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Facebook Home: Der Kampf um die Vormacht beginnt an der Rezeption
17.04.2013 Als ginge es erst zur Rezeption, bevor es ins Hotel geht, so wirkt Facebooks 'Home' wie ein Schleusentor. Vieles spricht dafür, dass Facebook ein kluger Schachzug gelungen ist im Kampf um die Vorherrschaft der Gatekeeper ins Internet.
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"Wie ein Staatstrojaner registriert 'Home' rund um die Uhr, wo wir uns aufhalten, wo wir schlafen und - auch das ist durch geschicktes Zusammenführen von Daten möglich - mit wem", Gutjahr geht mit Home kritisch ins Gericht. Facebook gewähre damit auch dem "Staat Einblicke in unsere Privatsphäre, wie es kein totalitärer Staat, keine Diktatur der Welt jemals zuvor kannte", legt der Blog die bedrohliche Seite von Home offen.
Und dies gelte nicht allein für die USA, die sich bereits 2001 durch den Patriot Act Zugriff auf die bei sozialen Netzwerken gespeicherten Daten gesichert haben. Mit der Neuregelung der Bestandsdatenauskunft hat in diesen Tagen erst der Deutsche Bundestag in einer großen Stimmen-Koalition von CDU, CSU, FDP und SPD das Gesetz zur Bestandsdatenauskunft verabschiedet. Zu Bestandsdaten zählen unter anderem auch PIN- und Passwörter für EMail-Konten, Cloud-Dienste sowie sonstige elektronische Kommunikation. Es reichen dabei einfache Ordnungswidrigkeiten aus, um polizeiliche und geheimdienstliche Abfragen durchzuführen. Eine richterliche Prüfung findet aufgrund der Vielzahl der Anfragen nicht statt, stellt Gutjahrs Blog fest.
Facebook-Home trickst die Endgerätediskussion aus
Tatsächlich wird der Home-Launch zwangsläufig Facebooks Datenhoheit unterstützen. Was noch hinter der Einführung dieser Art "Super-App" steckt, hat viel mit der immer wieder ins Spiel gebrachten Debatte um ein eigenes Facebook-Smartphone zu tun. Eine Debatte, die regelmäßig dann auflodert, wenn Facebooks Attraktivität und Überlebensdauer bedroht zu sein scheint, wie etwa bei den aktuellen Abwanderungstendenzen von Teens und Twens - iBusiness berichtete.Alex Buchanan vom Social Media Competence Center hatte darin bereits deutlich gemacht, dass für Facebook dann eine Gefahr besteht, wenn sich das Endgerät, mit welchem Nutzer ins Internet gehen, ändern wird, etwa durch das Google-Projekt Glass.
Schon seit Jahren hat Mark Zuckerberg aber ein eigenes Facebook-Handy ausgeschlossen. Er befürchtete, dass dieses höchstens zwei Prozent seiner Mitglieder kaufen würden . Mit bis zu 20 Millionen Stück deutlich zu wenig für Facebook: "We wanted to turn as many phones as possible into Facebook phones. That's what Facebook Home is,", so der Facebook-Chef über seine neue Entwicklung, die seine über eine Milliarde Mitglieder damit eher erreicht als ein eigenes Endgerät.
Solange Facebook kein vollständiges Ökosystem anbieten kann "fehlt der Anreiz, ein solches Facebook-Phone zu kaufen", argumentiert auch Wolfgang Dietl auf Mobile Zeitgeist . "Daher die Beschränkung auf einen Launcher, um weiterhin von Googles Android-Ökosystem zu profitieren."
Gleichwohl zeigte sich Zuckerberg nach der Präsentation der neuen Software diplomatisch. Von einem neuen "Zuhause auf dem Smartphone" sprach er verharmlosend. Doch Facebook Home kann nur der Anfang sein, wie Felix Reek auf Mobilszene.de erläutert.
Wenn "Home" zum Zünglein an der Waage wird
Nicht umsonst hält Buchanan die Facebook-Entwicklung für einen "viel klügeren Schachzug" als sich auf die Endgerätediskussion einzulassen. "Wenn das neue Facebook Home dem Nutzer einen so großen Mehrwert liefert, der dem Nutzer 'mehr wert' ist, wie die eigentlichen Funktionen des Endgeräts, dann hätte es Facebook geschafft."Nimmt man einmal Mitbewerber Apple ins Visier, so hat aus Buchanans Sicht etwa das iPhone in der Zwischenzeit "keine entscheidenden Alleinstellungsmerkmale mehr gegenüber Konkurrenzmodellen." Wenn Facebook Home das Zünglein an der Waage ist, das den Benutzer lieber zur Konkurrenz schielen lässt, "muss sich Apple ergeben und diese 'tiefgreifende Veränderung im Betriebssystem' zulassen", folgert Buchanan. Die Konsequenz: Facebook hätte alle Macht und ein "Metasystem entwickelt, das sich einfach auf sämtliche Innovationen im Endgerätebereich aufsetzt".
Es wäre dann denkbar, schwadroniert Buchanan weiter, "dass Facebook auf einem Applephone auf dem Startbildschirm Musik günstiger anbieten könnte, als eine Ebene dahinter im iTunes-Store". Buchanan glaubt, dass Facebook bereits Pläne hat, wie die neuen Funktionen weiter zu monetarisieren sind. Von "legaler, digitaler Piraterie nach allen Regeln der Kunst", schwärmt Buchanan und liefert gleich das passende Bild: "Man kapert einfach ein fremdes Schiff, indem man sich von der Besatzung freiwillig die Türe aufhalten lässt."
| Was Facebook sonst noch im Hintergrund des Handys ersetzen könnte |
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Fest steht: In der Präsentation wurde bereits angekündigt, dass es jeden Monat einen Home-Update geben wird. Wenn sich Facebook erst einmal auf den Startbildschirm gesetzt hat, wird das soziale Netzwerk alles dafür tun, "sich allgemein unersetzlich zu machen und sich noch tiefer im Handy zu verankern", glaubt Buchanan und geht in seiner Prognose noch einen Schritt weiter: "Es will die gesamte Infrastruktur der Kommunikation werden."
Doch das dürfte mit Apple kein einfaches Spiel werden. Denn die Beziehung zu den Machern aus Cupertino sieht Felix Reek "bei weitem nicht mehr so eng", wie sie es einmal war. "Eine Veröffentlichung von Facebook Home für IOS in naher Zukunft scheint nicht wahrscheinlich", glaubt Reek. Dennoch: Facebook wird viel dafür tun, "Home" auch auf dem iPhone anzubieten, besonders weil ihnen bewusst ist, dass viele Facebook-Mitglieder zur Apple-Gemeinde gehören. Und nicht ganz zu vergessen: da ist ja auch noch Microsoft im Spiel.
Die aktuellsten Informationen bestätigen: Das soziale Netzwerk hat vor, seinen Service künftig nicht nur für IOS, sondern auch für Windows Phone anzubieten. So erklärte Adam Mosseri , Produktchef bei Facebook, gegenüber der amerikanischen Nachrichtenagentur Bloomberg , dass man entsprechende Gespräche mit Apple und Microsoft bereits führe.
Doch Facebook wird auch selbst einen Weg suchen, sich von Apple und anderen Konkurrenten unabhängig zu machen. Ein eigenes Ökosystem könnte die Lösung sein.
Google und Facebook: Von der Koexistenz zur Rivalität
Wenn dem so ist, trifft es auch Google, das mit Android bisher die Infrastruktur liefert, auf der Facebook sein "Home" anbieten kann. Derzeit wird das beiderseitige Verhältnis noch mit diplomatischen Äußerungen beschönigt. Der Offenheit und Transparenz Googles sei es zu verdanken, dass ein "Home" hier entstehen kann, so ist auf Venturebeat.com zu lesen.Noch lässt Facebook Home Android am Leben, es "überlagert es nur mit seiner knallblauen sozialen Welt", wie Reek auf Mobilszene.de schreibt. Damit macht sich das Unternehmen zugleich abhängig von den Update-Zyklen des Google-Betriebssystems. Auf Dauer ein unangenehmer Zustand, wie Google selbst aus eigener Erfahrung weiß. Statt immer auf die Updates des Internet Explorer und Firefox angewiesen zu sein, entstand Googles Browser Chrome. Es folgten der eigene App-Store und ein mobiles Betriebssystem. "Einen ähnlichen Weg wird auch Facebook früher oder später gehen", glaubt Reek und liegt damit ganz auf der Linie von Buchanan: "Um Google entbehrlich zu machen, müsste Facebook in den Browsermarkt einsteigen." Unterm Strich läuft es wohl auf genau die Formel von Tim Carmody von "The Verge" hinaus: "Für Facebook ist Google Problem und Chance zugleich. Für Google ist Facebook hauptsächlich ein Problem."
Und das hat viel mit der Suchmaschinenfunktion zu tun. Denn während der Suchmaschinenriese Google seine relevanten Ergebnisse aus offiziellen Quellen speist, setzt Facebook Home als alternativer Entwurf darauf, dass die Nutzer die persönlichen Kenntnisse des Freundeskreises bevorzugen. "An diesem Grundproblem entscheidet sich die Zukunft der beiden Konzerne", spitzt Felix Reek zu, denn hier geht es Google an die eigene Kernkompetenz.
Ein Verdrängungsproblem zeigt sich auch besonders bei den Anzeigenplatzierungen: "Während Facebook Android nutzt, um Werbung an bisher unerreicht prominenter Stelle zu platzieren, muss Google zusehen, wie eigene Werbeplatzierungen in den Hintergrund gedrängt werden", so Dietl auf Mobile Zeitgeist. Dass Copycats von Facebook Home bereits auf ihre Chance warten, macht das Anzeigenthema zu einer höchst explosiven Gemengelage.
Amazon hat ein funktionierendes Ökosystem
Dass ein eigenständig funktionierendes Ökosystem seine Vorteile hat, zeigt das Beispiel Amazon . Der Versandhandelsriese verfügt über eine stark besuchte Plattform und die entsprechenden Retail-Produkten und hat mit Kindle Fire ein eigenes Endgerät sowie Betriebssystem samt eigenem App Store. Damit erfüllt das Unternehmen aus der Sicht von Brad Hill, dem Ex-Vice President von AOL, die wichtigsten Komponenten für ein konkurrenzfähiges Ökosystem, wie er auf Engadget über Facebook Home schreibt. Facebook hingegen liefert noch nicht alle Voraussetzungen dafür - "es scheitert noch an erfolgreichen Retail-Produkten", wie Hill folgert. Der Launch von "Home" sei daher die logische Konsequenz.
| Die drei Hauptkomponenten für ein funktionierendes Ökosystem |
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Die Revolution wird herbeigeredet
Gelassen sieht Mobile-Expertin Heike Scholz die Auswirkungen der neuen "Home"-App. Ganz abgesehen davon, dass Facebook Home nur auf einer begrenzten Zahl von Android-Geräten läuft, "wird hier eine 'Revolution' herbeigeredet", glaubt sie. Die schlechten Bewertungen von Facebook Home im App Store führt sie als mögliches Indiz für ihre These an. Mehr als 47 Prozent der Nutzer geben dem seit vergangener Woche im US-Play-Store erhältlichen sozialen Launcher nur einen von fünf möglichen Sternen, wie Chip Online bestätigt.Zwar räumt Scholz ein, dass dies bei einem Launch zunächst einmal "noch nicht dramatisch ist", weil "häufig die ersten Releases etwas wackelig" ablaufen. Aber die Mobile Expertin bleibt in puncto "Home" skeptisch und rät abzuwarten, wie die Nutzer die Super-App annehmen werden. "Ob sie auf alle Möglichkeiten, die ihnen sonst Android auf dem Lockscreen bietet, verzichten und Facebook einen derart tiefen Einblick in ihre mobile Nutzung geben möchten."
Es könne sich durchaus schnell herausstellen, so Scholz, "dass dies nur die Facebook-Power-User tun werden und alle anderen bei den Facebook-Apps bleiben". Was Facebook Home vor allem zeigt, ist, "dass es noch Möglichkeiten gibt, mobile Nutzer zu erreichen, auch über den Lockscreen", ist Scholz vorläufige Einschätzung.
Freunde sind das beste Verkaufsargument
Ob Facebook Home gleich ein Erfolg wird, ist für Sascha Lobo gar ein Nebenschauplatz. Für ihn zählt vor allem die Tatsache, dass "nach dem technischen, app-basierten Betriebssystem ein soziales Betriebssystem auf das Smartphone" kommt, wie er auf Spiegel Online schreibt. Für ihn ist "Home" der erste Schritt zur Vereinigung der Smartphone-Betriebssysteme mit den sozialen Netzwerken. "Facebook Home ist der zaghafte erste Schritt der Verwandlung des Smartphones zum Socialphone" meint Lobo.Wenn Lobos Einschätzung stimmt, dann sorgt in der Interaktiv-Evolutionskette nach Apples iPhone (Neudefinition mobiler Geräte) und Googles Android (Mobiles Betriebssystem) nun Facebooks "Home" für eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Nutzer und Smartphone. Und das hätte dann doch etwas Revolutionäres.
Denn damit hätte Facebook ein "entscheidendes Verkaufsargument" bei allen seinen Projekten, ist Buchanan überzeugt. "Es verkauft die eigenen Freunde als Produkt." Dabei müsse es sich nicht auf technische Fakten berufen, glaubt Buchanan, sondern es könne ein Produkt wie Facebook-Home mit dem Argument "das sind Deine Freunde, lass sie auf Deinen Startbildschirm" verkaufen. Bisher funktioniert diese Vorgehensweise. Bleibt abzuwarten, wie sich die Datenschützer und Skeptiker verhalten. Nicht unwahrscheinlich, dass sich Facebook auf lange Sicht durchsetzen wird.
Somit ergeben sich vier Szenarien, wie "Home" den Mobile-Markt verändern könnte:
Vier Szenarien wie "Home" den Mobile-Markt beeinflusst:
"Home" wird zum wegweisenden Schritt
Die Super-App schafft es, immer unentbehrlicher zu werden, sie dominiert als soziales Betriebssystem das Smartphone und diktiert den technischen Betriebssystemen, was zu tun ist.
Machtkampf
Facebook will mehr, nach dem Launch von "Home" will es Android in seinem Sinne verändern. Dabei gerät die Koexistenz mit Google ins Wanken, woraufhin Google seine Dienste wie Gmail, Maps und den Play Store entziehen will.
Neues Kapitel der Koexistenz
Statt sich zu bekämpfen, entdecken Google und Facebook, dass ihr Konzept der Vereinigung von technischem und sozialem Betriebssystem ihnen auf Dauer die Marktführerschaft erhält, indem sie Apple ausschließen können.
Endgeräte-Debatte flammt wieder auf
"Home" kann es nicht richten. Was als kluger Schachzug schien, um der Endgerätedebatte etwas entgegenzusetzen, entpuppt sich als Bumerang. Wenig Zuspruch der Nutzer, die sich lieber der herkömmlichen App bedienen. Der erhoffte Zugriff auf die Kommunikations-Infrastruktur scheitert.
