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Experten: Telemedizin spart Milliarden im Gesundheitswesen
06.02.2008 Bis zu 1,5 Milliarden Euro könnten im deutschen Gesundheitswesen jährlich eingespart werden, wenn Kliniken und Arztpraxen konsequent moderne Medizintechnik einsetzen würden.
Auf bis zu 15 Milliarden Euro schätzen Experten die notwendige Investitionssumme von Krankenhäusern und Arztpraxen, um den über viele Jahre entstandenen Modernisierungsstau in der Technikausrüstung zu beheben. In der Studie 'Das Einsparpotenzial innovativer Medizintechnik im Gesundheitswesen' wurde an zehn Medizintechnikprodukten detailliert untersucht, wie die moderne Medizintechnik Abläufe und Kostenstrukturen verändert.
Komplizierte Eingriffe werden immer öfter mit modernsten computergestützten Instrumenten durchgeführt. Und die technischen Entwicklungen, die das Krankenhaus der Zukunft mitprägen werden, reichen von Dokumentationstätigkeiten über den Einsatz von Robotern bis hin zur OP-Lampe, die sich per Sprachbefehl einschalten lässt.
Den Roboter stört es nicht, unter anatomisch grenzwertigen Verrenkungen chirurgische Eingriffe durchzuführen, den Chirurgen sehr wohl. Dabei kann das Chirurgenleben ungleich angenehmer sein, "wenn entspannt vom Sessel aus via Joystick operiert wird", schildern Experten die Vision. Gerade die eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten, die nichträumliche Sicht durch die zweidimensionale Optik, die eine gestörte Auge-Hand-Koordination verursacht, der fehlende Tastsinn und die sehr beschränkte Ergonomie sind Unzulänglichkeiten in der Schlüsselloch-Chirurgie (Laparoskopie), die nach Roboterhilfe rufen.
"Interaktive Navigationssysteme oder sensorgesteuerte Miniroboter werden nach und nach den Operationssaal erobern", prognostiziert auch Axel Schnell , Chef des ITK-Systemintegrators Nextiraone . Medizinische Informationssysteme und Telemedizin seien "unverzichtbare Bausteine, um dem wachsenden Kostendruck bei der medizinischen Versorgung gerecht zu werden". Der Informations- und Datenaustausch im Gesundheitswesen verlaufe noch immer recht unstrukturiert: Interne Abläufe ebenso wie die zwischen Praxen und Kliniken erfolgen meist ohne klar definierte Spielregeln. Das treibe Kosten und Arbeitsaufwand in die Höhe.
Das jährliche Einsparpotenzial durch elektronische Gesundheitsdienste (E-Health) schätzte die Unternehmensberatung Boston Consulting Group bereits vor einigen Jahren auf etwa sieben Milliarden Euro. Heute bezeichnen laut einer Studie der Fachhochschule Flensburg 85 Prozent der Krankenhausmanager, Ärzte und Kassenvertreter E-Health als Wettbewerbsfaktor im deutschen Gesundheitswesen. Der Autor der Studie, Prof. Dr. Roland Trill , weist darauf hin, dass E-Health mehr sei als die derzeit diskutierte elektronische Gesundheitskarte (eGK): "Ob elektronische Patientenakte, Gesundheitsportale oder Teleradiologie - elektronische Anwendungen werden das gesamte Gesundheitswesen verändern und dazu beitragen, alle Akteure mehr und mehr miteinander zu vernetzen".
Erste Kliniken haben bereits begonnen, E-Health-Anwendungen einzuführen. So die Rhön-Klinikum AG: Alle 46 zum Konzern gehörenden Krankenhäuser sollen in Kürze über eine webbasierte elektronische Patientenakte miteinander vernetzt werden. Medizinische Daten von mehr als einer Million behandelter Patienten können dann über die Plattform ausgetauscht werden, sofern die Patienten vorab ihr Einverständnis gegeben haben. "Die elektronische Krankenakte fungiert als eine intersektorale Brücke zwischen den Krankenhäusern", so der Leiter der Konzern-EDV, Prof. Dr. Kurt Marquardt .
Die Meinungen über die elektronische Gesundheitskarte (eGK) hingegen sind in Deutschland gespalten: Während 73 Prozent der Industrieunternehmen und 60 Prozent der Krankenkassenvertreter die Bedeutung der Karte als hoch oder sehr hoch einschätzen, sprechen sich nur 29 Prozent der Ärzte für dieses Instrument aus, so das Ergebnis einer Umfrage der FH Flensburg.
"Während in Deutschland noch über E-Health diskutiert wird, wird es in Dänemark schon lange gelebt", so die Beobachtung von Roland Trill. Seit 1993 seien alle dänischen Krankenhäuser und Apotheken, 16 Krankenversicherer und über 70 Prozent der Fachärzte über ein EHealth-Portal miteinander verbunden: Darüber werden elektronische Patientenakten von rund 1,25 Millionen Versicherten verwaltet sowie 73 Prozent aller Rezepte und 83 Prozent aller Laboruntersuchungen verschickt.
Auch das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) gehört zu den Vorreitern im Bereich E-Health: Gemeinsam mit Siemens Medical Solutions erarbeitete das Haus eine IT-Strategie, um künftig den Arbeitsfluss und die Effizienz innerhalb der Klinik zu verbessern. Bis 2008 will das Haus rund 300 Millionen Euro in eine neue Infrastruktur investiert haben, wovon ein Zehntel in die IT fließt. Kern dieser Strategie ist es, Ärzte, Überweiser und Patienten in möglichst viele Abläufe mit einzubeziehen. Über ein Portal sollen Patienten zum Beispiel Zugang zu ihren medizinischen Daten erhalten, so der Verantwortliche Dr. Peter Gocke .
Prof. Dr. Sven Mutze , Direktor des Instituts für Radiologie am Unfallkrankenhaus Berlin ist von den Vorteilen der Teleradiologie überzeugt. Vor drei Jahren vereinbarte Mutze mit mehreren benachbarten Krankenhäusern eine Kooperation für alle Abläufe der Radiologie. Seither laufen die Anmeldung zur radiologischen Untersuchung, die Prüfung der Indikation, die Untersuchung selbst sowie die Befundung über ein teleradiologisches Netzwerk. "Eine zeitnahe Befundung und die permanente Erreichbarkeit auch außerhalb der Tagesdienste gewährleisten eine hohe konstante Patientenversorgung in allen betreuten Häusern", erläutert Mutze.
