfreundlich geworden: Jeder Mensch mit PC und etwas Geduld kann sich in die Mechanismen des Fälschens einarbeiten und Fakes erstellen.
- Wegfall der Distributionshoheit: Das gefakte Bild, Video oder auch nur der Textschnipsel mit Falschinformation kann über soziale Netzwerke unverzüglich von jedem Nutzer publiziert werden - und das mit einer starken Reichweite. Es gibt keine Gatekeeper der Information mehr, wie es die Zeitungen waren, die entscheiden, was gedruckt wurde und was nicht - das Internet frisst alles und verdaut es weiter.
- Steigende Viralität: Twitter, Facebook und Co. drehen immer stärker am Beschleunigungsregler - die Netze funktionieren sowohl als Ökosysteme in sich selbst nach viralen Prinzipien. Und auch im Austausch untereinander gewinnen Gerüchte viralen Drall: Das Prinzip des Shitstorms - was einmal an Fahrt gewonnen hat, ist in seiner virusartigen Ausbreitung nicht mehr zu stoppen, auf ein Netzwerk oder eine Zahl an Nutzern zu beschränken.
- Vor allem aber greift der Echtzeit-Turbo: Themen verbreiten sich schneller und setzen Redaktionen unter Zugzwang. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung tut sich auf, in der die entschleunigende, seriöse Quellenprüfung gegen das Prestige und die Reichweite aufgewogen wird, die dem Erst-Verbreiter einer Meldung zukommt. Und immer öfter entscheiden sich Redaktionen und Meinungsmultiplikatoren offenkundig gegen die Prüfung und für die schnellstmögliche Weiterverbreitung. Schließlich werden Medien, die es wagen, einen Hype zeitverzögert weiterzureichen, in den sozialen Netzen gern mit Hohn, Spott und #Gähn bedacht. In der Gefahr des hektischen und unkontrollierten Pushs stehen aber auch die Multiplikatoren des Social Web: Nur der, der ein Bild oder ein Video schnell twittert, facebookt oder pinterested, der bekommt die für Reputationsalgorithmen wie den Klout-Score nötigen Retweets, Likes und Repins.
Der Branchenblog Netzwertig legte vor diesem Hintergrund eine kritische Betrachtung des aktuellen Fakestorms in den Qualitätsmedien vor und sah darin zugleich eine Bewährungsprobe für den Journalismus: Funktionierende Filter müssten her - systematische Ansätze wie Portale zur Identifizierung von Fakes durch die Crowd. Am besten gestützt von automatischen Mechanismen wie Algorithmen, welche anhand Klout-Score und Nutzerprofilanalyse Aussagen über den Wahrheitsgehalt treffen. Ein ambitionierter Ansatz, aber einer mit zu vielen Problemen, als dass er funktionieren würde.
Fakes identifizieren: Warum Automaten nicht helfen
Denn die Prüfung durch die Crowd dauert zu lange, als dass sich ein Medium diesen Aufschub leisten könnte - bis herauskommt, dass die Börse wirklich beziehungsweise nicht wirklich geflutet ist, hat es das Konkurrenz-Portal schon gemeldet. Automatische Lösungen dagegen sind noch Zukunftsmusik und auch nicht immun gegen fatale Fehler. Ein Algorithmus lässt sich umgehen, eine automatische Lösung kann echte Meldungen als Fakes identifizieren und umgekehrt. Doch selbst, wenn diese Aspekte außen vor bleiben: Automatische Lösungen verhindern nicht die Selbstabschaffung der Redaktionen, sondern treiben sie nur voran: Wieso sollte man automatisch gefilterte Spiegel-Meldungen lesen, wenn in der Social-Media-Community echte Menschen erfolgreich selbst ihre eigenen Fakes identifizieren und kennzeichnen, zur Diskussion bereitstehen und kritische Einordnungen liefern?| Bild eins und zwei prägten den Ausdruck vom "verschwindenden Kommissar": Nachdem Stalin Geheimpolizeichef Yeshov erschießen ließ, verschwand dieser auch im Nachhinein von offiziellen Pressefotos. Mit dem damaligen Zugriff zu Retusche-Werkzeugen und Archiven war dies gleichermaßen schwer zu bewerkstelligen wie zu identifizieren. Dass der "Tourist Guy" nicht wirklich am elften September 2001 auf den Zwillingstürmen stand, hätte sich leicht an der fehlenden Bewegungsunschärfe des Flugzeugs erkennen lassen. Bild vier zeigte vor Erscheinen des Batman-Films "The Dark Knight" den vermeintlichen Bösewicht des Films Joker als gefälschtes Pressefoto - und das obwohl das Bild offenkundig den falschen Schauspieler zeigt. | |||
Außerdem: Automatische Systeme könnten theoretisch das oberste Level der Nachrichten-Aggregatoren und -Portale filtern. Sie werden aber nichts daran ändern, dass in eben jenen sozialen Netzen weiterhin Fakes kursieren, aus denen heute schon weite Teile der Menschen ihre tägliche Information und Desinformation beziehen. Ein Filtern oder automatisches Labeln der Posts als Fakes würde dem demokratischen Grundgedanken der sozialen Netze widersprechen. Und es würde Twitter, Facebook und Youtube komplett vom Humor befreien. Wahrscheinlicher für den künftigen Einfluss von Fakestürmen auf Online-Nachrichten ist ein anderes von vier denkbaren Szenarien.
Vier Szenarien: Wie Fake-Meldungen künftig die Nachrichten und Social Media prägen werden
Gestärkte Redaktionen
Die Nachrichtenportale erkennen ihre große Chance, sich von den sozialen Netzen abzusetzen und stärken die Redaktionen: Das Meldungsgeschäft wird personell verstärkt und zeitlich entschleunigt, indem echte Menschen mit Fachwissen Meldungen prüfen, bevor sie online gehen. Der Nachteil ist die Langsamkeit gegenüber Twitter und Co., der Vorteil die Qualität: Wer sich als zitierfähige seriöse Quelle etabliert, baut eine Marke auf. Parallel dazu bauen die Nachrichtendienste Bürgerjournalismus-Portale auf, in denen Nutzer anhand ihrer Profile automatisiert bewertet und Meldungen von der Cloud gegengecheckt werden.
Der geschlossene Durchlauferhitzer
Die Redaktionen können zwar aus Kostengründen nicht mehr Personal einstellen zur Sichtung und Gegenrecherche des Meldungs-Rauschens. Aber die Nachrichten-Portale verzichten darauf, jede Meldung aus Social Media ungeprüft weiterzureichen und beschränken sich auf offizielle Quellen und anerkannte Zulieferer wie Agenturen oder Reporter. Ein Verzicht auf Teilhabe am Echtzeit-Buzz findet statt und eine Beschränkung auf weniger Meldungen, die dafür geprüft sind.
Automaten-Journalismus
Technische Lösungen erkennen automatisiert Fakes und kennzeichnen sie, damit die Nachrichtenredaktionen sie nicht melden. Es kommt zu einem Wettrüsten zwischen den Fake-Verbreitern und den Algorithmus-Optimierern in den Redaktionen. Komplexe Semantik-Analysetools, Bilderkennungsprogramme und Video-Controlling-Tools säubern die Nachrichten. In den sozialen Netzen dagegen wuchert weiter der Fake-Urwald - viele Nutzer sind dankbar für die Auswahlleistung der Nachrichtenportale und honorieren das mit Traffic.
Die Durchlauferhitzer laufen weiter
Die Majorität der Redaktionen bleibt unterbesetzt und außerstande, Meldungen angemessen zu überprüfen. Die Nachrichtenportale fungieren weiter als Durchlauferhitzer für Nachrichten aus Social Media. Immer öfter machen Blogger oder die Community den Job der Redakteure und identifizieren Fälschungen: Während sich die sozialen Netze auf diese Weise selbst reinigen und die Fake-Kultur herausmendeln, plumpst bei den Nachrichtenportalen die Richtigstellung hintenüber: Die nächste Topmeldung löst den Fake schon ab, bevor es zur Empörung der Leser kommt. Ein schleichender Glaubwürdigkeitsverlust setzt sich fort - technische sachverständige Blogger, die Fakes enttarnen, profitieren als neue Helden des Online-Journalismus. Und vielleicht gewinnt die eine oder andere Redaktion, die sich eine Nische sucht: mit einem thematisch enger gefassten Nachrichtenportfolio, dafür sind alle Meldungen geprüft.
