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Warum KI den Krieg im Gaza zu einem Krieg im Social Web verwandelt
16.11.2023 Fakenews und Hassrede in sozialen Netzen war gestern. Denn jetzt kommt künstliche Intelligenz.
KI als Nazi-Tool: Jüngstes Beispiel: Antisemitische Hassgruppen nutzen aktuell den Krieg zwischen Israel und der Hamas in Gaza dafür, um Antisemitismus zu schüren. Dafür nutzen sie laut einem CNN-Bericht immer öfter Künstliche Intelligenz. 316 Prozent mehr antisemitische Hetze messen Analytics-Unternehmen in sozialen Netzwerken - geschürt von einer Allianz aus Nazis und Hamas-Aktivisten mit KI-Hilfe. Vor allem auf der Plattform 4chan kursieren Anleitungen, wie man Open-Source-Bildgeneratoren nutzt, um judenfeindliche Bilder zu generieren.
Das Problem liegt tiefer: Social Networks haben die etablierte Ordnung der Produktion, Verbreitung und Rezeption von Nachrichten aufgelöst und sie mit dem ständigen digitalen Austausch von Meinungen und Erfahrungen verwoben. Längst gibt es kein Monopol von Journalisten mehr, die Gatekeeper sind obsolet geworden. Es sind algorithmisch optimierte Echokammern entstanden, kommunikative Blasen, in denen sich Menschen gegenseitig bestätigen, dass sie mit ihrer Meinung über der Welt richtig liegen - und dass alle andere (inklusive derer, die Fakten liefern) falsch liegen.
Allen steht zwar eine Unmasse an Informationshäppchen zur Verfügung - nur einen Klick entfernt. Doch zum einen hindern digitale Überlastung und Ablenkung die Menschen daran, sich zu informieren. Es wird auch schwieriger, die Herkunft und den Wahrheitsgehalt der immer größeren Zahl von Informationshäppchen festzustellen. Da verlässt man sich im Zweifel auf den Teil, der ohnehin der eigenen Meinung entspricht. Oder man ignoriert sie alle. Es entsteht Compassion Fatigue, fehlendes Mitgefühl aus emotionaler Abstumpfung durch Überforderung.
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Wo der Krieg in Gaza die Kommentarspalten und Medien beherrscht, sinkt das Interesse am Ukraine-Krieg (war da mal was?), von Konflikten wie in Miramar oder im Sudan gar nicht zu sprechen. Gleichzeitig wächst die Zahl der Bilder, Videoclips und Texten aus den Kriegsgebieten durch Bürgerposts, OS-INT-Aktivisten und die Kriegsparteien selber ins Unermessliche. Zudem kursieren Bilder aus früheren Kriegen und sogar aus Videospielen, die zu Propagandazwecken genutzt werden. Klassische Fakenews und Fakenews per KI verstärken das Vertrauensproblem - weil die Menschen noch stärker als früher sich nicht mehr auf einen Konsens verständigen können, was jetzt eigentlich Tatsachen sind, wer Täter ist, wer Opfer. Die Kriege von heute werden in den sozialen Netzen geführt, schon heute (und in Zukunft immer mehr) durch KI generierte Visionen der Welt.
Die gute Nachricht: Hassrede und beleidigende Sprache wird künftig wohl auch mit KI erkannt werden können. Universitäten aus Florida haben diese Woche einen Datensatz zum Training von LLM vorgestellt. Er umfasst 8.000 Tweets, die KIs zum Training verwenden können. Sie können damit Texte besser klassifizieren und Hassrede sowie Beleidigungen gezielt erkennen.
Doch wer soll in Zukunft solche KI einsetzen und Hasspostings löschen? Das Nachrichtenportal eines irrlichternden recht-liberalistischen Milliardärs mit Größenwahn? Das von einer chinesischen Diktatur manipulierten Videoportal? Das Businessportal des lukrativsten Softwarekonzerns der Erde, die bei 100 Millionen Mitgliedern stolz verkünden, sie hätten im ersten Halbjahr 2023 386.000 Fakenews-Posts gelöscht?
So lange das Geschäftsmodell der Erregungsökonomie darin liegt, durch Emotionalisierung mehr Klicks zu generieren (und über mehr Klicks mehr Werbeeinnahmen), werden die Anbieter das sicher nicht freiwillig tun. Wenn darüber hinaus deutsche Unternehmen mit ihren durch KI optimierten programmatischen Werbeschaltungen Hass- und Fake-Portale mitfinanzieren, zeigt das vor allem eins: KI ist aktuell nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Ein Brandbeschleuniger, der jedoch Nutznießer hat.
Ihr
Joachim Graf
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