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Recruiting: Wo die Retter aus der Jobkrise wirklich herkommen
01.10.2012 SEOs aus Griechenland, Webdesigner aus Spanien: Wie die Interaktivbranche den aktuellen Fachkräftemangel mit ausländischen Bewerbern aus kriselnden EU-Ländern zu decken versucht. Ein Blick in die Branche.
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Heute werden wieder Arbeitskräfte in südeuropäischen Ländern gesucht. Doch heute sind die Bewerber selbst aktiv. Fast jedes fünfte Hightech-Unternehmen (19 Prozent) hat in den vergangenen Monaten mehr Bewerbungen von Arbeitnehmern und Absolventen aus Griechenland, Portugal, Spanien oder Italien erhalten. Das ergibt eine aktuelle Umfrage des Bitkom in der IT-, Telekommunikations- und Internetbranche.
Und die Bewerber rennen in Deutschlands Internet-Industrie offene Türen ein. Denn die Hälfte der im Rahmen einer BVDW Arbeitsmarktstudie befragten Interaktivunternehmen (50,0 Prozent) haben bereits heute große Schwierigkeiten bei der Suche nach qualifizierten Arbeitskräften. Diese Situation wird sich laut 56,4 Prozent der Unternehmen in den kommenden drei Jahren weiter verschärfen. Den höchsten Bedarf bezeichnen die Unternehmen im Projektmanagement, Strategie und Business Development, Marketing und Vertrieb sowie in den IT-Abteilungen. Als eine der wichtigsten Qualifikationen im Onlinebereich geben die Unternehmen den Bereich Mobile Marketing an.
Was früher mit Lastwagen und Sonderzügen mit vielen ungelernten Arbeitskräften passierte, "das geht heute natürlich subtiler", erzählt Jens Wilhelm von Wilhelm Innovative Medien . Der Schritt nach Deutschland zu gehen sei eine Entscheidung, die man für mehrere Jahre trifft, "ohne zu ahnen, worauf man sich einlässt", weiß der Agentur-Geschäftsführer, der dies in vielen Gesprächen mit italienischen und spanischen Bewerbern erfahren hat.
Ruben González kam aus Galizien, suchte einen Job und blieb
Rubén Ignacio Soaz González stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Vigo in der spanischen Region Galizien. Seit zwei Jahren arbeitet er als CAE-Administrator und Automatisierungstechniker für ein Unternehmen im oberbayerischen Rosenheim. Mit einem Abschluss als technischer Ingenieur in der Tasche und Kenntnissen über Produkte von Siemens machte sich der 35-Jährige vor drei Jahren auf den Weg nach München und suchte auf eigene Faust nach einem Job. Er belegte einen Sprachkurs und zwei Monate später und etwas mehr sprachlichem Rüstzeug setzte er sein Profil auf Xing und Linkedin . Kurz darauf folgte bereits die Einladung seines aktuellen Arbeitgebers. González Bilanz: Während er in Spanien über ein Jahr lang arbeitslos war und es keine Aussicht gab einen adäquaten Job zu finden, ergatterte er hierzulande in weniger als vier Monaten einen aussichtsreichen Arbeitsplatz in seinem Fachgebiet.Ein glücklicher Einzelfall? Glücklich vielleicht, Einzelfall nein, denn allein bei Wilhelm Innovative Medien in Köln arbeiten drei Mitarbeiter aus dem Eurokrisenland Spanien. Von "zunehmend ausländischen Bewerbern aus aller Herren Länder" sowie einigen bereits fest Beschäftigten kann auch die Hamburger Fullservice-Agentur SinnerSchrader stolz berichten.
Andere hingegen haben weniger gute Erfahrungen gemacht. So beispielsweise 21Torr Interactive . Trotz der Versuche, über gute Kontakte in Griechenland an potentielle Kandidaten zu kommen, blieb bei der Reutlinger Agentur der Erfolg aus. Auch Initiativbewerbungen aus den betreffenden Ländern seien noch nicht eingegangen, so die Personalverantwortliche Regine Meissner .
Auch TWT Interactive hat bisher noch keine Stelle mit einer Fachkraft aus anderen europäischen Ländern besetzt, obwohl dem nichts im Wege steht, "wenn es fachlich, sprachlich sowie auf persönlicher Ebene stimmt", bestätigt Geschäftsführer Hans-Jürgen Even .
Denn eigentlich spricht die derzeitige Situation - hier der Bedarf, dort die Fachkräfte - für eine weitere Zuwanderung. Angesichts der Krisenstimmung in Südeuropa zieht es immer mehr junge Akademiker nach Großbritannien, Deutschland und in die Schweiz. In Griechenland liebäugelt inzwischen mehr als jeder zweite Absolvent eines technischen Studiengangs mit Auswanderungsplänen, in Spanien und Portugal sind es jeweils mehr als 40 Prozent, in Italien 37 Prozent. So das Ergebnis einer Absolventenbefragung des Berliner Trendence-Instituts . Da sollte doch der eine oder andere Onlinemarketeer aus Barcelona oder Athen bei Deutschlands interaktiven Händeringern ankommen. Eigentlich.
"Die Schwierigkeiten bestehen in der kulturellen Anpassung"
Auch die deutsche Politik setzt auf die jungen Techniker und Ingenieure aus dem südeuropäischen Raum. So hat das Land Hessen angekündigt, noch im Herbst einen Kooperationsvertrag mit der Region Madrid zu unterzeichnen. Als Auftakt der Fachkräftezuführung ist ein virtuelles Welcome-Center geplant, das interessierten Bewerbern Informationen zu Sprachkursen und Wohnungsvermittlung anbietet. Mit dieser Maßnahme soll die Mobilität auf dem europäischen Arbeitsmarkt gefördert und das immer weiter klaffende Fachkräfteloch in Deutschland gefüllt werden.Doch dieser Prozess des Rochierens von Fachkräften hat auch seine Schattenseiten. Denn auf den europäischen Wirtschaftsraum bezogen bedeutet das "nur ein Verschieben von Fachkräften, ohne dass sich die Zahl der in Europa dringend benötigten Spezialisten vergrößert", gibt Jens Wilhelm zu bedenken. Für Krisenländer bedeute der Exodus der Akademiker, dass sich die Krise im eigenen Land verstärkt, "denn um wieder auf die Füße zu kommen, werden gut ausgebildete Leute benötigt", so Wilhelm, für den klar ist: Des einen Leid ist des anderen Freud. Die neuen Mitarbeiter seien von den Arbeits- und Lebensbedingungen in der Heimat häufig so frustriert, dass sie ihren Job in Deutschland hoch motiviert angehen, weiß der Agenturchef. "Auf Dauer ist das Anwerben natürlich keine Lösung", ist er überzeugt. Langfristig sei es besser, "in Deutschland Nachwuchskräfte zu motivieren und Fachkräfte auszubilden."
In jedem Fall ist der Schritt ins Ausland zu gehen und seinen Lebensmittelpunkt komplett zu verlagern eine Entscheidung, die man für mehrere Jahre trifft. Dabei bleibt ungewiss, worauf man sich einlässt. Das ist die Essenz vieler Gespräche, die Agenturchef Wilhelm mit italienischen und spanischen Bewerbern geführt hat: "Die Schwierigkeiten bestehen in der kulturellen Anpassung." Wer sein Land wegen der Arbeit verlässt, "tut dies meist nicht freiwillig, und so sind manche Arbeitsmigranten verständlicherweise verbittert", ergänzt Wilhelm. Mut ist gefragt, um in der deutschen Gesellschaft anzukommen.
Es werden also große Anforderungen an die Anpassungsbereitschaft der Bewerber gestellt: Sie müssen sich auf eine fremde Kultur einlassen und zugleich "jede Form der Selbstgettoisierung" vermeiden, fasst der Kölner Agenturchef zusammen. Das sei nicht einfach, besonders, wenn es noch mit der Sprache hapert. Einer seiner spanischen Mitarbeiter sei deswegen sofort in einen deutschen Sportverein gegangen und vermeide es, "mit Spaniern abzuhängen", wie er es nennt, berichtet Wilhelm.
Was den deutschen Arbeitsmarkt so attraktiv macht
Seinem deutschen Arbeitgeber hat González vieles zu verdanken, wie er beteuert. Zum einen rechnet er ihm hoch an, dass er von Anfang an an seine professionelle Qualifikation geglaubt hat und zum anderen durch einen intensiven Deutsch-Sprachkurs seine Integration entscheidend gefördert hat. Auch die Geduld und die Hilfe seiner Kollegen, mit denen er durchweg in deutscher Sprache kommuniziert, seien sehr förderlich für seine Eingliederung gewesen, bestätigt González.Ins Schwärmen gerät der Galizier, wenn er über seine bisherigen Erfahrungen aus fachspezifischer Sicht berichtet. In Deutschland habe er vor allem gelernt "methodisch, organisiert und effizient" zu arbeiten. Auch der starke Fokus auf die Qualität beeindruckt den Spanier und macht es ihm leicht, andere Landsleute zu ermuntern seinen Weg nachzuahmen. "Hier können sie ihre theoretischen Kenntnisse, die sie in Spanien erworben haben, endlich an Projekten in die Praxis umsetzen", betont González. Ausgestattet mit viel Willenskraft die deutsche Sprache zu erlernen, werden sie einen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt finden, ist er überzeugt.
Dazu können deutsche Unternehmen ihren Anteil beitragen. Besonders solche, die international vertreten sind. So empfiehlt González, dass Unternehmen in ihren Auslandsvertretungen Abteilungen gründen, um dort fachspezifische und sprachliche Kurse für mögliche Bewerber einzurichten, die in Deutschland eine Arbeit suchen. Auf diese Weise könnten die passenden Profile besser entdeckt und gefördert werden. Zudem hätte es den Vorteil, dass der Übergang ausländischer Bewerber in den deutschen Arbeitsmarkt "sanfter verläuft und besser geplant" ist. "Somit würde der Zufluss qualifizierten Personals nach Deutschland viel effektiver verlaufen", so der Spanier.
Bestimmte Positionen lassen sich nicht durch nicht-native Bewerber besetzen
Das Problem des Fachkräftemangels wird sich nach Ansicht des TWT-Geschäftsführers nicht allein durch die Rekrutierung qualifizierter Arbeitskräfte aus Euro-Krisenländern beheben lassen. Zwar räumt er ein, dass bei richtiger Integration der neuen Mitarbeiter und durchdachter Umsetzung das Recruiting zugewanderter Facharbeiter ein "wertvoller Baustein" sein könnte, den Fachkräftemangel in Deutschland zumindest abzudämpfen.Aber für Even stellt die Sprachbarriere die größte Hürde dar. "Wir suchen Mitarbeiter, die hochkomplexe Themen nicht nur verstehen, sondern diese auch sprachlich wiedergeben und erklären können", bekräftigt Even. Neben dem Einsatz von Web-Entwicklung, Programmierung und spezifischen Onlinemarketing-Tools werden bei TWT auch Onlineshops und ganzheitliche Digitalstrategien entwickelt. "Für all das ist eine vielschichtige Fachsprache erforderlich, die oftmals nur Muttersprachler wirklich gut beherrschen.", glaubt Even.
Auch Marcus Reiser , Geschäftsführer von 21torr ist sich sicher, dass sich nicht jede Position mit einem nicht-deutschen Bewerber besetzen lässt. Am einfachsten zu integrieren seien Programmierer und Screendesigner. Am schwierigsten hingegen mit ausländischen Mitarbeitern zu besetzen seien Stellen im Bereich Projektmanagement und Konzeption, also Positionen mit direktem Kundenkontakt.
Eine solche Haltung wundert allerdings dann schon ein wenig. Immerhin stammen rund 40 Prozent sämtlicher vom iBusiness-Jobrobot gescannten offenen Stellenanzeigen bei deutschsprachigen Agenturen genau aus diesen beiden angeblich so nicht-native-freundlichen Segmenten Programmierung (1100) und Design (500).
Deutsche Unternehmen müssen internationaler werden
Intensive Sprachförderung ist sicher ein wesentlicher Bestandteil einer erfolgreichen Integration - ohne Zweifel. Doch wenn Bewerber kommen und der Prozess deutsch zu lernen ein sehr langwieriger sein wird, zugleich aber Fachkräfte etwa im Bereich Big Data gebraucht werden, dann müssen die deutschen Unternehmer eben ein Stück internationaler werden, fordert Dimitrios Haratsis vom Analysespezialisten Adclear . Er ist gar überzeugt, dass es den Unternehmen gut tut, wenn sie auch im unternehmenseigenen Umgang internationaler werden und zum Beispiel englisch sprechen. "Man kann nicht gleich von den ausländischen Mitarbeitern erwarten, dass sie deutsch lernen", meint Haratsis.
Kein Wunder: Der Mann ist ja auch Grieche und das beste Beispiel dafür, dass Integration funktioniert. Im übrigen hat Haratsis ein klares Bild des künftigen Profils von Fachkräften: Es würden weniger Kanalspezialisten gesucht, so Haratsis, sondern vor allem Business-Analysten seien gefragt. Leute, die verstehen analytisch vorzugehen und keine Kanalbrille tragen. "Dies sind die gefragtesten Profile, sowohl auf Agenturseite wie auf Kundenseite", sagt Haratsis. Es sei zwar schwierig diese zu finden, aber die gute Nachricht ist: Es muss nicht unbedingt eine Online-Expertise vorliegen, analytisches Grundverständnis kann schon ausreichen. Es geht darum, den Radius auszuweiten, ist Haratsis Empfehlung. Und das gilt länderübergreifend.
Recruiting aus Krisenländern als ein Weg unter vielen aber nicht DIE Lösung
Insgesamt ist die Bereitschaft in der Interaktivbranche groß, potenziellen Bewerbern aus den genannten Ländern bei der Eingliederung zu helfen und ihnen im Unternehmen eine Chance zu bieten. Manche haben schon ihre Erfahrungen gemacht, andere stehen kurz davor, wieder andere sind noch abwartend. Fest steht, dass viele Faktoren zusammenkommen, die stimmen sollten, sowohl im eigenen Unternehmen wie beim ausländischen Bewerber. Nicht jede Bewerberstory verläuft so glatt und reibungslos wie die von Ruben González. Aber was jeder Arbeitgeber am Beispiel des Spaniers lernt, ist, dass es nur mit Bewerbern geht, bei denen deutlich zu spüren ist, dass sie selbst viel Initiative ergreifen und sich bewusst darüber sind, welchen Schritt sie auf sich nehmen.Gleichwohl ist der Hinweis auf eine gewisse Bewegung in Richtung einer internationaleren Ausrichtung der deutschen Unternehmen sicher hilfreich. Denn dies könnte eine weitere Lösung des Fachkräfteproblems bringen. Doch unbestritten ist, dass es auch künftig darauf ankommt, dem inländischen Nachwuchs verstärkt attraktive Perspektiven zu bieten und schon früh darauf hinzuarbeiten, dass sie in Branche und Beruf hineinwachsen. Denn die Fachkräfte aus den Krisenländern unbegrenzt in die heimische Wirtschaft einzuspannen, blutet die betreffenden Länder weiter aus. Somit kann das langfristig nicht die Lösung sein.
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