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Interaktiv-Trends

Interaktiv-Trends 2023/2024: KI als Content-Generator

09.01.2023 Künstliche Intelligenz schafft es immer öfter Inhalte zu erzeugen, die sich kaum vom menschengemachten Original unterscheiden lassen. Das eröffnet kreative Potenziale und verspricht Entlastungen ebenso, wie es massive Bedrohungsszenarien entstehen lässt.

Fast so hübsch wie das Original: Was einem KI-Bildgenerator zum Namen des Autors + Schreibmaschine einfällt (Bild: Craiyon/Hightext Verlag (Screenshot))
Bild: Craiyon/Hightext Verlag (Screenshot)
Fast so hübsch wie das Original: Was einem KI-Bildgenerator zum Namen des Autors + Schreibmaschine einfällt

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TL;DR
Mittels KI generierte Inhalte sind ein zweischneidiges Schwert - sie sollten vor allem zur Entlastung der menschlichen ArbeiterInnen bei Kampagnen genutzt werden.
Seit Wochen wird in den Social-Media-Kanälen von der Digitalgemeinde über ChatGPT   diskutiert. Der Prototyp eines KI-Chatbots wurde von dem US-amerikanischen Unternehmen OpenAI entwickelt und im November 2022 veröffentlicht. Er nutzt zur Textein- und -ausgabe den KI-Algorithmus GPT-3.5 und ist in der Lage, basierend auf im Internet vorliegenden Texten einen verständlich aussehenden Gesamttext zu produzieren. Doch die KI-Algorithmen können mehr als nur Daten in verständlicher Sprache aufbereiten. Und werden künftig noch mehr können.

Jemand hat es in einer Replik auf Twitter mal wunderbar auf den Punkt gebracht, wo das Gefahrenpotenzial von Inhalten liegt, die mittels moderner Technologie gefälscht wurden - also von all den KI-generierten Bildern, gedokterten Videos und Deep Fakes: NutzerInnen hatten in einer Diskussion behauptet, man erkenne immerhin mit geübtem Auge noch, was gefälscht sei und was nicht - doch die kluge Antwort darauf stellte klar, dass es nicht das Problem sei, ob etwas gefälscht sei oder nicht. Das Problem liege vielmehr darin, dass die Existenz von täuschend echten Fakes nun immer eine mindestens unterbewusst mitschwingende Grundannahme sei. Oder sogar ein offen ausgesprochenes Scheinargument gegen unerwünschte Inhalte: Man weiß nicht, ob etwas gefälscht ist, aber etwas könnte gefälscht sein. So haben Deep Fakes und Co systematisch das Vertrauen in die Authentizität von Inhalten erodiert.

Das geht so weit, dass eine Bürgermeisterin von Berlin mit einem offenbar gefälschten Vitali Klitschko, seines Zeichens Oberbürgermeister von Kiew, videokonferiert hat: Der Politiker soll ein Deep Fake gewesen sein, zumindest hat sich ein Komikerduo dazu bekannt, aber wer weiß: Vielleicht ist ja auch dieses Bekenntnis zum Fake selbst Fake gewesen. Das ist Social Media und Web in der Postmoderne: Man weiß es eben nicht, was wahr ist und was nicht. Ein idealer Nährboden für die Donald Trumps dieser Welt oder einen zunehmend in messianischem Sendungsbewusstsein von Enthüllungsjournalismus hinbrabbelnden Möchtegern-Whistleblower Elon Musk. Ihnen hat moderne Technologie das Werkzeug und die argumentative Basis dafür gegeben, Fakten zu Fälschungen und gefühlte Wahrheiten zu Enthüllungen zu deklarieren. Hat also das Zeitalter des künstlich generierten Contents nur Nachteile? Nein. Solange man alles mit einem kleinen Aber versieht.

KI-Nutzung kann beispielsweise dabei helfen, den unermesslichen Content-Hunger des Internets zu stillen. Kaum eine Marketing-Kampagne kommt heute noch ohne ein reiches und stets aktualisiertes Content-Portfolio aus. Dabei ist der schwammige Contentbegriff, der noch immer einer präzisen Definition harrt, das Etikett für ein weites Feld: Content, das können unterhaltsame Videos sein, aber auch einfach Beschreibungstexte bei einer Spülmaschine. Also eher anspruchsvolle und komplexe Inhalte, die eher einfachen Contents gegenüberstehen.

Bei den einfachen Inhalten kann KI bereits wertvolle Dienste leisten - etwa Texte generieren, die vor allem datengetrieben sind. Liegen Wetterdaten oder die Eckdaten einer Fußball-Partie vor, so lässt sich daraus heute schon relativ lesbares Textwerk mittels Tools herstellen, die auf Künstlicher Intelligenz beruhen. Videos dagegen sind nicht ohne weiteres künstlich zu generieren - die oben zitierten Deep Fakes erfordern meist hohen Aufwand, etwa Archivmaterial von Personen, Stimmenimitatoren, Body Doubles und adäquate Kulissen. Da kann man als Firma einen Imagefilm entweder gleich als Animation rendern lassen, oder doch in echt drehen.

KI als entlastender Helfer bei der täglichen Content-Arbeit

Wobei KI aber bereits heute hilft, sind einfachere Bildinhalte: Symbolfotos von Gegenständen oder Landschaften zur Illustration von Texten sind bereits täuschend echt mittels KI herstellbar. Haarig wird es, wenn Personen auf den Bildern zu sehen sein sollen - hier kommen oft noch Gebilde heraus, die den Betrachter aus toten Augen anstarren oder ganz und gar an Frankensteins Monster erinnern. Doch Experten gehen davon aus, dass wir hier in ein oder zwei Jahren drastische Fortschritte sehen werden und in fünf bis zehn Jahren regelrechte, explosionsartige Fortschritte erzielt werden.

Das wird in nicht allzu ferner Zeit zu einer Bedrohung für Inhaltsanbieter wie etwa Stockphoto-Börsen sein: Anstatt nach einem passenden Foto zu suchen, das einen Artikel oder eine Webseite illustriert, setzt man eine KI darauf an: Das gewünschte Motiv wird in einigen Keywords beschrieben, so als ob man danach bei Google sucht - und die KI erstellt dann das gewünschte Motiv, das der Kunde oder die Kundin nachkorrigieren und bearbeiten kann, bis es seinen oder ihren Wünschen entspricht.
Doch vorerst ist KI als Content-Ersteller ein zweischneidiges Schwert, weil sie Content-Hülsen und grenzwertige Grammatik generieren kann, aber manche Tools eignen sich, um bei einfachen Aufgaben zu assistieren. Drei Stunden, die etwa ein SEO für einen simplen Beschreibungstext benötigt, werden dann mittels maschineller Hilfe zu einer. Eine Agentur kann dann "die gesparte Zeit in hochwertigere Inhalte investieren", sagt SEO Severin Lucks, der anfangs gefürchtet hatte, die KundInnen würden auf Seiten des Dienstleisters mittels KI gesparte Stunden einfach von der Rechnung streichen - doch im Gegenteil "haben die Kunden oftmals richtig Bock darauf, die so bei den Routine-Jobs gesparte Zeit in die hochwertigen Inhalte zu stecken, da fließt dann Herz mit rein."

Gute Ideen + Künstliche Intelligenz = Kreatives Potenzial

Manchmal kann auch eine gute Idee in Verbindung mit einer KI überraschend spannenden Content entstehen lassen: So hat Severin Lucks etwa ein virtuelles Team mittels KI-Bild-Erstellung zusammengestellt. Die fiktiven MitarbeiterInnen waren mit artifiziellen Porträtfotos und erdachten Biografien auf der Homepage verzeichnet, neben den echten MitarbeiterInnen. "Gegenüber den Kunden, die dann mit uns einen Dialog aufgenommen haben, haben wir es dann aufgelöst." Dieses 'hybride Team' aus echten und erdachten MitarbeiterInnen sollte dann die Botschaft vermitteln: Man hat es zwar mit einer kleineren Agentur zu tun, als es von außen aussieht, die aber leistungsfähig wie eine große ist.
Doch leider bedienen sich vorerst weniger namhafte und seriöse Dienstleister der Tools, sondern auch gerne die Fraktion der Black-Hat-SEOs: "Inzwischen gibt es künstliche Texttools, die auf niedrigem Level brauchbare Texte produzieren", formuliert es ein Online-Marketing-Experte gegenüber iBusiness: "Das hat dazu geführt, dass theoretisch jede Knalltüte inzwischen Content machen und SEO-technisch aufpolieren kann."Ein denkbares Szenario für die Zukunft der KI im Web ist somit, dass sich KI-Tools als ergänzende Tools im SEO-Alltag einbinden lassen. Es geht vorerst zwar noch nicht ohne den menschlichen Marketeer, der vor allem Strategie, Emotion und Kreation in die Kampagnen bringt, aber man benötigt weniger menschliche Helfer und Helferinnen, weil ein stetig wachsender Anteil der Arbeit auf KI-Schultern ruht.
Etwas wahrscheinlicher erscheint es jedoch, dass die KI weniger zum Job-Killer wird, sondern zu einem Komplizen im Content-Alltag und kreative und strategische Energien freisetzt: Die Menschen können sich um wirklich intelligente Fragestellungen kümmern, die KI darf ihre scheinbare Klugheit auf niedrigschwellige Probleme ansetzen.
Auf der anderen Seite wird natürlich die Evolution der KI und des intelligenten Fakes als Bedrohungsszenario weitergehen: So warnt etwa das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik vor einem ganzen Potpourri an Gefahren für NutzerInnen, Wirtschaft und Politik:
Überwindung biometrischer Systeme: Deepfake-Verfahren können die entscheidenden Merkmale von Menschen nachstellen, die etwa bei der Online-Authentifizierung ins Spiel kommen: Gesichter oder Stimmen beispielsweise - aus dem gehackten Passwort wird der gehackte Nutzer bzw. die gehackte Nutzerin.
Social Engineering: Mit Deepfake-Verfahren werden neue Dimensionen von Phishing-Angriffen möglich: Man ahmt nicht im Duktus eines Textes eine vermeintlich vertrauenerweckende Person nach - wie etwa beim Enkeltrick - sondern vielleicht sogar in Bild und Stimme. Deep Fakes werden zum Einfallstor ins erschwindelte Vertrauen: Beispielsweise könnte der Betrüger jemanden mit der Stimme eines Vorgesetzten anrufen, um eine Transaktion auszulösen (sogenannter "CEO-Fraud").
Desinformationskampagnen: Siehe der bereits erwähnte, gefälschte Klitschko im Video-Talk: Medien berichten von einem verzückt lächelnden Putin, der sich im Deepfake-Verfahren erstellte Bilder des deutschen Bundeskanzlers hat vorführen lassen. Was die ohnehin umtriebigen russischen Nachrichtendienste mittels manipulierter Medieninhalte von Schlüsselpersonen bewirken können, ist ein gerade in Kriegszeiten reales Bedrohungsszenario.
Verleumdung: Es muss nicht immer staatliche Propaganda sein oder politische Desinformation - auch im kleinen Rahmen kann ein geübter Computerspezialist Unheil anrichten: Mittels KI generierte pornografische Inhalte sind hier ein besonders schmieriges Verfahren, mit denen sich das Renommee eines Menschen angreifen lässt. Auch hier greift wieder der Grundsatz, dass es nicht einmal darauf ankommt, wie viele NutzerInnen dem Deep Fake auf den Leim gehen und welcher Anteil ihn durchschaut. Die grundsätzliche Vernichtung der Integrität - sei es der Wahrheit oder der Person - reicht aus, um den Schaden zu verursachen.
Thema: Interaktiv-Trends 2023/2024: KI als Content-Generator

Kommentar von Sebastian Halm

Texte vom Friedhof der Kuscheltiere

Der Verfasser betrachtet das Aussterben der menschlichen Kreativität unter den virtuellen Zahnrädern der AI als mildes Bedrohungsszenario.

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Der Autor (täuschend echtes, KI-generiertes Bild) (Pixabay)
Bild: Pixabay
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