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Digitalstandort Berlin: "Unfassbar sexy"
12.03.2020 Fragt man die Berliner Digitalexperten nach dem Digitalstandort Berlin, dann bekommt man fast ausschließlich Superlative zu hören. Doch tief unter dem Lichterglanz und Glitter sind auch vereinzelte desillusionierte Töne zu hören.
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Auf ihre Startup-Szene ist die Berliner Digitalbranche folglich auch dementsprechend stolz. Frank Alexander Zahn , Geschäftsführer von Exozet Berlin , beispielsweise: "Berlin ist für die Digitalbranche ein "Place to be". Wenn man in der Stadt unterwegs ist, wird einem immer wieder klar, wie sehr Berlin junge, kreative Menschen aus der ganzen Welt anzieht."
Berlin habe sich in den letzten zehn Jahren klar zum führenden Standort für junge digitale Unternehmen in Deutschland entwickelt, ist auch Philipp John sicher. Stolz argumentiert der Mitgründer und COO der Influencer-Marketing-Plattform Reach Hero : " Sogar in Europa hat Berlin hier eine führende Rolle und rangiert mittlerweile vor oder mindestens auf Augenhöhe mit London und Paris." Die Stadt zeichne sich mittlerweile nicht nur durch junge Unternehmen aus. John: "Die größten Tech-Unternehmen wie Google und Amazon bauen ihre Büros hier weiter aus. Diese tolle Entwicklung ist eine riesige Chance für die deutsche Hauptstadt."
Doch nicht nur Startups und Gründer schwärmen vom Standort an der Spree. Christian Lubasch, , Managing Director Data & Intelligence bei der Digitalagentur Dept Agency , sagt in typisch Berliner Bescheidenheit: "Verglichen mit anderen Standorten ist Berlin eine Hochburg an Talenten, Digital-Hipstern und internationalen Einflüssen."
Das digitale Ökosystem in Berlin sei nicht weniger als "grandios". Das hätten auch die etablierten Unternehmen erkannt - die unzähligen Corporate "Innovation Hubs" seien überall in der Stadt zu finden, obgleich die zugehörige Industrie eben oft nicht in der Stadt säße.
Auch Startup-Gründer Dr.Nicolaus Berlin , CEO der Podcast-App Podimo , schwärmt in höchsten Tönen vom Standort Hauptstadt: "Berlin ist als Digital- und Marketingstandort fast schon perfekt. Das liegt nicht nur an der Lebensqualität oder der Internationalität, sondern auch an Menschen hier, die genau dies anzieht. Gerade dann, wenn man in der Startup-Szene zu Hause ist, hat man ständig die Chance zu Events oder Barcamps zu gehen - was ständig zu neuen Impulsen und Ideen führt." Auch Sabrina Janßen , Head of DACH Market bei Divante , lobt die Kreativität an der Spree: "Berlin ist eine agile Stadt, in der eine Menge Innovationen stattfinden und die sich ständig weiterentwickelt. "
Wenn der bunte Mix an Menschen und Ideen zum Geschäftsmodell gehört, dann ist man offensichtlich in Berlin richtig aufgehoben. "Berlin ist für uns der Place-to-be", erklärt darum auch Frank Schönewerk , der Strategie-Geschäftsführer bei Buzzbird . Seine Influencer-Agentur profitiere stark davon, "dass Berlin auch ein Anziehungspunkt für YouTuber, Instagramer und andere Influencer im Social-Media-Bereich ist. Das erleichtert es enorm, Marken mit der jungen digitalen Szene zusammenzubringen."
Vincent Nicolai, Beratungs-Geschäftsführer der Kreativagentur Buddybrand lobt Berlin auch als den "Creative Digital Hot Spot in Deutschland."
Der größte Vorteil von Berlin aus seiner Sicht sind die vielen digitalen Nachwuchstalente: "Hier in Berlin tummeln sich viele junge Talente mit frischen Ideen und kreativer Power." Michael Cassau hingegen, als Startup-Gründer CEO von dem Techgadget-Mietservice Grover , lobt vor allem die (Tech-)Community an der Spree: "Wer schon mal ein paar Tage in Berlin verbracht hat, bekommt schnell ein Gefühl für die einzigartige Community der Menschen, die hier leben und arbeiten: Eine bunte Mischung aus kreativen Köpfen, motivierten Unternehmern und einer starken Tech-Community, die in der Lage ist, auch die waghalsigsten Ideen umzusetzen."
Ein weiterer Vorteil für ihn: Berlin sei "voll von smarten und motivierten Menschen mit genau den richtigen Ideen." Dazu fließe immer mehr Venture Capital nach Berlin. Cassau freut sich: "Auch ausländische Investoren haben Berlin im Blick." Das sieht auch Michael Diestelberg so. Der Vice President Product & Marketing von Marketingsoftware-Anbieter Mapp freut sich: "In Berlin treffen Offenheit, Innovationsgeist und technologische Kompetenz geradezu perfekt aufeinander." Auch er sieht Berlin als ideales Umfeld für internationale Investoren, die ein immer stärkeres Interesse an dem regionalen Öko-System entwickeln. "
Doch nicht nur Ausländer, auch Inländer investieren in Berlin, wie Stefan Peukert, Co-Founder und Co-CEO der Plattform Masterplan.com , erzählt: "Berlin ist eine wichtige und extrem sinnvolle Ergänzung zu unserem ursprünglichen Standort Bochum." Der rege Austausch mit anderen IT-Firmen gäbe neue Impulse. Außerdem gäbe es sehr viele gute und sehr spezialisierte Fachkräfte, gerade in den IT-nahen Bereichen wie Produktmanagement, Online Marketing und Development. "Unser Bochumer Standort ist dagegen sehr stark durch den Vertrieb geprägt. Mit der Kombination aus Ruhrgebiet und Hauptstadt schöpfen wir die verschiedenen Stärken der Regionen voll aus."
| Die Stärken der deutschen Standorte | |||
|---|---|---|---|
| Marketing | Commerce | Digitalagenturen | |
Berlin | +++ | ++ | +++ |
Frankfurt | |||
Hamburg | + | +++ | |
Köln/ Düsseldorf | ++ | + | |
München | + | + | ++ |
Berlin punktet bei Marketing und Digitalagenturen
Vor allem bei genuin kreativen (Digital-)Gewerken punktet die Bundeshauptstadt. Um ein tatsächliches Bild über die Digital- und Digitalmarketingstandorte zu ermitteln, haben wir branchennahe und nachvollziehbare Zahlen ausgewertet, um die verschiedenen deutschen Digitalstandorte miteinander vergleichbar zu machen:- Beim Digitalmarketing haben wir die Ausstellerlisten der führenden Messen Dmexco und OMR nach Standort gezählt - Unternehmen, die auf eine der beiden Messen präsent sind, haben ja vermutlich eine hohe Businessrelevanz und einen hohen Digitalmarketingfokus. Das sagt etwas darüber aus, wie viele Unternehmen aus dem jeweiligen Standort als aktive Digitalmarketing-Anbieter gelten. Über das Volumen sagt dieser Vergleich natürlich nichts aus.
- Für die Bewertung des Segments Commerce haben wir aus dem Ranking der Top-1.000-Onlineshops des EHI die Zahl der Onlineshops einerseits und der am jeweiligen Standort kumulierten ECommerce-Umsätze betrachtet. Das sagt etwas darüber aus, wie groß der Anteil des sichtbaren deutschen E-Commerce am jeweiligen Standort ist.
- Den Digitalstandort bewerteten wir nach dem Internetagenturranking . Hier flossen die Zahl der Agenturen, ihr Umsatz und die Zahl der jeweils arbeitenden Mitarbeiter der Internet-Fullservice-Agenturen ein.
Berlin landet (neben München als einziger der Standorte) bei allen drei Disziplinen - Marketing, Commerce und Digital - auf den vorderen Plätzen. Berlin ist Platz 1 bei Marketing und Digital, Hamburg punktet beim E-Commerce.
Doch abseits des Hippen und Digitalen tun sich selbst in Berlin offenbar Schwächen auf, wie beispielsweise Christoph Kruse, Gründer und CEO von Bookingkit , einwirft. Berlin böte zwar als lebendige Großstadt zahlreiche Erlebnisse, Sehenswürdigkeiten sowie Freizeitaktivitäten. "Doch hinkt die Freizeit- und Erlebnisbranche immer noch hinterher." Er beobachtet in seinem täglichen Geschäft beispielsweise, dass Anbietern von Freizeiterlebnissen oftmals das technische Know-how fehlt, ihre Angebote online anzubieten - selbst in einer technisch und wirtschaftlich florierenden Stadt wie Berlin.
Christoph Eck-Schmidt , Geschäftsführer Bonial , sieht das Problem der Stadt eher in ihrem Erfolg: "Dass Berlin als Digitalstandort unschlagbar ist, merken wir vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Internationale Fachkräfte werden überall gebraucht, da können es sich junge Talente auf Jobsuche erlauben, sehr wählerisch zu sein."
Jens-Christian Jensen , Chief Strategy Officer von Digitas Pixelpark , sieht Berlin "international durch Zeitgeist, Talente und Raum zum Wachsen zu einem Magneten geworden." Für Digitalagenturen sei das das Fluch und Segen zugleich: "Der Kampf um Talente wird jeden Tag angespannter - ständig neue Player strömen auf den Markt. Büroflächen werden rar und explodieren im Preis."
"Gerüttelt Maß an Halbprofessionalität"
"Übervoll" nennt Sven Deutschländer , Geschäftsführer Online-Marketing bei Dskom GmbH , die Stadt: "Agenturen, Coaches, Kreative, Berater, Startups und Künstler - die Digital- und Marketing-Landschaft Berlins ist gefühlt übervoll. Den Berater aus Berlin einzufliegen, ist mancherorts hipp und "Berlin" dann schon auch mal genug Expertise für das Anheuern eines Digital-Coaches oder Agentur-Dienstleisters." Zwar liefere die breite Startup- und Agentur-Landschaft viel Nachwuchs, der andernorts fehlt. "Doch diese Masse generiert nicht nur Qualität - wo viel Licht ist - na, Sie wissen schon!" Allerdings, so lobt er dialektisch, gehe es "in kaum einer anderen Stadt dynamischer zu." Das lasse dann zwar "zuweilen das gerüttelt Maß an Halbprofessionalität entstehen, für das die Hauptstadt berüchtigt ist", dieses kreative Chaos erzeuge aber auch "immer wieder Leuchttürme und Charakterköpfe, für die Berlin im Gegenzug richtig berühmt ist. Man kann wohl einfach nicht alles haben!"
Dr. Jochen Kalka , Geschäftsführer bei der PR-Agentur Schoesslers , sieht Berlin allerdings auf einem guten Weg:
"Berlin war vor allem Bluff. Wer cool war, ging nach Neukölln, operierte an einer sinnlosen Idee und scheiterte. Doch gerade in der Startup-Community hat sich zuletzt viel getan: durchdachte Businesspläne, fundierte Zielgruppenanalysen, kalkulierte Wettbewerbssituationen, ein klarer USP und aktives Marketing."
Er sieht "das größte Problem aus Unternehmersicht ist MitarbeiterInnen zu finden. Berlin bietet Jobs und Karrieren wie lange nicht." Eine Aussage, die auch Tina Schäfer unterschreiben würde. Die COO bei Vogel Corporate Media sagt: "Der Kampf um die besten Talente ist eine der größten Herausforderungen für Marketingunternehmen in Berlin, besonders für Agenturen. Das Agenturleben hat leider einfach einen schlechten Ruf und on top konkurrieren wir hier mit einer vielfältigen hippen Startup-Szene und Corporates gleichermaßen." Sie klagt: Im Schnitt bleibe ein Mitarbeiter nur zwölf bis 18 Monate bei einem Unternehmen in Berlin. Während man vor ein paar Jahren noch in der komfortablen Situation des "Hauptstadt-Bonus" gewesen sei, müsse man "jetzt ernsthaft aktiv werden, um die wertvollsten Mitarbeiter zu halten." New-Work-Konzepte, flexible Arbeitsmodelle und eine Wohlfühlatmosphäre seien "heute unverzichtbar, um die ideale Umgebung für Marketing- und Kreativleute zu schaffen."
"Mehr Berater als Kita-Plätze"
Doch nicht nur der Konkurrenzdruck um die besten Mitarbeiter ist hoch. Auch die schiere Menge der Unternehmen und Freelancer sorgt in Berlin für harten Wettbewerb. Christian Lubasch beispielsweise sieht viele Agenturen und Berater, die versuchen, sich gegenseitig Kunden abspenstig zu machen: "Wahrscheinlich gibt es bald mehr Selbständige Berater (Freelancer) als Kita-Plätze."Und Alexandra Buckard , Geschäftsführerin der Agentur Emilian , sieht die Situation mit einem lachenden und einem weinenden Auge: "Da es hier eine Vielzahl an Kunden aus verschiedensten Branchen gibt, gestaltet sich der Markt sehr vielfältig. Der Konkurrenzdruck ist hoch, weshalb wir uns darauf konzentrieren, den persönlichen Kundenkontakt extrem zu pflegen." Sie empfiehlt neuen Unternehmen in der Marketingbranche, sich auf einen bestimmten Aspekt besonders zu spezialisieren und die Agentur daraufhin zu vermarkten."Berlin bietet sich als zentrale Geschäftsstelle an, da der Markt hier vielseitig ist."
Der Berlin-Boom habe "Vor- und Nachteile", konstatiert auch Thomas Praus , Geschäftsführer der Onlinemarketing-Agentur Panorama 3000 : "Die Mieten steigen und die Ansprüche der Talente ebenso." Während Startups einfacher an Geld kommen, hätten es Dienstleister hingegen schwerer. Er klagt: "Die Gehälter müssen steigen, gleichzeitig stagnieren die Budgets der Auftraggeber. Der Kostenvorteil, den Berlin durch günstige Lebenshaltungskosten einst hatte, ist weg. Irgendwann wird sich das auch auf die Kreativität auswirken, wenn alles der Effizienz untergeordnet wird."
SEO-Berater Stephan Czysch erinnert sich wehmütig: "Vorbei sind die Zeiten, in denen (größere) Büroeinheiten für Mietpreise im einstelligen Eurobetrag zu haben waren." Er erzählt: "Bei jedem unserer Umzüge war es ein Aha-Erlebnis, wenn wir im Zuge einer Nachvermietung die neuen Mietpreise gehört haben." Ohne die entsprechende Kapitaldecke werde es schwer, "neben einem attraktiven Büro vor allem die notwendigen Talente zu finden und diese langfristig zu halten."
Benjamin Deutscher , Senior Director und Leiter des Berliner Büros der VW-Tochter und Digitalexperten diconium , sieht dieses Problem auch: "Es ist kein Geheimnis, dass der kritische Erfolgsfaktor unserer Unternehmen die Gewinnung internationaler Top-Talents ist." Er sieht die Hauptaufgaben des digitalen Ökosystems darin, die Attraktivität des Arbeitsstandorts Berlin zu steigern: "Berlin ist bunt, lebendig und weltoffen. Es bringt alles mit, um große Visionen in die Realität umzusetzen." Thomas Praus plädiert hingegen zudem für eine Qualitätsoffensive, die den steigenden Kosten gerecht wird: "Wir müssen die Positionierung umdrehen: Berlin muss zum Premiumstandort werden, wo man die besten Ideen bekommt, die aber auch entsprechend kosten."
"Am Anfang einer großartigen Entwicklung"
Für die meisten Befragten gilt das, was Christoph Eck-Schmidt für sein Unternehmen formuliert: "Für uns gibt es keinen besseren Standort. Danke Berlin!" Benjamin Deutscher sieht Berlin gar "erst am Anfang einer großartigen Entwicklung stehen", die "zwangsläufig" auch wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel mit sich bringen wird. Beate Müller, Managing Director Digital Marketing bei Dept Agency , sieht die Verrücktheit der Stadt als einen ihrer Hauptvorteile: Gerade als Digitalstandort unterscheidet sich Berlin sicherlich zu den südlich gelegenen Standorten wie Frankfurt, Stuttgart oder München in seinem Auftreten. Hier wird an jede noch so verrückt anmutende Idee erstmal geglaubt und Sponsoren werden immer gefunden." Allerdings warnt sie: Berlin müsse bei all dem Glanz & Gloria "aufpassen, nicht zu arrogant zu wirken." Doch trotz allem ist sie sich sicher: "Berlin als Digitalstandort wird sich selbst treu bleiben: Wissbegierig, authentisch, Open-Minded & unfassbar sexy!"
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