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Reality-Check: Arbeiten wir nach Corona alle im Homeoffice?

28.07.2020 Auf einmal geht's: Vor Corona war Homeoffice Nischenphänomen, nun haben zeitweise bis zu sieben von zehn Angestellten dort gearbeitet. Viele Firmen wollen das so lassen. Wie realistisch das ist - und wie es unsere Welt verändern wird.

Von Homeoffice-Muffeln zu Homeoffice-Hipstern: Deutschlands Chefs sind im Heimarbeits-Rausch. Doch wie realistisch ist die Vision vom telearbeitenden Deutschland? (Bild: Sebastian Halm)
Bild: Sebastian Halm
Von Homeoffice-Muffeln zu Homeoffice-Hipstern: Deutschlands Chefs sind im Heimarbeits-Rausch. Doch wie realistisch ist die Vision vom telearbeitenden Deutschland?

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TL;DR
Homeoffice wird stärker akzeptiert werden: Aber es wird kaum mehr Menschen geben, die nie wieder ins Büro kommen. Vielmehr steigt die Zahl von Angestellten in hybriden Präsenz-/Heimarbeitsmodellen.
Die Digitalisierung hat in Deutschland noch nie einen derartigen Turbo erlebt, wie es die Corona-Pandemie ist: E-Learning, E-Commerce, Webinare, virtuelle Messen - nahezu jedes Tool, das kontaktlose und lockdown-resistente Fortsetzungen des Tagesgeschäftes erlaubt, hat einen Höhenflug erlebt. Doch in der Intensität und Radikalität, mit der Zaudern und Zögern vom Corona-Virus vom Tisch gefegt wurden, sticht das Homeoffice noch heraus. Deutschland ist nahezu über Nacht zur Homeoffice-Nation geworden und hat noch nicht genug: Homeoffice ist das neue Schwarz.

  • So wollen fünf von zehn Firmen weiterhin mit verstärktem Homeoffice arbeiten (hat eine Studie des Ifo-Instituts   herausgefunden).
  • Mehr noch, es planen vier von zehn Firmen, die aufgrund von Corona beschleunigt etablierten Homeoffice-Optionen für ihre Mitarbeiter noch auszubauen (wie das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO    ermittelt hat)
  • und Siemens will Homeoffice gar als den neuen Standard etablieren - Präsenz im Büro quasi als tendenzielle Ausnahme, wie die FAZ   berichtet.
Aufsehenerregend dabei ist vor allem, wie sehr Corona als Akzeptanz-Turbo für das Homeoffice in den Unternehmen gewirkt hat: Im Mai arbeiteten in sieben von zehn Betrieben die Menschen ganz oder stark im Homeoffice - in Prä-Pandemie-Tagen hatten nur zwei dieser sieben Angestellten die Erlaubnis zur Heimarbeit. Angesichts der Alternativlosigkeit, so die Studie des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit, waren auf einmal der Mut, die Kreativität und die Fehlertoleranz da, die jedes Unternehmen eigentlich die ganze Zeit hätte haben können (iBusiness hat bereits 2013 mal getestet, wie gut - oder eben nicht so richtig gut - das geht und wo die Fallstricke liegen).


Wie realistisch ist es, dass wir künftig wirklich eine Nation von Homeoffice-Arbeitern werden? Oder ist es wahrscheinlicher, dass vielmehr eine Rückkehr zum Normalen - zum alten Normalen - stattfindet? Oder aber es gibt ein neues Normal, in dem Homeoffice nach wie vor nicht der Standard ist, sich aber weit aus einer Nische heraus in die Mitte der Arbeitswelt bewegt.

Um herauszufinden, welches dieser Szenarien am wahrscheinlichsten ist, hilft ein Blick darauf, wie und wieso wir vor Corona das Homeoffice genutzt oder eben nicht genutzt haben und welche Tendenzen sich bereits jetzt beobachten lassen, im Angesicht der fortschreitenden Lockerungen und den Anflügen einer Rückkehr zur scheinbaren Normalität.

Homeoffice 101: Wer nutzte es vor Corona und wie gut hat das funktioniert?

Bereits vor Corona hat es einen zunehmenden Trend zum Homeoffice gegeben. Das Fundament der deutschen Homeoffice-Arbeitskultur wird von jenen 38 Prozent der Angestellten gebildet, die bereits vor der Pandemie regelmäßig oder zumindest manchmal im Homeoffice gearbeitet haben (was das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit   herausgefunden hat). Die Obergrenze der Homeoffice-Fähigen liegt dabei laut Bundesinstitut für Berufsbildung    bei 56 Prozent der Arbeitsplätze - also etwa sechs von zehn Arbeitnehmern. Grundsätzlich voll homeofficefähig - also komplett und dauerhaft ins Homeoffice verlagerbar - sind weniger als zwei von zehn Jobs (16,6 Prozent - wie das IZA anhand von Ausschlusskriterien ermittelt hat, also etwa ob der Heimarbeiter mal eine Produktionsmaschine benutzen muss oder schon mal mit schmutzigen/gefährlichen Stoffen arbeitet, was alles zu Hause nicht ging).

Schaut man sich an, wer im Homeoffice arbeitet, wenn keine Pandemie diese Option als Sicherheitsmaßnahme diktiert, so stößt man auf ein paar Tendenzen:

Homeoffice ist eine Frage der Firmengröße: Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern bieten 65 Prozent der Beschäftigten die Option auf Homeoffice, Betriebe unter 500 Angestellten bieten sie 44 und Betriebe mit unter 50 Beschäftigten nur 29 Prozent an (Randstad  ). Also je größer, desto Homeoffice.

Homeoffice ist eine Frage der Branche: In der Metall- und Elektroindustrie etwa sind nur 15 Prozent der Jobs für Homeoffice oder Arbeit von unterwegs geeignet, so das Institut für angewandte Arbeitswissenschaft ifaa   - eine massive Abweichung von den weiter oben unterstellten 56 Prozent. Andere Branchen wie Betreuungs-, Reinigungs- oder Gastronomieberufe dürften ähnlich geringe Werte aufweisen.

Homeoffice ist eine Frage des Landes: In Deutschland arbeiten zwei von zehn Arbeitnehmern mobil - also aus dem Homeoffice oder von unterwegs - weniger als im europäischen Durchschnitt (in Dänemark etwa sind es die Hälfte der Arbeitnehmer).

Homeoffice ist eine Frage der Position und Abteilung: Führungskräfte haben deutlich öfter (doppelt bis viermal so oft) Zugang zu Homeoffice, Menschen in der Produktion deutlich seltener als die in Vertrieb und Marketing (so ein Ifaa-Gutachten von 2020).

Homeoffice ist KEINE Frage des Geschlechts: Laut Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB)   sind in der (krisenunabhängigen) Nutzung von Homeoffice keine signifikanten Unterschiede zwischen Männern und Frauen sichtbar.

Treiber des Homeoffice-Megatrends vor der Corona-Pandemie


Kein Treiber des Homeoffice hat derartig geschoben wie der Lockdown - dennoch gibt es einen Trend zum Homeoffice, der sich schon Jahre vor Corona aus diversen Quellen speiste:
  • Digitalisierung: Vor allem Industrie 4.0 leistet einen Beitrag - die Flexibilität des Arbeitens erscheint hier nicht nur als Option, sondern nahezu als Notwendigkeit: Daten, die immer und überall verfügbar sind, benötigen jederzeit und überall mögliche Reaktionen darauf.
  • Globalisierung: Die verschiedenen Glieder der Wertschöpfungskette von Unternehmen sind oftmals auf verschiedene internationale Standorte verteilt - damit steigt die digitale Vernetzung der Standorte untereinander und die Notwendigkeit fest installierter Arbeitsplätze sinkt.
  • Fachkräftemangel: Er lässt Arbeitgeber größere Zugeständnisse an die Flexibilität ihrer Mitarbeiter machen, die oftmals eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Job wollen - Homeoffice ist dabei eine gefragte Option.
  • Wertewandel: Hier kommt zum einen die immer klarer geforderte Work-Life-Balance ins Spiel, aber auch das gestiegene Umweltbewusstsein: Homeoffice ist ein Klimafreund. Würden vier von zehn US-Amerikanern mit Homeoffice-Option diese nur die Hälfte der Zeit auch nutzen, würde dies bedeuten: Die Pendler würden 650 Milliarden Dollar Kosten pro Jahr sparen, die Abgase würden so stark sinken, als wären schlagartig 9 Millionen Autos von den Straßen verschwunden. Dies war bislang von der Politik kaum wahrgenommen, aber ist durch Corona ins Zentrum von Berichterstattung gerückt, zumal die deutsche Regierung Förderprogramme betreibt, die Alternativ-Konzepte zum motorisierten Pendeln anstoßen sollen. Auch für Deutschland existieren solche Klima-Planspiele: Zehn Prozent mehr Homeoffice-Arbeiter würden demnach 850.000 Tonnen weniger CO2, 4.5 Milliarden Kilometer weniger Pendelstrecke und sagenhaften 15.000 Jahre weniger Pendelzeit im Jahr entsprechen.
  • Vorteile für Familien-Lebensentwürfe: Fast alle (93 Prozent) Eltern im Homeoffice geben an, dass dies ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Job erleichtert (BMFFSJ   2015).

Wie Corona das Homeoffice verändert hat

Dies ist die Ausgangslage, in der das Corona-Virus und die damit einhergehenden Lockdown-Maßnahmen auf den Plan traten. Was hat die Pandemie nun konkret verändert und wie nachhaltig sind die Veränderungen?
  • Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung - IAB   arbeiteten in April und Mai 2020 rund 20 Prozent mehr Angestellte im Homeoffice als zuvor; zusammen mit den oben erwähnten 38 Prozent Angestellten, die schon (regelmäßig) Homeoffice machen, arbeiteten also während des Lockdowns etwa 58 Prozent der Menschen zu Hause; und dieser Wert liegt nahe bei den vom Bundesinstitut für Berufsbildung unterstellten 56 Prozent homeofficefähigen Berufen.
  • Außerdem deckt sich der 20-Prozent-Mehrwert mit Daten von YouGov  , nach denen wegen des Corona-Ausbruchs rund 22 Prozent neu ins Homeoffice gingen.
  • Inzwischen sind nach der oben angeführten Yougov-Umfrage schon jetzt (Juni) nur 16 Prozent der neuen Heimarbeiter wegen der Pandemie noch im Homeoffice. Damit ist der Wert also etwa ein Fünftel gesunken.
  • Am meisten gingen laut IAB Menschen aus Vertrieb (22 Prozent), Verwaltung (34) und Dienstleistung (20) ins Homeoffice, am wenigsten aus der Produktion (10).
  • Bei den Leuten, die trotz Corona nicht ins Homeoffice gehen, sind 80 Prozent dazu wegen der Art ihres Jobs nicht in der Lage, bei 10 Prozent verbietet es der Chef und bei 5 Prozent fehlt die notwendige Technik (IAB) - die absolute Mehrheit von Menschen, die selbst Corona nicht ins Homeoffice gebracht hat, wird dort also schlicht niemals arbeiten können.
  • Das Corona-Virus hat vor allem das physische Meeting, die Zahl der Besprechungen von Angesicht zu Angesicht drastisch eingedampft: Wer nicht im Homeoffice ist, geht zu etwa 30 Prozent weniger Meetings, wer schon vor Corona im Homeoffice war, besucht 50 Prozent und wer neu in der Heimarbeit ist, geht zu 60 Prozent weniger Meetings.
  • Während coronabedingtem Homeoffice haben sich vor allem die Arbeitszeiten von Menschen mit Kindern verschoben: vier von zehn Männern und fünf von zehn Frauen geben an, nun unübliche Arbeitszeiten zu haben. Außerdem kommen Menschen mit Kindern weniger zum Arbeiten - vor allem Männer: Sie arbeiten rund sechs, Frauen etwa zweieinhalb Stunden weniger pro Tag.

Corona hat also den Anteil von Jobs im Homeoffice offenkundig an die Grenzen dessen getrieben, was in Deutschland maximal machbar ist. Doch es zeigt sich ein erster Rückzug zum alten Arbeitsleben mit Präsenzarbeit.

Die Grenzen des Homeoffice: Für schlecht befunden. Mal mit und mal ohne Erfahrungshorizont

Wenn Homeoffice aber nun zum einen im Trend liegt und zum anderen dank Corona massiv angeschoben wurde, so bleibt die Frage, wieso die Zahlen eine anbrechende Rückkehr der Menschen in die Arbeitsstätten indizieren. Dazu gehört neben den YouGov-Zahlen auch eine iBussiness-Anaylse von Anfang Juli. In ihr zeigte sich für einige Jobs eine deutlich gesunkene Homeoffice-Quote - und zwar sogar auf einem Niveau unterhalb der Werte der Prä-Corona-Zeit. Hier zündet der Corona-Turbo also inzwischen rückwärts. In den iBusiness-Erhebungen zeigte sich das Homeoffice mit zunehmenden Lockerungen eher als unregelmäßig-sporadisches Phänomen, das tageweise oder stundenweise genutzt wird, weniger jedoch als der neue Dauerzustand.
Was in der Theorie mit ein  paar technischen Anwendungen lösbar ist, sieht sich in der Realität alltäglichen Problemen gegenüberstehen: Die reibungslose Verlagerung des Büros ins Heim schafft enorme Reibungsverluste bei Konzentration  und Effektivität.
Was in der Theorie mit ein paar technischen Anwendungen lösbar ist, sieht sich in der Realität alltäglichen Problemen gegenüberstehen: Die reibungslose Verlagerung des Büros ins Heim schafft enorme Reibungsverluste bei Konzentration und Effektivität. (Grafik: HighText Verlag)

Die Analyse deckte auch die weite Verbreitung von Problemen im Homeoffice auf: Sechs von zehn Menschen im Homeoffice leiden unter mindestens einem von iBusiness abgefragten Problem wie Ablenkung, Infrastruktur oder Einsamkeit (insgesamt 57 Prozent). Immerhin ein Drittel leidet unter mehr als einem der genannten Probleme und knapp jeder Zehnte (9 Prozent) leidet an vier oder mehr Problemen.

Fairerweise muss man sagen: Auch lediglich angenommene, nicht belegbare Vorbehalte bremsen das Homeoffice. Manchmal kommen die Einwände von Menschen, die Homeoffice tendenziell und ohne eigene Erfahrung ablehnen, manchmal lässt sich das angegebene erfahrene Problem nicht belegen. So ist Entgrenzung ein häufig genanntes Problem, empirisch jedoch nicht belegt - Heimarbeit wird subjektiv als entgrenzend empfunden, obwohl zeitgleich die positiven Potenziale gelobt werden. Laut IW - Institut der deutschen Wirtschaft 2018   überschätzen 23 Prozent der Menschen in mobilen Arbeitsverhältnissen das Ausmaß an Erreichbarkeit, das Chefs von ihnen erwarten (sie erwarten also mehr Kontakte als dann tatsächlich passieren).

Tendenziell eher für eine engere Verzahnung von Familie und Beruf, so wie sie im Homeoffice (angenommen) stattfindet, sind im übrigen hochqualifizierte Frauen und Beschäftige mit familiären Pflichten. Hier steigt die Bereitschaft für eine Aufweichung der Trennlinie zwischen Job und Privatleben (allerdings sind auch hier die Gegner einer Entgrenzung beider Sphären mit fünf von zehn Befragten in der Mehrheit gegenüber den Aufgeschlossenen, die drei von zehn Befragten stellen) - so stellte es die IW-Beschäftigtenbefragung 2018 fest.
Die Einflussanalyse ist eine wissenschaftliche Methode der Zukunftsforschung. Dabei werden in einem ersten Schritt potenzielle Einflussfaktoren gesammelt. Für sie wird in einem zweiten Schritt in einer Kreuzmatrix gegenseitig überprüft, ob die einzelnen Faktoren einen schwachen, starken oder keinen Einfluss aufeinander ausüben. Ein entsprechender Wert von 0-3 wird eingetragen. Die Werte aller Zeilen und Spalten werden aufaddiert. Nun kann sowohl festgestellt werden, wie hoch für den jeweiligen potenziellen Einflussfaktor der kumulierte aktive Einfluss (beeinflusst) und wie hoch der kumulierte passive Einfluss (wird beeinflusst) ist. Hohe Aktivsumme und hohe Passivsumme identifizieren kritische Faktoren (vernetzt), hohe Aktiv- und niedrige Passivsumme aktive Faktoren (Hebel). Niedrige Aktivsumme und hohe Passivsumme identifizieren hingegen passive Faktoren (Indikatoren). Generell niedrige Werte entlarven träge Faktoren (Puffer). Lesebeispiel: 'Firmenmacht' besitzt eine hohe Aktiv- und niedrige Passivsumme. Es beeinflusst viele andere Faktoren stark, kann selbst aber nur schwer beeinflusst werden. Es handelt sich um einen starken Hebel. Am interessantesten sind jedoch Faktoren, die sowohl hohe Aktiv-, also auch hohe Passivsummen haben. Sie beeinflussen das Gesamtsystem stark, lassen sich aber auch selbst gut beeinflussen. Mit diesen Faktoren lässt sich das System gestalten.
Die Einflussanalyse ist eine wissenschaftliche Methode der Zukunftsforschung. Dabei werden in einem ersten Schritt potenzielle Einflussfaktoren gesammelt. Für sie wird in einem zweiten Schritt in einer Kreuzmatrix gegenseitig überprüft, ob die einzelnen Faktoren einen schwachen, starken oder keinen Einfluss aufeinander ausüben. Ein entsprechender Wert von 0-3 wird eingetragen. Die Werte aller Zeilen und Spalten werden aufaddiert. Nun kann sowohl festgestellt werden, wie hoch für den jeweiligen potenziellen Einflussfaktor der kumulierte aktive Einfluss (beeinflusst) und wie hoch der kumulierte passive Einfluss (wird beeinflusst) ist. Hohe Aktivsumme und hohe Passivsumme identifizieren kritische Faktoren (vernetzt), hohe Aktiv- und niedrige Passivsumme aktive Faktoren (Hebel). Niedrige Aktivsumme und hohe Passivsumme identifizieren hingegen passive Faktoren (Indikatoren). Generell niedrige Werte entlarven träge Faktoren (Puffer). Lesebeispiel: 'Firmenmacht' besitzt eine hohe Aktiv- und niedrige Passivsumme. Es beeinflusst viele andere Faktoren stark, kann selbst aber nur schwer beeinflusst werden. Es handelt sich um einen starken Hebel. Am interessantesten sind jedoch Faktoren, die sowohl hohe Aktiv-, also auch hohe Passivsummen haben. Sie beeinflussen das Gesamtsystem stark, lassen sich aber auch selbst gut beeinflussen. Mit diesen Faktoren lässt sich das System gestalten. (Grafik: Quelle: iBusiness; Grafik: HighText Verlag)

Was sich ändern würde, wenn neue Homeoffice-Mitglieder auch künftig dort bleiben

Sollte ein substantieller Teil der neuen Homeoffice-Nutzer dauerhaft komplett oder regelmäßig von zu Hause arbeiten, hätte dies auf verschiendenen Ebenen Folgen. Zu dem bereits erwähnten Effekt für das Klima kämen weitere Verschiebungen hinzu:
  • Weniger Autos, mehr Mobilität als Service : Aktuell nutzt selbst in kreisfreien Städten (mit stark ausgebauten Nahverkehrssystemen) die Hälfte der Menschen Autos zum Pendeln, in dünn besiedelten Landkreisen sind es bis zu 8 von zehn (laut Bundeszentrale für politische Bildung  ). Mit verstärkter Homeoffice-Nutzung fällt damit ein Hauptgrund für den Erwerb von Pkw weg, selbst die weiterhin genutzten verschleißen langsamer. Sporadischer Bedarf für das private Auto kann zunehmend durch sporadische Nutzung aufgefangen werden wie etwa Carsharing.
  • Weitere Verlagerung des Konsums Richtung E-Commerce auf Kosten des stationären Handels: Wer weniger zur Arbeit ausgeht, wird mehr online kaufen oder auf Konsum ganz verzichten (etwa den Kaffee auf die Hand beim Pendeln). Dieser Trend zeigt sich bereits jetzt darin, dass trotz zunehmender Lockerungen im Handel die Menschen tendenziell beim E-Commerce bleiben, wie ibusiness berichtete.
  • Steigender Bedarf an Social-Working-Software: Webinar-Anbieter, CRM-Hersteller, Messenger-Services - alle, die Menschen kommunikativ miteinander verbinden, werden sich neuem Bedarf entgegensehen, sowohl hinsichtlich wachsender Zielgruppen als auch dem Bedarf nach neuen Business-Funktionen in bestehenden Lösungen. Firmen werden integrierte Systeme für mobil/stationäres Arbeiten und Arbeitszeit-Erfassungssysteme nachfragen.
  • Weiterer Ausbau von Internet-Verbindungen wird nötig: Über 34 Millionen Haushalte haben Breitband-Internet, jedoch nur 4 Prozent davon (Stand Juni 2019) verfügen über Glasfaser (Statista   und laut dem IW sehen 28 Prozent der Unternehmen in Sachen Homeoffice deutliche, 44 Prozent geringe Infrastrukturprobleme (laut IW).
Außerdem müssen die zuständigen Akteure an den Rahmenbedingungen schrauben - einige globale Änderungen in den regulierenden Parametern werden nötig:
  • Novelle des Arbeitsschutzgesetzes: Begriffe wie Betrieb, Arbeitsplatz und obligate elfstündige Ruhezeiten werden aufgeweicht werden - das EuGH-Urteil zur Arbeitszeiterfassung wird hier als Bremse wirken.
  • Länder ohne soziale und juristische Sicherungsmaßnahmen werden eine Verschärfung der Situation der Arbeitnehmer erleben: Diese werden oftmals selbst Arbeitsmaterial stellen müssen, keine Versicherungen besitzen, nicht gewerkschaftlich organisiert sein oder strukturierte Angebote zur Kinderbetreuung auf staatliche/Arbeitgeberkosten nutzen können. Hier sind entsprechende Gesetzesrahmen notwendig.
  • Eine Verantwortungsverlagerung zum Beschäftigten für die Erfassung von Arbeitszeit, die eigene Sicherheit, Gesundheit, für Kooperation und Kommunikation findet statt - Homeoffice wird das Verschwinden des Chefs begünstigen.

In dieser neuen Arbeitswelt werden die Arbeitnehmer wie auch die Manager neue Tugenden entwickeln müssen oder eine Verlagerung des Akzents auf die Qualifikationen wird stattfinden:
  • Neue Einstellungskriterien: Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit in Zeitorganisation, Flexibilität, Selbstständigkeit
  • Neue Führungseigenschaften: Chefs müssen aktiv darlegen, warum der Vertriebler öfter ins Homeoffice darf als der vom Datenschutz gehemmte Verwaltungsangestellte oder der auf Produktionsmaschinen angewiesene Produktionsmitarbeiter. Der Chef muss Freiräume und Vertrauen schaffen, Coach für die Homeoffice-Arbeiter sein. "Motivieren statt Kontrollieren" wird zum Motto: Gerade in der Anfangsphase benötigen die Mitarbeiter eher Hilfe und Ermutigung als Stechuhr-Mentalität. Vor allem Kernarbeitszeiten wird es im Homeoffice nicht mehr geben: Gearbeitet wird, wie mehrere Studien zeigen, in kleineren Einheiten, aber dafür weiter über den ganzen Tag verteilt hinweg. Vorgesetzte sollten die Homeoffice-Mitarbeiter behandeln wie Angestellte vor Ort im Büro - also nicht verstärkt kontrollieren und auch nicht vernachlässigen. Ergebnisorientierung statt Zeitorientierung praktizieren (mehr Tipps zum gelungenen Homeoffice gibt es bei Forschung und Lehre   sowie der Technischen Universität Dresden  ).
  • Training und Ausbildung für das Homeoffice, Kompetenzvermittlung werden nötig.
  • Prinzip der doppelten Freiwilligkeit: Zulassen, aber nicht erzwingen, dass Leute ins Homeoffice gehen - Mitarbeiter sollten keinen einseitigen Rechtsanspruch erheben, das Homeoffice aber auch nicht einseitig ablehnen.
  • Prozesse aufbauen, die Angestellten mehr Homeoffice erlauben, sowie Geschäftsmodelle entwickeln, die sich stärker an Menschen im Homeoffice richten.

Und wie viele bleiben nun im Homeoffice?

"Der Tenor, der bei mir ankommt lautet, dass etwa die Hälfte derer, die jetzt im Homeoffice sind, auf keinen Fall dort bleiben, sondern zurück wollen", sagt Thea Payome , Chefredakteurin und Herausgeberin von Checkpoint Elearning  , die Homeoffice vor allem für eine Frage der Unternehmenskultur hält - und besonders bei amerikanischen Konzernen beheimatet: "Einige Firmen sehen eine Gelegenheit, Büroflächen abzubauen, und das sind praktisch alles US-Firmen. Die haben nun ein Einsparpotenzial identifiziert - und das nehmen sie rigoros wahr."

Diesen Trend kann man nun vor dem Hintergrund der bereits erwähnten Studien betrachten, die mehrheitlich von 20 Prozentpunkten mehr Homeoffice-Arbeitern während des Lockdowns ausgehen. Wenn tatsächlich die Hälfte davon zurück ins Büro geht, blieben zehn Prozent neue Homeoffice-Arbeiter - in Anbetracht davon, dass sechs von zehn Menschen Probleme im Homeoffice haben, nicht unwahrscheinlich. In beiden Gruppen wird es Ausreißer geben - also Leute, die ab und zu dennoch mal das Büro Richtung Homeoffice verlassen oder das Homeoffice mal für Präsenzarbeit pausieren. Somit wäre ein Plus von zehn Prozentpunkten auf längere Sicht ein realistisches Szenario - genug, um starke Auswirkungen auf Arbeitsmarkt, Ökologie und die Notwendigkeit modernisierter Rahmenbedingungen, wie das Arbeitsrecht, zu haben. Ob Wachstum darüberhinaus drin ist, hängt davon ob, wie sehr an den in der Einflussanalyse ermittelten Stellschrauben gedreht wird (derer es überraschend wenig aktiv beeinflussbare gibt). Möglich sind vier verschiedene Szenarien, von denen eines besonders wahrscheinlich ist.

Vier Szenarien für die Homeoffice-Verbreitung in der Post-Corona-Ära

Best-Case-Szenarien
Worst-Case-Szenarien
Aktiv
20%
Best-Case-Szenario

Neues Normal

Homeoffice wächst massiv: Es wird der neue Standard-Typus des Arbeitens. Firmen bauen die Infrastrukturen dafür aus, der Gesetzgeber konkretisiert und aktualisiert die Rahmenbedingungen für Telearbeit - etwa die Versicherungsaspekte, steuerliche Erleichterungen sowie den rechtlichen Schutz der Angestellten.

Aktiv
40%
Worst-Case-Szenario

New-Work-Hybrid

Nicht komplettes Homeoffice, sondern seine verstärkte Nutzung im Rahmen von hybriden Arbeitsmodellen setzt sich durch: Angestellte bleiben öfter mal im Homeoffice, je nachdem, ob es in der aktuellen Lage die Lebensgestaltung einfacher macht. Insgesamt gibt es öfters und weit verbreiteter ein regelmäßiges Homeoffice, aber nicht ein dauerhaftes Homeoffice.

Passiv
30%
Best-Case-Szenario

Ernüchtert daheim

Die Verbreitung wächst moderat ungleichmäßig: Der coronabedingte Eintritt ins Homeoffice hat ebenso viele Angestellte überzeugt wie verschreckt: Grundsätzlich behindern zu viele Probleme das Telearbeiten, als dass sich Homeoffice als neues Normal etablierte - es ist ein unterschiedlich stark genutztes Modell in Abhängigkeit von Lebensentwurf und -situation.

Passiv
10%
Worst-Case-Szenario

Altes Normal

Homeoffice stagniert auf bekanntem Niveau, mit Tendenz zum Rollback: Die negativen Erfahrungen mit dem Arbeiten von zu Hause, die sechs von zehn Menschen machen, treffen auf mangelhafte Infrastrukturen und unklare Rahmenbedingungen von Recht über Steuern bis Arbeitssicherheit. Das zeit- und zwangsweise bedingte Akzeptanzplus reicht kaum über die Pandemie hinaus.

Thema: Reality-Check: Arbeiten wir nach Corona alle im Homeoffice?

Kommentar von Sebastian Halm

Visitenkarte, nicht Sparmaßnahme

Homeoffice ist eine Frage einer dafür aufgeschlossenen Firmenkultur - es als Steilvorlage für ein Arbeitskräfte-Outsourcing zu sehen, ist gefährlich.

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iBusiness-Analyst Sebastian Halm (Timo Bierbaum)
Bild: Timo Bierbaum
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