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Fünf Gründe, warum es keine Schwarmintelligenz gibt
01.06.2011 Das Internet ist (erste weit verbreitete These) so etwas wie das Gehirn der entwickelten Welt. Es erzeugt (zweitens) menschliche Schwarmintelligenz, mit der die Menschheit (drittens) Dinge erfährt, die sie bisher nicht wusste. Das ist erstens falsch. Zweitens, drittens, viertens und fünftens auch. Außerdem ist etwas anderes viel nötiger.
Googelt man nach dem Begriff "Schwarmintelligenz", dann kann man zu dem Schluss kommen, dass folgende Aussage der Wahrheit entspricht: "Die Schwarmintelligenz - die Intelligenz des Kollektivs - zeigt sich uns in der Natur, wie bei Zugvögeln oder Ameisenkolonien, in Quizsendungen, beim Publikumsjoker von 'Wer wird Millionär', in der hohen Treffsicherheit von Wikipedia und dem Erfolg der Wikis GuttenPlag und VroniPlag ". So angesagt ist der Begriff, dass sogar der Stern die Schwarmintelligenz in seiner Ausgabe 22/2011 auf den Titel hebt.
Manche, wie Francis Heylighen , Kybernetiker an der Vrije Universiteit Brussel sehen das Internet und seine Nutzer gar als Superorganismus: "Eine Gesellschaft kann als vielzelliger Organismus angesehen werden, mit den Individuen in der Rolle der Zellen. Das Netzwerk der Kommunikationskanäle, die die Individuen verbinden, spielt die Rolle des Nervensystems für diesen Superorganismus"". Hinter dieser Überzeugung steckt eine tiefe Menschenverachtung. Ein Mensch ist nach dieser Überzeugung nichts. Oder zumindest nicht bedeutender als eine einzelne Nervenzelle. Wichtig alleine ist das große Ganze:
Glaubt man der kollektiven Intelligenz, so ist Schwarmintelligenz 28-mal wahrscheinlicher als Schwarmdummheit: Das zumindest ist das Trefferverhältnis der beiden Suchwörter bei einer Google-Suche : 78.200 zu 3.390.
Zentrales Argument: Ein 105 Jahre altes Experiment
Neben der Ameisenstraße und dem Bienenstock ("das einzelne Tier ist dumm, die Gruppe ist schlau") dient ein 105 Jahre altes Experiment bis heute als zentrales Argument für die Macht von Crowdsourcing und The Wisdom of Crowds (so ein Buchtitel des Journalisten James Surowiecki : In seinem Aufsatz berichtete der Naturforscher und Schriftsteller Francis Galton über einen Wettbewerb auf einer Viehzuchtmesse in Plymouth in Großbritannien: Ochsen wurden dem Publikum vorgeführt und die Zuschauer durften Schätzungen zu Gewicht und Größe auf Kärtchen schreiben. Danach wurden die Tiere gewogen und die Messebesucher mit den besten Schätzungen mit Preisen belohnt. 787 Personen, völlig unerfahrene und Experten wie beispielsweise Metzger, gaben ihr Kärtchen ab. Galton bekam diese Karten von den Veranstaltern und wertete sie aus. Zu seiner Überraschung zeigte sich: Der Schnitt aller Schätzungen lag näher an der Realität als das einzelne Kärtchen. Die Masse als Kollektiv hatte also besser geschätzt als das Individuum - was den Schwarmintelligenz-Verfechtern als Pro-Argument dient.Dennoch existiert beim Menschen keine Schwarmintelligenz. Aus mehreren Gründen:
1. Gemeinsame Reaktionen sind keine Intelligenz
Schwarmintelligenz hilft lediglich Nichtdenkenden bei der Erledigung vegetativer Prozesse (Fressen, Flucht, Sex). Deswegen heißt das Synonym für das, was Trendforscher als 'Schwarmintelligenz' bezeichnen, beim Menschen 'Mob'.Für eine La-Ola-Welle, "Ein Prosit der Gemütlichkeit" und das Anzünden eines Asylbewerberheims mag "Schwarmintelligenz" vielleicht reichen. Für komplexere Prozesse sicher nicht. Schließlich kann man die durchschnittliche Intelligenz eines Mobs (also die Schwarmintelligenz?) ganz einfach errechnen, wenn man den durchschnittlichen Intelligenzquotienten der Mobmitglieder durch ihre Anzahl teilt. Wodurch sich der Schwarmintelligenzquotient des Internets relativ nahe beim IQ eines besonders schlauen Pflastersteins ansiedeln lässt.
2. Menschen sind keine Ameisen
Ein gutes Gegenbeispiel für den Erfolg oder Misserfolg von Schwarmintelligenz ist der Publikumsjoker bei der TV-Sendung Wer wird Millionär : Hier fragt der Kandidat das Studio-Publikum nach seiner Meinung zu einer der vier Antwort-Alternativen. In der Regel wählt er dann die Antwort aus, die von den meisten Zuschauern elektronisch ausgewählt worden ist - und liegt in der Regel richtig. Bemerkenswert dabei sind zwei Beobachtungen:
- Günter Jauch erklärt dem Kandidaten oft, die aktuelle Frage sei "gut geeignet für den Publikumsjoker" - oder eben nicht.
- Bei komplizierten Fragen - also oberhalb der 32.000-Euro-Hürde - versagt der Publikumsjoker regelmäßig.
3. Gruppenmitglieder haben unterschiedliche Interessen
Die Fehde zwischen dem Gründer von Wikileaks, Julian Assange und dem Ex-Wikileaks-Mann Daniel Domscheit-Berg beweist zudem: Es gibt unterschiedliche Meinungen und Interessen auch dort, wo es vermeintlich um Schwarmintelligenz geht. Das Schwarmphänomen Wikipedia ? Hier tobt der Streit, darüber, was relevant ist und in das Onlinelexikon gehört und was nicht. Das Ergebnis ist die Spaltung des Schwarms in zwei Lager. Auf der einen Seite sind da die sogenannten 'Inklusionisten': Sie wollen möglichst viele Artikel ins Lexikon aufnehmen, solange diese gut geschrieben sind. Ihnen gegenüber stehen die 'Exklusionisten', die nur das aufnehmen wollen, was sie als relevant erachten - von Gegnern als 'Lösch-Trolle' diffamiert.
Am Beispiel SEO zeigt sich, dass ein Partikularinteresse einer vermeintlichen Schwarmintelligenz entgegenwirkt: Algorithmen in Social Networks und Suchmaschinen arbeiten dahin, die Dinge dem Nutzer anzubieten, die für ihn relevant und nützlich sind. Dies geschieht darüber, indem Gruppenprozesse ("viele Nutzer, die das Thema A interessiert, klicken auf Beitrag B") ausgewertet werden - dadurch entsteht im Idealfall das, was Schwarmintelligenz genannt wird. Allerdings landen ganz viele Beiträge weit oben auf den Ergebnisseiten, die gerade nicht relevant und nützlich sind: Werbung zum Beispiel. Oder Spam. Denn es existieren Teile des Schwarms, die dafür bezahlt werden, die Schwarmregeln auszunutzen zum eigenen Nutzen (oder zum Nutzen des Auftraggebers).
Jeder SEO-Dienstleister, jede PR-Agentur, jeder Marketeer ist insoweit ein Gegenargument gegen die These der Schwarmintelligenz. Vögel wie der Webervogel bilden Brutkolonien und bauen schwarmintelligent gemeinsame Nester. Wo individuelle Interessen vorherrschen, wie beim Menschen oder beim Kuckuck, funktioniert die verstandeslose Gruppenorganisation nicht.
4. Mathematik
Schwarmintelligenz ist vor allem "ein mathematisches Phänomen, das Prinzip des Mittelwerts", erklärt Jack Soll , Assistenz-Professor Management an der Duke Universität in Durham, North Carolina. Seine Forschungen belegen: Versucht eine Gruppe, ein Gewicht, eine Menge oder ähnliches zu schätzen, ist der gemittelte Durchschnitt mit hoher Wahrscheinlichkeit präziser als die Schätzung eines Einzelnen. Das gilt auch für zwei Menschen, wenn eine Bedingung erfüllt ist: Befindet sich der tatsächliche Wert zwischen den beiden Schätzwerten, liegt der gemittelte Wert wahrscheinlich näher am wirklichen Ergebnis als beide Einzelwerte. Der Grund liegt darin, dass die Normalverteilung der geschätzten Werte sich um den tatsächlichen Wert herum häufen.
Das dieses mathematische Prinzip verliert, wenn menschliche Intelligenz ins Spiel kommt, zeigt die Untersuchung How social influence can undermine the wisdom of crowd effect der Forscher Jan Lorenz , Heiko Rauhut , Frank Schweitzer und Dirk Helbing von der ETH Zürich . Jede Versuchsperson musste sechs Wissensfragen (zum Beispiel zur Einwohnerzahl der Schweiz) beantworten: Einmal ohne jedes Wissen, wie die anderen antworten, dann mit der Information über die Durchschnittsantworten der anderen und dann noch einmal mit dem Wissen, was jeder andere der Befragten angegeben hatte.
Ergebnis: Die ersten (unbeeinflussten) Antworten waren weitgehend die besten. Je mehr die Probanden von den anderen Antworten gewusst hatten, um so falscher schätzten sie. Der Grund: Extremwerte verschwanden nach und nach, die Schätzwerte der einzelnen Probanden näherten sich immer mehr an, ohne dass der Mittelwert dem tatsächlichen Wert näher kam.
Dieser 'Vertrauenseffekt' ist es, der vermeintliche Schwarmintelligenz in kollektive Dummheit verwandelt: Weil man der Gruppe mehr glaubt als sich selbst, tut man Dinge, die man eigentlich für falsch hält - und verstärkt mit seinem Verhalten das Verhalten der anderen.
5. Kultur statt Algorithmus
Schwarmintelligenz ist das uneheliche Kind von Marktforschung und "irgendwas mit Medien". Man schaut sich die Bewegungen an und versucht, Regeln und Algorithmen zu finden, die diese Bewegungen erklären - ohne, dass man sich die Mühe machen muss, die Beweggründe des Einzelnen zu verstehen.Was mit Schwarmintelligenz eigentlich gemeint ist, ist ja die kollektive Intelligenz der Menschheit. Diese entsteht aber seit der Menschwerdung des Affen nicht durch Regeln, sondern durch Austausch. Durch Austausch mittels Worten und Gesten, durch Diskussion und Diskurs. Also durch die Kulturbildung, durch das "Wir". Wirtschaftssysteme, ein technisches Austauschmedium, politische Systeme, die ausschließlich auf das "Ich" organisieren, werden deswegen scheitern, weil sie die nötige Kulturbildung nicht organisiert bekommen: Zwei Milliarden "Ichs" (so viele Internetnutzer gibt es auf diesem Globus) sind zwar über Algorithmen und Webanalytics verwaltbar, eine Intelligenz - gleich welcher Art - entsteht daraus allerdings nicht.
Beim "Ich" haben wir die Grenze der Verarbeitungskapazität erreicht. Jetzt müssen wir das "Wir" wiederbeleben - durch Diskurs, Gruppen, Soziale Netze, Austausch, demokratische Prozesse. Und die Social-Media-Schweigespirale bekämpfen.
Dann können wir tatsächlich die Kommunikation und die Zusammenarbeit der Menschheit auf eine neue Stufe heben. Der Schwarm, den der Stern auf sein Titelbild gehoben hat, sieht ja nur so aus, als ob sich ein neuer großer Fisch aus vielen kleinen Fischen gebildet hat. Aber den, den sie verfolgen, werden sie nicht fressen können - weil die bloße Summe vieler Ichs noch kein Wir ergibt. Insoweit ist das Stern-Titelbild sogar richtig.

