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Wie sich Digitalagenturen um ihre Haltung zum Rassismus drücken
20.11.2018 Immer mehr Größen der Digitalbranche fordern eine gemeinsame Haltung gegen Rassismus und Intoleranz. Doch die meisten der großen Digitalagenturen kneifen lieber den Schwanz ein, als Stellung zu beziehen. Unsere Branchenumfrage enthüllt ein digitales Vogel-Strauß-Land.
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So ist es kein Wunder, dass in den letzten Monaten immer wieder herausragende Vertreter der Digitalwirtschaft vor dem wachsenden Klima des Rassismus und der Intoleranz warnen. Sei es auf der Dmexco Telekom-Chef Tim Höttges , sei es der revolutionärer Umtriebe eher unverdächtigte HDE-Präsident Josef Sanktjohanser , der in einem offenen Brief an die Parteivorsitzenden von Bündnis90/Die Grünen , CDU , CSU , die Linke , FDP und SPD vor einem "Klima der Intoleranz" und der "wachsenden Verunsicherung in Deutschland" gewarnt hatte: "Nicht nur in Chemnitz, sondern vielerorts in Deutschland erleben wir derzeit ein hysterisches Klima der Angst. Die Folgen sind Ausgrenzung und wachsende Verunsicherung. Dieser Entwicklung müssen wir - Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft - gemeinsam entschieden entgegentreten." Und der Chef von Siemens , Joe Kaeser sorgte sich und auf Twitter vor wachsendem Rassismus in Deutschland: "Nur wenn wir Integration leben, behalten wir weltweit den Anschluss", so seine Warnung. "Es haben damals beim Nationalsozialismus zu viele Menschen geschwiegen, bis es zu spät war. Das darf uns in Deutschland nicht wieder passieren."
Nicht Schweigen. Darf nie wieder passieren. Gemeinsam entschieden entgegentreten: Sollte doch eigentlich jeder vernünftige Mensch unterschreiben können. Da sollten doch eigentlich vor allem die Kreativen der Digitalbranche ganz vorne dabei sein. Zumindest sollten sie eine Haltung dazu haben, was die Auswahl ihrer Kunden betrifft - und zumindest nicht für Extremisten arbeiten. Das zumindest haben wir gedacht.
"Würdet ihr für die AfD arbeiten? Würdet ihr für Extremisten arbeiten?
In Erwartung eines starken Signals der Haltung von Deutschlands Full-Service-Internetagenturen haben wir Mitte November in mehreren Fragewellen sämtliche 180 auf dem Internetagentur-Ranking gelisteten Agenturen und Agenturnetzwerke gefragt: Würdet ihr für die AfD arbeiten, wenn sie auf euch zukäme? Und für alle diejenigen, die sich einer im Bundestag vertretenen Partei prinzipiell nicht verschließen wollen, haben wir noch eine zweite Frage nachgeschoben: "Würdet ihr für Extremisten arbeiten?"Die gute Nachricht: Von den Agenturen, die geantwortet haben, kam ein sehr eindeutiges Signal: 100 Prozent haben "Nein" gesagt. Dabei wurde fast nie eine Unterscheidung gemacht zwischen der konkreten AfD und der allgemeinen Formulierung "Extremisten".
Die schlechte Nachricht: Neun von zehn Agenturen gaben trotz Nachfassung keine Auskunft - entweder, weil sie nicht antworteten, oder weil sie sich aktiv weigerten, zu antworten.
Die Gründe dafür können vielfältig sein - vielleicht ist es die Vorsicht, sich nicht aus dem Fenster hängen zu wollen, vielleicht die Rücksichtnahme auf die Öffentlichkeit und (andere) Kunden. Und wer für die AfD oder extremistische Organisationen tätig ist, will es auch nicht öffentlich sagen, um nicht mit anderen Kunden in Konflikt zu geraten oder unliebsame Fragen beantworten zu müssen.
| Anti-Rassismus-Aufkleber für Digitale |
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| Der wachsende Rassismus in unserem Land fordert auch uns Digitale und Marketer heraus. Deswegen haben wir diese Aufkleber produziert.
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Noch deutlicher wird Thomas Praus, Panorama3000 -Geschäftsführer. Seine Agentur wurde gefragt, ob sie für die AfD arbeiten würde und hat diese Anfrage abgelehnt. "Eine klare Positionierung gegen Rassismus und für Vielfalt ist für uns als Agentur und als Team selbstverständlich. Wir stehen zur freiheitlich demokratischen Grundordnung in Deutschland, sind Fans des Grundgesetzes und der Menschenrechte und können nicht mit Gruppen zusammenarbeiten, die diese Grundordnung ablehnen. Wir beobachten die Äußerungen von neurechten Bewegungen wie der AfD, den Identitären, Pegida und ihrer Vertreter und ihre zunehmend gewalt- und hasserfüllte Sprache und Herabwürdigung ganzer Menschengruppen mit großer Sorge und werden uns nie davon einschüchtern lassen, sondern immer unsere Stimme dagegen erheben, auch an dieser Stelle."
"Wir bekennen uns zum gesellschaftlichen Pluralismus und sind daher grundsätzlich offen für alle Organisationen, die das ebenfalls tun. Wir kommunizieren politische Anliegen allerdings nur, wenn wir von deren Zukunftsfähigkeit auch überzeugt sind.", so Juri Maier,der Geschäftsführer von Wegewerk . Er ergänzt: "Eine Partei, die der Konkurrenz Eidbruch unterstellt und dies mit Einschusslöchern illustriert, scheitert da wohl schon am ersten Leitprinzip." So drastisch formulieren nur wenige derjenigen, die Aufträgen der AfD ablehnend gegenüberstehen.
Wenn digitale Unternehmensführer öffentlich Position beziehen
Mit dieser klaren Haltung sind diese Agenturen auf einer Linie mit den Promis der Digitalbranche, die sich ebenfalls eindeutig positionieren: Telekom -Chef Tim Höttges hat auf der Dmexco eindeutig Position bezogen: "Plötzlich wird der Antirassist als gefährlicher gesehen als der Rassist. Die Feministin wird kritischer gesehen als der Täter", kritisierte er und positioniert sich in seiner Rede klar gegen Rechtsradikalismus, wobei er die AfD nicht namentlich erwähnte. Schon im Mai hatte Siemens -CEO Joe Kaeser sich gegen die AfD positioniert, indem er twitterte: "Lieber 'Kopftuch-Mädel' als 'Bund Deutscher Mädel'". Frau Weidel schadet mit ihrem Nationalismus dem Ansehen unseres Landes in der Welt. Da, wo die Haupt-Quelle des deutschen Wohlstands liegt." 6.500 Mitarbeiter von Airbus Helicopters in Donauwörth erhielten "Zur bayerischen Landtagswahl 2018" Post von ihrer Geschäftsführung: "Was Sie aktiv beeinflussen, wird zum Programm. Was Sie lediglich hinnehmen, ebenso", wird Geschäftsführer Wolfgang Schoder zitiert.Auch der Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE) fand klare Worte: "Alle, die das Bild eines toleranten Deutschlands stören, gefährden erheblich unser Zusammenleben und auch den Wirtschaftsstandort", schrieb Josef Sanktjohanser, in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel.
In den Medien erregten solche Positionierungen Aufmerksamkeit - und auch bei den Verbrauchern. Denn diese sind durchaus aufmerksam: So haben laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey 67 Prozent der Befragten schon einmal Unternehmen und deren Produkte aus politischen Gründen boykottiert. Insofern ist verständlich, wenn sich Unternehmen zurückhalten und sich nicht positionieren wollen, denn für beides gibt es wirtschaftliche Argumente.
Trotz wirtschaftlicher Argumente zählt Haltung
Allerdings zeigt die Befragung im Auftrag von JPCom unterschiedliche Argumente: Immerhin ein Drittel (31 Prozent) der Deutschen wünscht sich, dass Unternehmen öffentlich zu politischen Themen Stellung beziehen. Zu den Befürwortern zählen vor allem die 18- bis 49-Jährigen (im Schnitt 34 Prozent) und Studenten (53,2 Prozent). Auffällig dabei ist, dass Personen, die sich dem linken Parteienspektrum zuordnen, sich von Unternehmen eine stärkere politische Positionierung wünschen: (SPD, 48,3 Prozent; Grüne: 51,1 Prozent; Linke: 42,6 Prozent). Liberal-konservativ verortete Wähler stehen solch einer Positionierung kritisch gegenüber und lehnen sie ab (CSU/CSU: 61,1 Prozent; FDP: 65,3 Prozent). Und von den AfD-Wählern sind sogar 79,8 Prozent dagegen.Im Durchschnitt bevorzugen rund 60 Prozent Neutralität.
Ist es also völlig in Ordnung, wenn Agenturen in Deckung gehen und ihre Einstellung nicht öffentlich machen? Oder ist es doch so, dass die Kunden eine Haltung erwarten und kennen wollen? Schon 2015 bekannten sich die Gründer der Agentur zum Goldenen Hirschen Bernd Heusinger und Marcel Loko eindeutig in einem Interview : "Wir sind als Agentur weder SPD, noch Grüne, noch CDU, sondern es gibt in der Mitarbeiterschaft die unterschiedlichsten Farben. Es würde nicht funktionieren und auch keinen Spaß machen, wenn wir da auf eine konkrete Richtung festgelegt wären. Wir würden definitiv nicht für die AfD werben, never ever, aber im demokratischen Spektrum können wir Kampagnen mit den jeweils passenden Leuten besetzen." Und zur Frage, ob sie bestimmte Werbeetats grundsätzlich ablehnen würden, ergänzte Heusinger: "Für radikale Parteien und Organisationen würden wir nicht werben."
Der BVDW, dessen Internetagentur-Ranking wir als Referenz für die Befragung herangezogen haben, hält sich aus der ganzen Frage ebenso heraus, wie die 160 Agenturen, die nicht geantwortet haben (Die Antwortenlage im Detail finden Sie hier). Tim Sausen, Pressesprecher Wirtschaft & Politik: "Als Verband fördert der BVDW die berufsständischen Interessen seiner Mitglieder und nimmt diese gegenüber Dritten, insbesondere Behörden und Gesetzgebern sowie gegenüber der Öffentlichkeit wahr. Der BVDW nimmt keinen Einfluss auf die Wahl der Kunden und Dienstleister seiner über 650 Mitgliedsunternehmen. Die Entscheidung, in welcher Form und inwiefern diese mit welchen Parteien zusammenarbeiten, liegt allein bei den Mitgliedern selbst."
Nicht immer lockt das Geld
Solopreneuren sowie Agenturen und Freelancer, die nicht so im Rampenlicht stehen, fällt es leichter, sich klar zu positionieren. Mit einem klaren "Nein" antworten nicht nur Selbstständige und Berater wie Anatol Locker, Heike Rost, Berater Guido Augustin oder Medienmensch Joachim Jürschick, der betont: "Selbstverständlich nicht. Und: Es Bedarf keiner Begründung, warum man sich wie ein Demokrat, Europäer und Mensch verhält."
Auch das Argument des Geldes zählt bei Freiberuflern wenig, wenn einer wie Falk Hedemann sagt: "Haltung ist für mich unbezahlbar." Jens Junge fasst zusammen: "Ich arbeite gerne, wenn ich denke, etwas Sinnvolles zu tun. Zum Glück geht es mir so gut, dass ich nicht nur für Geld arbeiten muss. Also: NEIN. So schlecht kann es mir gar nicht gehen, dass ich von denen ein Angebot annehmen würde..."
Selbst einer, der für verschiedene Parteien arbeitet wie Thomas Thaler, bekennt sich zu seiner Haltung: "Ich habe mir immer erlaubt, dabei ein gewisses politisches Lager zu meiden - ist für mich eine Frage der Selbsthygiene." Und ergänzend formuliert Leander Sukov die Kundensicht: "Niemand sollte vergessen, dass das die Runde macht und Auftraggeber kostet, denn auch kundenseitig gibt es ethische Partnerregeln." Und auch Agenturen können das - wie die Aussagen derer, die Begründungen mitlieferten, zeigen. Stellt sich die Frage, warum es anderen Agenturen nicht so leicht fällt, wie Vibrio , deren Chef Michael Kausch auf den eigenen Code of Conduct verweist: "Wir arbeiten nur für Kunden, für deren Produkte und Strategien wir jederzeit einstehen können. Unternehmen und Personen, die andere Menschen oder Unternehmen aus religiösen oder ethnischen Gründen diskriminieren, die undemokratische Ziele verfolgen oder sich rücksichtslos gegenüber der Umwelt verhalten, können nicht Kunden von Vibrio sein."
