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iBusiness Executive Briefing vom 2.11.2023

Fußball im Griff der Metaverse-Verschwörung

02.11.2023 Das Metaversum wird der nächste heiße Scheiß? Dass Ihre Agentur oder Ihre Consultants Ihnen das erzählen, hat mehr mit diesen (und mit mimetischem Isomorphismus) zu tun, als mit den wirklichen Zukunftsaussichten dreidimensionaler Welten.

Gibt es schon seit Jahrzehnten: Virtuellen Fussball (hier FIFA 15) (Bild: EA)
Bild: EA
Gibt es schon seit Jahrzehnten: Virtuellen Fussball (hier FIFA 15)

Mein Kollege Christian Gehl berichtet heute über eine Studie der WHU die ermittelt hat, wie die Blockchain, Künstliche Intelligenz und immersive Technologien den Profi-Fußball und dessen Geschäftsmodelle bis 2030 verändern könnten. Ähnlich wie bei unserer vor zwei Wochen veröffentlichten Delphi-Studie unter Digitalagentur-Entscheidungsträgern erwarten hier die 108 befragte ExpertInnen ein technologisches Wunderland: Bis 2030 hätten demnach alle großen Fußballvereine einen Head of Metaverse. Fans legen VR-Headsets an, um die Spiele im Stadion zu verfolgen - und sie kauften NFTs.

Die im Jahr 2021 als Disruptionsfaktor im Unternehmensbranding hochgejazzten NFTs werden inzwischen bei Kaufland für 10 Euro verramscht. Und das Metaversum, nach Zuckerbergs Facebook-Umbenennung vor einem Jahr ganz oben auf der Digitalagenda, ist mittlerweile auch im globalen Google Trend   abgekippt. Selbst Microsoft hat im März den Metaverse-Stecker gezogen. Nicht zuletzt, weil inzwischen mit ChatGPT ein noch heißerer Scheiß auf dem Markt ist.

Aus dem aktuellen Fokus ist das Metaverse verschwunden, nur in den Zukunftshoffnungen bei Agenturen, Consultants und Softwareanbietern ist es noch präsent. Das reicht immer noch für teure Geschäftsentscheidungen: Der Jenaer Metaverse-Anbieter Rooom AG konnte im September immerhin 17 Mio. Euro Investitionsgeld einsammeln  .

Einmal mehr sieht man in der digitalen Welt, was ich das "Lemming-Prinzip" nenne: Weil alle wichtigen Menschen darüber sprechen, muss ein Thema wichtig sein. Wenn schon nicht gleich, dann wenigstens in einer so weit entfernten Zukunft, dass sich dann niemand mehr über die damaligen Prognosen erinnert. Und man orientiert sich an den (bekannten) Wettbewerbern: Wenn Apple (APPLE!!!) eine VR-Brille auf den Markt bringt, dann muss diese ja auch erfolgreich sein und den Markt neu definieren. Wissenschaftler nennen diesen Effekt "mimetischer Isomorphismus" und die Folge daraus "Corporate Inertia". Es passiert, was in Monokulturen immer passiert: Ein neuer Virus und die ganze Schonung geht ein.

Aus dieser Branchenverschwörung (oder besser: dem Gruppenzwang), der von interaktiven Arbeitskollegen und interaktiven Kunden befeuert wird, die sich auf interaktiven Konferenzen austauschen, die Blogs lesen, die von Interaktiven gemacht werden, die Linkedin-Follower besitzen und die Medien lesen, die Interaktive schreiben, entsteht eine interaktive Relevanz-Spirale.

Bei der werden diejenigen, die nicht den allerletzten heißen Scheiß besitzen (oder wenigstens einen Piloten machen), für rückständig, uncool oder doof erklärt. Als Gruppen-Outsider. Als "die anderen", die Bremser, die, die den neuesten heißen Scheiß eben "noch nicht haben". Und dass alle außer ihnen und Mutti dumm, blöde und ignorant sind.

Selbst wenn VR-Brillen seit 30 Jahren zuverlässig scheitern und jeder den kollektiven Erleichterungsschrei gehört hat, als nach Corona man das virtuelle Fußballerlebnis ("TV") endlich wieder durch das reale Ding - den Stadionbesuch - ersetzen konnte.

Aber klar: Apples VR-Brille disrupted bis 2030 den Metaversum-Markt und Fußball-Fans kauften NFTs und setzen massenhaft 3D-Brillen auf. Mein Rat als Zukunftsforscher an Sie, wenn wieder eine Studie um die Ecke kommt oder eine Agentur oder ein Consultant mit einem neuen heißen Scheiß, in den Sie Geld stecken sollen: Schauen Sie nicht auf das, was sich seiner/ihrer Ansicht nach verändern wird. Schauen Sie auf das, was in jedem Fall gleich bleibt - egal, ob menschliches Verhalten oder Bedürfnisse. Und DANN entscheiden Sie, ob Sie investieren.

Sonst kriegen Sie am Ende nur noch 10 Euro bei Kaufland für die Reste ihres Zukunftsprojekts.

Ihr
Joachim Graf
Herausgeber iBusiness

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