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Facebook und die Abschaffung der App: Das Messenger-Projekt
29.01.2016 Facebooks Nachrichten-App Messenger will ein Plattform-Dienst rund um Payment, E-Commerce und Publishing werden und Apps abschaffen. Damit folgt der Messenger dem Trend zur 1:1-Kommunikation. Stirbt Social Media? Und was müssen Marken nun tun? Vier Szenarien.
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Fast zeitgleich gab Facebook bekannt , seinem Messenger in 2016 eine Reihe neuer Funktionen zu verpassen - wie etwa Ticketkauf aus dem Chat heraus, einen virtuellen Assistenten namens M und einfachere Wege, mit Marken zu kommunizieren (da sich die Nutzer ja nichts sehnlicher wünschen, als mit Advertisern verkuppelt zu werden, die ihnen das Geld aus der Tasche ziehen wollen).
Was bedeutet es aber, wenn Messenger zu Plattformen werden? Zum einen sollen 'Threads' die neuen Apps werden - mit diesen Worten bläst Facebook selbst in seiner Ankündigung zum Angriff auf den mobilen Anwendungsmarkt. Neben Apps könnten sich aber auch weite Teile der Aktivitäten in sozialen Netzwerken Richtung Messaging verschieben. Wie realistisch das ist, zeigt der Blick nach Fernost - denn da kommt das Vorbild her, bei dem sich Facebook seine Pläne abgeschaut hat.
Weixin/WeChat: Der Erfolg von Facebooks chinesischem Vorbild
Was Facebook plant, das tut Weixin (das in Europa und den USA WeChat heißt) schon seit Jahren: Der chinesische Messenger bietet ein ganzes Arsenal an Funktionen an: Nutzer können shoppen, bezahlen, Coupons beziehen - und Marken wiederum können auf elaborierte Ad-Steuerungs-Tools zugreifen, spezielle Schnittstellen nutzen, um ganze Service-Zentralen an den Chat zu koppeln, sie können Daten in ihr CRM importieren oder eingabegesteuerte Service-Bots die Kundenberatung übernehmen lassen.
Der Erfolg des Messengers aus Fernost lässt sich kaum von Land, Leuten und Kultur entkoppelt begreifen: Es ist eine chinesische Erfolgsgeschichte, die chinesischen Gesetzen gehorcht:
- "Chinesen benutzen soziale Netzwerke zurückhaltender als wir, sind viel privatsphärebewusster", sagt Oliver Ueberholz von Tixxt , Anbieter von Intranets für Unternehmen. "Man kommuniziert dort selten mit dem Klarnamen. Facebook ist in China nie durchschlagend angekommen, weil das Grundverständnis anders ist: man kommuniziert mit seinem vertrauten Kreis, wer außerhalb steht, wird erstmal eher reserviert betrachtet." Daher erklärt sich die stärkere Affinität von Chinesen zu geschlossenen Messengern und die Erfolgsgeschichte von Weixin mit seiner halben Milliarde Mitgliedern.
- Dem steht paradoxerweise eine stärkere Bereitschaft zur Preisgabe von Daten gegenüber: "Es gibt sicherlich eine gewisse Routine mit der Erfahrung, durchleuchtet zu werden", sagt Jan Pötzscher , Marketingchef bei der auf interne Kommunikationslösungen spezialisierten Communardo Software GmbH ,"Von daher schicken Chinesen deutlich mehr Daten durch den Messenger als etwa Europäer oder Amerikaner."
- Asiatische Nutzer lieben ihre Apps mit möglichst viel Funktionen, während Deutsche eher Freunde der Reduktion sind und in monothematischen Apps unterwegs sind: "In Asien ist mehr mehr. Da ist es aus Nutzersicht eher eine Schwäche der App, wenn diese nicht 'alles' kann", sagt Thomas Gläser, Head of UX-Design beim Softwareanbieter Delightex .
Facebooks Motivation: Dem Asien-Markt und den Nutzern hinterher
Weil Messenger und allen voran WeChat in China so populär sind, hat Facebook hier einiges an Aufholbedarf. Der Messenger darf vor diesem Hintergrund einerseits als Versuch gesehen werden, im fernöstlichen Markt neue Nutzer zu gewinnen. Andrerseits "sucht Facebook händeringend nach Innovationen und bedient sich hier beim asiatischen Markt, der dem US-Markt gut und gerne drei Jahre voraus läuft", sagt Thomas Gläser.
Außerdem hat die zunehmende Nutzerflucht in Messenger-Dienste jenseits der sozialen Netzwerke einen weiteren Nachteil für Facebook: Selbst wenn sich alle Welt in der Facebook-Tochter Whatsapp tummelt, so tummelt sie sich dennoch in einem Reich ohne Revenue Stream. Ein Problem, das sich vielleicht beheben ließe, wenn man monetarisierbare Dienste wie Payment (Transaktions-Gebühren), E-Commerce (Provisionen) oder abonnierbare Nachrichten-Streams (Native Advertising, Sponsored Posts) einführt.
Hier zeigt sich bereits ein großer konzeptioneller Makel des Projektes, den Messenger jenseits asiatischer Märkte zum Multitalent aufzublasen: Das Projekt ist von Unternehmensseite her gedacht ('wir wollen Geld'), statt von Nutzerseite ('wir wollen die Funktion'). Somit steht sowohl der Start am asiatischen Markt unter einem schwierigen Vorzeichen - denn hier sitzt schon Weixin. Und auch in den USA, Europa und speziell in Deutschland wird es ein Messenger als multifunktionale Plattform nicht leicht haben.
Erfolgschancen in Deutschland: Facebooks Image und andere Probleme
Pro forma sind die Rahmenbedingungen gut: Alle Deutschen chatten, glaubt man den Downloadzahlen in Appstores - dort nehmen Messaging-Apps vier von zehn Plätzen in der Top Ten ein. Es wäre also nur konsequent, die Nutzer, die schon in den Messengern sind, dort auch mit einer Plattform abzuholen.Allerdings hat diese Bewegung in Richtung von Kommunikationsdiensten außerhalb der sozialen Netze ja auch einen Grund: Wer zufrieden ist, der bleibt am Platze - wie viel Sinn ergibt es da, den Nutzern mit dem hinterherzukommen, vor dem sie weggelaufen sind: Werbung, Unübersichtlichkeit und Funktionen, die immer stets das Aroma von Datenausbeute haben: Facebooks Image als Datenfresser kann in einem datenschutzbesessenen Land wie der BRD verheerend wirken, wenn es für den Erfolg von Payment- oder E-Commerce-Apps geht.
Zu guter Letzt stellt sich auch noch die Frage, warum eigentlich die Marken und Firmen bei dem Spiel mitmachen sollten. Haben sie mehr Anlass, eine Messenger-Plattform zu bejubeln als die Nutzer?
Vor- und Nachteile von Messengern für Marken und Marketeers
| Vor- und Nachteile des Szenarios 'Messenger werden Plattformen' für Marken und Nutzer | |
|---|---|
| Vorteil | Nachteil |
| Unified Communication: Kein Kanalbruch in der Kommunikation - Wechsel zwischen Apps entfällt zugunsten des einen Threads | Datenschutz: Akzeptiert ein Nutzer ein Produkt, indem er seine Mitteilungen an eine Marke und seine Kontodaten für das Payment durch den gleichen Kanal schickt? |
| Sehr persönliche Kommunikation, 1:1-Marketing | Die Formate, die Marken für die Selbstdarstellung nutzen können, sind beschränkt und unterliegen der Kontrolle eines Fremden - Facebook. |
| Große Reichweiten, besonders unter Nutzern, die sonst schwer greifbar sind | Noch ein Kanal, den man bedienen muss: Aufwand. Und dann noch obendrein einer für den es noch keine Tools gibt. |
Rechnet man die Herkunft des Konzeptes 'Messenger als Plattformen', seine Vor- und Nachteile, sowie die deutschen Rahmenbedingungen zusammen, ergeben sich vier Szenarien für die Zukunft der Messenger-Plattformen.
Vier Szenarien für die Zukunft von Facebooks Messenger, Whatsapp und Co.
Chat'n'Service
Die aufgebohrten Messenger gehen weitgehend am deutschen Publikum vorbei - die nutzen sie weiterhin vor allem zum Chatten, wie einst konzipiert. Was weiter wächst ist die punktuelle Nutzung als Service-Kanäle. Abo-Journalismus, Payment und Commerce blühen hier aber nicht. Schlaue Marken nutzen den zusätzlichen Kanal zum Kunden mit, bauen aber ansonsten fleißig an eigenen Kontaktpunkten wie SEO, SEA, Firmenblog, PR oder Webseite.
Das Ende einfacher Apps
Deutscher Datenschutz und Privatsphäre-Bedürfnis lassen zwar nur einen langsamen Erfolg der getunten Messenger zu, aber die multifunktionalen Chat-Apps setzen sich allmählich durch. Einfachere Apps wie Hotel-Aggregatoren oder Payment-Dienste gehen darin auf, komplexere Anwendungen bleiben unberührt. Konkurrierende Plattformen wie etwa Buchungsportale tun gut daran, sich von Facebook zu emanzipieren - etwa durch zusätzliche Services.
Pluralismus statt Unification
Facebook gelingt es nicht, die Vielzahl an Anwendungen und Plattformen zu einem Portal zu vereinen - statt Unified Communication, Commerce und Payment aus einer Hand gibt es mehr Kanal-Pluralismus: Nutzer verwenden soziale Netze privat, besuchen Business- und Foto-Netzwerke, Intranets und Apps - und davon immer mehr. Marken müssen entscheiden, welche Kanäle sie bedienen können und wollen. Der multifunktionale Messenger wird nur von technikaffinen Nischengruppen in voller Breite genutzt.
Neues Social Media und App-Ende
Neue funktionale Messenger, allen voran Facebooks, fressen nahezu alle anderen relevanten Apps auf, auch Social Media geht zunehmend in 1:1-Messaging auf, mobiles Surfen und Web verändern sich: Facebook erschafft ein neues soziales Betriebssystem. Das bedeutet für Marken und Entwickler eine zunehmende Abhängigkeit von Facebooks Alleskönner-Portal, das Regeln, Formate und Daten kontrolliert.
