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Die zehn verrücktesten Hightech-Prognosen - und was sie über die Internet-Gegenwart verraten
20.01.2015 Eigentlich sollte die Raketenpost den iBusiness-Newsletter heute in ihr Unterwasserbüro bringen, während die Roboterzofe den Atomstaubsauger leise schaltet: Was die zehn lustigsten Hightech-Zukunftsprognosen der Vergangenheit über die Internet-Hypemaschinerie der Gegenwart aussagen.
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Der Kardinalfehler von Trendforschern und Prognosten ist es stets, zu erwarten, die Zukunft funktioniere nach grundsätzlich anderen Spielregeln als die Gegenwart. Oder: Vor lauter Suche nach Veränderung zu vernachlässigen, was alles gleich bleibt. Das zeigt sich auch in einigen der haarsträubendsten Fehldiagnosen der Zukunfts-Experten von gestern. Bei aller Komik dieser Prognose-Fehlschüsse: An ihnen lässt sich ableiten, mit welchen Kniffen Marketer sich heute noch Zukünfte so zurechtbiegen, dass sie ihren Verkaufszielen förderlich sind. Die iBusiness-Topten der schrägen Zukunftsprognosen.
Panne-Prognosen vs. Zukunftsforschung
Prognosen, die derart himmelweit daneben liegen, haben nämlich mit seriöser Zukunftsforschung nichts zu tun, wie sie der Anspruch von iBusiness ist. Denn sie gründet auf nachprüfbaren Verfahren und extrapoliert ihre Aussagen über die Zukunft auf Basis bestehender Erfahrungsmuster. Sie verlängert dabei nicht einfach Daten aus der Vergangenheit als Trends in die Zukunft. Das unterscheidet sie von der Markt- und Trendforschung.
| Einsatzfelder von Marktforschung, Trendforschung und Zukunftsforschung | |||
|---|---|---|---|
| Marktforschung | Trendforschung | Zukunftsforschung | |
| Forschungs- Gegenstand | Vergangenheit | Gegenwart | Zukunft |
| Kernfrage | Was war? | Was ist? | Was wird sein? |
| Methode | zählen | beobachten | extrapolieren |
| Anspruch | "Erforschung und Benennung von Veränderungsprozessen in der Gegenwart", "Gegenwarts-Ethnologie" (Matthias Horx ) | "unterliegt allen Qualitätskriterien, die in der Wissenschaft an gute Erkenntnisstrategie und leistungsfähige Modelle gestellt werden" (Prof. Dr. Rolf Kreibich in 'Zukunftsforschung in Europa. Ergebnisse und Perspektiven' | |
| Anbieter | Gfk , Comscore , Webanalyse-Anbieter | Zukunftsinstitut, Trendone , Future Institute | Institut Futur , Institut für Technikfolgenabschätzung |
Ernsthafte Zukunftsforschung geht also über reine Datenbetrachtung ebenso hinaus, wie die Verlängerung von Gegenwartstrends in die Zukunft - und sie versucht die häufigsten Prognosefehler auszumerzen:
- Technik-Enthusiasmus
Viele Prognosen stellen einen zu großen Glauben an die alles verändernde Kraft der Technik aus. Gerade unsere Branche ist technisch getrieben und neigt dazu, Erfindungen zu überhypen. Nutzer teilen diesen Enthusiasmus nicht immer: Dass fast die Hälfte der Deutschen nicht täglich ins Internet geht, erscheint manchem unvorstellbar, ist aber Fakt. (Quelle: ARD-ZDF-Onlinestudie ). - Das Ausklammern von Beständigkeit, besonders im menschlichen Charakter
Menschen wollen nicht mit Werbung beschossen werden. Sie ziehen es vor, Rechnungen auf eine Art zu bezahlen, die ihnen ein Gefühl der Sicherheit gibt und nachvollziehbar bleibt. Solche Dinge ändern sich nicht. Auch dann nicht, wenn eine Lösung mit einem angebissenen Apfel darauf des Weges kommt.
- Unrealistische Einschätzung von Zeiträumen
Fortschritt dauert. Ein, zwei oder auch fünf Jahre sind im Rückblick so erschreckend schnell vorüber, doch in der Vorausschau erscheinen diese Zeitfenster oft wie eine Ewigkeit und so sagt man schon mal leichtfertig: "Klar hat jeder in fünf Jahren einen 3D-Drucker/einen Haushaltsroboter!"
Sind Sie nun bereit für eine extra Dosis wahnwitziger Prognostik? In jeder der folgenden zehn Fehlprognosen ist mindestens einer unserer drei Fehler präsent. Und wenn sie in einem aktuellen Trend wie etwa Drohnen-Lieferung etwas vom fliegenden Auto wiedererkennen, so ist das kein Zufall - sondern ein Fall von sich wiederholender Geschichte.
10. Interviews in virtuellen Welten mit künstlichen Menschen
Prognose aufgestellt: 2002
Zieljahr: 2010
Prognose-Zeitfenster:
Acht Jahre
"Sollten wir uns 2010 wieder zum Interview treffen, können wir das tun, ohne wirklich beieinander zu sitzen. Wir werden volle audiovisuelle virtuelle Realität haben. Das heißt, Sie bleiben in Ihrem Büro, sehen aber nicht Ihr Büro, sondern einen anderen Platz, an dem wir zusammenkommen. ()... Sie werden sich auch mit künstlich erzeugten Personen treffen. 2010 wird man die noch nicht mit wirklichen Menschen verwechseln, aber sie dürften ganz unterhaltsam sein."
Das alles prognostizierte Raymond Kurzweil in einem Interview mit der Zeit im Jahre 2002. Zum einen besticht die Vorhersage durch ein extrem kurzes Zeitfenster: Acht Jahre für die Virtualisierung des menschlichen Miteinanders ist sportlich. Zum anderen ignoriert der Techoptimismus die wichtigste Konstante menschlicher Existenz: Der Mensch zieht andere Menschen einem artifiziellen Ersatz vor.
9. Unterwasser-Urlaub vom 4-Stunden-Arbeitstag
Prognose aufgestellt: 1968
Zieljahr: 2008
Prognose-Zeitfenster: 40 Jahre
In seinem 1968er-Aufsatz 40 years in the future konnte der Science-Fiction-Autor James R. Berry seinen Beruf wahrlich nicht verbergen noch davon abhalten ihm die Feder bei seinen sachlich gemeinten Betrachtungen zu führen: Die Menschheit arbeitet 2008 in 4-Stunden-Arbeitstagen und erholt sich in regelmäßigen Unterwasser-Urlauben. Intelligenzpillen helfen, die Reizüberflutung der omnipräsenten Technik zu verarbeiten und versagen einem die Organe, so lässt man sie durch künstliche ersetzen. Diagnose: Ein vollkommen übersteigerter Technik-Enthusiasmus, der aber nicht ohne liebenswerte Spuren ist. Ein lesenswertes Zeitdokument aus einer Zeit als man noch glaubte, Technik werde alles Üble in Wohlgefallen auflösen helfen.
8. Der letzte Mensch im Techno-Heim
Prognose aufgestellt: 1972
Zieljahr: 2000
Prognose-Zeitfenster:28 Jahre
Alles was irgendwann mal geht, wird irgendwann mal Realität - das war das Motto der Macher einer Doku des ZDF im Jahre 1972. In 'Richtung 1972' lebt ein ziemlich alter Junggeselle in einem durch und durch automatisierten Heim. Der Tag startet mit dem im Hochfrequenzofen erhitzten Essen, das selbstverständlich angeliefert und nicht selbst gekauft wurde. Statt Zeitungen gibt es nur noch eine Handvoll großer Blätter, denn nur wenige Verlage können sich teure Mass-Customization-Prozesse leisten, die es den Lesern erlauben, eine individuelle Wunsch-Ausgabe zu Hause auszudrucken (!).
Beeindruckend ist die latente Angst vor Vereinsamung, die die Doku abbildet: Unser Futur-Junggeselle lebt wie der einzige Mensch auf der Welt, trifft Kollegen allenfalls am Bildtelefon oder kauft am Fernseher, aber nicht in Läden mit Menschen darin. Die Straßen sind leergefegt, nur im Propellerzug sitzen ein paar Gestalten. Doch gegen aufkeimende Depressionen ob dieser menschenleeren Lebenswirklichkeit helfen im Jahr 2000 Happy-Pillen.
Ansonsten ist Umweltverschmutzung mit extrem hohen Strafen belegt (die Industrie-Lobbys sind offenbar mit den Mitmenschen auch verschwunden) und - was immerhin in Erfüllung ging - es gibt Park-and-Ride-Punkte mit Carsharing.
Unterm Strich sind die großen Prognose-Fehler von 'Richtung 2000' der Techno-Enthusiasmus unter negativem Vorzeichen und das Unwissen um die menschliche Natur: Jede neue Technik wird bedingungslos adaptiert, auch wenn sie das Leben entmenschlicht. So etwas würden Menschen nicht hinnehmen. Aber kann man einer Doku trauen, die nicht einmal den Wochentag richtig hinbekommt? Denn der dargestellte 25. Oktober im Jahr 2000 war kein Montag, wie die Macher behaupten, sondern ein Mittwoch. Vielleicht ein versteckter Hinweis darauf, dass man uns hier nur verschaukeln wollte.
7. Brainfood
Prognose aufgestellt: 2005
Zieljahr: ohne genaues Zieljahr (Gegenwart bis nahe Zukunft)
Prognose-Zeitfenster: unbestimmt, kurz
"Bei ihrem Streben nach Verschönerung der eigenen Gestalt sind Menschen mehr und mehr willens direkt in ihren Körper einzugreifen. Hier entstehen große Chancen für neue Geschäftsmodelle in der Food-, Pharma-, Kosmetik- und Entertainmentindustrie" prognostizierte der Trendforscher 2b.ahead in 2005 für die Folgejahre und kam 2012 zum Ergebnis, dass die Prognosen voll eingetroffen seien. Menschen benutzen demnach ständig und mit steigender Tendenz Neurobooster, Leistungssteigerungspräparate, Gehirnpillen und anderes Mentaldoping.
Diese als 'Brainfood' subsumierbaren Präparate gehören demnach jetzt schon in Ansätzen und bald schon als Mainstream-Phänomen zu unserem Leben. De facto trauen sich die meisten Menschen ja nicht mal, während des Amsterdam-Urlaubs einen Joint zu rauchen. Was zeigt: Für die Mehrheit ist und bleibt der eigene Körper etwas, mit dem man nicht leichtfertig spielt. Und das wird auch so bleiben. Eine Brainfood-Welle ist entgegen der Behauptungen der "Trendforscher" nicht in Sicht.
6. Fliegende Autos
Prognose aufgestellt: 1910
Zieljahr: 2000
Prognose-Zeitfenster: 90 Jahre
Sie sind der Klassiker der Science-Fiction-Ikonographie, tauchen in Filmen wie 'Zurück in die Zukunft' und 'Blade Runner' ebenso auf wie in nahezu jeder Utopie: Fliegende Autos. Man muss milde sein mit dem französischen Maler Villemard, der 1910 prognostizierte, 2000 würde man Autos und auch gleich Feuerwehrmänner in die Luft jagen. Immerhin traute er sich mit seiner fast 100jährigen Prognose-Spanne zeitlich weit aus dem Fenster und noch immer hat das fliegende Vehikel viele Anhänger in der Zukunftsforschung (doch, diese Evangelisten des 'Drohnen-Commerce' meinen das durchaus ernst).
De facto dürften fliegende Autos bis auf weiteres Zukunftsmusik bleiben: Wie wahrscheinlich ist es, dass die deutschen Behörden Bock haben, aus 3300 Verkehrstoten pro Jahr ein Vielfaches an Luftverkehrstoten zu machen, wenn kollidierende Flugautos brennend auf Wohngebiete stürzen? Ungeachtet allen technischen Fortschritts: eine gesetzliche Freigabe für privaten Luftverkehr? Nicht so schnell in Sicht.
5. Roboterzofe
Prognose aufgestellt: 1966
Zieljahr: kein konkretes Datum
Prognose-Zeitfenster: unbestimmt
Eine Dokumentation aus dem Jahre 1966 prognostizierte das Dämmern des Roboterzofen-Zeitalters: In einer auf 3sat wiederholten Doku von 1966 inszenierten die Macher den kurz zuvor entwickelten Schneckentempo-Roboter des Ingenieurs Claus Scholz als auf der Türschwelle lauernde Nah-Zukunft. Der Verdienst des Wiener Ingenieurs soll hier gar nicht geschmälert werden - nur hätten die Filmemacher durchaus bemerken können, dass das Ding hinten und vorne noch nicht mal ansatzweise brauchbar war: Kämmen wurde zur offensichtlich erkennbaren grobmotorischen Folter, das Servieren des Kaffees durch unfassbar gruselige Blechmenschen entlockt den Filmemachern den Kommentar. "Wer würde schließlich nicht gerne auf diese Weise das Frühstück serviert bekommen?" - können wir sagen: keiner.
4. Cocooning
Prognose aufgestellt: späte 80er-Jahre, 1991 durch Faith Popcorn prominent gemacht
Zieljahr: unbestimmt
Prognose-Zeitfenster: eher kurz ausgelegt
Diverse Futuristen und Trendforscher, vor allem die 1991 mit ihrem Popcorn-Report bekannt gewordene Faith Popcorn prognostizieren uns allen die große Einsamkeit: Man muggelt sich daheim ein und geht nicht mehr vor die Tür, braucht und will andere Menschen generell nicht mehr sehen. Getrieben wird diese Prognose des 'Cocoonings' zum einen von der technischen Machbarkeit, alles daheim ordern und erledigen zu können. Zum anderen lassen die Schrecknisse des Alltags mit Terror und Naturkatastrophen den Menschen sich zurückziehen. Wie wenig selbst konkrete Bedrohungslagen den Menschen in den Kokon seiner Wohnung vertreiben zeigt indes der Millionen-Protest von Paris nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo . Wieder eine Prognose, die die soziale Natur des Menschen fahrlässig wegargumentiert.
3. Kernkraftsauger
Prognose aufgestellt: 1955
Zieljahr: 1965
Prognose-Zeitfenster: Zehn Jahre
"Mit Kernkraft betriebene Staubsauger werden in 10 Jahren wahrscheinlich Realität sein", sagte Alex Lewyt, in der New York Times abgedruckt. Es war 1955, ein Zeitalter als man bei dem Wort Atomkraft noch nicht an Worte wie Super-GAU, Kernschmelze, Fukushima, Hiroshima und Lobbyisten-Drecksäcke dachte. Doch selbst vor diesem Hintergrund erscheint es rätselhaft, wieso man eine interne Energiequelle in seinem Staubsauger haben wollen sollte - hätten Aufwand und Kosten ernsthaft das geringe Ärgernis eines Kabels aufgewogen? Der Reaktor im Putzmittelschrank - unser Platz drei der verqueren Prognosen.
2. Raketenpost
Prognose aufgestellt: 1970
Zieljahr: 2000ff
Prognose-Zeitfenster: > 30 Jahre
Das Stanford Research Institute gehörte ein Jahr bevor es die folgende Prognose stellte, zu den Knotenpunkten des Webs, jedoch kam niemand auf die Idee, Post könnte im 21. Jahrhundert elektronisch übermittelt werden. Und so ging man davon aus, Briefe würden in Raketen in nur wenigen Stunden um den Globus geschickt werden. Die Halbwertszeit dieser glorreichen Fehlprognose war ein knappes Jahr, dann versendete Ray Tomlinson die erste E-Mail. Shit happens - aber dass es in einem Forschungsinstitut niemanden gab, der zumindest auf die Idee kam, Buchstaben könnten ohne Treibstoff von einem Ort zum anderen reisen, ist doch bemerkenswert. Daher Silber für die Raketenpost.
1. Robotersex
Prognose aufgestellt: 1997 und 2014
Zieljahr: unbenannt / 2025
Prognose-Zeitfenster: unbenannt / 11 Jahre
Gold für prognostische Kreativität geht an Joel Snell und seine im Juli 1997 im Magazin Futurist gestellte Prognose über die Auswirkungen von Sexrobotern. Und man kann kaum aufhören sich die Haare zu raufen, liest man wie sämtliche Zukunftsforscher-Pferde und Prognose-Ponys mit Snell durchgehen. Demnach sollen hochentwickelte Sexroboter nicht nur süchtig machen und Ehen zerstören. Sie produzieren obendrein noch eine Riege von Techno-Jungfrauen - Menschen, die noch nie Sex mit anderen Menschen hatten und dies auch nicht wünschen, weil ihnen Robosex ausreicht. Irgendwie unangenehm wird die als Futurismus verkleidete Rückwärtsgewandtheit des Artikels, wenn er vorhersagt, Sexroboter könnten Schwule und Lesben zurück zur Heterosexualität bekehren - und umgekehrt. Weil Robosex so toll ist.
Doch die Anhänger des Geschlechtsverkehrs mit Robotern sind auch heute nicht ausgestorben: So zitiert im just abgelaufenen Jahr 2014 eine Studie des Forschungsinstitutes PEW Research einen Experten, der Mensch-Robotersex schon für 2025 nochmal neu ankündigt.
Es soll hier nicht ausgeschlossen werden, dass Lustbots irgendwann Anwendungsszenarien auf dem Gebiet von Erotikindustrie und Prostitution finden können. Doch dass Menschen wegen Robotern eines Tages die älteste Sache der Menschheit aufgeben ist eine Prognose, auf die man nur kommt, wenn man alles ignoriert, was uns als Menschen ausmacht: Trieb, Lust, Neugierde, Sinnlichkeit und diese menschliche Variable namens Liebe.
Daher vertrauen sie lieber auf den Nukleartechniker Homer Simpson , der schon 1994 feststellte: "Mann muss schon sehr... verzweifelt sein, um es mit einem Roboter zu treiben."
Nachsatz: Im Vergleich dazu liegt iBusiness mit seinem (szenarisch geprägten) Prognosen gar nicht so schlecht:

