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Digitale Zukunft lokaler Händler: Warum Vertrauen auf Mitleid keine gute Überlebensstrategie ist

20.04.2020 Lokale Händler ohne Digitalkonzept leiden besonders unter Ladenschließungen, entsprechend regen Zulauf verzeichnen regionale Marktplätze und ECommerce-Soforthilfen. Auch langfristig ist Crosschannel-Denke gefragt.

 (Bild:  Birgit Böllinger auf Pixabay)
Bild: Birgit Böllinger auf Pixabay

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Die iBusiness-Handlungsmatrix zeigt, wie langfristig die vorgestellten Aufgaben angegangen werden müssen.
TL;DR
Lokale Händler müssen ihre Digitalstrategien überdenken und auf zusätzliche Verkaufskanäle setzen.
Die erlösende Nachricht kam am vergangenen Mittwoch. Die Bundesregierung   erlaubt Einzelhändlern, ihre Läden wieder zu öffnen   - sofern die Verkaufsfläche nicht größer ist als 800 Quadratmeter. Baumärkte, Gärtnereien, der Buchhandel, Fahrradläden und Autohäuser dürfen ohne Flächenbegrenzung öffnen, in Nordrhein-Westfalen außerdem Babyfachmärkte und Einrichtungshäuser. Schon ab diesem Montag werden die Beschränkungen im Einzelhandel schrittweise gelockert - mit strengen Auflagen für Abstands- und Hygieneregeln. Die genaue Auslegung ist Ländersache.

Wochen der Ungewissheit und Existenzsorgen liegen hinter den Ladenbesitzern. Seit Mitte März durften nur noch 20 Prozent der rund 475.000 Einzelhandelsbetriebe in Deutschland ihre Geschäfte grundsätzlich öffnen, ab dem 20. April kommen nun nach und nach bis zu 75 Prozent dazu. Die übrigen Geschäfte, die laut EHI  für 15 bis 20 Prozent des Einzelhandelsumsatzes stehen, müssen geschlossen bleiben. Dazu gehören Warenhäuser wie Karstadt Kaufhof, große Möbelhäuser oder auch Media-Markt und Saturn.

Im Frühling erzielt der Einzelhandel sonst üblicherweise einen Umsatzanteil von 25,2 Prozent.
Im Frühling erzielt der Einzelhandel sonst üblicherweise einen Umsatzanteil von 25,2 Prozent. (Grafik: IFH Köln)

Schaden von 30 Milliarden Euro durch Schließungen

Für die meisten Einzelhändler jedoch scheinen die schlimmsten Wochen mit massiven Umsatzeinbußen zunächst vorbei zu sein. Eine Rückkehr zur Normalität bedeutet die Öffnung allerdings nicht. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie lähmen nach wie vor die Wirtschaft und den Jobmarkt, viele Kunden haben selbst finanzielle Sorgen und werden sich größere Anschaffungen gut überlegen. So richtig in Shoppinglaune sind wohl die wenigsten Konsumenten. Die weiterhin geltenden Abstandsregeln schmälern zudem das Einkaufserlebnis, wenn der Schaufensterbummel zum Hindernislauf wird. Auch bleibt die Angst vor der Ansteckung: Viele Konsumenten wollen ihr Haus gerade nicht verlassen. Oder sie können es nicht, weil sie ganztags unter erschwerten Bedingungen im Homeoffice arbeiten oder Kinder betreuen müssen.

Viele Ladenbesitzer müssen auch die Umsatzeinbußen erst mal verkraften, nun Schulden oder ausstehende Mieten bezahlen und Sonderkredite tilgen. Vor ihnen liegt ein Berg Arbeit. "In den letzten vier Wochen ist im Nicht-Lebensmittel-Einzelhandel ein Schaden von rund 30 Milliarden Euro entstanden", beklagte am 15. April Stefan Genth , Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE)  . "Viele Handelsunternehmen stehen kurz vor der Pleite. Die staatlichen Hilfen sind weiterhin bitter nötig." Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen seien auf finanzielle Soforthilfen und Kreditprogramme angewiesen.

Verkauf über das Schaufenster. (Bild: Hightext Verlag)
Bild: Hightext Verlag
Verkauf über das Schaufenster.


Fehlende Digitalisierung rächt sich

Jetzt zahlt sich aus, wer treue Stammkunden hat oder in den vergangenen Wochen die Zeit nutzte, um Kunden trotz Ladenschließung Beratung und Lieferung zu bieten und somit weiter an sich zu binden. Vor allem kleine, lokale Händler, die keinen eigenen Webshop haben und digital nur wenig präsent sind, trifft die Krise hart. Sie haben ohnehin mit der starken Onlinekonkurrenz zu kämpfen, diese prekäre Lage verschärft sich nun. Das Öffnungsverbot hat viele kalt erwischt, in kürzester Zeit mussten sie einen neuen Verkaufskanal aus dem Boden stampfen.

Wie erfindungsreich die Kleinunternehmer dabei vorgehen, kann jeder in seiner eigenen Stadt oder in seinem Viertel erleben. Bücher werden mit dem Fahrrad ausgeliefert, Produkte auf Instagram präsentiert, Restaurants reichen Bestelltes aus dem Fenster, die Beratung für Schuhe und Mode findet über Facetime statt, auch von Drive-Ins wird berichtet. Treue und hilfsbereite Kunden unterstützen sie aus Solidarität, sind offen für alle möglichen Angebote und nehmen dafür auch komplizierte Bestellwege in Kauf. Die fehlenden Erlöse können diese Good-Will-Käufe jedoch nicht ausgleichen. Wer bisher auf Crosschannel verzichtet hatte, muss dafür nun büßen.

In den vergangenen Wochen starten deshalb bundesweit zahlreiche Initiativen oder Soforthilfe-Programme, die kleine, stationäre Händler unterstützen und den Weg ins Netz ebnen wollen: Hersteller von Webshop-Software wie ePages    oder Shopify   bieten Hilfe oder stellen kostenlose Onlineshops für stationäre Händler bereit, Ebay   erleichtert den Zugang mit kostenfreien Services, Plattformen wie LongLiveTheBlock   oder kaufnebenan.de   organisieren Gutscheinprogramme für Shops, Gastronomen, Handwerker und Kultur, neue Marktplätze wie starkregional.de  bieten Händlern dauerhaft kostenlose Einträge.

Zulauf für lokale Marktplätze

Von dem aus der Not geborenen Digitalisierungswillen profitieren auch etablierte lokale und regionale Marktplätze, die stationären Händlern eine Plattform bieten, um ihre Waren im Netz zu präsentieren oder direkt zu verkaufen. Ihre Dienste sind gefragt wie nie.

 (Bild: Findeling)
Bild: Findeling

"Wir haben gut zu tun", sagt Katharina Walter , Gründerin der 2015 gestarteten Plattform Findeling  , die bundesweit mit rund 2.000 Geschäften zusammenarbeitet und als Internetshowroom Shoppingtipps für 13 Städte anbietet. Aktuell bietet die Plattform die Mitgliedschaft kostenfrei an. "Findeling wächst gerade sehr stark, nimmt viele neue Geschäfte auf. Wir stellen auch weitere Mitarbeiter ein", so Walter. Alleine über Ostern meldeten sich 25 Geschäfte neu an. "Diese Entwicklung ist sehr positiv." Den meisten Zuwachs gibt es in Hamburg, München, Köln und Berlin, wo Findeling schon bekannter ist. Vertreten sind vor allem Läden für emotionale Waren wie Mode, Geschenkartikel oder Einrichtung. Auch die Nutzerzahlen steigen Walter zufolge, im März hatte die Plattform 60.000 Besucher. Vor allem auf Social Media bewirbt Findeling das Angebot gerade intensiv. "Die vielen Kampagnen zeigen Wirkung." Weniger gut läuft dagegen die internationale Expansion an, seit Anfang 2020 ist die Plattform auch in 13 europäischen Ländern am Start. Eigentlich wollte Findeling damit nun richtig loslegen, verschiebt die Maßnahmen aber in den Spätsommer.

Steigendes Interesse an Local Commerce

 (Bild: Locamo)
Bild: Locamo

Regen Zulauf meldet auch Locamo.de  , 2015 gegründeter deutschlandweiter Online-Marktplatz für stationäre Einzelhändler. Ende März startete die Plattform die "Aktion Umdenken"  , um analog agierenden Händlern den lokalen Online-Verkauf ans Herz zu legen. Bis zum 30. September werden ihnen die Grundgebühren erlassen. Zahlreiche Händler hätten sich nach dem Start der Aktion direkt registriert, Geschäftsführer Markus Kapler freut sich außerdem über eine deutliche Zunahme von Empfehlungen unter den Händlern. "Wir haben seit Beginn unserer Aktion zwei bis fünf neue Händler pro Tag gewinnen können, was für unsere Unternehmensgröße wirklich sehr gut ist und weit über dem normalen Schnitt liegt."

Der Onboarding-Prozess sei weitestgehend im Selfservice möglich, der Betreuungsaufwand variiere, so Kapler. Während Neueinsteiger eher grundlegende Themen wie Produktdaten-Erstellung oder der Abwicklungsprozess umtreibt, interessiert erfahrenere Onliner mehr der Integrationsgrad ihrer bestehenden Systeme und der entstehende Aufwand. Bei den Konsumenten seien insbesondere Spielgeräte, aber auch Lebensmittel und Küchengeräte gefragt.

"Die Nachfrage ist sehr gestiegen - wenn auch regional in unterschiedlichem Maße", berichtet Roland Heimbold , Geschäftsführer von Atalanda  , Marktplatz für regionale Produkte, der in Deutschland und Luxemburg aktiv ist und über die lokale Händler ihre Waren direkt verkaufen können. "Das Bestellaufkommen in vielen Städten hat sich vervielfacht. Beim Projekt letzshop.lu   in Luxemburg, für das wir unsere Technologie bereitstellen, hat sich das Aufkommen mit dem Faktor 30-50 multipliziert." Auch für Atalanda sei die aktuelle Situation eine große Herausforderung, so Heimbold. In "Rekordzeit" mussten technische Lösungen zur Verfügung gestellt werden, etwa eine digitale Einkaufsliste für die Notversorgung, ein Solidargutscheinsystem und die Corona-Status-Anzeige   der Teilnehmer. "Außerdem ist unsere Technologie auch ein Teil der Notversorgung in Luxemburg, hier gab es viel zu tun." Entsprechend hoch war das Aufkommen beim Support für Endkunden und lokale Anbieter.

 (Bild: Atalanda)
Bild: Atalanda



Was Heimbold freut: "Noch nie waren alle Beteiligten am Local Commerce so motiviert bei der Sache. Das fängt bei den Händlern, Gastronomen und Dienstleistern an, geht über die lokalen Kümmerer bis hin zu Kooperationspartnern wie Warenwirtschaftssystem-Anbietern. Gleichzeitig kommen viele neue Anfragen von interessierten Städten."

Noch sei nicht absehbar, wie die Welt des lokalen Einzelhandels nach der Pandemie aussehen wird. "Das macht uns große Sorgen", so Heimbold. Aktuell ist Atalanda in 30 Städten aktiv. In Zeiten von 'Social Distance' öffnet das Unternehmen nun seine Plattform für Händler in ganz Deutschland und verzichtet bis Ende Juni auf die Grundgebühren.

Einen Boom erlebt nach eigenen Angaben auch der lokale Marktplatz Lozuka Siegen  . Die dort angeschlossenen Händler hätten in diesem Jahr über die Plattform bereits 300.000 Euro Umsatz erwirtschaftet, bis Jahresende erwartet der Betreiber Lozuka eine Verdreifachung der Summe. Der Durchschnittswert der Warenkörbe sei deutlich gestiegen: Von 25,36 Euro im Jahr 2016 auf 42,16 Euro in diesem Jahr. Außerdem landen mehr Artikel im Warenkorb, im Schnitt sind es 22. Lebensmittel haben bei den Bestellungen durchschnittlich einen Anteil von 43,1 Prozent. "Das Interesse an unserem Angebot explodiert", so Geschäftsführer Patrick Schulte . "Aktuell bedienen wir täglich zirka hundert Kunden auf vier Touren." Während der Covid19-Krise bietet Lozuka die Einführung und den Betrieb seiner Marktplatz-Plattform bundesweit auch anderen Regionen kostenfrei an.

Kostenlose Unterstützung bei Turbo-Digitalisierung

Gefragt bei Händlern und Kunden sind auch Angebote der zahlreichen zum Teil ehrenamtlichen Initiativen, die mit Linksammlungen zu Solidarität mit den Läden aufrufen oder sie bei der Turbo-Digitalisierung unterstützen wollen.

Eine dieser Initiativen ist 'Mia gehn online!'  , ins Leben gerufen von der Landeshauptstadt München  , der ReDI SchoolMünchen   und UnternehmerTUM  , unterstützt von FischerAppelt    und Designtochter Ligalux  . Ihr Ziel: Münchener Einzelhändler, Gastronomen und Dienstleister kostenlos bei ihrer Digitalisierung zu unterstützen. Das Angebot: Die Kleinunternehmer entwickeln gemeinsam mit Experten innerhalb weniger Stunden digitale Lösungen, um ihre Ladenangebote schnellstmöglich online zu bringen oder digital zu bewerben. "Seitens der Einzelhändler wurde die Initiative sehr gut angenommen", sagt Neil Kraski , Strategic Design Director FischerAppelt Advisors. "Wir haben insgesamt über 100 Bewerbungen von Kleinunternehmern erhalten, 400 aktive Teilnehmer, die sich aus freiwilligen Unterstützern, den verbundenen Unternehmen und Einzelhändlern zusammensetzen. 20 Lösungen wurden bereits erarbeitet, von der Erstellung eines Online-Shops, über SEO-Optimierung, Coaching bis hin zur Entwicklung neuer Business-Modelle."

Langfristig profitieren Konzepte und Geschäftsmodelle, die lokal auch schon gut funktioniert haben und bekannt sind.
(Neil Kraski, Strategic Design Director, FischerAppelt Advisors)
Neil Kraski, Strategic Design Director, FischerAppelt Advisors (Bild: FischerAppelt)
Bild: FischerAppelt

Was anfangs als schnelle Soforthilfe gedacht war, soll nun fortgeführt werden. "Nach dem überwältigenden Erfolg planen wir nun, die 'Soforthilfe' als Pilot zu nutzen,um dies dann in ein nachhaltiges, langfristiges Konzept zu überführen", so Kraski. Dafür gebe es durchaus Bedarf im Markt. "Bestehende große Plattformen sind - zum Beispiel wegen der verhältnismäßig hohen Gebühren - für kleine, lokale Händler oft kein geeignetes Geschäftsmodell." 'Mia gehn online' stelle Händlern ehrenamtliche Profis aus den Bereichen E-Commerce, Marketing und Digitalisierung zur Seite. Neun Leitfäden zu Themen wie Website oder Social Media stehen bereits als kostenloser Download bereit. Das neue Angebot wolle nicht mit bekannten Ecommerce-Dienstleistern konkurrieren, sondern setze auf "Hilfe zur Selbsthilfe" und ein Netzwerk, auf das kleine Boutiquen, Fachgeschäfte, Restaurants und Dienstleister nun weiter zurückgreifen könnten.

Neil Kraski ist überzeugt: "Langfristig profitieren Konzepte und Geschäftsmodelle, die lokal auch schon gut funktioniert haben und bekannt sind. Diese digitalisieren nun ihr bisher analoges Geschäftsmodell, um weiter für bisherige und neue Kunden erreichbar zu sein." Dabei gelte es, den Vorteil der Lokalität, Kundennähe, Individualität und Expertise zu nutzen, um damit "auch digital die beste Customer Experience bieten zu können."

Digitalisierung wird von der Kür zur Pflicht

Findeling-Gründerin Katharina Walter glaubt, dass in der Krise durchaus eine Chance für Händler liegt und sich diese langfristig auch positiv auswirken kann. "Zum einen wird die Digitalisierung nicht mehr als Kür gesehen, sondern als Pflicht, sich digital besser aufzustellen und mehr als nur einen Verkaufskanal zu haben. Die Händler erkennen, dass die Kanäle gut ineinander greifen." Selbst Traditionsgeschäfte, die seit Jahren von ihren Stammkunden leben und bisher keine Notwendigkeit für einen Webauftritt sahen, denken nun über neue Verkaufskanäle nach.

Außerdem habe es auch von Seiten der Konsumenten noch nie soviel Unterstützung und Support für kleine Läden gegeben. "Kunden entscheiden sich immer mehr bewusst für lokale Händler. Das war noch nie so präsent wie momentan." Sie ist überzeugt: "Die Themen Local und bewusstes Einkaufen erleben gerade eine Art Renaissance."
Konsumenten fürchten um das Überleben stationärer Läden.
Konsumenten fürchten um das Überleben stationärer Läden. (Grafik: IFH Köln)


Darauf hoffen auch die 1.500 Händler, die sich regelmäßig in der Facebook-Gruppe von Findeling austauschen. "Am Anfang gab es eine Schockstarre", so Walter. Beherrschendes Thema waren Probleme mit den Soforthilfen. "Aber es gab auch Hoffnung. Viele haben gesagt: Wir schließen uns jetzt zusammen und machen daraus das Beste." Positiv sei auch die Solidarität der Händler untereinander, die sich gegenseitig Mut zusprechen oder Tipps geben.

Kurzfristig werde es jedoch eine Art "Survival of the fittest" geben, so Walter, einzelne Läden mussten bereits schließen. "Schwer wird es für Händler, die nicht auf gesunden Beinen standen oder über kein modernes Konzept verfügen, die nicht nah genug am Kunden sind", so Walter.

Multichannel weiterdenken und digitale Schaufenster pflegen

Online gibt es viel zu tun. Rund 80 Prozent der Ladenbesitzer, die bei Findeling gelistet sind, haben eine Website. "Allerdings ist eine Website, die nicht für Google optimiert ist, wenig sinnvoll. Läden müssen auch unabhängig von der Laufkundschaft auffindbar und sichtbar sein." Händler müssen ihre Onlinedaten pflegen, wichtige Informationen aktuell halten, etwa ihre Öffnungszeiten auf Google. Es hilft auch, den eigenen Laden nach bestimmten Keywords selber zu suchen und zu überprüfen, ob man im eigenen Viertel überhaupt als Treffer gelistet ist. "Die Daten müssen stimmen", so Walter. "Die Händler pflegen ja auch ihre Schaufenster und sorgen dafür, dass dort alles ordentlich ist. Das muss auch für den Internetauftritt gelten."

Läden müssen auch unabhängig von der Laufkundschaft auffindbar und sichtbar sein.
(Katharina Walter, Geschäftsführerin, Findeling)
Katharina Walter, Geschäftsführerin, Findeling (Bild: Findeling)
Bild: Findeling

Walter rät Händlern, auch nach der Wiedereröffnung die Multichannel-Strategien und die digitale Aufstellung weiter zu verfolgen, um zu überleben. "Händler sollten unbedingt langfristig denken", diese Phase nutzen, um Konzepte zu überdenken, so Walter. "Manche erfinden sich regelrecht neu." Und wenn Online, dann auch richtig. Unabhängig vom Kanal müsse ein Laden "als Gesamtkonzept gedacht werden und funktionieren." Auch der Auftritt im Netz sollte seine Persönlichkeit und Besonderheit widerspiegeln, damit sich der Kunde auch online in seinem Lieblingsladen wohlfühlt.

Die Findeling-Gründerin hofft, dass die lokalen Konsumenten nun zurückkehren und sich nicht zu sehr an das Onlineshopping gewöhnt haben. "Die Stärke der Läden bleibt die Inspiration, die Freude am Bummeln und Einkaufen." Walter ist überzeugt davon, dass Kunden als Folge der Krise künftig bewusster einkaufen und "große Lust" haben werden, ihre lokalen Läden zu besuchen. "Die Krise zeigt ja auch die Schwachstellen der Globalisierung. Vielleicht merken nun die Kunden, dass es auch vor Ort ein tolles Angebot gibt und man Waren nicht unbedingt in Übersee bestellen muss."

Auch online eine direkte Kundenbeziehung aufbauen

Werden auch lokale Marktplätze langfristig von diesem Sympathieschub für stationäre Händler profitieren? Katharina Walter von Findeling ist davon überzeugt. "Es ist unser Kerngeschäft, kleine Läden digital zu unterstützen. Das wird auch nach der Krise wichtig bleiben." Markus Kapler sieht auch Locamo als bundesweites Angebot gut gerüstet für die Zukunft. Schwer werde es für rein regional orientierte Angebote. "Die verzweifelte Sammlung von Links auf Shops und Webseiten von lokalen Anbietern sind unserer Meinung nach gut gemeint, aber kaum ein Kunde wird sich ernsthaft über einen längeren Zeitraum die Zeit nehmen, um sich von Webseite zu Webseite zu klicken." Ein Problem sei das zumeist viel zu geringe Produktangebot, weil sich zu wenig Händler engagieren. "Zudem orientieren sich diese Plattformen meist eher an den Wünschen der teilnehmenden Händler als an den Bedürfnissen der Kunden. So kann das nicht funktionieren."

Kaum ein Kunde wird sich ernsthaft über einen längeren Zeitraum die Zeit nehmen, um sich von Webseite zu Webseite zu klicken.
(Markus Kapler, Geschäftsführer , Locamo)
Markus Kapler, Geschäftsführer , Locamo (Bild: Locamo)
Bild: Locamo

Der online shoppende Kunde habe schließlich in den vergangenen Jahren gelernt, dass man auch in einem Webshop mit nur einem Kundenkonto alles kaufen kann. Locamos Ziel sei es daher, eine bundesweite Marke aufzubauen, die stellvertretend für den stationären Einzelhändler stehen soll und Services wie die großen Player im Markt anbietet.

Kapler empfiehlt Händlern, bei der Auswahl von Plattformen auf eine relevante Reichweite zu achten, außerdem auf die Erreichbarkeit, auf die Bereitstellung juristischer Vorlagen wie AGB, Impressum oder Widerrufsbelehrung oder auch das einfache Einstellen von Produktdaten. "Zudem gibt es Plattformen, die den Händler gegenüber dem Konsumenten komplett ausblenden, so dass der Kunde seinerseits gar nicht weiß, bei wem er letztlich einkauft." Dies nehme dem Händler die Möglichkeit, eine direkte Kundenbeziehung aufzubauen. Die Kaufentscheidung falle dann eher über den Preis.

Nicht nur auf das Prinzip Hoffnung und Mitleid bauen

An keinen langfristigen Effekt der Solidaritätswelle glaubt dagegen ECommerce-Experte Gerrit Heinemann , Professor für BWL, Management und Handel an der Hochschule Niederrhein   in Mönchengladbach, wo der Wirtschaftswissenschaftler das eWeb Rersearch Center   gründete und leitet. Schon im vergangenen Jahr urteilte Heinemann: "Lokale Marktplätze funktionieren im Internet einfach nicht. Es fehlt ihnen an allem, was das Einkaufen im Internet attraktiv macht, von der großen Auswahl bis zu den günstigen Preisen." Es reiche nicht, auf das Prinzip Hoffnung und das Mitleid der Verbraucher zu setzen, um erfolgreich im Internet Waren zu verkaufen.

Auch die Solidarität in der aktuellen Notstandssituation setzt nicht die Erfolgsgesetze von Online-Marktplätzen außer Kraft, und zwar Reichweite und Auswahl.
(Professor Gerrit Heinemann, Leiter, eWeb Research Center/Hochschule Niederrhein)
Professor Gerrit Heinemann, Leiter, eWeb Research Center/Hochschule Niederrhein (Bild: Ebay)
Bild: Ebay

Dies gelte auch in Corona-Zeiten, sagt Heinemann: "Auch die Solidarität in der aktuellen Notstandssituation setzt nicht die Erfolgsgesetze von Online-Marktplätzen außer Kraft, und zwar Reichweite und Auswahl. Ebenfalls nicht die technischen Voraussetzungen wie z.B. ein elektronisches Warenwirtschaftssystem. Sind diese erfüllt, verkaufen lokale Händler in der Regel bereits erfolgreich über den Amazon Marktplatz oder Ebay. Sollten lokale Marktplätze keine systemtechnischen Voraussetzungen erforderlich machen, würde ich diese als unseriös einstufen."

Langfristig durchsetzen können sich seiner Ansicht nach nur nationale oder internationale Plattformen mit ausreichend Reichweite. "Die Erfahrungen zeigen, dass mindestens 500 Mio. Klicks pro Jahr erforderlich sind. Das erfüllen neben Ebay und Amazon mit jeweils 500 Mio. noch Otto, Zalando und allenfalls Real.de."

Sympathie ist sicherlich gut, aber für sich allein kein ausreichendes Entscheidungskriterium für den Kauf von Waren vor Ort.
(Roland Heimbold, Geschäftsführer, Atalanda)
Roland Heimbold, Geschäftsführer, Atalanda (Bild: Atalanda)
Bild: Atalanda

Eher wenig hält der ECommerce-Forscher von aktuellen Initiativen und Solidaritäts-Aktionen, die lokale Händler bei der Digitalisierung und dem Aufbau von ECommerce-Strukturen unterstützen sollen. "Den Einzelhändlern, die bisher digitale Themen verweigert haben, wird keine der Initiativen helfen können. Ich empfinde diese sogar als unethisch, weil sie Strohhalme aber keine Rettungsringe sind, jedoch den Ertrinkenden Überlebensfähigkeit suggerieren. Ein Webauftritt ist zweifelsohne wichtig, sollte aber kein potemkinsches Dorf sein." Vor allem die Systeme, Prozesse und Service-Standards hinter dem Webauftritt müssten funktionieren. "Das haben wir schon in den Anfangsjahren des E-Commerce gelernt."

"Sympathie ist sicherlich gut, aber für sich allein kein ausreichendes Entscheidungskriterium für den Kauf von Waren vor Ort", meint auch Roland Heimbold, Geschäftsfüher von Atalanda. "Wir sind weiterhin der festen Meinung, dass Vertrauen auf Mitleid keine gute Überlebensstrategie ist, sondern echte Mehrwerte für den Endkonsumenten gefordert sind. Dazu gehört es, die sofortige Verfügbarkeit der Ware, die Services um die Ware und das Warenerlebnis mit dem Internet zu verbinden." Die neuen Initiativen seien am Anfang sehr hilfreich gewesen, um den Bürgern einen Überblick zu geben, welcher Händler noch geöffnet hat oder einen Lieferdienst anbietet. "Jetzt muss es aber darum gehen, diese Ansätze in ein nachhaltiges und professionelles 'Local Commerce' Umfeld zu überführen."

Regionale Online-Plattformen: 5 Tipps für lokale Händler
Auf der Plattform gemeinsam.online  , einem Studienprojekt der Cima Beratung + Management GmbH   im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie und des Handelsverbandes Bayern, finden Händler gebündelt Informationen zu bundesweit rund 150 lokalen Onlinekooperationen. Außerdem gibt es dort Erfahrungsberichte von Unternehmen und Projektmanagern, die auf diesen Plattformen bereits aktiv sind. Ihre Einschätzungen hat die Cima zu Handlungsempfehlungen für die Praxis zusammengefasst:
  • Tipp 1: Angebote zur persönlichen Weiterbildung nutzen
    Eignen Sie sich das notwendige Knowhow zur optimalen Nutzung aller für Sie relevanten Funktionen der Online-Plattform an. Nutzen Sie neben den vor Ort angebotenen Schulungen auch andere Weiterbildungsmöglichkeiten, z.B. von Handelsverbänden, der Google Zukunftswerkstatt   oder Facebook Blueprint  .
  • Tipp 2: Online- und Offline-Auftritt müssen die gleiche, hohe Qualität haben
    Kundenansprache findet im stationären Einzelhandel auf zahlreichen Ebenen statt. Neben einer auffallenden Schaufenster- und Verkaufsraumgestaltung und einer bestmöglichen Warenpräsentation sollte auch eine ansprechende Onlinepräsenz den Kunden zum Einkauf anregen. Sie wirkt sich dadurch positiv auf die Besuchs- und Kaufbereitschaft und somit auf die Umsatzleistung aus. Ein Check zeigt, wo noch Potenziale in der Onlinepräsenz erschlossen werden können.
  • Tipp 3: Von anderen Branchen lernen
    Gerade im Tourismus hat man schon über viele Jahre hinweg Erfahrungen mit gemeinsamen Online-Plattformen sammeln können. Profitieren Sie durch einen Blick über den Tellerrand von diesem Erfahrungsschatz und nutzen Sie bereits etablierte Lösungen. Nicht alles wird sich eins zu eins übernehmen lassen, aber wichtige Hinweise für die eigene Vorgehensweise lassen sich durchaus ableiten.
  • Tipp 4: Regelmäßig Angebote und Einträge aktualisieren
    Eine gemeinsame Online-Plattform lebt von ihren Inhalten. Sie ist für den Kunden nur dann ein interessantes Informationsmedium, wenn er die gewünschten Informationen auch findet. Nur wenn ihn die Inhalte überzeugen, wird er auch zukünftig die lokale Online-Plattform nutzen. Es ist daher unerlässlich, dass die auf der Plattform vertretenen Unternehmen den Besuchern der Website auch interessante und informative Inhalte zur Verfügung stellen. Alle Teilnehmer an einer gemeinsamen Online-Plattform sind gefordert, die Kunden durch interessante, neue Nachrichten und Geschichten, neue Produkte und immer neue, aktuelle Angebote regelmäßig auf die Plattform zu locken.
  • Tipp 5: Ein elektronisches Warenwirtschaftssystem anschaffen
    Elektronische Warenwirtschaftssysteme mit entsprechenden Online-Schnittstellen ermöglichen bzw. erleichtern den Einsatz einer Vielzahl nützlicher Funktionen der Online-Plattform und erleichtern zudem die eigene Buchführung. Sie können sich einen hohen und permanenten manuellen Aufwand ersparen.
Thema: Digitale Zukunft lokaler Händler: Warum Vertrauen auf Mitleid keine gute Überlebensstrategie ist

Kommentar von Frauke Schobelt

Die Corona-Krise als Weckruf

Lokale Händler mit bisher rein analogem Geschäftsmodell sollten die Krise als Weckruf sehen und ernsthaft an einem Digitalkonzept arbeiten. Denn noch nie gab es so viele Hilfsangebote, die sie auch jetzt noch auf ihrem Weg in das Netz unterstützen.

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Redakteurin Frauke Schobelt (Hightext Verlag)
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