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Das nötige Ende der Aufmerksamkeitsökonomie
14.04.2020 Der Aufmerksamkeitsüberwachungskapitalismus droht seine Kinder zu fressen - nämlich uns. Wir müssen das Raubtier zähmen. Nötig ist ein Weiterentwicklung zu einer sozialen Markt(digital)wirtschaft.
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Wenn eine Gesellschaft feststellt, dass "der Markt" etwas nicht reguliert, was zum Wohle aller reguliert werden muss, dann greift er mit Regelungen ein: Von der Verpflichtung von Rauchgasentschwefelungsanlagen über Verpackungs-Entsorgungsverordnungen bis hin zum Verbot von Weltmeer verschmutzendem Plastik.
Bislang traf es bei der Digitalindustrie nur einzelne Unternehmen, die es zu doll trieben: Microsoft und Google wegen Monopolbeschränkungen, Amazon, Uber und Airbnb wegen raubtierkapistischen Auswüchsen gegenüber Mitarbeitern und Gesellschaft. Doch der Kern der digitalen (Plattform-)Ökonomie - die algorithmengesteuerte Kundenkommunikation - ist immer noch unangetastet. Ja, sie wird von der Politik erst ansatzweise als gesellschaftliches Problem wahrgenommen.
Bislang funktioniert die Aufmerksamkeitsökonomie wie folgt: Der Nutzer wird durch Angebote wie Content oder Services, Unterhaltung oder Engagement gelockt und die so gewonnene Nutzeraufmerksamkeit wird monetarisiert: durch den Verkauf von Werbeplatzierungen oder durch den Verkauf von (virtuellen oder realen) Waren. Je mehr Aufmerksamkeit ich von einem Nutzer erhalte, desto länger surft er auf meiner Seite, desto länger spielt er mein Spiel. Dann kann ich ihm öfter Werbung anzeigen, ihm digitale Produkte verkaufen, damit er im Spiel erfolgreicher wird - oder ihn einfach öfter in den Shop schicken. In diesem Aufmerksamkeitsüberwachungskapitalismus gewinnt derjenige, der den Nutzer länger hält, ihn zu noch mehr Interaktionen anregt, ihn mit noch ausgeklügelteren Algorithmen und Designs zum Bleiben, Klicken, Kaufen animiert.
Im Aufmerksamkeitsüberwachungskapitalismus gewinnt der erfolgreichste Drogendealer
Wer es bösartig formulieren will: Im Aufmerksamkeitsüberwachungskapitalismus gewinnt der erfolgreichste Drogendealer: Derjenige, der den Nutzer am erfolgreichsten anfixt und ihn zum häufigsten Drücken seiner täglichen Dosis Digital nutzt. Eine Evolution der Digitalwirtschaft hin zu einer sozialen Markt(digital)wirtschaft ist nötig und wird immer wichtiger. Denn längst sind die Kosten des Digitaldrogenkonsums gesellschaftlich zur Belastung geworden: Lügenwerbung, Trolle und von Populisten geschürte Aufregungskampagnen gefährden die westlichen Demokratien. Die Digitalabhängigkeit bei Kindern wächst. Der Vorsprung der globalen Digitalkonzerne bei der Entwicklung von immer ausgefeilteren abhängig machenden Algorithmen untergräbt längst einen fairen Wettbewerb. Der ehemalige Google-Designethiker Tristan Harris , Direktor und Mitbegründer des Center for Humane Technology beispielsweise warnt vor dem "vernetzten System des human downgrading" mit digitaler Abhängigkeit, sozialer Isolierung, Empörungswellen, Fake News und politischer Polarisierung.Abgeschafft werden wird der Aufmerksamkeitsüberwachungskapitalismus wahrscheinlich nicht so schnell. Aber seine Auswüchse müssen endlich reguliert werden - zum Wohl der Akteure der Digitalwirtschaft, aber auch zu unser aller Wohl.
- Der Zusammenhang zwischen Zahl der Klicks und Interaktionen einerseits und den Werbeeinnahmen der Onlinepublisher andererseits ist genau so wenig gottgemacht, wie der Zusammenhang zwischen der Finanzierung von Krankenhäusern und einer Bettenpauschale: Gerade erleben wir, dass es vielleicht nicht so sinnvoll ist, Krankenhäuser dadurch kaputt zu sparen, indem man es finanziell belohnt, möglichst viele Patienten möglichst schnell abzufertigen. Wenn die werbetreibende Wirtschaft beispielsweise statt Klickmenge, Nutzungsdauer und Interaktionshäufigkeit bezahlen würde, sondern Schaltdauer (also Wochen- statt TKP-Abrechnung), dann würden Publisher nicht dafür belohnt, möglichst klick- und kommentierwütige Trolle durch möglichst zuspitzende Berichterstattung auf ihre Seiten zu locken. Die Highscorelisten von IVW und AGOF sind ohnehin ebenso Drogen, wie vieles anderes in der Aufmerksamkeitsökonomie. Nur eben für Redakteure, Verleger, Werber und Agenturen, statt für normale Surfer.
- Gamification und verweilverlängerndes Design sollte genau so geächtet werden, wie das in weiten Teilen der Digitalbranche bereits das Clickbaiting ist: So manch einer tut es, aber eigentlich ist es unanständig und wenig professionell. Werbetreibende und ihre Agenturen sollten im Sinne von Brandsafety (iBusiness: 'So beflecken Reich-werde-Videos Ihre Marke und Inventar') von Schaltungen auf Sites absehen, die versuchen, Nutzer mit solchen Methoden abhängig zu machen.
Selbstverpflichtung der Digitalbranche oder auf lange Sicht gesetzliche Regelung und Verbote: Die digitalen Akteure haben es in der Hand, was ihnen lieber ist.
