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Braune Bücher im White Label: Tausende Buchshops verkaufen Nazi-Literatur
11.11.2010 Es sind nicht nur wenige Shops, sondern tausende von Online-Shops in Deutschland, die Bücher mit rechtsradikaler oder nationalsozialistischer Ausrichtung verkaufen - ohne es zu wissen. Verantwortlich dafür ist das White-Label-Prinzip von Auslieferer Libri, bei dem die Shops die Datensätze komplett übernehmen. Mit einer möglichen Lösung, um Nazi-Bücher auszufiltern, tut sich Libri offensichtlich genau so schwer, wie Bücher-Merchants, die ihren Affiliates den braunen Dreck zwangsweise andienen. Der Skandal schlägt inzwischen hohe Wellen.
Zentralrat der Juden sieht einen "Skandal"
Solche Bücher zu führen kann freilich kaum im Interesse der seriösen Zeitungen und Magazine hinter den Online-Shops sein. Aber tatsächlich haben Recherchen von iBusiness ergeben, dass die Zahl der betroffenen Shops und Händler in die Tausende geht. Der Grund: Die Buchshops von Spiegel, FAZ und SZ verwenden den Datenbestand anderer Anbieter - in diesem Fall von Libri . Das Großhandels- und Logistikunternehmen verkauft Online-Shops seinen Datenbestand an 5,6 Millionen lieferbaren Titeln als White-Label-Produkt.Das bedeutet nicht, dass ausschließlich Libri die fragwürdige Literatur führt - dahinter steht das Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB) des Börsenvereins. So ist beispielsweise das kriegsverherrlichende Buch 'Meine Kommandounternehmen' von SS-Autor Skorzeny sowohl auf dem Börsenvereins-Portal Buchhandel.de zu finden als auch bei Amazon , die auf denselben Datenbestand wie Libri zurückgreifen.
Es hat aber zur Folge, dass alle Shops und Händler, die ihr Portal mit lieferbaren Titeln von Libri ausrüsten, ihr Portfolio mit rechtsradikaler Literatur kontaminieren. Denn im Prinzip stellen Spiegel, FAZ oder SZ auf ihren Shop-Seiten nur die Suchmaske zur Verfügung. Das eigentliche Buch-Angebot und oft auch Dienstleistungen wie die Logistik stammen von Libri.
Dasselbe Problem haben Affiliates, die als Wiederverkäufer eines der großen-Buchshops agieren. Die iBusiness-Recherche belegt: Ob Buecher.de oder Buch.de , ob Amazon oder BOL - überall finden sich Kaufangebote auf die einschlägigen Bücher, die ein ahnungsloser Affiliate im Zweifelsfall mit transportiert.
Gegenüber dem Report Mainz verwiesen FAZ, Süddeutsche und Spiegel daher auch praktisch unisono auf die Unmöglichkeit einer sicheren Kontrolle. Negativlisten zu erstellen sei bei der Vielzahl erhältlicher Titel mit zu großem Aufwand verbunden. Trotz dieser Erklärung ist der Zentralrat der Juden in Deutschland entrüstet: Vizepräsident Salomon Korn etwa sprach von einem "Skandal". An die Adresse der betroffenen Zeitungen und Magazine gerichtet sagte Korn: "Es ist mir unverständlich, dass der gute Name dafür hergegeben wird, eine solche Literatur zu verbreiten, die eigentlich darauf aus ist, das demokratische System zu unterhöhlen und abzuschaffen".
Branchenkenner sehen Libri in der Pflicht
Allerdings ist es für die Shops in der Tat schwierig, ihr umfangreiches Programm auf demokratiefeindliche Titel zu scannen, mögen Sie nun aus der rechtsradikalen, religiösen oder sonstigen Ecke kommen. Vielmehr sind die Shops auf Hilfestellungen der White-Label-Anbieter - und zumindest auf den Börsenverein des Deutschen Buchhandels - angewiesen. "Ich sehe hier Libri in der Pflicht, die Shops können das nicht leisten", argumentiert Verlags-Consultant Ehrhardt Heinold " von Heinold, Spiller & Partner .
Allen Shops, die bereits von der Entrüstung der Nutzer überrollt werden, empfiehlt Heinold, in die Offensive zu gehen. Statt die Diskussion um die fragwürdigen Titel zu ignorieren rät er "das Ganze auf der Homepage des Portals zu thematisieren. Vielleicht mit einem Link auf den entsprechenden Bericht und der Möglichkeit für Kunden, ihre Meinungen in einem Forum oder Blog auszutauschen".
Doch dauerhaft ist Social Media nur eine Schadensbegrenzung für Shops. Langfristig muss eine andere Lösung her. Es braucht auf Seiten der Datenbank-Anbieter wie Libri ein wirksames Instrument, um Titel von unerwünschten Autoren aus dem Angebot zu filtern. Nur so können die Shops und anderen Abnehmer von White-Label-Datensätzen sicherstellen, ihr Sortiment individualisiert zu filtern.
Beispiele dafür gibt es bereits: Als vor einigen Jahren Ebay in die Diskussion geriet, weil immer wieder Faschismus-Devotionalien und Nazi-Bücher in die Auktionen gestellt wurden, baute das Auktionshaus Filter und Service-Personal aus. Für eine gewisse Zeit funktionierte das, inzwischen tummeln sich wieder Nazibuch-Versender auf Ebay.
Beim Buchbestand müsste sogar niemand händisch alle 5,6 Millionen lieferbare Titel durchsehen. Social Media würde diese Funktion den Nutzern überlassen, vergleichbar dem Prinzip, das bei Youtube-Videos angewendet wird. Ehrhardt Heinold hält allerdings dieses Prinzip des Nutzer-Feedbacks für nur bedingt tauglich: "Weltanschauliche Themen sind ein weites Feld, bei dem man schnell in schwierige Gewässer gerät, was die Nutzerbeiträge angeht. So etwas ist nicht so eindeutig zu identifizieren und zu entfernen wie etwa pornografische Videos". Aber zumindest eine bewältigbare Liste von Titeln, die Mitarbeiter prüfen müssten, könnte so entstehen.
Alternative intelligenter Filter
Sinnvoller erscheint da eine optionale Filterfunktion, die auf Wunsch der Shops bestimmte Autoren oder Verlage automatisiert entfernt. So etwas existiert bei Libri offenbar auch. Das Unternehmen war bis zum Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht mehr zu erreichen. Gegenüber dem Report Mainz indes hat ein Unternehmenssprecher dem Vorwurf der Portale widersprochen, das Libri-Sortiment müsse "ganz oder gar nicht" übernommen werden. Nach dem ARD-Bericht soll es außer dem Basismodell einer kompletten Datensatzübernahme auch ein maßgeschneidertes geben. Dabei sei es technisch möglich, einzelne Bücher oder Verlage zu entfernen oder eine Negativliste zu generieren.Doch hat dieses Modell mindestens einen großen Nachteil - die Kosten. Neben einer Anfangsinvestition von 30.000 Euro kommen laut Report Mainz Folgekosten hinzu. Auch ist nicht klar, ob die Wartung und Pflege der Negativlisten am Shop hängen bleibt.
Um Kontroversen um anstößige Bücher zu vermeiden, benötigen Shops eine umfangreichere Dienstleistung vom Anbieter. Eine, die erschwinglich und intelligent ist, wie etwa eine Filterfunktion, die übliche Verdächtige wie bekannte Nazi-Größen oder Holocaust-Leugner aussperren lassen. Und in der die Möglichkeit, Titel als bedenklich zu markieren bereits integriert ist.
Immerhin: Strafbar machen kann man sich nur bei Vorsatz. Der Kölner Medienrechtler Heiko Klatt verweist auf ein Beispiel aus der Musik: Der Song "Legalize it" von Peter Tosh ist seit Jahren indiziert, die Weitergabe an Jugendliche eigentlich verboten. Dennoch taucht der Titel auf zahlreichen Samplern auf: "Weil niemand mehr weiß, dass er indiziert ist", sagt Klatt. Doch Shops brauchen sich keine Sorgen zu machen, ihr Sortiment über White-Label-Lösungen versehentlich mit strafrechtlich bedenklichen Artikeln zu bestücken.
Denn selbst wenn versehentlich indizierte und beschlagnahmte Titel in einem Sortiment auftauchen, machen sich die Shops mit deren Weitergabe nicht strafbar. Denn dafür benötige es einen Vorsatz, so teilt die bayerische "Zentralstellen zur Bekämpfung gewaltverherrlichender, pornografischer und sonstiger jugendgefährdender Schriften" auf iBusiness-Anfrage mit. Heißt: Ein Shop müsste verbotene Ware mit dem Vorsatz weiterverkaufen, den brisanten Inhalt zu kennen und zu billigen.
In ECommerce-Zeiten, in denen immer mehr Shops zu Marktplätzen mutieren, bekommt die Filterfunktion zusätzlich Brisanz. So fand iBusiness im (den deutschen Bischöfen gehörenden) Onlineshop Weltbild das Skorzeny-Buch zwar nicht als Verlagsausgabe. Auf den Seiten Des Weltbild-Marktplatzes allerdings schon. Kein Wunder: Hinter dem Marktplatz steckt mit Booklooker.de auch ein White-Label-Anbieter - dieses mal einer für gebrauchte Bücher.
