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iBusiness Executive Briefing

Zahl der Agenturinsolvenzen in Deutschland sinkt deutlich

03.07.2026 Die Zahl der Agenturinsolvenzen in Deutschland ist im zweiten Quartal 2026 gesunken und ist jetzt auf dem niedrigsten Stand seit Oktober 2025. Das geht aus einer iBusiness-Auswertung des Insolvenzregisters hervor. Doch es bleiben fünf Probleme.

Agenturen müssen momentan neben der KI-Disruption auch die Auswirkungen der Wirtschaftskrise stemmen. (Bild: Ichigo / pixabay.com)
Bild: Ichigo / Pixabay
Agenturen müssen momentan neben der KI-Disruption auch die Auswirkungen der Wirtschaftskrise stemmen.
Ist für Agenturen das Schlimmste überstanden? Laut den Insolvenzbekanntmachungen des offiziellen Justizportals des Bundes und der Länder   hatte die Zahl der Insolvenzen von Agenturen in Deutschland im Jahr 2025 einen Höhepunkt mit 198 Agenturen, die sich bei den für sie zuständigen Insolvenzgerichten insolvent gemeldet hatten.

Im Jahr 2025 waren es also doppelt so viele Agenturen, die den Weg zum Insolvenzgericht antreten mussten, wie 2024. Damals zählte das Insolvenzregister 89 Agenturpleiten.

Doch aktuell scheint das Schlimmste überstanden zu sein. Wenn man die gemeldeten Agenturinsolvenzen nach Quartalen auswertet, zeigt sich, dass die Zahl der Insolvenzen seit Sommer 2024 von Quartal zu Quartal ansteigt. In den letzten beiden Vorquartalen rund um den Jahreswechsel 2025/2026 erreichte die Agentur-Insolvenzwelle mit 65 Insolvenzen einen vorläufigen Höhepunkt.

Preview von Agenturinsolvenzen laut Insolvenzregister in Deutschland Q1-2023 bis Q2-2026

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Im ersten Quartal 2026 blieb die Zahl der Agenturinsolvenzen in Deutschland auf hohem Niveau. Nun deuten die Zahlen auf eine leichte Entspannung hin: Von April bis einschließlich Juni 2026 zählte das bundesweite Justizportal 50 Agenturpleiten. Damit ist dieser Wert zwar immer noch der dritthöchste seit Januar 2023 - aber bewegt sich eben wieder auf dem Niveau von vor einem Jahr.

"Leichte Erholung, aber keine Rückkehr zur alten Stärke", hat meine Kollegin Susan Rönisch die Auswertung der Erhebung zum Wirtschaftsklima in der Interaktivbranche im Frühsommer 2026 überschrieben. Diese Formulierung triff aktuell auch die Lage bei den Agenturinsolvenzen.

Welche Probleme haben Agenturen aktuell?

Digitalagenturgipfel.de 2026

Über Auswege aus der Agenturkrise und über Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle von Agenturen geht es auch bei unserem jährlichen Digitalagenturgipfel. Auf der virtuellen Veranstaltung diskutieren Fachleute und Agentur-CEOs über die Zukunft der Digitalagentur. Der Webcast des Digitalagenturgipfels 2026 ist online abrufbar  .

Fünf Problemfelder lassen sich für Agenturen identifizieren. Das geht aus den vielen Gesprächen hervor, die ich aktuell mit Agenturgeschäftsführenden führe. Es kristallisieren sich die Bereiche heraus, unter denen deutsche Digitalagenturen momentan besonders leiden und die die eine oder andere bereits kriselnde Agentur in die Insolvenz oder in die Übernahme zwingen:

  1. Digitalagenturen haben ein Wirtschaftskrisen-Problem: Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist schwierig, und das hat Auswirkungen auf das Projektgeschäft der Digitalagenturen. Die Automobilindustrie beispielsweise fällt zusammen mit der Zulieferindustrie als Kundschaft weitgehend aus. Aber auch global ist Rationalisierung angesagt - zum Beispiel bei internationalen Fashion-Herstellern.

    Aber eigentlich sind Krisenzeiten gute Zeiten für Agenturen, weil Unternehmen in Rationalisierung investieren. Und Rationalisierung bedeutet vor allem: bessere IT-Prozesse. Etwas, was einer Digitalagentur durchaus das Auftragsbuch füllen kann. So ist es kein Wunder, dass der Großteil der im 2. Quartal 2026 insolvent gegangenen Agenturen keine Digitalagenturen waren, sondern eher Agenturen, die auf Werbung und Marketing spezialisiert waren. Doch auch für Digitalagenturen ist der aktuelle Technologieboost ein zweischneidiges Schwert. Denn

  2. Digitalagenturen haben ein KI-Problem: Ein Geschäftsmodell, das vor allem von der Vermietung von Arbeitnehmenden lebt, bekommt Probleme, wenn es auf eine Technik stößt, die durch die Rationalisierung (und Entwertung) eben dieser Arbeiten glänzt.

    Ich hatte schon im Juli 2025 mal hochgerechnet, wie viel Agenturumsatz 2026 die KI fressen wird. Ergebnis: 80 Prozent des gesamten Agenturumsatzes sind potenziell bedroht. Der Dornenfaktor der KI-Chancen aktuell? Der durchschnittliche Umsatzeinbruch durch KI beträgt 33,6 Prozent. Das muss man strategisch erst einmal auffangen.

  3. Digitalagenturen haben ein Werkbank-Problem: Was die KI frisst, muss die Beratung bringen. Hier sind höhere Tagessätze möglich. Und überhaupt: Man kann den Kundenunternehmen Lösungen verkaufen ("5 Prozent mehr Rendite in 12 Monaten"), anstatt Zeitarbeitsverträge ("140 Stunden für dieses Webprojekt"). Über diesen Ansatz wird aktuell viel in der Agenturlandschaft diskutiert. Problem daran: Er verschiebt das Problem - und ist zudem nicht für alle Agenturen geeignet.

    Um eine Werkbank-Agentur, die bisher vor allem Webseiten oder Newsletter-Kampagnen gebaut hat, in eine strategische Agentur zu verwandeln, ist mehr als nur Mut erforderlich. Schließlich heißt das beispielsweise, künftig das Geschäftsmodell des Kunden zu analysieren, dieses zu einem Plattformmodell weiterzuentwickeln und dieses dann sowohl zu programmieren als auch unternehmensintern helfen, es um- und durchzusetzen. Dazu muss ich den Zugang zum Vorstand haben. Dazu muss ich das Geschäftsmodell des Kundenunternehmens intim kennen und weiterentwickeln können. Dazu muss ich die Prozesse beim Kundenunternehmen kennen und weiterentwickeln können. Und ich muss die nötigen (Plattform-)Technologien kennen und einsetzen können. Neben diesem Know-how brauche ich dann noch die Fachleute, die das alles Just in Time realisieren. Und ich brauche gegenüber den Auftraggebenden die Glaubwürdigkeit, dass ich das auch kann - schließlich ist es eine Arbeit am offenen Herzen des Kundenunternehmens.

  4. Digitalagenturen laufen in die technische Überforderung: Agentenbasierte KI, Multi-Agentensysteme: Robotik und autonome Maschinen, KI-native Entwicklung und KI-Sicherheitsplattformen, 6G Connectivity und Domain-spezifische Language Models (DSLMs), Präventive Cybersecurity, Digitale Herkunft und Souveränität - nicht nur der Techstack ändert sich immer schneller, auch die Anforderungen an die Agenturen. Viele Digitalagenturen investieren zwar in das KI-Knowhow ihrer Leute. KI-gestützte Text-, Bild-, Programmierzeilen- und Videoproduktion stehen im Vordergrund.

    Das Ergebnis sind gleich drei Probleme:
    • Erstens können gerade kleinere Agenturen den Schulungsaufwand für die wachsenden technischen Herausforderungen nicht stemmen - und sie sind auch kaum in der Lage, passende ExpertInnen einzukaufen.
    • Zweitens bleibt das KI-Knowhow in vielen Digitalagenturen an der (Frontend-)Oberfläche hängen. Das führt dann oft zu der Transformation zu einer Werkbank-Agentur auf Speed, die (durch KI) sinkende Einzelhonorare durch höhere KI-Kosten eingekauft hat.
    • Drittens wird das Brot-und-Butter-Geschäft der Digitalagenturen - die Softwareimplementierung - durch KI-Systeme deutlich schneller und einfacher. Was früher Monate bis Jahre gebraucht hat, ist inzwischen in Tagen bis Wochen erledigbar. Das hat Auswirkungen auf Umsatz, Personal und Rendite der Digitalagenturen.

  5. Digitalagenturen haben die falschen Leute: Viele Digitalagenturen sind um die Jahrtausendwende gegründet worden. Die heutigen Mittvierziger bis Mittfünfziger, die man in den ersten Wachstumsjahren eingestellt hat, haben sich in den vergangenen zwei oder drei Jahrzehnten in ihren Projektnischen eingerichtet. So manche oder so mancher mittlerweile Gutbezahlte steht dem technischen Veränderungsdruck hilflos oder gar unwillig gegenüber. Oder: Die Menschen werden schlicht nicht mehr gebraucht. Der Personalumbau ist nicht nur moralisch und arbeitsrechtlich herausfordernd. Oft fehlt es auch an Alternativen.

    In einem Personalmarkt, der strategisch schrumpft (weniger Geburten, weniger Einwanderung, mehr Verrentung, mehr Firmengründungen), steigen die Kosten für jeden einzelnen Menschen. Knappe Ressourcen werden im Kapitalismus automatisch teurer. Das gilt insbesondere, wenn höhere Qualitätsanforderungen an die Mitarbeitenden und sinkende Zahl der verfügbaren Menschen zusammenkommen. Höhere Gehälter können sich allerdings nur diejenigen Unternehmen leisten, wenn sie eben kein lineares Geschäftsmodell haben, sondern - wie Plattformen - exponentiell skalieren können. Das ist auch dann ein Problem, wenn der digitale Arbeitsmarkt momentan von einer Arbeitssuchenden-Welle geflutet wird. Denn diese Flut wird nicht bleiben und viele Agenturen haben Leute, die sie nicht mehr brauchen und kriegen nicht die Leute, die sie eigentlich haben müssten.

Wie verändert sich das Agenturgeschäft?

KI erledigt auf Unternehmensseite mittlerweile einiges, was früher eine Agentur erledigt hat. Und die KI beantwortet heute viele Fragen, die früher die Agentur beantwortet hat. Beides macht sie oft ausreichend gut. Für vieles, das Agenturen früher in Rechnung gestellt haben, genügt heute die KI. Sofern ihr "Passt scho'"-Faktor hoch genug ist. Das Agenturgeschäftsmodell, dank KI zur Werkbankagentur auf Speed zu werden, wird vermutlich spätestens im kommenden Jahr endgültig der Vergangenheit angehören. Denn dann werden die großen KI-Anbieter ihre Geld verbrennenden und auf Marktanteile setzenden Niedrigpreise für Tokens deutlich anheben. Nur so können sie irgendwie Geld verdienen.

Agenturen laufen Gefahr, zwischen den beiden Mahlsteinen "weniger Projektumsätze" und "steigende KI-Kosten" zerrieben zu werden. Zudem verschieben sich Budgets weg von Medienproduktion, Website-Programmierung und Softwareimplementierung für eine Übergangszeit hin zu Daten- und KI-Strategie.

Langfristig hingegen muss der Fokus von Agenturen weniger auf den Geschäftsprozessen ihrer Kundschaft liegen als vielmehr auf den Geschäftsmodellen.

Ihr
Joachim Graf
Herausgeber
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Thomas Lang
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