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Das Amazon-Dilemma: Heul nicht!
26.02.2013 Wir müssen den aktuellen (und moralisch so hochwertigen) Aufregungssturm gegen Amazon wegen Leiharbeiter-Beschäftigung leider mit ein paar nervigen Hinweisen aus dem richtigen Leben unterbrechen. So politisch unkorrekt diese auch sein mögen.
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Mitte Februar hatte der Hessische Rundfunk eine Reportage gesendet, laut der Amazon Leiharbeiter in unwürdigen Verhältnissen beschäftige. Die Vorwürfe reichen dabei von mangelhaften Verkehrsanbindungen zum Arbeitsplatz in Verbindung mit Lohnkürzungen bei Verspätung sowie von Übergriffen gegenüber den niedrig entlohnten Angestellten durch Sicherheitspersonal - wie etwa willkürliche Durchsuchungen von Privateigentum und Wohnquartieren. Auch wenn die Reportage wohl ein wenig journalistisch auf Krawall gebürstet ist - die zitierte Amazon-Zeitarbeiterin warf nach Ausstrahlung den ARD-Reportern "Verfälschungen" vor - so bleibt doch die Tatsache, dass Arbeiter in der Logistik niedrig bezahlt werden, im Schichtbetrieb werkeln und einen Knochenjob machen. Und dass Leiharbeiter, wie sie im Einzelhandel vor Weihnachten üblich sind, es hier oft noch deutlich schwerer haben - noch dazu, wenn sie (wie bei Amazon) aus dem Ausland angeworben sind.
Das Internet und der globale (Online-)Handel führten in den vergangenen zehn Jahren dazu, das alle mit allen global im Wettbewerb stehen. Grenzkosten stehen auf dem Prüfstand, der Wettbewerb ist global, den niedrigsten Preis für den Kunden anzubieten. Deswegen wird jedes Unternehmen darauf dringen, mit allen erlaubten Mitteln die Kosten zu senken. Und darum kritisiert die deutsche (Online-)Öffentlichkeit
- den Trend zum Outsourcing in Billiglohnländer bei Otto und C&A (Nähen bis zum Umfallen ),
- bemängelt die Arbeitsbedingungen bei Foxconn (iPhone und die Arbeitsrealität in China ),
- erregt sich über Leiharbeiter bei Zalando, (Gnadenlos billig ),
- die Leiharbeiter bei Amazon (Video der ARD ),
- die Arbeitsbedingungen bei der DHL (Die Paketsklaven) und
- die niedrigen Stundenlöhne bei Hermes und Mutter Otto (Das Hermesprinzip ).
Wenn ein Schlaglicht auf die eigene Komfortzone gerichtet wird
Inzwischen hat die Bundesagentur für Arbeit gemeinsam mit der Zollverwaltung eine Sonderprüfung gegen die Trenkwalder Personaldienste gestartet, die Amazon die Zeitarbeitskräfte überlassen hat. Jetzt muss der Personaldienstleister nach Informationen der Wirtschaftswoche wohl Sozialabgaben in Millionenhöhe nachzahlen.| Vergleich: Stundenlöhne | |
|---|---|
| Mindestlohn Zeitarbeit | 7,50 Euro/h (Ost) 8,19 Euro/h (West) |
| Mindestlohn (SPD-Forderung zur Bundestagswahl 2013) | 8,50 Euro/h |
| Amazon-Lohn Picker, Packer, Receiver (TIER 1, ohne Zuschläge) | 9,65 bis 11,12 Euro/h |
| Tarifvertrag Logistik | 10,22 bis 11,75 Euro/h |
Amazon hat nach eigenen Angaben mittlerweile die Geschäftsbeziehungen sowohl zu dem Subunternehmer beendet, der für die kritisierte Unterbringung der Leiharbeiter verantwortlich ist, als auch zu dem Sicherheitsunternehmen, das für den Rausschmiss der ARD-Reporter vom Firmengelände gesorgt hat. Die entsprechende Meldung auf Amazons Facebook-Seite bekommt binnen weniger Tage 15.000 Likes - das ist sechs Mal so viel wie die größte Amazon-Boykott-Seite Amazon Boykott Deutschland: Ich bin dabei besitzt (2.500 Likes) - von den 2,8 Millionen Facebook-Nutzern ganz zu schweigen, die ihr "gefällt mir" für Amazon.de bislang nicht zurückgezogen haben.
Wie schon in anderen Shitstorms wird auch in diesem Fall deutlich, dass ein Like, ein Post, ein Tweet viel leichter von der Hand geht als eine wirkliche Verhaltensänderung. Oder um es deutlich zu sagen: "Heul nicht, so lange du E-Commerce nutzt." Denn es ist doch ganz einfach: Entweder wir als Kunden sind bereit, für bessere Arbeitsbedingungen, weniger Kinderarbeit, weniger Ökomüll mehr zu zahlen - dann braucht es Siegel und Selbstverpflichtungen und vor allem: Kundenwillen, höhere Preise zu akzeptieren. Oder aber wir alle (und damit unsere gewählten Regierungen) setzen Regeln (und damit auch: höhere Preise) fest. Für Datenschutz. Für Mindestlohn. Für Arbeitszeitregelungen.
Außerhalb des Schlaglichts kurzfristiger medialer (Online-)Aufmerksamkeit ist es allerdings deutlich schwerer, Veränderungen durchzusetzen - und von einer Menge von Menschen zu erwarten, die persönliche Komfortzone zu verlassen. So fordert die Gewerkschaft Ver.di von Amazon bereits seit vielen Monaten einen Haus-Tarifvertrag , was Amazon-Logistiker Cossmann bislang ablehnt ("Wir sehen keine Möglichkeit mit Ver.di Tarifverhandlungen zu führen!") und die Internet-Gemeinde ebenso ignoriert, wie die Arbeitsbedingungen der Saisonarbeiter beim Spargel stechen (8,13 Euro/Stunde) und Erdbeeren ernten (7,50 Euro/Stunde) oder die Produktionsbedingungen bei den auf Barcamps, SEO-Veranstaltungen und Unkonferenzen so beliebten Veranstaltungs-T-Shirts.
Moral kostet Geld
Betriebswirtschaftlich ist es sinnvoll, Kosten zu sparen. Apples enorm hoher Gewinn stammt ja nicht ausschließlich aus der hohen Stückzahl, sondern vor allem daher, dass Apple-Chef Tim Cook ein begnadeter Einkäufer ist, und global die Preise für Teile drücken kann - und darüber hinaus angewiesen hat, so manches von Kunden lieb gewordene, aber aus Apple-Sicht entbehrliche Schnittstellen-Bauteil in der aktuellen Fertigung einfach wegzulassen. Die niedrigen Arbeitslöhne bei Apple-Zulieferer Foxconn rühren ja nicht zuletzt daher, dass die von Apple gedrückten Margen von der Foxconn-Geschäftsleitung über eine höhere Akkord-Taktung an die Foxconn-Arbeitnehmer weitergegeben wurden.Im globalen Onlinehandel wiederum entdecken die Algorithmen der Preisvergleichssysteme unbarmherzig jeden Cent Unterschied bei einem Produkt und treiben die Käuferscharen vom Drittbilligsten zum Zweitbilligsten und von dort zum Allerbilligsten. Beim Service wiederum geht es anders herum: Der Onlineshop mit dem besten Service bekommt den Zuschlag: Kostenlose Lieferung. Gratis-Umtausch, Same-Day-Delivery: Gespart wird am Lieferstückpreis per Economy of Scale - weswegen die Großen der Branche in eigene Logistikzentren investieren - und am größten Kostenblock, den Personalkosten: Pack- und Retourenkräfte sowie die Paketboten werden mit so niedrigen Löhnen wie möglich abgespeist. Ein eigener (höher dotierter) Haustarifvertrag wird in einer transparenten Welt sofort zum Standort-Nachteil.
Bei Kostenblöcken, die ein Unternehmen in einer globalen Welt nicht outsourcen kann - die Gehälter des Paketboten beispielsweise (das Austragen des Pakets auf den Westfriesischen Inseln kann man schließlich nicht an einen Arbeitnehmer aus Osttimor outsourcen) - da eignen sich staatliche verordnete Mindestlöhne - oder für allgemeingültig erklärte Tarifverträge: Wenn alle für ihre Logistikmitarbeiter 12 Euro Stundenlohn zahlen müssen, kann die große Gleichmachermaschine Internet eben nicht Preisvorteile durch Lohndumping mit stärkeren Kundenströmen belohnen - weil alle dasselbe zahlen müssen. Für Kunden würde das umgekehrt bedeuten, dass Online-Einkauf überall teurer wird.
Die andere Methode, Moral in Produkte einzupreisen ist ausgerechnet diejenige, die erst für die totale Preistransparenz gesorgt hat: Das Internet. Michael Samak , CEO von Saatchi & Saatchi Germany , warnt in der W&V vor möglichen Folgen von Shitstorms: "Markenimages sind in der Partizipations-Ökonomie viel volatiler als manche Unternehmen wahrhaben wollen". Gerade an Marken, mit denen sich Nutzer identifizieren, stellen diese hohe moralische Anforderungen. Man will keine Suchmaschine benutzen, mit deren Daten Dissidenten verhaftet werden, möchte kein Smartphone, an deren Metallen Bürgerkriegsblut klebt, und kauft kein Weihnachtsgeschenk, das mit Kinderarbeit produziert worden ist.
Zumindest müssen wir das Gefühl haben, dass alles gut ist. So ein Gütesiegel, ein Social-Responsibility-Zeichen oder eine pressewirksame Aktion des Herstellers reicht in der Regel ja schon, dass wir uns wieder gut fühlen. Für dieses Gute (oder besser: "Für dieses Nicht-schlechte") sind wir ja auch bereit, ein paar Cent mehr für eine Marke auszugeben. Wir pricen unsere moralische Wohlfühlzone in die Produktwertigkeit ein und hoffen, dass wir uns ansonsten über mögliche dunklen Facetten unserer Wohlstandsgesellschaft nicht mehr allzu sehr den Kopf zerbrechen müssen.
Jedes moralische Feature eines Produkts kostet Geld: "Garantiert ökologisch hergestellt" ist immer teurer als "irgendwie hergestellt". Wer wirklich moralisch einkaufen will, muss bereit sein, dafür Zeit zu investieren ("Welches Gütesiegel ist denn jetzt wirklich gut und richtig?") und Geld auszugeben. Bloße Beteiligung an einem Social-Media-Shitstorm ist darum nicht mehr als moralisches Fastfood.
Zu: Das Amazon-Dilemma: Heul nicht!
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