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Digitale Infrastruktur

Das große Geschäft im Schatten der KI

15.07.2026 Während alle Welt über KI-Modelle spricht, entsteht im Hintergrund ein Milliardenmarkt rund um Datenräume und Datensouveränität. Für Digitalagenturen eröffnet sich damit ein neues Geschäftsfeld für viele Jahre.

Datenräume bieten Kontrolle und ermöglichen neue Geschäftsmodelle. (Bild: Grollmann / ChatGPT)
Bild: Grollmann / ChatGPT
Datenräume bieten Kontrolle und ermöglichen neue Geschäftsmodelle.

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Die iBusiness-Handlungsmatrix zeigt, wie langfristig die vorgestellten Aufgaben angegangen werden müssen.
TL;DR
Digitalagenturen müssen Datenkompetenz aufbauen. Dort entstehen die großen Projekte der nächsten Jahre.
Der Hype um Künstliche Intelligenz hat einen blinden Fleck. Während in Unternehmen noch über die flächendeckende Einführung von Sprachmodellen diskutiert wird, Softwarehersteller immer leistungsfähigere Agenten präsentieren und Milliarden in neue KI-Anwendungen fließen, verändert sich im Hintergrund ein Markt, der bislang kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhält. Es geht um Daten und um die Frage, wie Unternehmen sie künftig kontrollieren, sicher und unternehmensübergreifend nutzen können.

Mit Unternehmensverkäufen hat es angefangen

Noch vor wenigen Jahren war das Thema nur Spezialisten bekannt. Datenräume spielten eine Rolle bei Unternehmensübernahmen, in denen vertrauliche Dokumente für Käufer bereitgestellt wurden. Inzwischen hat sich ihre Funktion grundlegend verändert. Datenräume werden zur Infrastruktur einer datengetriebenen Wirtschaft, in der Informationen nicht mehr nur gespeichert, sondern zwischen Unternehmen, Behörden und Partnern kontrolliert ausgetauscht werden.

Die Entwicklung wird von zwei Kräften angetrieben. Künstliche Intelligenz ist die eine. Sprachmodelle, KI-Agenten und automatisierte Entscheidungsprozesse benötigen konsolidierte, aktuelle und qualitativ hochwertige Daten. Die andere heißt Regulierung. Mit dem EU Data Act  , dem Digitalen Produktpass  , dem Battery Passport   und weiteren europäischen Initiativen müssen Unternehmen Daten künftig nicht nur erfassen, sondern auch kontrolliert zugänglich machen.

Datenräume sind das Thema hinter dem Thema

Carsten Riggelsen, Valtech (Bild: Valtech)
Bild: Valtech
Carsten Riggelsen, Valtech

Wie daraus Projekte für Agenturen werden, beschreibt Carsten Riggelsen , Data & AI Executive bei Valtech   : "Unser Hauptthema ist Datenkonsolidierung, Datenverwaltung, Datensteuerung, Datenqualität. Das machen wir überall. Datenräume werden bei Valtech nicht als eigenständiges Projekt verkauft. Sie entstehen als Bestandteil von KI- und Datenprojekten, bei denen zunächst Daten konsolidiert, qualitätsgesichert und für konkrete Anwendungsfälle nutzbar gemacht werden. Kunden kommen nicht zu uns und fragen nach einem Datenraum. Sie kommen mit einer Herausforderung oder einem KI-Anwendungsfall. Unsere Aufgabe ist es zunächst zu verstehen, was sie erreichen möchten. Erst daraus ergibt sich, welche Daten benötigt werden und wie diese bereitgestellt werden müssen. Ein Datenraum kann Teil der Lösung sein, aber er ist nie der Ausgangspunkt. Er steht nie am Anfang eines Kundengesprächs."

Tomislav Zorc, Reply (Bild: Reply)
Bild: Reply
Tomislav Zorc, Reply

Ähnlich verlief die Entwicklung zuletzt bei den Datenspezialisten von Reply   : "Jedes Unternehmen, das KI einsetzen will, braucht ein qualitätsgesichertes und sicheres Data Repository, auf dem Modelle trainiert werden oder KI-Agenten arbeiten können. Das gibt diesem Geschäft einen enormen Schub", sagt Tomislav Zorc , Executive Partner bei Reply.

Große Initiativen treiben die Entwicklung voran

Ganze Branchen werden dadurch inzwischen radikal verändert. In der Automobilindustrie entstehen Datenräume für den Battery Passport und Initiativen wie Catena-X  . Im Gesundheitswesen bereitet Europa den European Health Data Space   vor. Für eine bessere Verkehrsplanung und als Vorbereitung für autonome Fahrzeuge entsteht der Mobility Data Space  , gefördert vom Bundesministerium für Verkehr   und mit viel Unterstützung aus der Automobil- und Transportwirtschaft.

Uwe Tüben, Valantic (Bild: Valantic)
Bild: Valantic
Uwe Tüben, Valantic

Schubkraft entwickelt auch die Politik. "Der EU Data Act verändert das Spiel grundlegend", meint Uwe Tüben , Geschäftsführer bei Valantic   . "Unternehmen müssen ab dem 12. September Daten aus vernetzten Produkten kontrolliert und souverän zugänglich machen. Daraus entsteht für uns in vielen Projekten neuer Handlungsbedarf. Und vielleicht befeuert der EU Data Act ja tatsächlich neue Geschäftsmodelle und Daten erweisen sich wirklich als das neue Öl, wie schon so lange behauptet wird."

Die zahlreichen Großprojekte lassen vermuten, dass diese Entwicklung längst begonnen hat. Zuletzt auch in der Luftfahrt: "Für Lufthansa wurde das Thema Datenraum wichtig, um bislang verteilte Daten aus unterschiedlichen Quellen in einer zentralen, KI-gestützten Informationsplattform zusammenzuführen und nutzbar zu machen", berichtet Tomislav Zorc. "Der von TD Reply   entwickelte 'Customer Insight Hub' bündelt Kundenfeedback aus sämtlichen Touchpoints sowie aus externen Quellen wie Presseberichten und Trendstudien. Mithilfe von Large Language Models werden diese automatisiert analysiert und die Erkenntnisse unternehmensweit bereitgestellt, um fundierte, datenbasierte Entscheidungen zur Optimierung der Customer Experience zu ermöglichen."

Hauke Timmermann, Eco (Bild: Eco)
Bild: Eco
Hauke Timmermann, Eco

Regularien werden oft gerade erst entwickelt

Noch muss aber auch viel Grundlagenarbeit geleistet werden. Einer der Vorarbeiter in Deutschland ist hier der eco - Verband der Internetwirtschaft   . "Wir beschäftigen uns damit, wie aus Datenräumen Kollaborationsplattformen werden können und haben mit Facis.eu   ein Projekt, bei dem wir die rechtlichen und technischen Voraussetzungen dafür herstellen", sagt Hauke Timmermann , Geschäftsbereichsleiter Digitale Geschäftsmodelle bei eco. "Eins der Prinzipien ist Zero Trust - traue niemandem, bis er sich nicht eindeutig identifiziert hat. Derzeit arbeiten wir mit Airbus   und Amadeus   an Datenökosystemen für die Luftfahrt, aber auch das Thema autonomes Fahren gewinnt langsam an Bedeutung."

Sebastian von Bomhard, SpaceNet (Bild: SpaceNet)
Bild: SpaceNet
Sebastian von Bomhard, SpaceNet

Das alle einigende Thema dabei: Souveränität. Datenräume profitieren enorm von Donald Trumps Tech-Politik. "Die Nachfrage steigt deutlich", sagt Sebastian von Bomhard , Vorstand der Münchner SpaceNet AG   . "Nicht, weil plötzlich alle von Datenräumen sprechen, sondern weil die Diskussion um Datensouveränität Unternehmen dazu bringt, ihre Zusammenarbeit neu zu organisieren." Ihnen bietet von Bomhard "individuelle Datenraum-Lösungen auf Basis von Nextcloud  " an, "die je nach Anwendungsfall um Funktionen wie Rechteverwaltung, Logging, Wasserzeichen oder föderierte Server erweitert werden. Für den Kunden sind das virtuelle, abgeschlossene Bereiche. Er kann Daten sicher mit Partnern teilen und selbst festlegen, wer worauf zugreifen darf."

Thomas Stiren, Rdts (Bild: rdts)
Bild: rdts
Thomas Stiren, Rdts

Der Unterschied zu klassischen Cloud-Diensten ist grundlegend. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Speicherung von Daten, sondern deren kontrollierte Nutzung. Unternehmen definieren selbst, welche Informationen ein Partner sehen darf, für welchen Zeitraum Zugriffe gelten und ob Daten weitergegeben oder ausschließlich ausgewertet werden dürfen. Datenräume werden damit zu Vertrauensräumen. Und das bringt sie auch bei einem ganz anderen Thema wieder mehr ins Spiel. "Seit Donald Trump erneut zum US-Präsidenten gewählt wurde, verzeichnen wir deutlich mehr Anfragen nach M&A-Datenräumen und unserem Produkt dataroomX  ", berichtet Thomas Stiren , CEO der Digitalagentur Rdts   . "Die politische Entwicklung in den USA stärkt bei vielen europäischen Unternehmen das Bewusstsein für digitale Souveränität und für die Frage, wo sensible Daten gespeichert und verarbeitet werden. Die Nachfrage nach deutschen Cloud- und Datenraum-Lösungen erlebt derzeit einen regelrechten Boom."

Deutschland wird souveräner

Der politische Kontext verändert damit einen Markt, der bislang vor allem technisch geprägt war. Unternehmen fragen nicht mehr ausschließlich nach Funktionen oder Preisen. Sie möchten wissen, welchem Recht ihre Daten unterliegen, wer im Ernstfall Zugriff erhalten könnte und wie sich Abhängigkeiten von außereuropäischen Plattformen reduzieren lassen. Diese Verschiebung dürfte weitreichende Folgen haben. Denn sobald Datensouveränität zum Kaufkriterium wird, verändert sich auch der Wettbewerb. Deutsche Anbieter wie SpaceNet, die Schwarz  -Tochter Stackit   oder der Gaia X Hub Germany   treten nicht mehr nur mit ihren technischen Leistungsmerkmalen im Wettbewerb an. Sie verkaufen Vertrauen.

Auch der Mittelstand macht mit

Jan Fischer, VDMA (Bild: VDMA)
Bild: VDMA
Jan Fischer, VDMA

Der VDMA   sieht hier ein breites Geschäftsfeld für Agenturen, Systemintegratoren und Beratungen entstehen: "Dazu gehören die Entwicklung datenbasierter Services, die Integration von Datenraumtechnologien in bestehende IT-Landschaften, die Umsetzung von KI-Anwendungen, die Entwicklung digitaler Zwillinge sowie die Gestaltung neuer Datenprodukte und Geschäftsmodelle", sagt Jan Fischer , Senior Experte Datenräume und Manufacturing-X   bei dem Frankfurter Industrieverband. Auch Hauke Timmermann vom eco-Verband versteht Datenräume nicht als Endprodukt, sondern als Ausgangspunkt neuer Märkte: "Wir unterstützen offene Datenraum-Lösungen für den industriellen Mittelstand. Das sind beispielsweise Initiativen wie der Mobility Data Space und die IndustryFusion Foundation  , initiiert vom Maschinenbauunternehmen MicroStep   aus Bad Wörishofen, die der Frage nachgehen, wie Maschinen- oder Mobilitätsdaten kommerziell genutzt werden können." In Nordrhein-Westfalen gründete der eco-Verband zudem gemeinsam mit dem KI-Bundesverband   das Center for Sovereign AI  , das eine zentrale Plattform für industrielle Open-Source-Grundlagenmodelle für souveräne Künstliche Intelligenzen werden soll. Das Land NRW finanziert das Projekt mit 130 Millionen Euro, hinzu kommen Investitionen aus der Privatwirtschaft von Audi  , IABG  , Materna   , Siemens Energy   und der Deutschen Telekom  .

Solche Projekte zeigen, dass sich der Wettbewerb längst von einzelnen Anwendungen auf die zugrunde liegende Infrastruktur verlagert. Wer künftig industrielle KI entwickeln oder einsetzen will, benötigt vertrauenswürdige Datenräume, gemeinsame Standards und belastbare Datenplattformen - beste Voraussetzungen für einen Markt, der bislang kaum als eigenständiges Geschäftsfeld wahrgenommen wird. Unternehmen werden Datenräume zwar auch weiterhin nicht kaufen, weil sie Datenräume wollen. Sie werden sie aber benötigen, weil ohne sie weder KI, noch digitale Produktpässe, noch datenbasierte Geschäftsmodelle oder unternehmensübergreifende Zusammenarbeit dauerhaft funktionieren. Der heimliche Milliardenmarkt hinter der KI entsteht mit Unternehmen, die ihre Daten zum ersten Mal als strategische Ressource organisieren. Datenräume sind dafür das Fundament.

Thema: Das große Geschäft im Schatten der KI

Kommentar von Christian Gehl

Das nächste Milliardengeschäft

KI braucht belastbare Daten. Deshalb entstehen die größten Projektchancen für Digitalagenturen künftig dort, wo Unternehmen ihre Datenarchitektur, Datenflüsse und Governance für das KI-Zeitalter neu aufbauen.

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Christian Gehl, iBusiness-Analyst (Gehl)
Bild: Gehl
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