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Dödel-Commerce - Wie Halbgauner im Web nach Opfern jagen
09.08.2016 Es gibt Web-Geschäftsmodelle, die auf Dummheit, Gier oder Gutgläubigkeit der Kunden fußen: In Grauzonen angesiedelt, suchen dort Gauner nach Dödeln. Treffen sich beide, kommt es zum D-Commerce: Sieben Beispiele, vor denen selbst Internet-Profis nicht sicher sind.
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Wir haben sieben besonders unsympathische Geschäftsmodelle gefunden - die einen spekulieren auf die menschliche Gier, die anderen ziehen einfach Menschen über den Tisch, die nur gebrauchte Klamotten tauschen wollen.
Dödel-Commerce 1: Reich ins Heim
Ist jemals ein Mensch bequem zuhause reich geworden? Vielleicht jemand, der zufällig gerade bequem zuhause war, als ihn die Nachricht vom Ableben eines Erbonkels erreichte. Aber sonst wird die Auswahl an einleuchtenden Szenarien schnellen Reichtums ohne Überkreuzen der Türschwelle doch eng.Dennoch versprechen Dutzende von Webseiten den schnellen Reichtum vom heimischen PC aus. Jeder, der ein im messbaren Bereich angesiedeltes Quantum an gesundem Menschenverstand mitbringt, wird da einwenden: "Wenn man so einfach von zuhause aus reich werden kann, wieso nutzt dann nicht jeder so einen Webservice?" - Na ist doch klar, schreiben da die Anbieter solcher Abzockerseiten, der Nutzer sei hier zufällig auf einer geheimen Seite gelandet, auf die nur eingeweihte Verschworene mit Einladung gelangen.
Dass die Seite geheim ist, hat aber offenbar weder dem SEO jemand mitgeteilt, der diese Seite für "Schnell online reich werden" bei Google optimiert hat oder den Webmastern, die diese 'geheimen' Seiten stets unter für Vertipper anfälligen URLs parken wie cfacebook.de faceebook.de oder facebok.de
Die Webseite Star-News5 etwa bietet den schnellen Reichtum am Desktop an, indem man irgendwelche Portfolios von links nach rechts verschiebt oder, wenn das zu anstrengend ist, nur einem Bot dabei zugucken muss - ist auch egal: Jede Erläuterung, wie genau dieser Nonsens funktionieren soll, wird von den Webseiten mit einer Eleganz umschifft und zugunsten von mit hypnotischer Penetranz wiederholten Erfolgsgeschichten totgeschwiegen, dass man bald wirklich versucht ist mitzumachen.
Und üblicherweise quellen solche Seiten im unteren Bereich förmlich über von Erfolgsgeschichten. Einer der letzten Sätze in einer solchen Success-Story auf Star-News5 lautet: "Ich habe über 1 Million Euro verdient! Und das in MEINER ERSTEN WOCHE!" Der erste Satz selbiger Geschichte lautet: "Am ersten Tag habe ich mich mit einem einfachen Registrierungsformular angemeldet. Ich habe 250 Euro eingezahlt." Irgendwie sind wir geneigt den ersten Satz zu glauben, den letzten eher weniger.
Dödel-Commerce 2: Die Berater-EBook-Mafia - Wie man Hunde on-leine erzieht
Das Selfpublishing hat die Eintrittshürden für das eigene Ratgeberbuch so sehr gesenkt, dass inzwischen auch alles drüber hüpfen kann, was weder Hand noch Füße oder die sprichwörtlich sehr kurzen Beine hat. Und so erblüht im Web eine Ratgeber-Landschaft, die schnelle Erfolge gegen EBook-Lektüre verspricht. Wäre alles nicht illegal und alles nichts Neues, würden solche Bücher nicht hohe Verkaufszahlen auf Amazon samt hervorragender Bewertungen vortäuschen: So quillt hundeerziehung-mit-erfolg.de über vor zufriedenen Käufern, deren Kommentare bei Amazon per Plugin auf der Seite eingebaut wurden. Doch klopft man mittels Mauszeiger dagegen, ziehen die vermeintlich authentischen Hundebesitzer ganz schnell Leine: Alles ist der Amazon-Optik nachempfunden, die zufriedenen Leser - wie Karo M. aus Berlin - sind 08/15-Stockphotos von Bilderbörsen.
Schlechte Ratgeberbücher mit nutzlosen Tipps verkaufen ist keine Schande - hey, wenn man sowas in Print und im Real Life macht, wird man als Autor in Talkshows eingeladen. Irgendwie link ist dagegen mal eben komplett den eigenen Erfolg frei zu erfinden. Hier mal eine frei erfundene Rezension dieses Geschäftsmodells: "Überhaupt armselig und sehr sympathisch. Man sollte die Macher dieser Seite auf keinen Fall mit der zusammengerollten Zeitung verhauen, damit sie nicht handscheu werden."
Dödel-Commerce 3: Wetten, dass Sie ihr Geld nie wieder sehen - Wie das Internet den Ruf des Glücksspiels ruiniert
Grundsätzlich haftet ihnen ja im öffentlichen Diskurs etwas halbseidenes und schäbiges an, aber man darf nicht zu streng sein mit Glücksspiel-Webseiten: Wer soll denn sonst den ganzen Blackhat-SEOs ihre Miete bezahlen? Aber irgendwann hört der Spaß auf - und das ist ganz offenbar bei der Glücksspielseite Siskowin der Fall. Verbraucherschützer warnen ausdrücklich vor der Nutzung, berichtet Salzburg24 . Denn angeblich zahlt man hier Geld ein und sieht es anschließend nie wieder. Das hat mit dem hehren Glücksspielgedanken wirklich nichts zu tun. Pfui.Dödel-Commerce 4: Verknappt und zugenäht - "Wenn Sie nicht sofort kaufen, betrügen wir jemand anderen!"
Nur noch wenige Exemplare da? Na, dann werde ich mal lieber schnell kaufen? - Wer kann von sich 100%ig behaupten, noch nie mit solchen Gedanken im Kopf den Kaufen-Button gedrückt zu haben? Die Methode funktioniert nun mal: Sogar namhafte und seriöse Unternehmen wie Apple tun es: Und so hat der iPhone-Erfinder immer ein paar neue Modelle zu wenig vorrätig, um wirklich alle Käufer sofort zu bedienen und den Schlangen vor den Apple-Stores ein Ende zu machen. Wir, die Dödel, machen es ja mit.Manchmal indes wird der Verkäufer oder Shop selber zum Dödel. Etwa wenn knapp gelogen auch mutmaßlich wettbewerbswidrig ist - so geschehen bei Zalando , das sich eine (noch nicht entschiedene) Klage der Wettbewerbszentrale einfing, Trotz des Hinweises 'Nur noch drei Artikel verfügbar' war es im Shop offenbar möglich gewesen vier und mehr Artikel in den Warenkorb zu legen (iBusiness berichtete). Nun hat Zalando den Hinweis abgeändert in "Mehr als drei Artikel verfügbar", berichtet das Handelsblatt . Wieso? In der Hoffnung, dass ein paar Dödel 'Nur noch drei Artikel verfügbar' verstehen und kaufen.
Dödel-Commerce 5: Gesundheitsschädlich - Drogenersatz aus dem Web
Manchmal möchte man verzweifeln am Menschheitsbeglücker Internet - hier ist wirklich niemandem irgendwas heilig. Internetbetrüger schaffen es sogar altehrwürdige Geschäfte wie den Drogenhandel in ihren Schmutz hinabzuziehen. So warnen Experten bei n-tv.de vor legal verkauften Substanzen, die im Web als - zwinker, zwinker - Badesalze angepriesen werden, aber hinter vorgehaltener Hand versprechen, Ersatz zu sein für Gras (das Zeug, das man raucht, nicht das, was man mäht) und Ecstasy. Im Gegensatz zu stets streng nach Lebensmittelverordnung hergestellten Drogen aus dem Präsenzhandel an Bahnhofsunterführung und Stadtpark können die Web-Generika nämlich schlimme Nebenwirkungen bis hin zu Tod und Sucht haben. Ohne erhobenen Zeigefinger sei gesagt: Wer auf synthetischen Dreck aus dem Web setzt, statt auf authentisches Cannabis, Ecstasy oder Heroin - der ist ein Dödel und spart am falschen Ende.Dödel-Commerce 6: Vermarkter-Irrsinn - Plakate am Nordpol
Dödel-Commerce ist nicht zwingend ein B2C-Geschäftsmodell. Das zeigt der Blick auf den März 2015. Da war die Smartwatch vor allem zweierlei: Ein Nischenprodukt, das nur jeder 500. Mensch in Westeuropa besaß und - wenn man von der Schlagzeile um Schlagzeile machenden Apple Watch redet - war sie obendrein noch nicht erschienen. Hielt das die Display-Vermarkter davon ab, irgendwelchen arglosen Dödeln schon Werbeflächen dafür zu verkaufen? Natürlich nicht. Die 'führende Plattform für Mobile-Ad-Auktionen' Tapsense baute noch vor dem Verkaufsstart der Apple Watch eine komplette Ad-Plattform auf und bewarb diese mit Beispielbildern von Werbeeinblendungen auf der Uhr. Nur um unmittelbar darauf zuzugeben, dass die Plattform wohl nicht funktioniert, nicht mit Apples Richtlinien vereinbar ist und niemals zu einer Werbeeinblendung auf einer Uhr führen wird (siehe Bericht auf Appleinsider ).Im Grunde hat die wieder eingestampfte Plattform nur versucht Dödel-Commerce auf Dilettanten-Niveau zu betreiben. Nicht so professionell wie RTL-Vermarkter IP Deutschland . Der verkauft auf seiner eigenen Onlinewerbeplattform für die Samsung Galaxy Gear S-Smartwatch Unterbrecherwerbung. Die klinkt sich - angeblich inhaltlich getargetet - in Nachrichten ein und führt auf Berührung hin zu einer Content-Seite. Wer also auf der Smartwatch eine Eilmeldung über die Zustände in der Türkei liest, bekommt vielleicht eine Pauschalreise dorthin vorgeschlagen. Nicht schlecht: Unterbrecherwerbung auf einem Endgerät zu verkaufen, das unterbrechungsfreien Zugriff auf das Smartphone erlauben soll und dann noch ein winziges Display hat - das führt so gut wie sicher dazu, dass der Nutzer die beworbene Marke für immer im Gedächtnis behält - und nie wieder etwas bei ihr kauft.
Damit zeigen die Vermarkter: Sie sind auf Zack. Früher verfolgten sie die Nutzer überallhin. Heute sind sie schon vor den Nutzern auf den Medien. Und warten darauf, endlich nerven zu können.
Dödel-Commerce 7: Einkleiden mit Zamaro - Des Kaisers neue Kleider
Wie ein Shop aus der Hölle mutet das Bild an, das Stiftung Warentest von Zamaro malt, einem Kleidertauschportal im Web, bei dem Nutzer gebrauchte Klamotten einschicken können und dafür Punkte bekommen, die sie für's Shopping anderer Second-Hand-Textilien verwenden dürfen.Und wie üblich gilt auch hier: Wenn irgendwer mit dem Prädikat 'Social Shopping' wirbt, sollten alle Alarmglocken angehen - bestenfalls funktioniert das Ganze nicht. Schlimmstenfalls handelt man sich bei der 'kostenlosen Anmeldung' eine 24 Wochen laufende Abofalle ein. Oder die eingesandte, durchaus wertvolle Kleidung wird nach vollkommen subjektiven Kriterien von den Mitarbeitern lächerlich niedrig bewertet. Oder man will die Klamotten zurückhaben und hört nie wieder davon und wird dann auf Nachfrage von unfreundlichen Service-Mitarbeitern angeschnauzt, dass die Sendung offenbar verloren gegangen sei.
Kurz: Sich von oben bis unten mit Zamaro einzukleiden, ist allen vorliegenden Indizien nach keine gute Idee. Könnte sein, dass man nackt da steht. Wenigstens greift einem dann keiner mehr in die Tasche. Außer vielleicht Zamaro.de.
