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Ökosysteme, seziert (I): So schaffen Amazon und Co den perfekten Kunden-LockIn
23.11.2020 Die großen Internetkonzerne haben keine Kunden - sie haben Abonnenten, Fans oder Jünger. Die Analyse zeigt, wie meisterhaft Ökosysteme wie Amazon und Co einen LockIn erschaffen.
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Höchstwahrscheinlich nicht. Aber Amazon ist ein Musterbeispiel für einen Kunden-LockIn, vielleicht das beste, das es aktuell gibt. Der analytische Vergleich mit anderen Online-Plattformen zeigt, wie ein funktionierender Kunden-LockIn funktioniert und was vor allem den deutschen Plattformen fehlt.
"Die vielen Effekte eines LockIn-Systems wie Amazon sind nicht alle bewusst geplant gewesen, sondern entstehen natürlich - das Unternehmen ist kaum mit dem Vorsatz eines kundenbindenden Ökosytems gestartet", sagt Professor Dr. Ralph Sonntag , Marketing-Experte und Hochschullehrer an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden . "Diese Aspekte entstehen mit der Zeit und kommen verstärkt mit dem Wachsen des Unternehmens auf. Ein LockIn ist zunächst nicht Unternehmensziel, aber er entsteht dann, wenn man als Firma in einer Wachstumsphase ist und sich die Frage stellt: 'Wie kann ich meine Kunden halten?'" Gerade die großen US-Online-Unternehmen haben sich hier mit effektiven Strategien hervorgetan, an denen sich deutsche Firmen nach wie vor schwertun - und das ist kein Zufall.
Denn der Inbegriff der Kundenbindung ist das Monopol - und das Internet begünstigt einen natürlichen Monopol-Bildungsprozess, sagt Sonntag: "Es gab schon immer und in ganz kleinen Maßstäben Monopole: Ich mache eine Pizzeria in einem Stadtteil auf, in dem es noch keine gibt - schon habe ich ein Monopol." Überträgt man diesen Prozess auf das Internet, zeige sich: Hier ist ein einzigartiges Geschäftsmodell, wie die einzige Pizzeria am Platz, schlagartig auf den globalen Maßstab skalierbar und den lokalen Beschränkungen enthoben - namentlich dem Bedarf nach einer Immobilie und der beschränkten Lieferreichweite. Der Nachteil freilich ist: Das gilt auch für die Konkurrenz, die ebenfalls denselben Beschränkungen enthoben ist. Der Bedarf, in einem solch kompetitiven Umfeld Strategien zu entwerfen, wie man sein Monopol sichert, ist besonders hoch - damit wächst der Bedarf nach LockIn-Strategien, die den Kunden quasi einsperren in ein Ökosystem, aus dem er nicht mehr hinaus kann - am besten, weil er nicht mehr hinauswill. Aber was macht einen LockIn aus?
Mir dieser Fragestellung hat sich Publishing-Experte Ehrhardt Heinold , Geschäftsführer der auf Verlage spezialisierten Unternehmensberatung Heinold, Spiller & Partner Unternehmensberatung GmbH , befasst. Er hat sieben unterschiedliche Merkmale eines LockIns isoliert: "Dabei muss ein Unternehmen nicht auf alle sieben setzen, um einen erfolgreichen LockIn aufzubauen - bei den erfolgreichen Internetplattformen zeigt sich jedoch, dass praktisch immer mehrere der sieben LockIn-Faktoren zusammenkommen."
| Sieben Merkmale eines (digitalen) Ökosystems mit Kunden-LockIn | ||
|---|---|---|
| 1 | (Umgewandelter) Rabatt | Der Nutzer innerhalb des Ökosystems bekommt einen finanziellen Vorteil - das können auch geldwerte Vorteile sein |
| 2 | Personalisierung | Der Nutzer wird individualisiert angesprochen und verliert die persönliche UX beim Verlassen des Ökosystems |
| 3 | Community/Social Layer | Es gibt eine untereinander vernutzte Gemeinschaft von Ökosystem-Nutzern mit exklusivem Zugang |
| 4 | Exklusiver Content | Das System stellt Inhalte zur Verfügung, die es nur dort und nur für Mitglieder gibt |
| 5 | Aggregation | Das Ökosystem kuratiert nicht-eigene Inhalte und stellt sie den Nutzern in exklusiver Darreichungsform/Zugriff zur Verfügung |
| 6 | Convenience | Das System erleichtert den Mitgliedern die Erledigung von Aufgaben oder hat eine besonders ansprechende Bedienung |
| 7 | Hohe Wechselkosten | Das Ökosystem zu verlassen kostet den Nutzer Geld, Mühe oder Verzicht auf liebgewonnene Vorteile |
Wir haben visualisiert, wie sehr verschiedene Geschäftsmodelle und große Internetmarken diese sieben Kernmerkmale eines LockIn-Ökosystems benutzen. Dabei haben wir die sieben Merkmale sternförmig um eine Fläche angeordnet - diese Fläche versinnbildlicht die Stärke und Komplexität des LockIns. Je mehr von der Fläche eine Marke/ein Geschäftsmodell also einnimmt, indem es möglichst viele Eckpunkte des LockIn-Kosmos vereinnahmt, desto sichtbar-stärker wird der Nutzer gebunden.
