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Digitalstandort München: Licht und Schatten an der Isar
28.01.2020 Der Digitalstandort München lebt von seinen großen Playern, von vielen zahlungskräftigen Kunden und seinen gut ausgebildeten Arbeitskräften, wie unsere Branchenumfrage herausgearbeitet hat. Der Standort krankt an seinem Erfolg - und an seinen zwei strukturellen Schwächen.
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Im Vergleich der Metropolregionen "braucht sich München sicher nicht hinter Berlin oder Hamburg verstecken", wie es Tobias Schalkhausser , Geschäftsführer schalk&friends gmbh , formuliert, da sind sich die meisten der von uns Befragten einig. Und doch ist die klassische "Mia san mia"-Argumentation die Ausnahme. Lediglich Frank Ahnefeld , Sprecher von Bonial International , hebt hier die Fahne hoch. Ansonsten sehen die meisten Münchner den Standort an der Isar eher "auf Augenhöhe mit Berlin", wie es Thorsten Harras , Managing Partner der ECommerce-Beratung Elaboratum GmbH , formuliert. Er sieht "jede Menge Substanz statt Startup-Romantik" - so viel Rekordmeister muss sein.
Eric Kubitz , Geschäftsführer der Contentmanufaktur , sieht sogar leichte Vorteile - vor allem wenn es um den Hektiklevel im Millionendorf (Münchner Selbstdefinition) geht: "Was mir am Standort München auffällt, ist der menschlichere Umgang miteinander. Vielleicht liegt das daran, dass hier vielleicht etwas mehr Geld verdient wird oder am bayerischen Grundsatz des "passt scho": Jedenfalls wirken die Berliner oder Hamburger auf mich manchmal noch mehr getrieben und dadurch vielleicht noch etwas rücksichtsloser als die Branche eh schon ist."
Mancher lässt sich sogar zu einer Liebeserklärung für München hinreißen. Christian Faltin , Geschäftsführer Cocodibu , lobt knapp: "Um es kurz zu machen: Ich liebe München. Als Heimatstadt und als perfekten Standort für unsere Agentur. Hier gibt es alles, was ich beruflich brauche: Interessante (Digital)Firmen, eine breite Medienlandschaft, tolle Events und eine inspirierende Kulturszene. Müsste ich in Deutschland einen Standort auswählen, München wäre mein Favorit." Und lena Zilbauer, PR-Managerin bei der Agentur Nayoki schwärmt: "München bietet die perfekte Symbiose aus Tradition, Werten und Offenheit für Neues."
Auch Florian Bender , Director Sales bei SIGS Datacom , einem Veranstalter von Tech-Kongressen in München, schätzt an dem Standort an der Isar vor allem die Lebensart der Bewohner: "Trotz Digitalisierung - was immer auch mehr Geschwindigkeit bedeutet - gilt in München aber immer noch das Motto "Basst scho". Trotz allem Ehrgeiz herrscht hier aber noch eine gewisse Gemütlichkeit."
Digital ist der Standort München gut aufgestellt
Speziell als Digitalstandort wird München als sehr attraktiv wahrgenommen. Thomas Helbing , CEO der Ray Sono AG : "In keiner anderen deutschen Stadt haben sich so viele internationale Software- und IT-Unternehmen angesiedelt wie hier. Die aktive Startup-Szene und die hochkarätige Forschung und Lehre tragen ebenfalls dazu bei, die digitale Anziehungskraft zu steigern."
Auch die Marketing Managerin der w&co MediaServices , Janina Pielken , sieht hohes kreatives Potential an der Isar: "In München treffen die Big Player aus der Industrie- und High-Tech-Branche auf starke Mittelstandsunternehmen, was zu einem interessanten Spielfeld für die Digital- und Marketing-Szene führt - wirtschaftlich sowie auch im Hinblick auf die Vielfalt der Projekte. Dies zieht gute Fachkräfte an, die in einem innovativen und internationalen Umfeld arbeiten wollen. Auch für Start-Ups ist daher München attraktiv, sofern sie ein substantiell tragfähiges Geschäftsmodell haben."
Thorsten Libeaux , Geschäftsführer ux-concept , wiederum verbindet mit dem Standort München vor allem "erstklassige, international agierende Firmenpartner, hohe Professionalität und sehr gute Möglichkeiten des Networkings." Auch er stellt das Unhektische des Standorts heraus. Er lobt "ein spannendes, aber dennoch ruhiges Umfeld, welches die Digitalisierung sehr sachlich und unaufgeregt angeht. München ist definitiv ein Wirtschaftsstandort, der die Industrie 4.0 bereits aktiv betreibt und viele interessante Projekte für Digitalunternehmen bereithält. Im Laufe der Jahre habe ich in München viele wertvolle Kontakte knüpfen können, sowohl zu Kunden und Dienstleistern als auch zu Mitbewerbern. Die Zusammenarbeit gestaltete sich immer offen, fair und produktiv im Sinne des jeweiligen Projekts. Befindlichkeiten oder Konkurrenzdenken habe ich in München nicht kennen gelernt."
"Ein fortgeschrittenes digitales Mindset" schätzt Uli Zimmermann , Geschäftsführer der Digitalagentur eMinded , am Standort München. Das bringe jedoch Vor- und Nachteile mit sich. "Dieser Situation ist geschuldet, dass wir beispielsweise im "War of Talents" nicht nur mit anderen Agenturen im Wettbewerb sind, sondern auch mit Unternehmen mit einem digitalen Geschäftsmodell. Diese Konkurrenzsituation treibt uns auf der anderen Seite zu Höchstleistung, wenn es um Brand Awareness, die Optimierung von Prozessen und den Aufbau einer Employer Brand geht. Zusätzlich blicken wir auf eine Vielzahl an Sales Opportunities. Wir schätzen deshalb unseren Standort sehr und möchten die Reibung mit unserem Umfeld nicht missen."
Frank Miller , Managing Director der Agentur Straight , erlebt München als "Digital Hidden Site." München besitze eine ausgeprägte Digitalszene, "nur sieht man diese nicht auf den ersten Blick."
Derselben Ansicht ist auch der Wagniskapitalist Benedict Rodenstock . Der CEO der Astutia Ventures GmbH ist sich sicher: "München ist ein führender Digitalstandort in Deutschland und Europa." Berlin trommele zwar lauter, "München ist da eher unterschätzt." Und doch böte die Stadt ein sehr gutes Netzwerk aus Universitäten, Investoren, etablierten IT-Unternehmen und Startups. Auch er betont die hohe Kundendichte an der Isar: "Ein deutliches Plus gegenüber anderen Standorten ist die Präsenz von vielen Mittelständlern und Konzernen in der Region."
Das breite Kundenspektrum ist auch für Josef Rankl ein deutlicher Standortvorteil. Der Social-Media-Berater hält den Standort für "ideal". Denn Social Media sei ein Treiber der digitalen Transformation. Deswegen sei eine Stadt wie München als Hochburg für Verlage, Medien und Hightech "ein riesiges Bassin für digitalen Fortschritt." Und dennoch gäbe es "noch genügend Unternehmen mit hohem Beratungsbedarf an digitaler Weiterentwicklung, die sich noch auf den unteren Stufen der digitalen Transformation befinden."
Die Digitalisierung schafft neue Chancen, wie Tanja Koschade aus eigener Erfahrung berichtet. Die Geschäftsführerin der Agentur Koschade PR war zwar ursprünglich mit ihrer PR-Agentur mit dem Fokus auf klassische Agenturen gestartet. Das habe sich in den letzten Jahren stark in Richtung digital verschoben, so dass sie ihr Portfolio inzwischen auf Agenturen und Unternehmen aus der Digitalbranche ausgerichtet habe.
Michael Nenninger , CEO der Voycer AG , erfreut sich ebenfalls an der Kundennähe:"Als B2B-Anbieter erhält man die höchste Dichte an potentiellen Kunden und das über viele Schlüsselbranchen hinweg - also warum nicht vor der Tür verkaufen? Rund 20 Prozent unserer Konzernkunden sind vor Ort, davon träumen die Berliner Start-up Kollegen." Diese können ebenfalls nur träumen von der unmittelbaren Nähe zu Bergen und Seen: Die hochdigitale Umgebung gepaart mit einem großen Freizeit- und Kulturangebot und einer extrem hohen Lebensqualität "bietet alles für eine gesunde Work-Life-Balance und wird auch zukünftig große Anziehungskraft für digitale Talente & Wirtschaft haben", freut sich darum auch Sebastian Sommerer , Gründer & Geschäftsführer der Agentur Blue Summit Media .
Er sieht Fluch und Segen zugleich: "Mit einer sehr hohen Spezialisierung auf die Industrie rund um die Informations- und Kommunikationstechnik und einer exzellenten Uni-und Hochschullandschaft für heranwachsende digitale Talente gilt München als Treiber der Digitalisierung und ist wohl einer der wichtigsten Tech Hubs in Deutschland. Die gut ausgebaute Infrastruktur, die räumliche Nähe zu Kunden, Partnern & Industrie, zwei exzellente Universitäten (LMU & TUM) und weitere Fachhochschulen bieten für uns, blueSummit - Agentur für digitales Marketing - viel Potenzial, sorgen aber zugleich für enorme Herausforderungen." Er klagt: "Zentrale Büroflächen gehen mit exorbitanten Mietpreisen einher und mächtige ansässige Digitalanbieter gewinnen häufig den Kampf um qualifizierte Studienabgänger."
"Erstaunlich wenig operatives Digitalmarketing-Know-how"
Während André Soulier , Geschäftsführer Nayoki GmbH "die perfekte Symbiose aus Tradition, Werten und Offenheit für Neues" an München schätzt und sagt, dass "der vorteilhafte Standort im Voralpenland dafür sorgt, dass in der bayerischen Landeshauptstadt der Fachkräftemangel im digitalen Bereich kein Thema ist", sieht Ralf Zmölnig , SEO von Cutts & Rock'n Roll , eher die Konkurrenzsituation zwischen Dienstleister, Firmen und Industrie sich weiter verschärfen, die Löhne weiter steigen, "und somit der Druck auf zugehörige Ergebnisse wachsen." Er befürchtet eine sich verschärfende Konkurrenzsituation: "Wir sehen weiter wachsend viele - von Freelancer bis klassischer zur Marketingagentur -, die in den Münchner Markt drängen." Er beklagt, dass klassische Berater stark am wildern seien und Budgets gewönnen: "Oft zu unrecht, weil erstaunlich wenig operative Digitalmarketing-Kompetenz" am Markt verfügbar sei.
Oliver Lindner , Geschäftsführer SEO-Küche Internet Marketing GmbH , hingegen sieht die Chance für Onlinemarketer bei den Kunden: "Der Großraum München bietet für Dienstleister wie die SEO-Küche optimale Bedingungen: Einerseits eine breite Basis an potenziellen Kunden, die aus einer guten Mischung besteht: Regional verwurzelte Traditionsunternehmen mit teilweise viel Potenzial für den Start in die Onlinewelt und dynamischen Start-ups." Das gilt für viele Dienstleister: Sara Sihelnik , Country Director DACH bei Quantcast , schätzt am Standort München neben der Nähe zu Österreich und der Schweiz "die vielseitige Unternehmenslandschaft und die gute geografische Lage." Deswegen habe sich Quantcast "als Technologieunternehmen 2013 bewusst für München als deutschen Hauptsitz entschieden."
Zmölnig hingegen nimmt eher Trägheit wahr. Wegen der boomenden Wirtschaft und dem Polster aus den letzten Jahren und Jahrzehnten seien Unternehmen "träge und exekutieren nicht mit genügend Leidensdruck." Er befürchtet, dass noch mehr amerikanische und auch englische Unternehmen sich in München etablieren, da diese "risikofreudiger" seien. Seine Prognose: "Solange die Auftragsbücher so dick gefüllt sind, wird sich nicht genügend Druck aufbauen, um die Notwendigkeit zu erkennen, weiter digitale Kompetenz aufzubauen. Das wird wiederum langfristig zu massiven Probleme in der Wettbewerbsfähigkeit Münchner Unternehmen führen." Immobilien- bzw. Mietkosten trieben zudem die Löhne unverhältnismäßig stark nach oben. "Das wird uns in München weiter unter Druck setzen, in der Angebotskalkulation wettbewerbsfähig zu bleiben."
| Die Stärken der deutschen Standorte | |||
|---|---|---|---|
| Marketing | Commerce | Digital | |
Berlin | +++ | ++ | +++ |
Frankfurt | |||
Hamburg | + | +++ | |
Köln/ Düsseldorf | ++ | + | |
München | + | + | ++ |
München ist digital weit vorn, bei E-Commerce und Marketing nicht so
Tatsächlich verdeckt das helle Münchner Licht so manche Schattenstelle der digitalen Wirtschaft. Um diese zu erkennen, sind allerdings die offiziell veröffentlichten Analysen der jeweiligen Medienstandorte wenig geeignet. Unter "Medien- und/oder Digitalstandort" wird für gewöhnlich derjenige dazu gezählt, der einen Text produzieren kann - beziehungsweise weiß, wie man "Computer" schreibt. Die Studie zum Medienstandort Bayern beispielsweise weist 42.000 "Medienunternehmen und Selbstständige" in diesem Umfeld aus - die mit 300.000 Mitarbeitern rund 68 Milliarden Euro umsetzen - was einen Pro-Kopf-Umsatz von 266.000 Euro ergäbe - den für gewöhnlich die wenigsten Medienunternehmen im richtigen Leben realisieren können. Die Zahlen sind also wenig aussagekräftig. Um ein tatsächliches Bild über die Digital- und Digitalmarketingstandorte zu ermitteln, haben wir branchennahe und nachvollziehbare Zahlen ausgewertet, um die verschiedenen deutschen Digitalstandorte miteinander vergleichbar zu machen:- Beim Digitalmarketing haben wir die Ausstellerlisten der führenden Messen Dmexco und OMR nach Standort gezählt - Unternehmen, die auf eine der beiden Messen präsent sind, haben ja vermutlich eine hohe Businessrelevanz und einen hohen Digitalmarketingfokus. Das sagt etwas darüber aus, wie viele Unternehmen aus dem jeweiligen Standort als aktive Digitalmarketing-Anbieter gelten. Über das Volumen sagt dieser Vergleich natürlich nichts aus.
- Für die Bewertung des Segments Commerce haben wir aus dem Ranking der Top-1.000-Onlineshops des EHI die Zahl der Onlineshops einerseits und der am jeweiligen Standort kumulierten ECommerce-Umsätze betrachtet. Das sagt etwas darüber aus, wie groß der Anteil des sichtbaren deutschen E-Commerce am jeweiligen Standort ist.
- Den Digitalstandort bewerteten wir nach dem Internetagenturranking . Hier flossen die Zahl der Agenturen, ihr Umsatz und die Zahl der jeweils arbeitenden Mitarbeiter der Internet-Fullservice-Agenturen ein.
München landet (neben Berlin als einziger der Standorte) bei allen drei Disziplinen - Marketing, Commerce und Digital - auf den vorderen Plätzen. Allerdings ist München nirgends führend. Berlin ist Platz 1 bei Marketing und Digital, Hamburg bei Commerce.
Der Krieg um die Köpfe tobt an der Isar besonders heftig
Auch wenn es in München noch digitale Schwächen gibt ("die mobile Infrastruktur ist insbesondere für eine Großstadt beschämend schlecht"), klagt beispielsweise Alexander Fallier , Gründer und Geschäftsführer der Achtquark GmbH : "Da helfen auch touristenfreundliche Hotspots der Stadt nichts, wenn man in vielen Vierteln jenseits des Marienplatzes oftmals immer noch 3G angezeigt bekommt." Doch das zentrale Problem der Stadt: Sie erstickt an ihrem Erfolg. Maximilian Rebensburg , Business Developement bei der Fortuneglobe GmbH Fortuneglobe GmbH, hat beobachtet: "Die Entwicklung von München zum einen der wichtigsten Digitalstandorte macht sich besonders im Bereich Human Resources bemerkbar. So ist es im Vergleich zu vor zehn Jahren schwerer für uns geworden neue Mitarbeiter/-innen zu finden und schlussendlich für uns zu gewinnen." Auch Marco Dautel , Associate Director der Firefly Communications , sieht den Erfolg des Standorts mit einem lachenden und einem weinenden Auge:"München hat viele Mitbewerber in die Stadt gezogen, mit denen wir um die besten Fachkräfte buhlen."
"Aus Arbeitgebersicht ist München vor allem aufgrund der guten Universitäten und Hochschulen und den daraus resultierenden hochqualifizierten Arbeitskräften ein toller Standort", sieht auch Sabine Delorme , Director HR bei Tyntec . Aber: "Diese enorme Fülle an Möglichkeiten führt unter den Arbeitgebern aber definitiv zu einem War of Talents." Und Ben Bereuter von Siccma Media GmbH ergänzt im Hinblick auf Google , die kürzlich ein innerstädtisches Grundstück erworben haben und dort weitere 1.500 Arbeitsplätze schaffen wollen: "Arbeitnehmer werden von der Vielzahl der lokal angesiedelten Tech- und Digitalunternehmen heiß umworben." Sabine Delorme klagt: "Insbesondere die Global Player gewinnen beim Kampf um die Mitarbeiter oft gegenüber Unternehmen mit vergleichsweise unbekannten Namen." Um qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen, müssten sich Unternehmen attraktiv aufstellen. Ben Bereuter empfiehlt darum "unterstützende Maßnahmen wie z.B. die Hilfe bei der Wohnungssuche oder gar das Vorhalten eigener Mitarbeiterwohnungen als attraktive Instrumente der Mitarbeitergewinnung."
Für kleine Unternehmen und Startups ist München ein schweres Pflaster, schätzt Intent-Geschäftsführer Yannik Süß : "Meine persönliche Meinung ist, dass München ein schwerer Standort für Startups ist. Die Mieten und Gehälter sind auf Rekordhoch. Selbst wenn die Finanzgrundlage da ist, müssen Mitarbeiter (meistens in der Entwicklung) erst einmal gefunden werden. Der Konkurrenzdruck ist deutlich zu spüren."
Thomas Kaiser von Cyberpromote sieht Gründe für den Arbeitskräftemangel inzwischen sogar innerstädtisch: "Der zunehmende Verkehr und der problematische öffentliche Nahverkehr hat aber zunehmende Auswirkungen, so dass sich Mitarbeiter eine Arbeit "um die Ecke" suchen." Cyberpromote merkt das "sowohl bei Kündigungen als auch bei Bewerbungen." Er sieht ein "mikroregionales" Denken wichtiger werden - selbst wenn man auch Homeoffice anbietet.
"Ein echter Standortnachteil"
Daniel Mundt , Geschäftsführer a+s DialogGroup , sieht zwar, dass München "sicherlich völlig zu Recht" zu den Städten mit der höchsten Lebensqualität in Deutschland gehört. Er warnt jedoch vor den Auswirkungen: "Der zum Zerreißen angespannte Wohnungsmarkt, die hohen Lebenshaltungskosten und der leer gefegte Arbeitsmarkt mit hoher Konkurrenzsituation stellen für uns als mittelständisches Unternehmen mittlerweile aber einen echten Standortnachteil dar." Wenn es um den Ausbau der deutschen Standorte geht, so seine unternehmerische Entscheidung, "haben daher andere Metropolregionen derzeit die Nase deutlich vorn."
Gerade im Dienstleistungssektor bekommt München nach Ansicht von Robert Pietsch , Vorstand von EMail-Marketingsuiteanbieter Agnitas AG , zunehmend Probleme. München liege im Dienstleistungssektor im Bereich Anbieter für Digitale Services und Digitalisierung weit vorne. Dies mache es "für Unternehmen zunehmend schwerer und auch teurer, geeignete Arbeitnehmer zu finden." Eine Situation, an der sich seiner Meinung nach auch in Zukunft wenig ändern wird. Aber auch eine Situation, mit der die meisten Unternehmen gelernt hätten, zu leben. Schließlich "herrscht in der bayerischen Metropolregion schon lange ein Arbeitsmarkt vor, in dem sich qualifizierte Arbeitnehmer die besten Job-Angebote aussuchen können."
Das führt nach Ansicht von Silvan Dolezalek zu einer Art Hassliebe für den Standort München. Der Geschäftsführer der CosmoShop GmbH ist sich sicher: "München ist für uns Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite bindet München viele Fachkräfte, die dann im Umland nicht mehr zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite gibt es durch die Konzentration der Technologie in München aber auch sehr viele spannende Projekte und Kooperationen die Spaß machen. Der Fachkräftemangel ist jedoch ein echter Schmerz für uns. Durch die neuen Großprojekte von BMW, Google & Co. wird das auch so schnell nicht besser. Es fehlen einfach ein paar Tausend Entwickler in München."
Florian Bender hingegen sieht die Sache sportlich: "Der Jobmarkt erfindet sich in München neu, und das sollte jeder als Chance sehen sich in dem Prozess mit zu verändern. Das, was gerade passiert wird bleiben und geht nicht mehr weg! Daher sollten wir den Blick nach vorne richten und schauen, wo unser Platz in dem neuen Konstrukt ist." Was dazu fehlt, ist die Branchenvernetzung, wie Thorsten Harras , Managing Partner elaboratum GmbH , beklagt: "Als eher unterentwickelt schätzen wir noch die Vernetzung von Unternehmen und Dienstleistern untereinander ein. Hier könnte die Community aus sich selbst heraus noch mehr auf die Beine stellen."
Auch Johannes F. Woll , Gründer der Social Event GmbH , nimmt wahr, "dass es um die Ressourcen schlecht bestellt" sei und nennt neben der fehlenden Community und infrastrukturellen Themen den Bereich der öffentlichen Förderungen und der Investoren: "viele Süppchen, noch mehr Köche." Zumindest, was das Thema hohe Mieten angeht, gibt PR-Agenturchef Christian Faltin von Cocodibu einer sich global verstehenden Branche Entwarnung: "Noch ist München keine Mega-City und im Vergleich mit London oder Paris fast ein Schnäppchen."
Doch auch die relativierenden Aussagen helfen wenig. Im Zuge unserer Recherchen sind wir auf eine nicht unerhebliche Zahl von Digital- und Marketingverantwortlichen gestoßen, die wegen der hohen Kosten dem Standort an der Isar den Rücken zugekehrt haben.
"Digitalstandort mit Tücken. Ich liebe es"
##bild27##Beate Noeke beispielsweise, die Beraterin für das Betriebliche Gesundheitsmanagement , fand es zu schwer, "Produkte und Dienstleistungen so zu positionieren, dass auch trotz der hohen Miet- und Lebenshaltungskosten ausreichend Umsatz generiert werden kann." Ihre Entscheidung: "Um entspannter auf dem Markt agieren zu können, bin ich seit drei Jahren in Lüdenscheid tätig."Es muss jedoch nicht immer Lüdenscheid sein. Selbst in München kann mancher leben und arbeiten - wenn der Standort aufgegeben wird: Severin Lucks , Geschäftsführer der Delucks GmbH , beispielsweise ist nur noch alleine in München ansässig. Sein Büro in der Marsstraße hat er aufgegeben, "da es mir der Bau- und Verkehrslärm es nicht mehr wert war." Er und sein Team arbeiten völlig dezentral, im Home Office. Er hat damit nur positive Erfahrungen gemacht: "Durch das dezentrale Setup meiner Firma sind alle Mitarbeiter wesentlich produktiver."
Auch Dr. Michael Kausch , Geschäftsführer und CEO der PR-Agentur Vibrio Kommunikationsmanagement , ist diesen Weg gegangen. Er setzt mit seiner "weitgehend virtualisierten Agentur" ebenfalls stark auf Homeoffices: "Eine Kollegin lebt in Nürnberg, eine andere auf Sylt. Von Augsburg oder Mühldorf aus kann man auch locker einmal pro Woche in unsere Zentrale direkt am Hauptbahnhof reinfahren. So gesehen ist München ein ausgezeichneter Digitalstandort, weil man dann weder eine Wohnung, noch einen Parkplatz an der Isar benötigt."
Wegziehen, um zu bleiben ist die eine Handlungsalternative für den Digitalstandort an der Isar. Die andere ist, Licht und Schatten gleichermaßen zu genießen, wie es Sebastian Sommerer von BlueSummit formuliert: "München der schönste Digitalstandort Deutschlands, aber mit Tücken - ich liebe es!"
