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Befeuert das Iphone den Faschismus?
13.09.2018 Gibt es einen Zusammenhang zwischen technischem Fortschritt, Digitalisierung und dem Aufstieg der rechten, rechtspopulistischen und rechtsextremen Strömungen? Soziologische Untersuchungen legen das nahe.
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So hatte zuletzt HDE-Präsident Josef Sanktjohanser In einem offenen Brief an die Parteivorsitzenden von Bündnis90/Die Grünen , CDU , CSU , die Linke , FDP und SPD vor einem "Klima der Intoleranz" und der "wachsenden Verunsicherung in Deutschland" gewarnt: "Nicht nur in Chemnitz, sondern vielerorts in Deutschland erleben wir derzeit ein hysterisches Klima der Angst. Die Folgen sind Ausgrenzung und wachsende Verunsicherung. Dieser Entwicklung müssen wir - Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft - gemeinsam entschieden entgegentreten". Und der Chef von Siemens , Joe Kaeser warnt medienöffentlich und auf Twitter vor wachsendem Rassismus in Deutschland: "Nur wenn wir Integration leben, behalten wir weltweit den Anschluss", so seine Warnung. "Es haben damals beim Nationalsozialismus zu viele Menschen geschwiegen, bis es zu spät war. Das darf uns in Deutschland nicht wieder passieren", sagte Kaeser Mitte August.
Doch die Frage, die mich beschleicht: Sind Digitalisierung und technischer Fortschritt nicht am Ende Gründe für die wachsende Gefahr von Rassismus und Rechtsextremismus? Oder zugespitzt: Gibt es einen Apfelfaschismus - befeuert das Iphone den Faschismus?
Wenn man politische und soziologische Studien auswertet, die den Aufstieg der Populisten unterstuchen, dann sind sich die Forscher einig über die Ursachen:
- Es geht nicht um die Flüchtlinge: Die Wahlergebnisse der AfD sind dort besonders hoch, wo die Ausländeranteil niedrig ist - und umgekehrt, wie eine Auswertung des Bundestagswahlergebnisses 2017 belegt.
- Eine "Stimmung diffuser Unsicherheit" war laut Wahlforschern für das große Wachstum der Rechtsaußenpartei "Schwedendemokraten" bei der Wahl 2018 verantwortlich. Ebenso wie 2014, wie das Göttinger Institut für Demokratieforschung ermittelt hat . "Dabei kommt es weniger auf die objektive soziale Lage an, sondern vor allem auf die subjektive Wahrnehmung der eigenen Lebenslage", so der Politikwissenschaftler Hajo Funke .
- Kontrollverlust-Wahrnehmung: Die Wahrnehmung von Menschen, die anfällig für Rechtspopulismus sind, ist geprägt durch das Gefühl persönlicher Zurücksetzung und Kontrollverlust, vor allem mit Blick auf den technologischen Wandel und Zukunftsängste.
- Stadt/Land-Gefälle: Zum Beispiel die Studie "Rückkehr zu den politisch Verlassenen" ermittelt, dass Populismus auch im Gegensatz zwischen den urbanen Globalisierungsgewinnern in den Städten und den Technologie- und Globalierungsverlierern der ländlichen Peripherie entsteht.
| Die Landkarte der digitalen Ängste der Deutschen |
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Die Einflussanalyse (EIA) ist eine wissenschaftliche Methode der Zukunftsforschung. Dabei werden in einem ersten Schritt potenzielle Einflussfaktoren gesammelt. Für sie wird in einem zweiten Schritt in einer Kreuzmatrix gegenseitig überprüft, ob die einzelnen Faktoren einen schwachen, starken oder keinen Einfluss aufeinander ausüben. Ein entsprechender Wert von 0-3 wird eingetragen. Die Werte aller Zeilen und Spalten werden aufaddiert. Nun kann sowohl festgestellt werden, wie hoch für den jeweiligen potenziellen Einflussfaktor der kumulierte aktive Einfluss (beeinflusst) und wie hoch der kumulierte passive Einfluss (wird beeinflusst) ist. Hohe Aktivsumme und hohe Passivsumme identifizieren kritische Faktoren (vernetzt), hohe Aktiv- und niedrige Passivsumme aktive Faktoren (Hebel). Niedrige Aktivsumme und hohe Passivsumme identifizieren hingegen passive Faktoren (Indikatoren). Generell niedrige Werte entlarven träge Faktoren (Puffer). Lesebeispiel: Das Kommunikationsbedürfnis erhält eine hohe Aktiv- und niedrige Passivsumme. Es beeinflusst viele andere Faktoren stark, kann selbst aber nur schwer beeinflusst werden. Es handelt sich um einen starken Hebel. Am wichtigsten sind jedoch Faktoren, die sowohl hohe Aktiv- als auch hohe Passivsummen haben (blauer Bereich). Sie beeinflussen das Gesamtsystem stark, lassen sich aber auch selbst gut beeinflussen. Mit diesen Faktoren lässt sich das System gestalten.
(Grafik: Hightext Verlag)
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Technologische Entwicklung als Blaupause populistischer Angst-Szenarien
Wir erleben eine Zeitenwende. Wir leben in einer Welt, die sich immer schneller verändert - dieser Analyse stimmen alle zu. Diejenigen, die diesen Fortschritt gut finden ebenso wie die Reaktionäre, die die Uhren zurückdrehen wollen - die einen in die goldenen 80er-Jahre, die anderen zurück nach 1933. Wir leben am Ende einer Ära, so viel ist klar. Nicht klar hingegen ist, was nach dieser Zeitenwende kommt: Eine globale Restauration oder der Beginn einer neuen Epoche?"Ich glaube, da ist eine weit verbreitete Missinterpretation, was mit uns gegenwärtig geschieht. Wir leiden - aber es sind nicht die Rheuma-Schmerzen der vergangenen Zeit, sondern die Wachstumsschmerzen überschneller Änderungen, der Neueinstellung von einer wirtschaftlichen Epoche zu der nächsten." Der Wirtschaftsforscher John Maynard Keynes schrieb diese Zeilen angesichts der Weltwirtschaftskrise 1930. Und sie scheinen heute wieder zu passen.
Tatsächlich stehen wir gleich in drei Feldern vor einem wirklichen Übergang von der einen in die andere Epoche. Trump, der Brexit, die europäischen Populisten und die globalen Diktatoren - sie alle markieren das Ende der Nachkriegswelt des 20. Jahrhunderts. Sie signalisieren aber gleichzeitig, dass eine neue Epoche bevorsteht: Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.
Dabei ist es relativ deutlich, wie diese Gesellschaft aussehen wird:
- Es wird eine globale Gesellschaft sein. Einfach, weil es keine praktikable Alternative gibt. Selbst wenn sämtliche Länder Handelsschranken hochziehen (wovon nicht auszugehen ist) werden wir in einer globalen Gesellschaft leben. Selbst abgeschottete Staaten wie China oder Iran kommunizieren mit der globalen Welt mehr, als das noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Fall war. Fortschritt und Verbreitung von Kommunikationstechnik werden dafür sorgen, dass auch noch die letzten weißen Flecken auf der Globalisierungslandkarte verschwinden werden.
- Es wird eine nachhaltige Gesellschaft sein. Einfach, weil es keine praktikable Alternative gibt. Die Menschheit verbraucht mehr, als der Planet an Ressourcen wieder aufbauen kann. Forscher sagen: Wir verbrauchen gegenwärtig 1,6 Erden . Wenn wir nicht aussterben wollen, müssen wir das ändern. Was auch langfristig passiert: Das Pariser Klimaabkommen und die Nachhaltigkeitsziele der UNO führen die Welt langfristig in Richtung Nachhaltigkeit.
- Es wird eine digitale Gesellschaft sein. Einfach, weil es keine praktikable Alternative gibt.Niemand wird freiwillig sein Smartphone abgeben. Kein Unternehmen wird statt Computern künftig wieder Rechenschieber verwenden. ERP-Systeme werden nie wieder durch tausende von Sachbearbeitern ersetzt werden. Und Blockchains werden Recht und Verträge schneller und sicherer machen.
Übergangszeiten sind davon geprägt, dass die alten Methoden nicht mehr funktionieren und neue Methoden noch nicht in Sicht sind: Gesamtgesellschaftliche Steuerinstrumente (aka: Politik, Gesetz...) sind für eine globale und digitale Gesellschaft noch nicht bereit. Das erscheint aber eher als eine Sache von Jahren. Ebenso, wie die Gesellschaften gelernt haben, mit E-Mail und sozialen Netzwerken irgendwie umzugehen, werden sie wohl auch lernen (müssen) mit Fake-News, Chatbots und Computerkriminalität umzugehen (iBusiness: Warum uns Roboter aus der Daten-Steinzeit befreien können).
All diese Veränderungen machen vielen Menschen Angst. Ängste befeuern Irrationalismen - Nationalismus, Religionen, rechtsradikale Ideologien. So wie die Weltwirtschaftskrise eine faschistische Zwischenzeit auslöste - bis das Pendel wieder zurückschlug.
Die technische Entwicklung ist der Trigger. Und sie verläuft exponentiell: Technische Entwicklung hat sich von Jahrhundert zu Jahrhundert beschleunigt - woraus man den Schluss ziehen kann, dass sie sich auch in den kommenden Jahrzehnten weiter beschleunigen wird: Immer mehr Forscher forschen auf dieser Welt, immer mehr Unternehmen bringen neue Anwendungen und Lösungen - und die wachsende Vernetzung führt zu immer neuen Ideen, die wieder noch mehr Forschung, noch mehr Anwendungen, noch mehr Fortschritt auslösen.
Das führt bei Menschen (und genauso bei Gesellschaften) dazu, dass immer mehr Veränderungen auf sie einprasseln - und in der Folge die Halbwertszeit des Erfahrungswissens immer kürzer wird. Denn die Fähigkeit eines Menschen, Neues anzunehmen, wird schließlich vor allem von seiner Fähigkeit geprägt, Gelerntes wieder zu verlernen - weswegen Kinder und Jugendliche schon immer Neues leichter adaptiert haben - sie kennen ja nichts anderes.
Der Kampf der Verlierer gegen die Gewinner
Das bedeutet - von technischer Entwicklung profitieren in erster Linie diejenigen, die in der Lage sind, die Vorteile von Technologie und Globalisierung zu nutzen. Gewinner sind gegenwärtig diejenigen, die- Wissensarbeiter sind und/oder in digitalen Branchen arbeiten.
- in der Lage sind, (neue) Techniken zu begreifen und zu adaptieren.
- flexibel sind - geografisch, intellektuell, sozial.
- Fähigkeiten oder Fertigkeiten aufweisen, die im Techno-Kapitalismus vermarktbar ist.
Umgekehrt gehören die zu den Verlierern, diejenigen die
- in Branchen arbeiten, die unter globalem Wettbewerb leiden.
- traditionelle Berufe ausüben, die sich durch Technologien wegrationalisieren lassen.
- nicht willens oder nicht in der Lage sind, mit kontinuierlicher Veränderung umzugehen.
- von den Vorteilen der Globalisierung nicht profitieren.
- sozial und geografisch nicht flexibel sind.
- keine Fähigkeiten oder Fertigkeiten aufweisen, die im Techno-Kapitalismus vermarktbar sind.
Das lässt sich an einem einfachen Denkmodell demonstrieren: Wenn sich der Fortschritt immer mehr beschleunigt, dann ist in absehbarer Zeit eine Zukunft erreicht, in der der technische Fortschritt tausendmal so schnell vor sich geht wie heute. Was in etwa dem Unterschied entspricht zwischen der heutigen Gesellschaft und der Gesellschaft, in der der historische Jesus geboren wurde. Alle technischen Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre (Suchmaschine und Smartphone, Social Media und Routenplaner) würden also in einer Woche stattfinden - und das von nun an jede Woche neu.
So "Early" man als "Adopter" auch sein kann: Eine kontinuierliche Veränderung von allem, was man eben erst gelernt hat, überfordert jeden Menschen - und Gesellschaften erst recht. Überforderte Menschen wiederum - genauso wie Gesellschaften - neigen aber dazu, sich nach der vermeintlich guten alten Zeit zu sehnen und im zweiten Schritt diese vermeintlich heile Vergangenheit auch anzustreben - sie entwickeln reaktionäre Tendenzen. Wie Menschen auf die Überforderung durch die Globalisierung regieren, sieht man bereits heute: Sie schlagen die Flüchtlinge, weil sie die Globalisierung nicht schlagen können - und sie hassen die Eliten, weil diese von Technik und Globalisierung offensichtlich profitieren.
Gesellschaften noch mehr als Menschen müssen technischen Fortschritt verdauen. Sie müssen abwägen: Wollen wir Gentechnik oder Fracking? Wollen wir alle persönlichen Daten unserer Minister, unserer Abgeordneten, aller Bürger online stellen - nur weil es technisch machbar ist? Oder wollen wir das nicht? Sollen Versicherungen Zugriff haben auf die Smartwatch- und Fitness-Tracking-Daten ihrer Kunden im Austausch gegen Prämiengebühren. Freiwillig oder Zwang? Was ist mit Daten der Kinder? Oder den Daten der Angestellten von Unternehmen, wenn das Management an Gesundheitsabgaben sparen will? Wer soll eigentlich Arbeitslosenversicherung und die Rentenbeiträge für Microjobber zahlen? Möchte ich lieber gebeamt werden, statt zu fliegen, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit des Falsch-Zusammensetzens etwa so hoch ist wie die, einen Autounfall zu haben?
Für all diese Fragen gibt es Antworten. Aber keine schnelle Antworten. Und ganz oft auch keine Antworten, die Menschen und Gesellschaften in exakt gleicher Geschwindigkeit beantworten können. Wenn solche Entscheidungen allerdings (durch einen immer schneller werdenden Fortschritt) nicht mehr im Jahres- sondern im Wochentakt gefällt werden müssen - dann erzeugen wir hochgradig überforderte, gestresste und damit kranke Gesellschaften. Und hochgradig gestresste Menschen, die sich abgehängt fühlen. Und solch ein negativer Stress erzeugt - wie jeder Neurologe weiß - Aggression.
Auf diese Herausforderung muss die Digitalbranche Antworten finden - und sich nicht darauf verlassen, dass es andere tun. Denn sonst entsteht ein gesellschaftliches Umfeld, dass ihr selbst schadet - wie man nicht zuletzt angesichts der sich verschärfenden Auseinandersetzung zwischen US-Präsident Donald Trump und dem Silicon Valley erahnen kann.
