Jetzt zum Webinar anmelden
Agenturwert berechnen
November 2026 · Unser Geburtstagsgeschenk
35 Jahre iBusiness.
Im November alles frei lesen.
Zum Jubiläum öffnen wir alle iBusiness-Inhalte: vom 1. bis 30. November, für alle, ohne Anmeldung und ohne Bezahlschranke.
Alle Inhalte im November kostenlosRegistrieren Sie sich kostenlos und abonnieren Sie anschließend den iBusiness-Newsletter. So bleiben Sie bei den Themen auf dem Laufenden, die für Sie zählen.
Steigende Paketkosten: Wie Händler jetzt reagieren müssen
09.05.2019 DHL, Hermes, DPD - überall steigen die Paketpreise, ein Ende ist nicht in Sicht. Doch wie sollen Händler auf diese Entwicklung reagieren? Die Kosten einfach dem Verbraucher aufzuerlegen ist jedenfalls die schlechteste Lösung. iBusiness hat analysiert, wie die Branche reagieren kann.
HANDLUNGSRELEVANZ
|
|
Operativ |
Strategisch |
Visionär |
|
Technik |
|
|
|
|
Medien |
|
|
|
|
Wirtschaft |
|
|
|
|
|
heute |
morgen |
übermorgen |
Dabei sind die Händler ohnehin schon gebeutelt. Einer Umfrage des iBusiness-Schwesterblatts Versandhausberater zufolge bereiten sich die meisten Händler in diesem Jahr auf eine Porto-Erhöhung zwischen fünf und zehn Prozent vor (siehe Chart). Rein statistisch muss jeder Versender in Deutschland im kommenden Jahr knapp 7,5 Prozent mehr für die Paketzustellung einkalkulieren. Um eine Portoerhöhung herum kommen nur drei Prozent der Befragten.
Ein Umschwung scheint nicht in Sicht. Im Gegenteil: Politik und Gewerkschaften haben gerade erst den prekären Arbeitsbedingungen der KEP-Branche den Kampf angesagt, die sich angesichts des Kostendrucks in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Zwar weist Corinna Flemming, Logistikexpertin vom Händlerbund darauf hin, dass sich steigende Löhne nicht zwangsläufig in Preissteigerungen ausdrücken müssen. Wirklich daran glauben will aber auch sie nicht daran: "Wenn verstärkt in ausreichend Personal und bessere Arbeitsbedingungen investiert wird, ist davon auszugehen, dass sich das Preisniveau insgesamt und dauerhaft anheben wird."
Dabei ist das Phänomen keineswegs auf Deutschland beschränkt. "Wir rechnen auch international für die kommenden Jahre mit einer Preissteigerung" meint Jan Starken , Sprecher des Modehändlers Bonprix .
Ende der Kostenentwicklung (noch) nicht in Sicht
Solange der Onlinehandel weiter wächst, ist mit einer Entspannung der Situation nicht zu rechnen. Es wäre eine Illusion anzunehmen, dass steigende Nachfrage zu sinkenden Transportpreisen führt. Im Gegenteil: "Stetig steigendes Sendungsvolumen trifft auf ein weniger rasch skalierbares Angebot an Transportkapazität - insbesondere auf der letzten Meile", erklärt der Logistikexperte Steffen Wagner , der für die Unternehmensberatung KPMG als Partner und Head of Transport & Leisure den Markt beobachtet. "Stichworte sind hier 'Fahrerknappheit' und 'Fachkräftemangel' gerade im urbanen Raum. Auch Lager- und Verteilkapazitäten lassen sich nicht analog zum steigenden Sendungsvolumen skalieren."
In anderen Worten: Während sich für die ersten zehn Millionen Pakete noch vergleichsweise einfach Personal rekrutieren lässt, wird es für die nächsten zehn Millionen Pakete bereits deutlich mühsamer. Mit zunehmenden Bedarf sind Personal-Ressourcen immer schwieriger zu gewinnen. Die Kosten steigen. Dieser Effekt überlagert die Einsparungen, die durch bessere Kapazitätsauslastung erzielt werden.
Auf Hightech-Lösungen sollten Händler dabei nicht hoffen - zumindest nicht kurzfristig. "Alternative Transporttechnologien sind ebenfalls mit nicht unerheblichen Investitionen verbunden", dämpft Wagner die Erwartung an Hyperloops, Paket-Drohnen oder Lieferroboter. Deutlich schneller sieht er dagegen weitere Kostensteigerungen am Horizont aufziehen. Kraftstoffkosten und regulatorische Eingriffe aufgrund der Verkehrs- und Emissionsbelastung sowie wegen den schlechten Arbeitsbedingungen werden die Unternehmen zusätzlich belasten. Unterm Strich werden die Sendungspreise wohl zumindest noch in den kommenden drei Jahren steigen, glaubt der Experte.
Nicht weniger Service, aber der richtige
Für Onlinehändler bedeutet das nichts Gutes. Sie selbst können die Entwicklung nur wenig beeinflussen, müssen aber die Kosten tragen. "Die Kosten direkt auf den Kunden umzulegen ist nicht in jedem Fall ratsam", rät der Flemming. "Besonders bei niedrigpreisigem Sortiment sind Kunden preissensibel. Gerade die versandkostenfreie Lieferung ist noch immer ein großes Verkaufsargument." Die Verbandsexpertin, die auch den Logistik Watchblog betreibt, rät daher zu sorgfältigen Tests. Denn der Verband hat sogar festgestellt, dass viele Kunden eher bereit sind einen höheren Gesamtpreis für Waren zu zahlen als zusätzliche Versandkosten zu entrichten. "Selbst wenn der Gesamtpreis der Bestellung am Ende gleich ist." Emotion schlägt Verstand - wie so oft.
Der Handel sollte daher behutsam vorgehen. "Der generelle Verzicht auf versandkostenfreie Lieferung oder Rücksendung ist die schlechteste Strategie und kann nur die Ultima Ratio darstellen", meint Bonprix-Mann Starken. Einerseits, weil mit einem solchem Schritt das sorgfältig gepflegte, serviceorientierte Image des Händlers nachhaltig beschädigt wird. Andererseits, weil in wettbewerbsintensiven Umfeldern mit direkten Umsatzeinbußen zu rechnen ist.
Starken glaubt, dass Händler im Gegenteil eine Lösung suchen sollten, die Bedürfnisse der Kunden noch stärker zu berücksichtigen. "Richtig wäre es, den Kunden verschiedene Optionen und Service-Pakete anzubieten". Schließlich braucht nicht jeder Käufer das komplette Rundum-Wohlfühlprogramm. "Schnelle Lieferung vs. langsame Lieferung, bringen vs. abholen, anschließen und aufbauen lassen vs. selbst installieren - wer die Wünsche seiner Kunden kennt, kann Kosten minimieren, ohne den Komfort einzuschränken."
Ein ähnliches Vorgehen empfiehlt auch der Händlerbund. "Die Strategie sollte für jedes Business unterschiedlich getroffen werden." Für verschiedene Geschäftsszenarien bieten sich unterschiedliche Reaktionen an. "Es ist denkbar die Versandverpackung zu überdenken, eine Mindestbestellmenge einzuführen oder die Versandkosten für den Kunden je nach Lieferumfang oder -land zu staffeln."
Logistik-Komfort besser verkaufen
Eine weitere bereits verbreitete Kostensenkungsmaßnahme ist die Konsolidierung von Einzellieferungen zu einem Paket. "In der Regel wird diese Zusatzoption für Kunden (noch) nicht weiter monetär belohnt", hat Wagner beobachtet. In Zukunft könnte sich das - auch wegen dem Wunsch vieler Verbraucher nach grüner und nachhaltiger Logistik - ändern. Damit wäre eine Reduzierung des Sendungsaufkommens zu erwarten.
Kosteneinsparungen, die primär den Service einschränken, schätzt Wagner dagegen kritisch ein. "Ein Großteil der Wettbewerbsfähigkeit von Onlinehändlern hängt von einer reibungslosen und kostengünstigen Lieferung an den Endverbraucher ab", sagt er. Die Customer Experience an dieser Stelle zu beschränken hieße, das zentrale Service-Versprechen des Onlinehandels zu beschädigen.
Trotzdem glaubt er, dass auch die Verbraucher ihr Verhalten ändern können. "Eine sehr unmittelbare Reaktionsmöglichkeit besteht in der Steuerung von Retourenkosten", sagt er. Insbesondere die Branchenführer hätten in den vergangenen Jahren für eine sehr hohe Erwartungshaltung der Kunden gesorgt. Warum sollte nicht auch eine Umgewöhnung möglich sein? "Eine direkte und transparente Umlegung der Kosten auf den Endkunden - an Stelle einer indirekten Mischkalkulation - würde auch das Konsumverhalten nachhaltig beeinflussen", argumentiert er.
Smarte Zustell-Prozesse als wesentliche Hebel
Weit mehr Möglichkeiten zur Kostensenkung haben dagegen die Paketdienste selbst. "Die Frage sollte lauten, wie die Logistikbranche möglichst effizient statt möglichst sparsam arbeiten kann", meint der Flemming. "Die Möglichkeiten für effizientere Prozesse, alternative Zustellmethoden und digitale Vernetzung sind noch immer ausbaufähig."Die Paketbranche in der Pflicht sieht auch der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (BEVH). Ein Verzicht auf die Haustürzustellung könne etwa schon wegen selbstgemachter Probleme keine Alternative zur jetzigen Situation sein. "Die deutlich verringerte Zahl der Postfilialen und das bestehende Paketstation-Netz können nach unserer Einschätzung in keiner Weise die Sendungsmenge aus der Home-Delivery auffangen", erklärt Hauptgeschäftsführer Christoph Wenk-Fischer . "Es ist aber keine Option, den Kunden einen schlechteren Service zum gewohnten Preis anzubieten."
Die Erfahrung des Handels zeige, dass Verbraucher lediglich eine Besserstellung honorieren, meint der BEVH-Chef. Das könne ein günstigerer Versandpreis bei längerer Lieferzeit sein, oder eine schnellere Lieferung gegen Aufpreis. Auf jeden Fall seien die Händler aber darauf angewiesen, dass die Logistiker entsprechende Angebote entwickeln. "In England wurde mit einigem Erfolg getestet, die Kunden Zeitfenster wählen zu lassen und diese unterschiedlich zu bepreisen, sodass eine Steuerung der Paketmengen möglich war", erzählt Wenk-Fischer. "Dies funktioniert aber nur, wenn der Zustellpartner dem Händler auch entsprechende Daten und Anreize bieten kann."
Stärker differenzierte Zustellservices, Vergünstigungen bei effizienten Liefervarianten, hervorgehobene und transparent bepreiste Premiumdienste, flexible Zustelloptionen und die Vermeidung unnötiger (Retouren-)Sendungen ... die meisten Händler würden sich wohl kaum sträuben, die Logistiker mit der Einbindung entsprechender Services zu unterstützen. Allerdings liegt der Ball zunächst im Feld der KEP-Branche, kurzfristig entsprechende Angebote zu entwickeln.
Langfristig werden sich die Preise aber wohl wieder stabilisieren und eher nach unten entwickeln. "Wichtige Meilensteine auf dem Weg zu einer perspektivischen Preisstabilisierung sind die Etablierung eines pan-europäischen Sozialstandards für Arbeitsbedingungen in der Logistik, ein voranschreitender Umschwung zu alternativen Transporttechnologien sowie eine zunehmende Vernetzung von Dienstleistern und Onlinehändlern in einem logistischen Ökosystem, in dem Transparenz und Zugriff auf flexible Kapazitäten im Sinne einer Sharing Economy eine Normalisierung des Preisniveaus bewirken", erklärt Wagner.
Vernetzung und effiziente Verteilung gehören schließlich zu den Kernkompetenzen der Internetwirtschaft. Es wäre ein Wunder, wenn sich nicht auch die Logistik-Schwäche damit lösen lassen würden.
