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Turnaround-Strategien für Interaktiv-Agenturen: Wenn im Boom die Pleite droht
20.03.2014 Ein Großkunde springt ab, das Controlling arbeitet nicht effizient oder der Markt wandelt sich - es gibt viele Gründe, die Unternehmen unerwartet in eine tiefe Krise stürzen können. Aber das muss nicht gleich die Insolvenz bedeuten. Zehn Tipps, mit denen Onlineshops und Interaktivagenturen den Turnaround schaffen.
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Die Internetbranche hat es im Jahr 2014 wieder nicht leicht: Zum einen ist im E-Commerce nach Jahren des Booms eine Konsolidierungswelle zu erwarten, die - je nachdem, ob man Optimisten oder Pessimisten befragt - 50 bis 80 Prozent der Shops nicht überleben werden (iBusiness: Konsolidierung im deutschen E-Commerce). Quelle, Neckermann, Froodies und Getgoods.de sind nur einige der Versandhändler, die kürzlich ihre Türen schließen mussten. Auch die Mass-Customization-Shops Youtailor und Myparfum gingen in den vergangenen Jahren insolvent, konnten ihre Unternehmen aber inzwischen wieder auf sichere Beine stellen. Und sogar Agenturen erwischt die Insolvenzspirale immer wieder: The Reach Group meldete sich Mitte 2013 insolvent und auch die Social-Media-Agentur Talkabout Communications segnete vergangenes Jahr das Zeitliche. Und das ohne Finanz- oder Wirtschaftskrise und unter Umständen schneller als gedacht. Denn durch die Komplexität der Dienstleistungen und die Kombination aus vielen Marketingdisziplinen, die mit teuer bezahlten Festangestellten besetzt werden müssen, entstehen viele Fixkosten. Steigt dann ein großer Kunde aus, oder verzögert sein Projekt um zwei, vier oder sogar sechs Monate, gerät so manche Agentur überraschend schnell in finanzielle Schwierigkeiten.
Rund 27.000 deutsche Insolvenzen pro Jahr
Schaut man über den Branchen-Tellerrand, wird klar, Insolvenzen in Deutschland sind keine Einzelfälle. Fast 27.000 Unternehmensinsolvenzen gab es laut Bürgel Wirtschaftsinformationen 2013 in Deutschland. Allgemein gehen die Insolvenzzahlen erfreulicherweise zurück und erreichten im vergangenen Jahr sogar einen Tiefstand. Der absolute Rekord, der in deutlichem Zusammenhang mit der Schuldenkrise nach dem 11. September steht, war 2003 mit mehr als 39.000 Insolvenzen. Einen weiteren Peak gab es 2009, ein Jahr nach der nächsten Finanzkrise.
In dieser Zeit war auch die Internetagentur mit Fokus auf Typo3-Programmierung Marit AG in Schieflage geraten. Die Insolvenz eines sehr großen Kunden und eingefrorene Marketingbudgets weiterer Kunden gaben den Anstoß für die Krise des 40-Mann-Unternehmens. "Beides zusammen hat uns in Schwierigkeiten gebracht,die Rücklagen waren aufgebraucht und die Management-Herausforderungen wuchsen uns über den Kopf", erzählt der Inhaber und Gesellschafter von Marit, Stefan Bauer. Trotzdem hat das Münchner Unternehmen den Turnaround aus eigener Kraft geschafft.
Vor allem kleinere, inhabergeführte Unternehmen - wie sie in der Interaktivbranche besonders häufig zu finden sind - sind insolvenzgefährdet. Dies geht aus einer Studie im Auftrag der Euler Hermes Kreditversicherungs-AG und in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Insolvenz und Sanierung an der Universität Mannheim (ZIS) hervor, für die 2006 rund 125 Insolvenzverwalter befragt wurden.
Bei Marit lag der Grund für die Krise von Beginn an auf der Hand: Das Wegbrechen wichtiger Kunden war der ausschlaggebende Punkt. Oft sind die Gründe dagegen schwieriger zu identifizieren, weil sie in der Unternehmenskultur stecken. Laut der Insolvenzverwalter-Umfrage sind Finanzierungslücken, unzureichendes Debitorenmanagement, eine autoritäre, rigide Führung und vor allem fehlendes Controlling die wichtigsten Ursachen. Dabei ist es gerade das Controlling, das in der Krise unverzichtbar ist. "Dadurch wusste ich jederzeit, wie kritisch die aktuelle Situation tatsächlich ist", bestätigt der Marit-Chef. Das Controlling bot ihm die Grundlage für wichtige Entscheidungen und half somit, existentielle Probleme wie Insolvenzverschleppung zu vermeiden.
Konsolidierung, Geld sparen, Kosten reduzieren
In jedem Fall ist die wichtigste Sofortmaßnahme: Geld sparen. Laut dem Geschäftsführer eines Onlineshops, der nicht genannt werden möchte, sind die Mitarbeiter der wichtigste Kostenhebel. Nach dessen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens, mussten alle nicht lebensnotwendigen Mitarbeiter entlassen werden. "Dabei haben wir uns bei jedem Angestellten die Frage gestellt: 'Was würde passieren, wenn der Mitarbeiter X morgen nicht im Büro erscheint?' Nur mit einem absolut loyalen und leistungsfähigen Team konnten wir den Turnaround schaffen", sagt er.
| Checkliste: Zwölf Tipps für den Turnaround |
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Die Strategie, alles auf Umsatzsteigerungen zu setzen - und damit alle Arbeitsplätze zu erhalten - funktioniert nur in Ausnahmefällen, weil es eher eine Roulette-Strategie ist. Denn Einsparungen sind verlässlich, planbar und hängen nicht von externen Faktoren ab. Mit dem Kunden ist dagegen nur in Ausnahmefällen wirklich sicher zu planen. Das hat auch Stefan Bauer festgestellt: "Statt Leute zu entlassen, haben wir den Vertrieb angeheizt. Jedoch sind wir damit gescheitert und am Ende ging es nicht ohne eine Personalreduktion von vierzig auf letzten Endes fünf Mitarbeiter und drei Azubis."
Für Marit kam es sogar schlimmer als zuerst erwartet. Die Agentur hat zu Beginn der Krise nur zögerlich entlassen. "Die Salamitaktik ging aber nach hinten los. Denn dadurch hat sich Unsicherheit im Unternehmen breit gemacht und unter den Mitarbeitern kippte die Stimmung." Die Abwärtsspirale ging weiter: Einige wichtige Schlüsselpersonen sind von selbst gegangen, und mit ihnen wichtige Kunden. Das hat die Krise weiter verschärft. Während es schließlich Ende 2011 finanziell wieder bergauf gehen sollte, war der Teamspirit ins Bodenlose gefallen. "Einige Aufträge konnten wir nicht mehr stemmen, nur weil der Teamgeist gleich Null war", erzählt Bauer. "Am Ende konnten wir den Turnaround nur schaffen, weil wir fast das ganze Team ausgetauscht haben."
Die Loyalität der Mitarbeiter lässt sich nicht voraussagen
Der anonyme Händler hat einer möglichen Loyalitätskrise sofort entgegengewirkt und es so geschafft, dass die wichtigsten Mitarbeiter an Bord blieben: "Die wichtigsten Mitarbeiter haben wir von Anfang an mit ins Boot geholt. Erst nachdem wir ihre Zusage hatten, dass sie trotz allen Widrigkeiten mit uns an einem Strang ziehen würden, haben wir die Konsolidierung konsequent durchgezogen", erzählt der Chef des Händlers. Angesichts der harten Zeit, die vor einem solchen Team liegt, kann man keinesfalls davon ausgehen, dass alle Mitarbeiter mitziehen. Nicht einmal die, die man vorher für besonders loyal gehalten hat. "Man kann nicht prophezeien, wer dem Unternehmen gegenüber loyal ist und wer nicht. Schließlich handelt es sich um eine Extremsituation", weiß Stefan Bauer aus eigener Erfahrung.Drei Motivationsfaktoren halten ein Krisen-Team, das auch mal am Wochenende ran muss, Gehälter ab und zu verspätet bekommt und unter extremen Druck steht, in der Krise zusammen:
- Der Glaube an das Geschäftsmodell und die Vision des Unternehmens. Damit ist die Aussicht auf Erfolg und Entschädigung in der Zukunft verbunden.
- Der Teamspirit, der an Familienzusammenhalt erinnert und gegenseitige Motivation verspricht.
- Das Feedback der Kunden und Partner, die ebenfalls an das Geschäftsmodell und die Produkte des Unternehmens glauben.
Ein Turnaround ist für alle Beteiligten hart
Solche Motivationshighlights sind für alle Beteiligten unverzichtbar. Schließlich ist ein Turnaround ein hartes und oft unschönes Stück Arbeit, bei dem alle Beteiligten zurückstecken müssen. "Im gesamten Team, inklusive Geschäftsführer und Managementebene, haben wir am Wochenende die Pakete für die Kunden gepackt", berichtet der Onlineshop-Leiter. So manche Gehaltszahlung musste verschoben werden und die Zahlungen an Krankenkasse, Lieferanten und die Steuern ebenfalls. "Man wird von allen Seiten unter Druck gesetzt." Das habe ihm ab und zu schlaflose Nächte bereitet. Stefan Bauer hat es darüber hinaus Kopfschmerzen bereitet, dass er während der Krise von Marit fast alle guten Mitarbeiter und gleichzeitig einen Großteil der wichtigen Kunden verloren hat.Auf lange Sicht konnten beide Geschäftsführer die Probleme in den Griff bekommen. Der Onlinehändler setzte auf offene Kommunikation zu allen Gläubigern und machte ihnen proaktive Zahlungsvorschläge, zum Beispiel Ratenzahlung an die Krankenkasse. Die meisten Gläubiger hätten viel Verständnis gezeigt und sich auf Kompromisse eingelassen. Ebenso hätten viele Kunden verständnisvoll reagiert, wenn sich der Onlinehändler für Lieferverzögerungen entschuldigte. Marit dagegen hat neue Kunden und ein gutes neues Team gewinnen können. Heute sei Teamzusammenhalt wieder einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren der Agentur.
Eine weitere wichtige Herausforderung im Zuge des Turnarounds ist es, das Vertrauen der Kunden wiederherzustellen und die Marke nach außen zu stärken. Laut Stefan Bauer hat die Marke Marit in Richtung Kunden kaum unter der Krise gelitten. "Deshalb war es absolut richtig, dass wir die Marke nicht ausgetauscht haben", ist er sicher. Allerdings gegenüber Bewerbern hat der Name der Agentur an Ansehen verloren und es fällt ihr wesentlich schwerer als früher, kompetente Mitarbeiter zu finden. "Das ist der Punkt, der am stärksten bis heute nachwirkt." Dennoch konnte er das Team in der Zwischenzeit wieder auf 15 Mitarbeiter ausweiten.
Kundenvertrauen und eine starke Marke sind das A und O
Wo man nicht mit einzelnen Kunden direkt kommunizieren kann - wie im Agentur- und Dienstleistermarkt - sondern ein Engpass oder gar eine Insolvenz durch die Medien geht, da ist Ansehensverlust vorprogrammiert. Wenn dann - wie beispielsweise bei Onlineshops - Liefer- und Qualitätsschwierigkeiten hinzu kommen, dann kann unter Umständen der betriebswirtschaftliche Turn-around nicht ausreichen, weil die Marke irreparabel beschädigt ist. Dann hilft nur ein Rebranding.Lief es in der Krise besser, hat man mit den Kunden offen kommuniziert und/oder sind die Kunden besonders treu, dann hilft konsequente PR-Arbeit, das verlorene Vertrauen wieder wettzumachen. EMail-Marketing, Social-Media-Kommunikation, Rabatte für Bestandskunden und vor allem der Fokus auf gute Qualität sind dann die wichtigsten markenstärkenden Maßnahmen. Vor allem, wenn man viele überzeugte Kunden besitzt kann man einen weiteren Kommunikationskanal anfachen: die Mundpropaganda.
Damit sieht der Geschäftsführer des Shops den Break Even in erreichbarer Nähe: "Bis Ende 2014 wollen wir schwarze Zahlen schreiben", zeigt er sich optimistisch. Eine schlanke Kostenstruktur, internationale Expansion, neue Produktlinien und eine Crosschannel-Strategie sollen in den nächsten Monaten den Erfolg vorantreiben.
Marit will vorerst nicht größer als 18 Mitarbeiter werden. "Darüber hinaus muss man in teure Managementstrukturen investieren, die die Margen sinken lassen." Um trotzdem große Kunden bedienen zu können, kooperiert Stefan Bauer im Jointventure Pluswerk mit sechs weiteren inhabergeführten Agenturen, die über Deutschland verteilt sind. Youtailor und Myparfum fahren eine ähnliche Strategie. Youtailor hat die Belegschaft von siebzig auf rund zehn Angestellte verschlankt. Und der Myparfum-Gründer Matti Niebelschütz arbeitet nun nur noch mit sechs festen Mitarbeitern - es waren mal gut sechzig. "Wir wollen erst einmal nicht mehr über unsere Mitarbeiter skalieren, sondern über Marketing und Partnerschaften", sagt er.
Das Unternehmen erst einmal klein zu halten, scheint also ein wichtiger Faktor für die Zeit nach dem Turnaround, damit sich das Unternehmen erfolgreich für die Zukunft aufstellt.
Zu: Insolvenz leicht gemacht: Wenn im Boom die Pleite droht
Am: 20.03.2014
Zu: Insolvenz leicht gemacht: Wenn im Boom die Pleite droht
da haben Sie recht. Quantitativ liegt der Anteil der inhabergeführten Unternehmen in Deutschland etwa bei 95 Prozent. Man kann die Statistik also von zwei Seiten betrachten: Von der einen, prozentualen Seite, dass es verhältnismäßig weniger Insolvenzen bei inhaber- als bei fremdgeführten Unternehmen gibt. Oder von der anderen, absoluten Seite, dass mit Abstand die meisten Insolvenzen inhabergeführte Unternehmen betreffen, nämlich mehr als acht von zehn.
Natürlich wollen wir mit dem Artikel kein Unternehmen direkt ansprechen. Ziel ist es in erster Linie, die Aufmerksamkeit dafür zu schaffen, dass eine Krise manchmal überraschend kommen kann, und dass dies kein Grund ist, den Kopf in den Sand zu stecken oder sich zu schämen (siehe Teil 3). Sondern vielmehr ist es dann Zeit, proaktiv zu handeln und schnell die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Wir glauben, dass es nicht schaden kann, solche Tipps von Experten im Hinterkopf zu haben. Schließlich sind die meisten - zum Glück - bisher davon verschont geblieben, die Erfahrungen selbst zu machen.


