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Psychologie: Was im Metaverse funktioniert - und was nicht

28.09.2022 Ob das Metaverse das Zeug zum nächsten großen Ding hat, ist wohl am wenigsten eine technische Frage. Viel wichtiger ist die Psychologie. iBusiness hat nachgeforscht, welche Reize in den virtuellen Raum locken - und welche nicht.

 (Bild: Decentraland)
Bild: Decentraland

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TL;DR
Wer das Metaverse verstehen will, muss wissen, welchen Reiz der virtuelle Raum auf Menschen ausübt - und welche Fehler man unbedingt vermeiden sollte.
Derzeit liegen enorm viele Hoffnungen im Metaverse. Je nach Quelle schlummern dort 659 Milliarden US-Dollar   (Wall Street online) bis 5 Billionen US-Dollar   (McKinsey), die bis 2030 erwirtschaftet werden können. Im Wesentlichen, indem echte Menschen mittels Avatar in eine virtuelle Welt schlüpfen und dort shoppen, arbeiten, reisen, lernen, Kontakte knüpfen, Konzerte besuchen, Videospiele spielen oder einfach mit ihren virtuellen Besitztümern chillen.

Soweit, so bekannt. Entscheidend für die Frage, ob es sich am Ende um einen Milliarden-, einen Billionen- oder gar keinen Markt handelt, werden aber psychologische Faktoren sein. Was bringt das Metaverse der Nutzerin oder dem Nutzer auf emotionaler Ebene? Können virtuelle Erlebnisse und virtueller Besitz tatsächlich das echte Leben ersetzen? Welche Herausforderungen suchen Menschen in der virtuellen Welt? Beschäftigen sie sich diesseits und jenseits der VR-Brille mit denselben Problemen?

Kleider machen Leute - das gilt auch im Metaverse. Mark Zuckerberg hat daher angekündigt, dass Meta-Avatare teure Designer-Mode tragen dürfen. (Bild: Hightext)
Bild: Hightext
Kleider machen Leute - das gilt auch im Metaverse. Mark Zuckerberg hat daher angekündigt, dass Meta-Avatare teure Designer-Mode tragen dürfen.

Bislang gibt es kaum Antworten auf diese Fragen. Am Ende werden sie aber ganz wesentlich über Erfolg oder Misserfolg des Metaverse und jeder einzelnen Anwendung darin entscheiden. iBusiness hat deswegen versucht zu verstehen, welche psychologischen Effekte uns auch im Metaverse beeinflussen und welche Sie berücksichtigen sollten, wenn Sie ins Metaverse-Business einsteigen.

So viel steht fest: Avatare beeinflussen unser Verhalten

Im Metaverse wird unsere digitale Identität durch einen Avatar repräsentiert. Die Erstellung eines Avatars ist der erste Schritt zur Entwicklung dieser Identität in einer virtuellen Welt. Dabei können wir verschiedene Identitäten wählen: eine realistische Identität, eine ideale Identität, eine Fantasie-Identität oder eine Vorbild-Identität. Sie alle lassen sich einteilen nach dem Avatar-Modell von Triberti & Argenton  , wie das Schaubild unten verdeutlicht.

In unserem Meta-Kleiderschrank   finden wir künftig die passende Kleidung für unseren Avatar. Die Auswahl ist momentan noch nicht wirklich groß, lediglich einige Top-Marken wie Balenciaga, Prada, Thom Browne und DressX sind vorhanden, aber selbstverständlich arbeitet Meta bereits daran, die Auswahl zu vergrößern.

Sicher ist: Ohne Avatar funktioniert das Metaverse nicht. Individualität ist wichtig und deswegen wird Designerkleidung dort ebenso gut funktionieren wie im echten Leben. Es gibt bereits seit Jahren Studienergebnisse, die zeigen, dass Menschen ihre Kognitionen und Verhaltensweisen auf der Grundlage von Annahmen über das Aussehen ihrer Avatare ändern. Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass größere Avatare sich bei Verhandlungen selbstbewusster verhalten als TeilnehmerInnen, denen kleinere Avatare zugewiesen wurden.

Früher oder später wird der von uns ausgewählte Avatar unser Leben beeinflussen. Die drei nachfolgenden Effekte sind eine faszinierende Erforschung der Psychologie von Avataren und wir werden in Zukunft sicher weitere Erkenntnisse diesbezüglich erleben.

1. Der Proteus-Effekt

Verhaltensänderungen aufgrund der starken Bindung zwischen dem Nutzer bzw. der Nutzerin und seinem bzw. ihrem virtuellen Avatar werden als Proteus-Effekt bezeichnet. Die optischen Merkmale eines Avatars spielen hier eine wichtige Rolle, denn sie hängen mit bestimmten Verhaltens-Stereotypen und Erwartungen zusammen. Glaubt eine Person, dass andere aufgrund des Aussehens ihres Avatars bestimmte Verhaltensweisen von ihr erwarten, so wird sie diese Verhaltensweisen einnehmen.

Avatar-Modell nach Triberti & Argenton
Avatar-Modell nach Triberti & Argenton (Grafik: Stefano Triberti)
Belege für den Proteus-Effekt finden sich in verschiedene Studien (siehe: The Proteus Effect: The Effect of Transformed Self-Representation on Behavior  ) oder The Proteus Effect: Implications of Transformed Digital Self-Representation on Online and Offline Behavior  ), in denen sich zeigte, dass bestimmte körperliche Eigenschaften, wie zum Beispiel Attraktivität und Körpergröße, signifikante Variablen für die Leistung sind. Auch stellten die Wissenschaftler fest, dass die Verhaltensänderungen, die sich aus der virtuellen Umgebung ergeben, auf nachfolgende persönliche Interaktionen übertragen wurden. Sie fanden heraus, dass TeilnehmerInnen mit größeren Avataren im anschließenden persönlichen Interaktionen (von Angesicht zu Angesicht) aggressiver verhandelten als TeilnehmerInnen mit kleineren Avataren.

Unsere virtuellen Körper können also die Art und Weise verändern, wie wir mit anderen Menschen in einer Avatar-basierten Online-Community sowie in anschließenden persönlichen Interaktionen interagieren.

Auch im Metaverse sind wir nicht wirklich anonym. Im Gegenteil: Der Reiz einer virtuellen Welt besteht ja gerade darin, aktiver Teilnehmer bzw. Teilnehmerin zu sein und in eine Rolle zu schlüpfen und nicht darin, anonymer Zuschauer bzw. Zuschauerin zu sein. Wir wählen also die beste physische Version von uns und bauen einen Avatar, der alle Qualitäten verkörpert, die wir in der realen Welt anstreben könnten.

2. Der Uncanny-Valley-Effekt

Dieser Effekt beschreibt die Akzeptanz künstlicher Figuren auf die Zuschauerin oder den Zuschauer und wurde in den 70-er Jahren von dem Japaner Masahiro Mori , einem Professor für Robotics  , entdeckt. Je menschenähnlicher Roboter werden, desto höher wird die Affinität zu ihnen. Allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. Denn wenn sich die Ähnlichkeit bis zur Ununterscheidbarkeit nähert, bekommen wir ein unheimliches Gefühl, das als Uncanny-Valley, "das gruselige Tal", oder als Akzeptanz-Lücke bezeichnet wird.

Darstellung Uncanny-Valley Effekt mit Einordnung verschiedener Objekte und Kreaturen
Darstellung Uncanny-Valley Effekt mit Einordnung verschiedener Objekte und Kreaturen (Grafik: Von Tobias K. - translation of Image:Mori Uncanny Valley.svg by Smurrayinchester (which is based on image by Masahiro Mori and Karl MacDorman at http://www.androidscience.com/theuncannyvalley/proceedings2005/uncannyvalley.html), CC BY-SA 3.0)
Noch sehen Avatare aus wie künstliche, menschenähnliche Figuren und das Uncanny-Valley schützt uns vor eventuellen bedrohlichen Erfahrungen im Metaverse. Doch unser technisches Wissen erweitert sich und bereits heute können wir mithilfe von EEG-Messungen die Reaktion auf das Uncanny-Valley voraussagen. Es stellt sich also die Frage, ob Avatare im Uncanny-Valley bleiben oder künftig doch fotorealistisch werden. Spätestens, wenn wir nicht mehr sicher wissen können, ob unser Gegenüber im Videocall wirklich so aussieht oder die sympathischen Grübchen lediglich einer Photoshop-Optimierung geschuldet sind, wird es uns vermutlich etwas unheimlich.

3. Der Online-Disinhibition-Effekt

Dieses Phänomen ist in der Cyberpsychologie von John Suler , Professor an der Rider University im US-Bundesstaat New Jersey, bereits sehr gut dokumentiert (siehe: The Online Disinhibition Effect  ). Disinhibition bedeutet so viel wie Enthemmung und der Effekt beschreibt den Verlust an Selbstbeherrschung. In einer Online-Welt sagen und tun wir Dinge, die wir in der normalen Welt oder von Gesicht-zu-Gesicht nicht tun würden. Wir fühlen uns sicherer, weil wir die Möglichkeit haben, hinter dem Computerbildschirm zu verschwinden und unsere Identität zu wechseln.

Es gibt mindestens sechs Faktoren, die bei diesem Phänomen eine Rolle spielen:
  • Asynchronität,
  • dissoziative Anonymität,
  • Unsichtbarkeit,
  • solipsistische Introjektion ("alles spielt sich in meinem Kopf ab"),
  • dissoziative Vorstellung und
  • Minimierung der Autorität.

All diese Faktoren können sowohl negative Verhaltensweisen in uns auslösen, aber auch positive Handlungen wie zum Beispiel das Teilen von Gefühlen und die Aufrichtigkeit fördern.

In dieser noch relativ unbekannten Welt des Metaverse, seien Sie sich auch der nachfolgenden drei kognitiven Verzerrungen beziehungsweise psychologischen Effekte bewusst. Sie sind bei der Entwicklung von Strategien für das Metaverse hilfreiche und wenn es darum geht, während des Projekts gute Entscheidungen zu treffen, um Zeit, Geld und Energie sinnvoll zu investieren.

4. Pro-Innovation Bias

Diese kognitive Verzerrung ist der Gegenpart zum "Status Quo Bias" (siehe iBusiness: Warum wir mit fatalen Fehlentscheidungen Projekte ruinieren) und beschreibt unsere Tendenz, einen übermäßigen Optimismus in Bezug auf den Nutzen einer Innovation zu hegen, während die Grenzen oder Schwächen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Wir sehen Innovationen fast immer durch die rosarote Brille - das gilt auch für das Metaverse.

Auch wer offen für Innovationen ist, sollte dennoch bewusst mit einem kritischen Blick darauf schauen, welche Lösung bei der Zielgruppe am besten ankommt. Bevor Sie ins Metaverse einsteigen, das nächste NFT kreieren oder eine Dezentralisierte Autonome Organisation (DAO) aufbauen wollen, nur weil es gerade der letzte Hype ist. Umgekehrt können Sie mit diesem Effekt aber auch ein wenig spielen. Denn manchem aus Ihrer Zielgruppe mag es ähnlich gehen. Sie können daher durchaus auf einen Hype aufspringen - aber Sie sollten nicht Ihr Geschäftsmodell darauf gründen.

5. Der Echokammer-Effekt

Der Echokammer-Effekt ist vor allem als mächtiger Verbreitungsmechanismus für Verschwörungstheorien durch Social Media berüchtigt geworden. Er bezieht sich auf Situationen, in denen Überzeugungen durch Kommunikation und Wiederholung innerhalb eines geschlossenen Systems vertieft oder gefestigt werden. Wir tauschen uns mit Gleichgesinnten aus und bekommen unsere eigene Meinung als Echo mehrfach zurück. Nach einer Weile verfestigt sich der Eindruck, dass es sich dabei um die allgemein gängige Sichtweise, wenigstens die Mehrheitsmeinung oder zumindest die Meinung aller mit Durchblick handelt. Auch wenn es sich dabei um eine reine Illusion handelt.

Wer sich also ständig mit dem Metaverse beschäftigt, läuft Gefahr, einen Tunnelblick zu entwickeln. Falsche Annahmen und überzogene Erwartungen führen dann zu fehlerhaften Entscheidungen. Um diesem Effekt entgegenzutreten, ist es wichtig, sich auch aktiv mit Kritik auseinanderzusetzen und zu versuchen, diese zu verstehen. Alternative Ansichten helfen uns dabei, die eigene Sichtweise zu korrigieren.

Filterblasen und Echokammern werden oft synonym verwendet. Allerdings unterscheiden sie sich voneinander. Die Filterblase fokussiert sich auf die Filterung von Informationen mit Hilfe von Algorithmen, weshalb bestimmten NutzerInnen in sozialen Netzwerken bestimmte Inhalte wie Posts von anderen Seiten angezeigt oder eben nicht werden. Bei der Echokammer steht die Kommunikation mit Gleichgesinnten im Vordergrund. Allerdings spielen beide Effekte gut zusammen.

6. Der Backfire-Effekt

Der Backfire-Effekt ist eine kognitive Verzerrung, die dazu führt, dass Menschen Tatsachen, Beweise oder Überzeugungen ablehnen, wenn diese ihre eigenen Überzeugungen in Frage stellen. Mehr noch: Eine solche Konfrontation verfestigt sogar oft die zuvor gebildete Meinung oder Haltung und schweißt die Echokammer zusammen. Es geht dann nicht mehr darum, Argumente zu verstehen und abzuwägen, sondern lediglich darum, einen Gesichtsverlust zu vermeiden. Jeder dürfte diesen Mechanismus aus Selbstbeobachtung kennen.

Trotzdem ist es kaum möglich, zusammen mit dem Echokammer-Effekt haben wir hier eine Konstellation, bei der wir uns bewusst sein müssen - gerade bei Innovationen wie dem Metaverse -, dass wir, wenn wir wirklich an etwas glauben und optimistisch sind, immer auch offen für andere Argumente sein sollten und diese nach Möglichkeit auch berücksichtigen oder hinterfragen.

Von diesem Effekt ist jeder betroffen und es ist äußerst schwierig, sich nicht davon (ver-)leiten zu lassen. Am ehesten hilft Selbstreflektion und eine gelassene Grundeinstellung. Betrachten Sie andere Meinungen nicht als Angriff, sondern als ein interessantes Gedankenspiel. Lassen Sie die Emotionen aus dem Gespräch und suchen Sie nach einem persönlichen Gewinn, den Sie aus der anderen Sichtweise ziehen können.
Thema: Psychologie: Was im Metaverse funktioniert - und was nicht

Kommentar von Dominik Grollmann

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Dominik Grollmann, Analyst iBusiness (Timo Bierbaum)
Bild: Timo Bierbaum
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